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Der Israelit · 1921-01-13 · Heft 2 (13.1.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 2 (13.1.1921)
Date
1921-01-13
Page
– (sequence 2)
Language
German
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qfctte 1 3fr. 2_• _ . Der JSraeltt. 13. Januar LS3i . die Ergebnisse der von jedem Bunde durchgeführten Besteuerungs-Aktion sowie die Etatververhältniffe aller Gemeinden vorliegen. Prinzipiell möglich aber ist dieses Zusammenwirken, sobald man, auf dem Boden der Tatsachen stehend, keinerlei Versuche unternimmt, die Kompetenzen der so entstehenden Kommission gewaltsam zu erweitern und in die Autonomie der beiden Gemetndeverbände einzugreisen. ES genügt für alle nur denkbaren praktischen Zwecke, daß die beiden Verbände zusammen alle Gemeinden zunächst Preußens, später des Deutschen Reiches umfassen. Man darf mit einiger Spannung der Entschetdung des D. J. G. B. und der ihm nahestehenden Kreise auf ein von der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und dem „Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden" in den jüngsten Tagen an den Gemetndebund gerichtetes Schreiben entgegensehen, worin — nach vorangegangenen mündlichen Verhandlungen — die Bildung einer ständigen Delegation zwecks gemeinsamer Erfüllung der staatlichen Notwendigkeiten, vorgeschlagen, gleichzeitig aber auch der Weg gewiesen wird, um unbeschadet der prinzipiellen Gegensätze eine Atmosphäre friedlicherZusammenarbeit auf gegebenemBoden zuschaffen. Findet dieses Angebot der Orthodoxie auf der Gegenseite den erhofften Widerhall, so wird ein mächtiger Schritt. zur Entgiftung oes gewiß unentbehrlich bleibenden Kampfes der Ideen in der deutschen Judenheit geschehen sein. Wird man eS, unter dem Einstuß einzelner unbelehrbarer Fanatiker des „Liberalismus", ablehnen oder, waS dasselbe ist, etwa einen kleinlichen Handel um weitere Zugeständnisse beginnen, so kantt das den klar vorgezeichneten Weg der orthodoxen Organisationen nicht beeinflussen — die Verantwortung aber für die wettere unerfreuliche Entwicklung des inneren Kampfes träfe diejenigen, die in einem entscheidenden Augenblicke sich zum tiefsten Verständnis der ideellen Beweggründe des politischen oder religiösen Gegners nicht haben aufschwingen können. Wochenrimdschau. Ser Kultottamps in Sn-lau. Wir haben in voriger Nummer einen Bericht aus Breslau veröffentlicht, der von dem heroischen Kampfe des unentwegt liberalen Breslauer Gemeindevorstandes gegen die jüdische Schule Kunde giebt. Der Vorgang ist so charakteristisch für diese alte „Einheitsgemeinde", in der die verschüchterte unpolitische Orthodoxie es vor fünfzig Jahren leider versäumt hat, ein vorbildliches jüdisches Gemeinwesen auf autonomer Grundlage aufzurichten, daß es sich lohnt, etwas näher auf die Sache etnzugehen. Zu Beginn dieses Schuljahres wurde von einer Anzahl angesehener Persönlichkeiten der Breslauer Gemeinde der „Jüdische Schulverein E. B." gegründet und gleichzeitig die unterste Klasse einer, jüdischen Volksschule ins Leben gerufen. Die Verhandlungen mit den Behörden hytterr zur-ächst,das Ergebnis, daß der Schulunterricht gestattet wurde und auch die endgiltige Genehmigung steht unmittelbar bevor. Um nun weitere Kreise für die jüdische Schule zu interessieren und dem Vereine neue Mitglieder aus den Reihen der Freunde der jüdischen Schule zuzuführen, kündigte' der Schulverein dieser Tage eine große öffentliche Versammlung an. „Damit war", wie der Osfiziosus der Liberalen in der hiesigen „Jüdisch-liberalen Zeitung" meldet, „für die Liberalen das Maß ihrer Geduld übervoll"(!). Die Liberalen benutzten daher eine Nepräsentantenversammlung, die an dem der öffentlichen Versammlung vorhergehenden Tage stattfand, zu einer dringenden Interpellation an den Vorstand über seine Stellung zur Schulfrage. Eine Neutralitätserklärung des Vorstands wäre in einer so durchaus jüdischen Angelegenheit gerade beschämend genug gewesen. Immerhin hatte sie niemanden überrascht, der die wahre Struktur der Verwaltung der Breslauer Großgemeinde kennt. Was man aber in der Tat erleben mußte, erinnert an die schlimmsten Zeiten der Gemeindekämpfe. Der Breslauer Gemeindeliberalismus kämpft noch immer mit derselben Unduldsamkeit, deren nach einem Ausspruch des früheren Breslauer liberalen Rabbiners Joel, eines gewiß unverdächtigen Zeugen,, nur die „Liberalen fähig sind." Zunächst beeilte sich freilich Justizrat Htrschberg, der als sogenannter Konservativer im Vorstand sitzt, zu erklären, daß nur ein Ausschnitt der Orthodoxen und der Zionisten das Schulunternehmen. begründet habe. Er lehnt für sich und den Gesamtvorstand jede Gemeinschaft „mit solchen Tendenzen" ab. Nachdem solchermaßen ein sogenannter Konservativer sich dazu hergegeben hatte im eigenen Namen wie im Namen des Gesamtvorstandes, die heilige Sache preiszugeben, kann es nicht Wunder nehmen, daß die Herren Liberalen sich Herren der Situation dünkten. Nach zwei zionistischen und einem konservativen Repräsentanten, die das Recht der Schulfreunde vertraten, stellte der Vorsitzende der Repräsentanten-Versammlung, Studienrat Dr. Wohlauer den Antrag, der Negierung mitzuteilen, daß die S Ynagogen-Ge» meinde dem Gedanken der jüdischen Schule fern stehe. Trotzdem von Leop. Walsch, demselben Herrn, der seine echt jüdische Gesinnung in dem schmerzlichen Ausruf zum Ausdruck brachte: ,-Mit dem jüdischen Kindermädchen fängt es an und mit der jüdischen Universität hört es auf," darauf hingewiesen worden war, daß der Antrag Wohlauer einer Denunziation verzweifelt ähnlich sehe, wurde dieser Antrag nur mit der knappen Majorität von 9 gegen 8 Stimmen abgelehnt und oer Antrag, „den beteiligten Kreisen" eine diesbezügliche Mitteilung zu machen, angenommen. Nebenbei bemerkt, warteten bte Liberalen diesen Beschluß, der sich von dem famosen Antrag Wohlauer nur formell unterscheidet, nicht erst ab. Vielmehr hatte ihr Führer der Stadtschulbehörde schon vorher die Mitteilung gemacht, daß die Schule eine Separatschule für reiche Kinder sei, die für zu vornehm gehalten würden, die allgemeinen Volksschulen (es gibt freilich hier nur katholische und evangelische) zu besuchen. Dabei darf in der jüdischen Schule satzungsgemäß kein Schulgeld erhoben werden! Selbst die Mitgliedschaft beim Schul-Verein ist den Eltern nicht vorgeschrieben! In der Presse geht inzwischen der Kampf weiter. Dabei zeigen die Liberalen wie stets trotz aller Vorsicht ihr wahres Gesicht. Auf Einzelheiten einzugehen verlohnt sich schon deswegen nicht, weil die tausendfach widerlegten Einwände gegen die jüdische Schule wieder vorgebracht werden. Neu ist nur die Befürchtung, die jüdische Schule könne die herrliche Tatsache, daß von je 37 Studierenden deutscher Hochschülen, 32 Juden seien, zerstören. „Soll diese ganze Entwicklung beendet werden?" ruft empört der Artikelschreiber in der ,/Jüdisch-liberalen Zeitung" aus. Offenbar wünschen die Liberalen diese Entwicklung noch weiter zu fördern. Die so gern zur Schau getragene Liebe zu den „produktiven" Berufen scheint nicht sehr tief zu sitzen und die zur Verbreitung des Handwerks und der Landwirtschaft unternommenen Schritte vertragen sich aus irgend einem Grunde scheinbar nicht mit dem Programm unserer Großstadtliberalen. Seltsam berührt/ das muß ebenfalls gesagt sein, der ständig wiederkehrende Hinweis auf die angebliche Minorität der Schulfreunde. Der Gemeindeliberalismus pocht doch so sehr auf das Recht -er Minderheit, wenn er zur Minderheit gehört und er stützt sich in erster Reihe auf dieses Recht bei seinem Kampfe gegen den Antin,„r.r^ Sold und Kohle. (Sätze aus einem Jahrzeitslernen für Rabbiner S. R- Hirsch am 37. Teweth). Midrasch rabba zum Wochenabschnitte erzählt: Als einst der kleine Moses, ein Zögling der Königstochter, auf dem Schoße PharaoS spielte, riß er ihm, zum Entsetzen dßs ganzen Hauses, die Krone vom Haupte. „DaS bedeutet Aufstand und Königssturz", sagten die Chartumim finster und wünschten, daß der werdende Thronstürmer getötet werde. Einer der Räte — man sagt, eS war Erzengel Gabriel — verteidigte aber den Kleinen und meinte, er hätte es in kindlicher Einfalt und Unschuld getan. „So wollen wir seinen Verstand und sein Wissen um Gut und Schlecht einer Probe unterziehen", entschied der König. Man reichte dem Kinde zwei Schalen, auf der einen lag Gold, glühende Kohlen auf der anderen. Schon wollte Moses nach dem Golde greifen, aber ein unsichtbarer Engel führte seine Hand nach der Kohle. Er verbrannte sich die Finger und steckte sie in den Mund, wobei er sich aber auch bte Lippen - verletzte und dadurch ein b'JIäp wurhe. I Soweit Midrasch. Ein späterer Erklärer sieht in den ängstlich ablehnenden Worten Mosis: TKi v'vvV njne, eine deutliche Anspielung auf diese Episode aus seiner Ktnderzeit. Moses sagt danach: 'durch den Defekt an meinen Lippen kommt Pharao jener Vorfall wieder in Erinnerung und in meiner Mission steht er dann eine Bestätigung der Prognose seiner Astrologen, wonach ich ihm .Thron und Krone entreißen wollte. * - * * Zn Anfang des 19. Jahrhunderts, nach den Jahren der Befreiungskriege und der Judenemanzipatton, lagen dem Judentum des Westens zwei Schalen vor Augen, auf der einen die alte Kohle, die Flamme des Gesetzes, auf der anderen das neue schimmernde Gold der Bildung, des Rechtes, der Bewegungsfreiheit. Die Kohle schien km Verglimmen, das Gold aber blinkte bezaubernd und lockte und eröffnete ungeahnte Möglichkeiten. Neue Wirtschaftswege erschlaffen sich der Judenheit und man griff gierig nach dem gereichten Golde. Auch im Geistigen. Das Glänzende, Schillernde der neuen Ideen, nahm Auge und Sinn gefangen in der Epoche der „Aufklärung". Und selbst im Religiösen blendete das Gold fremder Art und reizte zum blinden Mitgehen und Nachahmen. Da kam der Führer und er griff, wie einst Moses, nach der Kohle und er fachte sie an, daß ihr Fluten von Licht und Wärme entströmten unb entströmen bis auf den heutigen Tage. Das Glühen der alten Kohle überstrahlte den toten Glanz des neuen Goldes. * . * *i Wie, fragen die Weisen, wäre-es möglich, daß MoseS ejn Mann.„schweren Mundes und schwerer Zunge war", nachdem, doch zu lesen .ist: ist wo ^i|?a MoM spricht zu 6S0 000 Menschen, so klar und vernehmlich, daß seine Worte selbst von der Donnerstimme aus Sinais Höhen nicht übertönt wird, und er sollte nicht das Wort meistern? Mit nlin friö, lautet der Erklärer Antwort, habe Moses die Gabe der Sprache bekommen, die ihm bis dahin als abging. Wenn die Worte S. R. Hirschs heute noch aus uns so unmittelbar etnwirken, als wären sie für uns geschrieben, an uns gerichtet, wenn sie uns heute noch, ganz unberührt von den Stürmen-und Donnerstimmen der dazwischen liegenden Jahre, wie mit Feuergewalt bis ins Innerste und Tiefste packen, so liegt es, wie bet Moses, nicht an dem Manne, der sie sprach und schrieb, sondern an der Thora Gluten, die aus ihm zu uns sprachen und sprechen. Was der Mensch spricht und tut, verweht und vergeht mit ihm/ was aus dem Menschen an hehrer Wahrheit zur Welt spricht, bleibt und leuchtet in die Generationen Wandeln wir am *ren ->3, am ewigen Lichte, das uns aus seinen Schriften leuchtet. Kleines Feuilleton. Das Ahasvertum vollster Jammer faßt einem beim Anblick der Palästina.Flüchtlinge an. Denn Erez srael sollte ja der heilige Altar fein, in dessen chutze unsere Heimatslosen vor jedem Drangsal frei leben'sollten. Flüchtlinge aus Palästina. DaS wickl so trostlos, und hundertfach gutes Werk ist es, diese Kinder des heiligen Bodens wieder in ihr Erdreich zu

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