Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1921)
- Date
- 1921-01-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 1 des „Israelit". Ein litauischer Sabbat. Kin Idyll. Der erste Morgenstrahl dringt durch das Fenster, lächelt hold und küßt das Haus wach. Die kahlen Wände werden lebendiger, fröhlicher, und lichte, helle Streifen tänzeln auf und ab und erzählen wundersame Sabbatgeschichten. Der gelbe Sand, mit dem der Boden bestreut ist, ist auf einmal golden gefärbt. Auf dem Tisch, der mit einem farbigen Tuch bedeckt kst, stehen noch, talgbespritzt, die Messingleuchter, vier stumme Zeugen, daß es heute Sabbat auf Erden ist. Sabbat, Sabbat ... Als erster erwacht der Vater. Langsam öffnet er die Augen und läßt sie über den Raum fahren, als suchte er nach einem abgerissenen süßen Traume. Sein ausgem°.rgel;es Gesicht ist von einem heiteren, sorglosen Lächeln durchzogen. Er gähnt Behaglichkeit, heilige Zufriedenheit. Bedächtig entsteigt er dem Bette, geht langsam und leise, als wollte er den heiligen Sabbat .nicht stören, an das Wasserfaß uno murmelt beim Waschen hebräische HLorte. Ohne Eile, ohne Hast zieht er sich an. Er hat heute Zeit,- ist so frei, so stolz. Steht am kleinen Büchergestell, schiebt den grünen Vorhang zurück und holt das Chumisch hervor, und nun fließen weiche liebliche Melodien durch den kleinen Raum, die friedliche Behaglichkeit um sich verbreiten. Vater liest den Wochenabschnitt . . . Im Schlafe verspürt die Mutter Sabbats weiche Schritte, und im Nu, als schämte sie sich vor dem heheren Gaste, ist sie aus dem Bette und steht bald in vollem Putz, das Stirntuch tief ins Gesicht, vor dem Vater. In ihren weichen Augen taucht ein heiliges Geheimnis auf, aus früheren Jahren, aus lieblicher Mädchenzett ... Bald darauf klopft es barsch an die Türe. „Wer da?" Eine nichtjüdische Stimme gibt harte Antwort. Und bald ist die Türe auf, die alte Pawlowa mit der geschwärzten Nase und der Stimme eines betrunkenen Mannes, die Sabbatfrau, die, Sommer wie Winter, allmorgendlich um die gleiche Zeit kommt, um verschiedene Handreichungen zu besorgen, tritt ein. Mutter begrüßt sie mit freundlichem Kopfnicken, mit einem tiefen Mitleid. Eigentlich auch ein Mensch, ein Gottesgeschöpf, und hat keinen Sabbat . . . Auch die Kinder stehen nacheinander auf. Jedem einzelnen hat der Sabbat einen Kuß auf die Stirn gedrückt und sie damit aus dem Schlafe geweckt. Selbst die runde alte Wanduhr mit dem ganz verwischten Zifferblatt, klappert heute ganz anders wie sonst, ruhiger, heiterer und klangvoller. Und über alles fließt Vaters Sihra-Melodie. Aus seinen Augen strahlt die Sabbaffeele, edel, rein, echtes Sabbatlkcht. Pawlowa bcingt aus dem Backhaus den Tee. Vater ist mit der Sidra fertig und zieht seinen Sabbat-Kaftan an, und nun wandert man ins Bethaus. Das ganze Gäßchen ist in Sabbatruhe eingetaucht. Juden in Atlas-Kaftanen, in Samthüten, junge Schwiegersöhne putzig und sorglos, kleine Jungen, alle sauber und züchtig, ziehen der „Schul" entgegen. Auf der anderen Seite ältere und junge Frauen im Sabbatstaat und bunte Tücher auf dem Kopfe. Sogar Antek, der einzige N'chtjude der Gaffe, der die ganze Woche von früh bis spät Holz hackt, Wasser trägt, ist heute ganz anders, auch er macht heute den Eindruck eines freien Menschen. Er ist heute ein jüdischer Antek. Behaglich sitzt er auf der Schwelle eines jüdischen Hauses, sein stumpfes Gesicht ist edler, gleichsam jüdischer geworden, die starren Augen, lebendiger, es macht ihm wilde Freude, mit den jungen Katzen zu spielen und den Schulengängern blöde nachzugaffen. Nach dem Mittagsmahl. Vater hat schon „gebenscht" und steht nun vom Tische auf. Vergnüglich, zufrieden, behaglich, eine leise Melodie im Munde, die er heute in der Synagoge vom Chasan erhascht hat. Er schielt nach dem Bett. Das Bett winkt ihm lächelnd zu, ruft und lockt. Er darf es sich heute gönnen. Fromme Träume warten seiner. Mutter aber liebt nicht das Schlafen am Tage. Sie setzt die Hornbrille mit den großen Gläsern auf und rückt ihren Stuhl an das Fenster, wo auf dem Tuch das alte ganz vergilbte „Zenoureno" schon aufgeschlagen liegt. „Wajar Bolock — Und es bat gesehen Bolock. Was hat er gesehen? Sagt Raschi ..." Wie edel, wie süß, wie warm klingt doch ihre Stimme. Von einem Nachbarfenster kommt die gleiche Melodie, zuweilen übertönt von einer anderen, aus anderem Hause. Aber alle Stimmen finden sich, vermengen und vereinigen sich zu einer Sabbat-Symphonie von Ruh und Friedlichkeit. Und im Gäßchen wird es heimelig. Jünglinge in gut sitzenden Röcken und glänzenden Kragen promenieren hin und her. Andere sitzen auf den Bänken vor den Türen und lesen. Auf der anderen Seite unter dem Schatten der Eichen, die vom Garten des „Poriz" hcrüberragen, spazieren MädchkN, untergefaßt, tuscheln und kichern. Eine erzählt von ihrem Bräutigam und den kostbaren Geschenken, die sie von ihm bekam. Die andere hat ihren für den heutigen Sabbat erwartet, ober er kam nicht . . . Eine dritte spricht garnicht. Von Zeit zu Zeit halten die Mädchen mitten in ihrem Gespräche ein und schielen verstohlen nach der anderen Seite, wo sich die Jünglinge in Gruppen auf ihre Weise unterhalten. Eine stille Zwiesprache geht zwischen dem männlichen und dem weiblichen Teile, eine Sprache nur mit den Augen und mit der Seele. Und dazwischen steht der Sabbat, trägt die Worte herüber und hinüber und vermittelt die Unterhaltung zwischen den beiden Lagern. Manche wiederum. kehren in Kopels Garten ein. Dort herrscht schon ein etwas freierer Geist. Dort sitzen Männlein und Weiblein, meist Arbeiter und Handwerker, zusammen unter der Laube, tun sich gütlich an deu roten Aepfeln und saftigen Birnen, die schon am Freitag von den Bäumen gepflückt wurden und ziehen über all diejenigen her, die nicht gerade mit dabei sind. Kopel der Gärtner ist nicht kleinlich. Er gibt Kredit, weiß, daß Jugend froh sein muß. Und wenn Jugend frohgemut ist, sie auch andere gern leben läßt .... Besonders in der Schuster gas se ist der Sammelpunkt aller- Schuster, Schneider und Bäckergesellen. Dort wird auch zuweilen ein Lied gesungen. Ehrbare Bürger sind von dieser Gesellschaft nicht sehr erbaut. Aber was fragt Jugend nach Tugend und satten Bürgern? Die Chederjungen dagegen sind aus dem Schulplatz vollzählig versammelt und spielen am Kanäle, in dem nach der alten Mär „allnächt- ----- lich die Toten ihre Waschungen halten", ganz profane, diesseitige Spiele, voll Lust und Uebermut. Zuweilen wird das lustige Spiel unterbrochen von einer Frauenstimme: „Mauscheh! Chatm l Bert!" Und Mauscheh oder Chaim oder Berl läßt plötzlich das Spiel im Stich und läuft ins Bethaus, um das versäumte „Mtnchoh" oder „Perek" nachzuhoten. Die Gesellschaft merkt es kaum und das Spiel geht weiter. Es ist Sabbat. Gegen Abend. Jenseits des Brückchens hinter dem Wäll chm glüht die Abendsonne, ist ganz in rote Glur getaucht, rückt mählich, langsam vom Platzt als täte es ihr so furchtbar leid, sich vom Sabbat des Städtchens zu trennen. Aber sie wird schwach und schwächer, blaß und blässer, und über das Städtchen gießt sich leichte, trauervolle Sehnsucht aus. Vom Sckulgäßchen her kommen Männer, sie sprechen von Politik. Feiwe, der Melamed erzählt eine schaurige Geschichte und alles neigt den Kopf und spitzt die Ohren, ängstlich, es könnte die Nacht anbrechen, und die Geschichte wäre noch nicht zu Ende ... Ueber die Brücke zieht das junge Volk. Es sind nicht wehr die fröhlichen Jünglinge und Jungfrauen von vorhin. Das Me Sabbatlächeln verschwindet mit der Sonne. Man spricht noch kaum ein Wort. Stille. Golustrauer zieht über aller G sichter. Jeder Einzelne erinnert sich an irgend etwas, stößt einen Seufzer aus' und schweigt. Zuweilen nur lacht ein Mädchen plötzlich auf. Aber keiner stimmt in das Lachrn ein, sodaß das verwaiste Lachen in der Dunkelheit verhallt. Vor den Türen, aus Bänken und Schwellen sitzen Frauen und sprechen über alles und alle. Eine erzählt von der Tragödie im Backhaus. Irgend eine Dienstmagd hat die Hand des Bäckexjungen angestoßen, sodaß er mit dem Schießer Wolfs „Tscholent" umgeworfen hat. Da hätte man sehen sollen, was es da für einen Spektakel absetzte! .... Eine zweite Frau kauert ganz still da und hört kaum, was gesprochen wird. Sie denkt: Der Rebbe (Chederlehrer) hat schon wieder für den Unterricht gemahnt und die frühere Schuld ist noch nicht bezahlt . . . Dabei kein Groschen im Hause. Antek, der „Schabbosgoi", erhebt sich faul und schwer von seinem Platz und wendet sich seinen Eimern zu. Es ist bald Zeit, Wasser aus dem Brunnen zu holen. Er fühlt es, daß er nunmehr der gewöhnliche Antek, der nichtjüdische Antek wieder ist.. In der in dunkle Schatten gehüllten Stube singt die Mutter still und gedehnt, als wollte sie den Sabbat mit aller Gewalt noch eine Weile festhalten: „Gott von Abraham, Jzchok und Jacob, der liebe Schabbos kaudesch geht dahin . . . „Die liebe Woche kommt! . . ." Die letzten Strahlen der sinkenden Sonne winken noch einmal zum Abschied zum Fenster hinein, um gleich, als hätte sie jemand zur Eile gemahnt, auf den Flügeln der Nacht dahinzuhuschen. Ein stilles Rauschen geht durch die dunkle Stube, die zweite Seele, die Sabbatseele rüstet sich zum Abschied . . . Geräuschvoll geht die Türe auf, und herein stürzt Beile die Händlerin: „Gut Woch', gut Johr! Noch kein Licht angezündet? Es stehen, schon lange die Sterne . . ."