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Der Israelit · 1921-01-06 · Heft 1 (6.1.1921) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 1 (6.1.1921)
Date
1921-01-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 1 Der ASraeM 6. Januar 1981 Die Glieder des jüdischen Bolkskörpers Liegen auseinandergerisien und über die ganze Erde zerstreut umher. Nur eine Kraft gibt es, die wieder Leben in diese Glieder bringen, sie wieder zu einem einheitlichen Organismus zusammenzufassen vermöchte, zu einem Organismus mit denkfäh'gern H i r n, fühlendem Herzen und wirkendem, schöpferischen Willen. Und diese Kraft ist einzig und allein die Thora als Seele des Volksganzen. Womir der Schöpfer schlägt, heilt er auch. Die moderne Zeit mit ihrer Schejnkultur hat dem Judentum tiefe Wunden geschlagen, sie hat den Volkskörper in Stücke zerrissen. Sie in es aber auch, die uns die technischen Mittel zur Wiedervereinigung an die Hand gibt, die Möglichkeit der Organisation. Durch die Organisation vermöchten wir die Nachteile der Zerstreuung zu überwinden und mit geeinten Kräften an die Wiederherstellung unserer Einheit im Geiste der Thora schreiten. Hierauf legt der Redner das Programm der Aguda dar, das vollständig idcnrisch ist mit den ewigen Ausgaben des Judentums, angewendet auf die Notwendigkeiten unserer Zeit. Um aber diesen Aufgaben in möglichst vollem Matze gewachsen zu sein, bedarf sie für die Gestaltung ihrer Organisation und für die Leitung ihrer Tätigkeit einer Reihe „methodischer Prinzipien", durch die sie sich sehr wesentlich von allen anderen Organisationen unterscheidet. Diese Prinzipien sind: 1. Die bedingungslose Anerkenmmg der Autorität der Thora a!s entscheidender Faktor bei allen ihren Maßnahmen. Diesem Zweck dient der „rabbiniiche Rat", ein Grenium, bestehend aus den anerkanntesten Thora-Gelehrten aller Länder, an der Spitze der Organisation. 2. Die Unabhängigkeit der Organisation von jeder wie immer gearteten Bindung, die nicht im Thoragesetz begründet ist, denn die Unterwerfung unter den Thora willen schließt die Anerkennung jedes anderen übergeordneten Willens aus. 8. Universalität ihrer Tätigkeit. Sie mutz sich zum Endziele setzen: das gesamte jüdische Volk zu umfassen und es ihren Leitideen zugänglich zu machen. Sie darf die Thora und das thoragemätze Leben nicht zur Sache einer Partei hinabsinken lassen, sondern sie hat werbend zu wirken mit allen Mitteln der ehrlichen Propaganda und alle Gesamthertsaufgaben nach Matz- ' gäbe ihrer Kräfte in den Bereich ihrer Tätigkeit zu ziehen. 4. Differenziertheit.^ Sie rechnet mit der Tatsache, daß die Verhältnisse der gesetzestreuen Judenheit je nach den Ländern verschieden find und somit auch die Mittel zu ihrer Erhaltung notwendig sich diesen Verhältnissen anpassen müssen, um zu dem einheitlichen gemeinsamen Ziele zu führen. Sie gründet deshalb ihre Organisation trotz der Universalität ihrer Ausgaben auf die relative Autonomie der einzelnen Landesverbände im Rahmen der Gesamtaguda. Diese Grundsätze haben die Aguda bis auf den heutigen Tag geleitet und auch ihre zukünftige Tätigkeit wird nur Erfolg haben, wenn diese Leitgedanken nicht verlassen werden. Rabbiner Jonathan Horovicz-Jerusalem erstattet das Palästina-Referat in hebräischer Sprache. Er führt aus, daß die allgemeinen Lebensverhältnisse in Palästina sowohl wirtschaftlich als auch hygienisch einen Aufschwung nehmen. Der Zivilregierung ist es gelungen, die Luft vom Rassenhaß zu reinigen, sodaß die Ereignisse vom vorigen Frühling sich nicht wiederholten. Man zittert nicht mehr in Jerusalem für Leben und Gut. Ein starker Wille beseelt alle Einwohner, in Frieden und Eintracht mit einander zu leben. Traurig und besorgniserregend sind blos die religiösen Verhältnisse. Redner schildert sodann die vom Chairman erwähnten Zustände infolge des öffentlichen Chillul Schabbos, der Trefoh- Verpflegung und des unreligiösen Schulwesens. Dem High Commissioner ist in verhältnismäßig kurzer Zeit geglückt, die ungeteilte Liebe und Verehrung der Gesamtbevölkerung sich zu erwerben. Unbeschadet der Interessen der nichtjüdischen Bevölkerung arbeitet er mit Liebe und Energie an der ihm überantworteten Hauptaufgabe, dem Aufbau des jüdischen nationalen Heims. Der Sabbat ist für die jüdischen Beamten in Palästina offizieller Ruhetag, wie es der Freitag für die Moslems ist. Die hebräische Sprache ist in allen Aemtern als jüdische Volkssprache offiziell anerkannt. Nicht selten kommt es vor, daß englische Beamte in höheren Stellungen sich befleißigen, die hebräische Sprache zu erlernen. Der High Commissioner nimmt auch regen Anteil an den religiösen Lebensäußerungen und ehrt die jüdischen Traditionen. Er erweist sich als Hüter der Interessen aller Schichten der jüdischen Bevölkerung. Dabei zählt er auf die Mitwirkung aller jüdischen Kreise und nicht zuletzt auf die Anteilnahme der orthodoxen Judenheit am ökonomischen Aufbau des neuen Erez Jisroel. Der Redner überreicht dem Chairman eine Kundgebung der High Commtff. an die Versammlung. Der Chairman verliest den folgendenan Rabbiner Horovicz gerichteten Briefs Dear Rabbi Horovicz! I have been greatly interested to he^r of the Conference of representatives of Orthodox Jewry which you are about to attend. I should be grateful if you would convey to them my cordial greetings, and the expression of my hope that they will play their full part in the development of Erez lsroel. The work in which we. are engaged is of profound importance both for the present and the future of Jewry and should make a powerful appeal to all sections of the Community in all the countries through which it is dispersed. With best regards, yours very sincerely sig. Herbert Samuel. (Ich vernahm mit großem Interesse von der Konferenz der Vertreter des orthodoxen Judentums, an der Sie leiizunehmen beabsichtigen. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie derselben meine Grütze überbrtngen und meiner Hoffnung Ausdruck verleihen würden, daß sie an der Entwicklung Erez Jisroels ihren vollen Anteil nehmen werden. Das begonnene Werk ist von fundamentaler Bedeutung für Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes und sollte einen mächtigen Appell auslösen in allen Teilen der Gemeinschaft und in allen Ländern, in denen sie zerstreut ist.) Die Verlesung dieses Briefes durch Sir Stuart Samuel ruft Jubel und Begeisterung in der Versammlung hervor. Rabbiner Horovicz schließt seine Rede mit einem Appell an die Orthodoxie, an den dringenden Aufgaben der Gegenwart in Erez Jisroel regen Anteil zu nehmen. Diese Aufgaben liegen auf den Gebieten der Landwirtschaft, der Gründung von gesetzesrreuen Kolonien und Arbeitersiedlungen, Schaffung von Institutionen für billige Spar-, Kredit- und Darlehenskassen. Die Förderung der Landesanleihe der palästinensische^ Regierung sei eine Ehrenpflicht der Gesamtjudenheit.' Eine besondere Aufgabe des gesetzestreuen Judentums ist es, in Palästina ein Schulwesen in thoratreuem Sinne zu erhalten. Nachdem der Beifall sich gelegt hat, bringt der Chairman die Resolution zur Abstimmung. Dieselbe wird einstimmig angenommen und hat folgenden Wortlaut: „Die am 18. Dezember 1920 in der Great Affembly Hall tagende Versammlung von 8000 Personen begrüßt aufs Wärmste den Beschluß der Preßburger Konferenz das Hauptquartier der A'gudas Jisroel, der Vertretung der selbständig organisierten religiös gesinnten Judenheit der Welt, von Zürich nach London zu verlegen. Die Versammlung beauftragt die Organisationsleitung, alle Mittel der geistigen Propaganda und der praktischen Arbeit anzuwenden, um das gesamte jüdische Volk für die Ideale der Agudas Jisroel zu gewinnen und um den leitenden religiösen Grundsätzen des thoratreuen Judentums bei der Behandlung aller jüdischen Gesamtheilsfragen die gebührende Berücksichtigung zu sichern. Die Versammlung verpflichtet sich, den Hauptfond der Agudas Jisroel und die von ihr geschaffenen anderen Fonds, namentlich den Thorafond (zur Förderung des Thorastudiums und des gesetzestreuen Unterrichtswesens), den Erez Jisroel-Fond (zur Stärkung des alten und neuen Jischuw in Palästina) und den Wirtschaftsfond (zur Hebung der ökonomischen Lage der notleidenden Volksschichten) ideell und materiell zu unterstützen. Die Versammlung erklärt ihren ernsten Willen und ihre Bereitwilligkeit, gemäß der von Sr. M. High Commissioner Herbert Samuel ergangenen Aufforderung an dem Wiederaufbau Erez Jisroels im Sinne des religiösen Pflichtgesetzes mitzuwirken. Die Versammlung spricht Herbert Samuel aufrichtigen Dank aus für seine wohlwollende Haltung gegenüber den religiösen Traditionen des Judentums und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß der organisierten ihoralreuen Judenheit der gebührende Einfluß auf die Gestaltung des neuen Lebens in Erez Jisroel von der Regierung gewährt werden wird." Rabbiner Dr. Jung-London verweist darauf, daß die Juden erst am Fuße des Sinai und eben durch die Thora ein Volk geworden sind. Auch später, als unsere Vorfahren das heilige Land verlassen mußten/ war es wieder ausschließlich die Thora, die das Judentum als eine Einheit in seiner Eigenart klar. Umrissen und gesondert von allen anderen Völkern der Erde erhalten hat. Aber nicht nur das Judentum als Volk hat der Thora seinen Bestand bis aus den heutigen Tag zu danken, sondern auch die Erhaltung Palästinas als Erez Jisroels, denn nur die Kraft der Thora brachte es Jahrhundertelang fertig, Hunderten und tausenden den Mut und die Ausdauer zu geben, unter unsäglichen Schwierigkeiten nach Palästina auszuwandern und dort trotz aller Entbehrungen nicht nur auszuharren und für die Liebe zu Zion zu sterben, sondern auch dort Häuser und Stadtteile zu bauen, kulturelle und philantropische Institutionen zu gründen. Jahrhunderte hindurch waren es nur diese orthodoxen Juden, die Palästina dem jüdischen Volke treu hüteten. Man lege sich nur die Frage vor, wie die Palästina-Forderungen des jüdischen Volkes in San Remo ausgenommen worden wären, wenn man nicht auf all das hinzuweisen vermocht hätte, was diese orthodoxe Juden in Erez Jisroel geschaffen haben. Wenn wir nun tatsächlich mit Ernst Palästina zum jüdischen Lande machen wollen, so wird das wieder nur möglich sein, wenn dabei die Grundsätze in vollem Maße beachtet werden, die die Agudas Jisroel verkündet. (Tosender Beifall.) Als letzter Redner ergreift Rabbiner Horovitz- Leeds, das Wort. Mit packendem Humor weiß er die schon ermüdete Versammlung neu zu fesseln. Er erklärt zahlreiche Bibel- und Midraschstellen zum Wochenabschnttt und schildert zwischendurch die traurigen Zustände, die gegenwärtig in den Maffenzentren des Judentums, in Palästina, in den östlichen Ländern und ganz besonders in den englischen neuen Ghetti herrschen. Mit eigenartiger Ironie deckt er die Wunden auf, an denen die englischen jüdischen Gemeinden sich verbluten, geißelt besonders die Prinzipienlosigkeit, zu der diese Massen durch unverständliche Schlagworte erzogen werden. Die Versammlung lohnt den Redner mit reichem Beifall. Sir Stuart Samuel schließt die Ver- . sammlung mit einigen bewegten Sorten und Sollicitor Zeitlin und Dr. Landau sprechen dem Chairman den Dank für seine vortreffliche Leitung der Versammlung aus. SremSenhefee in Sranhreich. Waris, 27. Dezember. In der Kammer wurde eine Interpellation über die „Fremden", die jetzt Paris überfluteten, eingebracht. Die Zahl der Heimlosen in Paris werde zur Zeit auf 400000 geschätzt. Viele hätten sich als bolschewistische Agenten betätigt. Auch hätten sie allerlei infektionäre Krankheiten aus Osteuropa etnges hleppt. Wenn die Zahl 400000 zutrifft, so umfaßt sie wohl die hier ansässigen Ausläufer aller Nationalitäten und Konfessionen. Die öffentltcheMeinung denkt aber, wenn sie diese Schreckensbilder vorgezeichnet bekommt, nur an die jüdischen Flüchtlinge aus Polen und Galizien. %faläfk%na* Die grenzen Paläff inas. London, 30. Dezember. Die nordpalästinensische Grenzfrage ist durch ein englisch-französisches Abkommen vom 23. Dez. gelöst worden, das jedoch noch nicht veröffentlicht werden wird. Anscheinend ist das verhängnißvolle, ganz im französischen Interesse liegende Sykes-Pieot-Abkommen nur dadurch Verbeffert worden, daß die nordgaliläischen jüdischen Kolonien zu Palästina geschlagen werden. Im übrigen verliert Palästina seine wertvollsten Wasserkräfte, den Laus des Jarmuk und das Getreideland des Hauran, sowie die ganze Ostküste des '**cs Tiberias-Sees.

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