Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1921)
- Date
- 1921-01-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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6. Januar *321 Der Israelit. Nr. 1 Seite 9 W um. mp W >W>!- M ■ff « M i| Ä"’ -W km;v .W 1 Die Kuckucksuhr. Wir werden darauf aufmerksam gemacht, daß die unter diesem Titel in letzter Nummer abgedruckte Erzählung, dem Sachverhalte nach sich in dem bekannten Werke „Der Chassidismus" von Verus (Aron Markus), Seite 161—662 befindet. Der Autor der von uns aus dem Ungarischen übernommenen Skizze, hat offensichtlich aus dieser Quelle geschöpft, ohne sie anzugeben. Gin echter Zunge. Von Heinrich Einstädter. I. Der Winter hat in diesem Jahre schon frühzeitig begonnen. Ein scharfer Ostwind bringt beißende Kälte. Er rüttelt an den Läden vor den Fenstern und treibt den Leuten auf der Strgße den Staub ins Gesicht. Nur auf Minuten erscheint die Sonne an dem trüben Himmel, und gegen vier Uhr beginnt es bereits zu dunkeln. Das ist die Stunde, aus die sich Gustav Prater sonst immer so lebhaft gefreut hat. Um diese Zeit war die Mutter gewöhnlich mit ihren Verrichtungen in der Küche fertig, und der Vater, der die Buchbinderei betrieb, schaute von seiner Arbeit häufig zum Fenster auf, als ob er sich überzeugen wollte, ob es wirklich schon so dunkel sei, oder ob vielleicht der Fensterladen vom Winde gegen die Scheiben getrieben worben wäre. Das geringe Tageslicht, das noch durch die an ihren Rändern gefrierenden Fenster dringt, genügte ihm nicht mehr, und andererseits war er zu sparsam, um jetzt schon die Lampe anzuzünden. Da brachte die Mutter den dampfenden Kaffee aus der Ofenröhre, und die Familie sammelte sich zum gemütlichen Dämmerftündchen um den Kaffeetisch. Dann aber wurde Licht gemacht, und um die einende Flamme gruppierten sich alle zu ruhiger Beschäftigung: der Vater mit seinen Bänden, die Mutter mit einer Handarbeit und die Kinder mit ihren Schulaufgaben. Still und friedlich vergingen die Stunden, während draußen der Oft stürmte, und oft sagte die stets zufriedene Mutter: „Kinder, wie gut haben wir es, daß wir im warmen Stübchen sein können und nicht hinaus in die Kälte und in das Dunkel müssen". Und wenn dann auch das Abendessen eingenommen war und der Vater seine fleißigen Hände ruhen ließ, da nahm er wohl auch eines der Bücher, das er in Reparatur hatte, und las daraus Geeigetes vor. Da hingen die Augen der Kinder gespannt an des Vaters Lippen, leiser bewegten sich die Stricknadeln der Mutter, und manchmal, wenn der Gegenstand gar zu packend war, ließ sie sogar die Arbeit für Minuten in den Schoß sinken/um ebenfalls zu ihrem Manne aufzublicken. Das waren glückliche Stunden, und wenn jemand den Frühling und den Sommer pries, so sagte Gustav: „Der Winter ist eben so schön!" II. Aber leider: So war es ehedem gewesen, aber in diesem Winter war von jener seligen Gemütlichkeit im Häuschen Praters nichts zu bemerken. Schon seit Wochen hatte der Vater seine Arbeiten vernächlässigt. Mit allerlei Leuten, die ihn früher garnicht beachtet hatten, kam er zu geheimnisvollen Besprechungen zusammen, und wenn er zu später Stunde heimkehrte, war er so hasttg'^und mit allerlei Gedanken beschäftigt, daß er für seine Kinder kaum eine Minute übrig behielt. Bald hieß es im Städtchen: „Prater hält es mit den Schiebern." Die Mutter hatte oft verweinte Augen. Ihr gefiel die Veränderung in ihrem Hause durchaus nichts aber wenn sie ihrem Manne Vorstellungen machte, da wurde er unwirsch und sprach: „Du verstehst nichts von Geschäften. Mit der Buchbinderei bringe ich es doch auf keinen grünen Zweig. Man muß sich nach den Zeiten richten. Wie die Zeiten, so singt man die Lieder. Andere Leute werden in kurzer Zeit reich, und ich soll zuschauen?" Da meinte die Frau, sie wolle lieber trockenes Brot essen, aber dafür mit ruhigem Gewissen schlafen. Doch Prater hörte nicht auf sie. „Heute macht sich jeder selbst seine Gesetze. Ich will ja nicht mir ein gutes Leben bereiten, aber meineKtnder sollen einmal voran kommen. Sie sollen es besser haben als wir." Auch Gustav merkte, was vorging. Er war zu feinfühlig, nur die Mutter auszufragen. Er hörte ja in der Schule genug. Denn auch in die Kinder war ein anderer Geist gefahren. Während früher jeder darauf bedacht gewesen war, das Böse vor ihren Augen zu verbergen, scheuten sich die Eltern nicht mehr, das Verbotene offen vor ihnen zu besprechen und auszuführen, und so kam es auch, daß die Kinder sich dieser Taten garnicht schämten. Einer erzählte, daß sein Vater die schönsten Baumstämme aus dem Wälde heimbringe, der Andere, daß er jeden Nachmittag an einem Wirtshause, in dem die Fuhrleute verkehren, die Kohlenwagen plündere, cm Dritter, daß sein Vater durch Schieberei mächtig viel Geld verdiene. Sie wußten alle Einzelheiten genau zu berichteil und prahlten auf die waghalsigen „Ruhmestaten" ihrer Angehörigen. Als Gustav eines Tages von der Schule nach Hause kam, fand er die Mutter in größter Aufregung. Die Geschwister erzählten, daß der Vater am nächsten Tage eine große Reise antreten würde. Die Mutter weinte bet ihrer Arbeit still vor sich hin, und ihr Gram schnitt dem guten Jungen ins Herz. Er faßte sie um den Hals und bat sie, sie möge ihm doch den Grund ihres Kummers offenbaren. Doch sie schüttelte nur stumm das Haupt. Plötzlich riß sie in einem Anfall heftigsten Schmerzes den Knaben an ihre Brust und schluchzte zum Steinerweichen. Am Nachmittage winkte ihm ein Kamerad während der Schulpause, damit er ihm in eine Ecke des Schulhofes folge. „Weißt du schon, daß dein Vater mit meinem Onkel morgen in die Schweiz fährt? Wenn sie ihre Sachen glücklich über die Grenze bringen, dann bekomme ich einen feinen Pelzkragen." Nach weiteren fünf Minuten wußte Gustav, um was es sich handelte. In der nächsten Schulkunde war er nicht bei der Sache, was sonst nie vorkam. „Es wird nicht geschehen!" sagte er fest. Und es geschah auch nicht. Wie er es vereitelt hatte, darüber sprach Gustav nicht. Aber der Transport ging nicht über die Schweizer Grenze. III. uird unerschrocken schaute er ihm ins Angesicht und sprach: „Kein Wort weiter gegen die Mutter! Ich habe die Polizei gewarnt." — Einen Augenblick trat Ruhe ein. Die Bande war ganz verblüfft. Dann aber stieß einer einen schrecklichen Fluch aus und hob die Faust, um auf den Knaben einzudringen. Da löste sich, die Starre, die Prater gefangen gehalten hatte. Mit einem Schritt stand er vor seinem Kinde. Seine Rechte ergriff den drohend erhobenen Arm des rohen Mannes und die andere Hand wies mit energischer Bewegung gegen die Tür, indem er die Worte rief: „Hinaus! Sofort verlaßt ihr mein Zimmer! Ich will mit euch nie mehr was zu tun haben!" Da sahen die Männer, daß sie auf ihn nie mehr rechnen konnten. Seine Körperstärke fürchteten sie, und so zogen sie sich eiligst zurück, indem sie draußen ihrem Aerger durch allerlei Schimpfworte Luft machten. — Aber drinnen in des Buchbinders Zimmer, da hing ein überglückliches Weib, unter Tränen jauchzend, am Halse seines Gatten, und strahlende Kinderaugen bltcktep auf die Eltern und über sie hinweg in eine dessere Zukunft. Und der Vater faßte seinen Gustav bei der Hand und sprach einfach, aber herzlich: „Du Guter, Lieber! Jetzt soll es wieder n bet uns werden". Da hüpften die Kinder vor Freude um den Tisch herum. Die Mutter zündete die Lampe an, und während sie den Kaffee bereitere, verrichtete der Vater das Abendgebet. Und so andächtig und so heiter! Viele Stellen sang er laut: „Wir wollen uns freuen deiner Lehre und deiner Gesetze immerdar. Sie sind unser Leben, der Inhalt unsrer Tage. Breite die Decke deines Friedens über uns, und entferne alles, was uns am Guten hindert. Aus dem Munde der Kinder hast du dir Macht verschafft, um abzuweiftn den Feind und den Rachsüchtigen". Und dann suchte er sein Handwerksgerät herbei: Da ging nochmals ein Aufatmen durch alle Anwesenden, und während der Kaffee eingenommen wurde — zur Feier des Tages hatte die Mutter sogar einige Bohnen gespendet —, konnte der Vater nur durch Nicken all die Fragen beantworten, die aus dem fröhlichen Kreise an gestellt wurden: „Nicht wahr, jetzt bleibst du wieder den ganzen Tag bei uns?" „Jetzt machst du wieder Kleister an, daß ich auf meine Puppenbilder die Kleider aufkleöen kamt?" „Liest du nun abends wieder aus den alten Schriften vor?" — Und eines wollen wir noch zum Schlüsse verraten: Der Buchbinder fühlte sich nicht weniger glücklich als die Anderen. Die Schieber hatten auch auf dem Polizeiamt I ihre Verbindung, und so erfuhren sie bald von einer Grenzsperre, die ihren Plan vereitelte. Ihr Zorn kannte keine Grenze. Sie forschten nach, wer ihre Absicht verraten hatte, und ihr Verdacht richtete sich auf Frau Prater, deren Gegnerschaft ihnen längst bekannt war. Alsbald rückten sie dem Buchbinder gemeinsam ins Haus und schleuderten in Gegenwart der ganzen Familie der armen Frau die gewöhnlichsten Grobheiten ins Angesicht. Prater blieb stumm. Der Verrat erregte ihn wohl auch, aber die Art, wie man seiner Frau begegnete, verletzte ihn noch mehr. Sein besseres Gefühl begann sich zu regen. Doch bevor er sich noch gefaßt hatte, erhob sich ein Anderer, um für die brave, sanfte Frau einzutreten. Gustav war es. Ohne Angst und Zagen trat er vor den wildesten der tobenden Männer hin. Freimütig Nullösung 968 Rätfeis in flr. 51: 1. dtt'E 2. 3. Wl 4. npnm Die Anfangsbuchstaben den alten Grutz oftir. Richtige Lösungen sandten ein: Erna und Ruth Fischer, Chaim Paff, Hamburg: Markus Neuburger, Berlin: Martha und Leo Lehmann, Furch- Werner Levi, Halberstadt: Samuel Beer, Segeberg- Geschwister Nosenthal, Salomon und Cmanuel Wolf, Köln- Iss, Mendel, Judith und Samuel Frank, Altona; Hermann Cohn, Scheventngen: Ludwig Halberstadt, Halle: Lotti und Alfred Herzberg, Nürnberg: E. Picard, Fretburg: Elfrtede, Klärie und Leonie Bcrmberger, Kitzligen: Kollmann Hammel, Fulda: Lehrer Willi Wertyetmer, Eutigheim- Ruch und Lea Loewi, Viernheim; Viktor Hanauer, Euskirchen; Karoline und Siegfried Epstein, Freiburg: Gustav und Bertel Jossua, Hanau: Arthur und Viktor Hammel, Rödelheim: Elfriede Katzenstein, Breitenbach: Philipp Goldmann. Wiesbaden,- Jda Reich, Markus Breuer, Josef Oppenheimer, Sopbie und Hanna Landau- Tilli Schachnowitz, Bernhard und Simort Jachzel, Josua Cahn, David Künstlich, Emil Schwarzschiid, Jakob und Hanna Rothschild, Jakob Ratzker, Lazar Blumetithal, Simon Schwab, Fanny Aron, Max Aron, Siegfried Gans und Werner Groß, alle in Frankfurt a. M.