Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1920)
- Date
- 1920-12-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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30. Dezember 1930 r / sicherlich auf unser Verständnis und— unsere Mithilfe: stoßen. Hier kommt es mehr-auf die originelle Synthese an! Man bekämpft die Juden als Rasse, da macht es sich ausnehmend schön, von „Juden und Farbigen" zu sprechen. . Zwar haben wir in Deutschland, Farbige als Heimatgewächs, nicht, und die gelbe oder schwarze oder fonstwelche farb'.ge Gksahr droht aus weiter, weiter Ferne. Was verschlägts? Das Wort ist schön Und das Wort ist billig, und auf dieses kommt es hier an! Und. dennoch droht uns eine farbige Gefahr aus nächster Nähebedroht Deutschlands Zukunft auf das bedenklichste: Die Gefahr kommt von den färb ent ragenden,, waffenklirrenden akademischen „Burschen", die, statt in den Lehrhallen sich mit Kraft und Wissen für Deutschlands schwere Zeiten zu wappnen, sich im Schatten des Bterkruges den Kopf darüber zerbrechen, wie durch immer neue Schlagworte die Fluten der Leidenschaft im. steten Flusse zu erhalten seien. Ein Aufruf zum Kampf an die Oeraleu luden Oberschleflens! Bon Landrabbiner Dr. De Haas in Oldenburg. In Nr. 1 der in Breslau erscheinenden „Jüdisch-liberalen Zeitung" fordert der Schreiber des Aufsatzes „Oberschlesien", die in diesem jetzt so umstrittenen deutschen Lande wohnenden liberalen Juden ziemlich unverblümt zum Kampfe gegen die Konservativen auf. Er glaubt mit gutem Gewissen behaupten zu dürfen, daß die große Mehrzahl der oberschlesischen Juden liberal sei, er beklagt es, daß in der Mehrzahl , der Gemeinden orthodoxe Rabbiner amtieren, und die prächtigen allsabbatlich gut besuchten Synagogen, die allerdings der Orgel ermangeln, sind ihm ein Dorn im Auge. Er möchte sie offenbar gar zu gern mit dieser Zier verschönern, vermutlich Um sie dadurch leerer zu machen und ihre treuesten Besucher wie in Beuthen, in eine. Winkelsynagoge zu weisen, wo sie dann die an anderer Stelle des Blattes hochgerühmte liberale Gerechtigkeit preisep können. Freilich ist der Verfasser des Artikels einsichtsvoll genug, erst den Ausgang der Abstimmung abwarten zu wollen. Wenn diese aber erst günstig ausgefallen, dann soll statt des Friedens, den die so heiß umkämpste Provinz so dringend nötig hat, der Kampf in den Gemeinden und um die Gemeinden entbrennen. .Wir wollen mit dem Verfasser hier nicht darüber rechten, ob wirklich die große Masse der oberschlesischen Juden liberal im Sinne des jüdisch-liberalen Programms ist. Rechnet er allerdings die Masse der innerlich völlig Gleichgilttgen zu seinen Gesinnungsgenossen, die große Herde derer, die in unseren Großgemeinden alle paar Jahre an die Wahlurne geführt werden, um eine positive jüdische Majorität in den Gemeindekörperschasten unmöglich zu machen, dann bürste seine Ansicht vielleicht zutreffen. Glücklicherweise ist aber gerade diese „liberale" Spezies in Oberschlesien verhältnismäßig viel geringer vertreten als anderwärts. Wenn in Oberschlesien ein reges jüdisches Leben, ein starkes jüdisches Interesse herrschtso ist das gerade der gewissenhaften Arbeit der orthodoxen Rabbiner zu danken, die sich überall des Vertrauens der Gemeinde und gerade auch in liberalen Kreisen des Ansehens und verdienter Beliebtheit zu erfreuen haben. Gerade die oberschlestschen Liberalen haben sich von jeher durch eine vorurteilslose Würdigung der im konservativen Judentum lebendigen Kräfte ausgezeichnet,^ und durch das verständnisvolle Zusammenwirken aller Parteien ist in den oberschlesischen Gemeinden und von der oberschlesischen jüdischen Gesamtheit Mustergiltigrs geleistet worden. Es gehört wahrlich etne^ nicht beneidenswerte Naivität dazu, das für die" Juden Dberschlesiens Notwendige und Heilsame so zu verkennen. Es ist nun freilich, nicht zu befürchten, daß dsr gesunde Sinn der oberschlesischen Juden sich LerZsraellr. . durch derartige Auslassungen^ von der als richtig erkannten Bahn abbringen läßt. Will der Verfasser des Artikels dem oberschlesischen Judentum dienen, dann möge er lieber versuchen, die Kalten und Gleichgilttgen, die er offenbar doch für seine Anschauung in Anspruch nimmt,' für ein lebendiges Judentum zu gewinnen. Mit den abgenutzten Schlagworten vom religiösen Fortschritt und dergl. wird er es freilich nicht verhindern, daß die nach positivem, tätigen Judentum geradezu hungernde Jugend in hellen Scharen ihre eigenen Wege geht. Haltet das Tor offen! Zum HmwauderuugsveröoL in Amerika. Ein Wort an dir jüdischen Arbeiter Amerikas richtet Jakob Fing er mann, in amerikanischen Zeitungen, von dem wir wünschten, daß'es von diesen gehört werde. Er schreibt: Eine Kunde kommt über den Ozean, die in tausenden jüdischen Herzen Verzweiflung weckt: Amerika verbietet die Einwanderung! In den Wohnungen des Elends, in den Mafs nquariteren jüdischer Flüchtlinge, in der Finsternis der Pogromländer hat eine Hoffnung geleuchtet, befruchtet, angespornt, die Lebenskraft gepeinigter Menschen immer neu entfacht — die Hoffnung: Ämerika. Amerika: das hieß: dem trunkenen Blutdurst entmenschter Banden, der würgenden Drosselung antisemitischer Gesetze, dem vernichtenden wirtschaftlichen Boykott eines Kontinents entrinnen, auf dem Menschenrechte mit sadistischem Raffinement geschändet werden. Kosaken,.Generäle, Abenteurer und politische Hyänen haben das jüdische Volk in bestialischer Weise dezimiert, von seinen Wohnstätten vertrieben und der Lebensnotwendigkeiten beraubt. Und noch ist dieses beispiellose Martyrium nicht abgeschlossen. Eine chinesische Mauer von Bütteln, Zensoren und Preßkanaillen erstickt den Todesschrei des jüdischen Volkes, daß er den freien Völkern über dem großen Wasser nicht zu Ohren komme. Mit dem stehenden Blick der verfolgt^Hindin sucht das jüdische Volk den rettenden Ausweg. Der Beschluß von San Remo hat die Hoffnung auf Erez Jtsroel neubelebt, aber jedem Einsichtigen^ ist es klar, daß unser altes Land vorläufig nur eine kontigentierte Einwanderung verträgt,und daß es Jahrzehnte dauernmuß, ehe dort eine jüdischeMtllionenbevölkerungNahrung finden wird. Kann der Verfolgte warten? Muß er nicht dem Messer des Mörders entrinneen? Aber die Väter, Brüder und Schwestern der Unglücklichen lebe» in Amerika. Zu ihnen gellt ihr Hilfeschrei über das Weltmeer. Das jüdische Volk in Amerika hat diesen Ruf gehört und mit warmherziger Liebe ein grandioses Htlfswerk eingeleitct. Der amerikanische Jude, der Arbeiter in den Shops, die Frauen an der Nähmaschine — sie haben ihr Brot mit den Elenden geteilt. Tausende sandten Schiffskarten und Geld nach Europa und ließen ihre 'Verwandten zu sich kommen. Diese haben Menschen, Juden gerettet. Ist nun genug getan? Schon muß der „Joint" seine segensreiche-Tätigkeit aus Mangel am Mitteln einschränken, und jetzt, da die Not am höchsten ist, kommt die Nachricht, daß die Republikaner im Repäsentantenhaus einen Antrag auf Einschränkung der Einwanderung für ein Jahr gestellt und auch dmchgesetzt haben. Die unter Gompers Führung stehenden Gewerkschaften wollen sich vor der Konkurrenz europäischer und japanischer Arbeiter schützen und die jüdische Masse wird die Zeche bezahlen. Jüdische Arbeiter in Amerika! Der Antrag ist ein Todesurteil gegen eure leidenden Brüder und Schwestern in Europa. Mit aller Kraft müßt ihr euch dagegen auflehnen, daß ihnen die Zuflucht zu euch genommen wird. Ihr müßt in den Unions, die einen großen Teil ihrer Macht euch verdanken, mit Entschiedenheit fordern, daß dem Antrag im Senate die Sanktion versagt werde. Jüdische Arbeiter in Amerika — wir künden euch das große Leid undchas erbgrmungs-; Nr. 32 Seite 3 würdige Flehen eurer gemarterten Brüder. Sie stehen an den Grenzen und rufen euch aus tiefster Verzweiflung zu: Haltet das Tor offen! ... ■ W,-'* Sorresponvenzen und Nachrichten. Derrtsttzes iUtri?» ,Be?irftsgruppe Sü9- und Südinefideuffdiland des Verbands Wischer Kranhen* und Pflegeanffalfen. Krankfurt a. W , 26. Dezember. Auf Einladung des Ortsausschusses versammelten sich am Dienstag, 14. Dezember, im Gumpertz'- schen Siechenhaus trt Frankfurt a. M. etwa 50 Vertreter jüdischer Anstalten Süd- und Südweftdeutschlands zwecks Gründung einer Bezirksgruppe. Nach einleitenden Begrüßungsworten des Verwalters des Gumpertz'schen Siechenhauses. Herrn Seckbach, setzte Herr Inspektor Ahr e.n s vom Hospital der jüdischen Gemeinde Frankfurt den Zweck der neu zu gründenden Vereinigung auseinander: Wie überall in den letzten Jahren, so machte sich auch unter den Anstalten das Bedürfnis nach einem Zusammenschluß zur Wahrung gemeinsamer Interessen gellend. Es entstand so, namentlich veranlaßt durch eifrige Tätigkeit Berliner und hiesiger Anstaltsleiter, der „Rcichsverband der Kranken- und Pflegeanstalten". Es zeigte sich aber bald, daß dieser Verband eine Bereinigung" verschiedener Anstaltsgruppen wurde, derart, daß sich die Anstalten nach Konfessionen zusammenschlöffen, so der katholische Chariiasverband, der protestantische Kaiserswerlher, und so in Gruppen dem Retchsverband beitraren. Wohl oder übel waren also die jüdischen Anstalten, wenn sie nicht einflußlos bleibcn wollten, gezwungen, sich tm „Bund jüdischer Kranken- und Pflegeanstalten" zu organisieren. In der heutigen schweren Zeit der furchtbaren wirtschaftlichen und politischen Depression sehen sich die Anstalten, namentlich die nicht staatlichen oder kommunalen, vor fast unüberwindliche Schwierigkeiten gestellt, insbesondere hinsichtlich Beschaffung von Lebensmitteln, Arznei- und Verbandstoffen, Textilwaren, ferner Achtstundentag, Heranziehung von Stiftungsmitteln zu Steuern, (Betriebsrätegesetz) Fragen, deren Nennung schon die Organisation erforderlich macht. Dem „Reichsverband" ist außerdem ein „Wirtschaftsbund" ungegliedert, der sich die möglichst billige und bequeme Beschaffung der erwähnten Bedürfnisse zur Aufgabe macht. Der Anschluß der jüdischen Anstalten liegt also nicht nur in ihrem eigenen Jntereffe, sondern ist sozusagen Ehrensache, um den jüdischen Einfluß nicht auszuschalten. Herr Sanitätsrat Dr. M e h l e r, Vorsitzender -es Verbandes Frankfurter Krankenanstalten, begrüßte alsdann die Versammlung und: empfahl warm den Beitritt. Herr Verwalter Seckbach vom Gumpertz'schen Stechenhaus, Frankfurt a. M., hob namentlich das ideelle Moment hervor und legte von seinem bekannten Standpunkt aus überzeugend dar, wie besonders jüdische Anstalten auf religiöse und humane Grundlage gestellt werden müssen. Herr Verwalter Marx, Jsr. Waisenanstalt, Frankfurt a. M. erörterte die Vorteile einer örtlichen bezw. Bezirks-Organisation mit ihrer Möglichkeit öfterer Zusammenkunft und gegenseitigen Kennenlernens. Aus der sehr anregenden Aussprache ergab sich die allgemeine Zustimmung zur Gründung der geplanten Bezirksgruppe. In den Vorstand wurden einstimmig gewählt: Inspektor Ähren s, Vorsitzender, Schw. Oberin Hirsch, Verwalter Marx, Frau Justina Rosenthal, Verwalter Seckbach, Dr. med.F u l d er-Mannhetm, Dr. med. Reis-Heidelberg: Me öemeinderoahlen. Würzvmg, 26. Dez. Die Grmeindewahlen brachten das erfreuliche Resultat, daß nunmehr, statt bisher drei, acht Mitglieder im Vorstande, der^. im Ganzen.