Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1920)
- Date
- 1920-12-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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WWWW Kette 2 Nr. S3 Der JSraettt. nicht er selbst noch in letzter Stunde voll tiefster Erregung dem Jünger in Gnesen sein: “jöipö rriii 7K zugerufen. Es steht uns kein Urteil darüber zu, inwieweit dieses Verhalten des großen Meisters objektiv berechtigt war— subjektiv v erstehen Wird es' jeder, der Hildesheimers Gemütsart gekannt hat. Wenn Dr. Jacob Horovitz nun weit verschiedenartige Stellungnahme Hirschs Hildesheimers zur Bene Briih-Frage, zu - sammenarbeitmitderNeologieüberhaupthcr! . , so sind dies Dinge, die gewiß historisch? luteressant und für die Gesamt-Charakter der beiden großen -Männer wertvoll sind, vlc aoer das Beweisthema v öllig verschiebe".. Es handelte sich für uns auss ch: ieß Uch um die halachische Entscheidung in der Austritts frage, nicht um die Fortentwicklung und politische Konsequestz der in dieser Entscheidung immanent schlummernden Prinzipien. In jener religiösen Entscheiduo für Me Einzelgemeinde waren Hirsch und Hildesheimer völlig et.n i g; alses später galt a? -. c d e n e n g er e n Kreis des Gemeind' l..;r 5 hinaus für die große Gesamtheit Stellru u-men,da machten sich naturgemäß, zum U- , für die deutsche Orthodoxie, Verschieden'? ..n dev Denkart, des Temperaments, des Milieus der 'persönlichen Umgebung geltend, und es traten allmählich immer deutlicher starke taktische Gegensätze hervor. Aber es würde ein seltsamer Verstoß gegen alle wissenschaftlich m Grundsätze historischen Denkens sein, diese späteren Entwicklungen in die Persönltchkeit Hildesheimers vom Jahre 1878, da es sich um den Austritt aus der Gemeinde handelte, hinetnzureflektteren. »Damals sprach Hildesheimer das düstere prophetische Wort — Brief vom Februar 1878 an" Rabb. Dr. Goldschmidt in Briefen, später Offenbach —, daß die Schaffung der orthodoxen Gegenrabbinatsstelle in Frankfurt den //bv?n QVN v erewigen werde", damals rtef er dem vor Rabb. Horovitz zur Kandtdierung aufgeforderten Briesener Rabbiner die Mahnung zu, wer in Frankfurt annehme-, der „erkennt die Prinzipien als wenigstens paritätisch berechtigt an und-subordiniert sich dem neologen Rabbiner (?) dort oder, was vielleicht noch schlimmer, er macht mit ihm kolleglalisch annsn"!- Die Zeiten haben sich geändert. Die Empfindltchkett jüdischer Gewissen ist in jahrzehntelanger Uebung genügend abgestumpft worden, um das wahrhettsmutige Wort von der „kollegialischen xliN2N" zwischen den Vertretern der Treue und des Abfalls heute geradezu als Taktlosigkeit erscheinen zu lassen. Die in der religiös „neutralen" Gemeinde (wir wollen die Herren nicht durch das Wort Reformgemeinde verletzen) oder in der „neutralen" Desorganisation verkörperte ),Kollegialität' der N2D« uud des NU'ü hat Bü:ge-r--chL erlangt, und wir wollen — frei; allvc uusierrchten Gehässigkeit, die man. uns «-.-tgeambr'ngL gewiß die reine Ab sicht nicht ^--rkkänen, h der" „Gemeiudeorthodoxie" und ,,Mtsrocht" auf dem Wege dieser scheinbaren Anerkennung des fM'V es durch Ueberredung und Ueberzeugung zurückzudrängen versuchen. Aber ehrlich genug sollten beide Gruppen sein, um nicht grade Israel Hildesheimer gewaltsam zum Schutzpatron ihrer religionspolitischen Ideale stempeln zu wollen. Mochenniiidschaii. ■ Aguda und Msrachi. Man schreibt uns: Gelegentlich der Anwesenheit mehrerer Aguda- Vertreter vom Kontinent in London fand im Hause Sir Stuart Samuels ein Gedankenaustausch mit misrachistischen Herren statt, die gemäß ausdrücklicher gegen fettiger Vereinbarung streng privaten Charakter tragen sollte, und über die man sich verpflichtete, ohne gegenseitige Prüfung der Texte nichts zw veröffentlichen. - - . . Entgegen dieser Vereinbarung bringen die Blätter ein .offenkundig von miSrachiftischer Seite stammendes Commumqu«, das den Sachverhalt in parteiisch gefärbter Weise wiedergiebt. Demgegenüber seien hiermit die Tatsachen festgesteüt. Die Aguda-Vertreter wiederholten zunächst den Vorschlag, den sie bereits im Juli Herrn Rabbiner Dr. Schönfeld privatim unterbreitet hatten, und der von diesem zwar persönlich mit Sympathie begrüßt, dann aber mit Schreiben vom 2, August namens des Mtsrachi abgelehnt worden war. DerVorschlag ging dahin, die bestehenden Hindernisse einer gemeinsamen Wirksamkeit von Aguda und Misracht in Erez Jisroel dadurch aus dem Wege zu räumen, daß ein von beiden Organisationen unabhängiger internationaler orthodoxer Schulverein für den Chinuch in Erez Jisroel gegründet und in Übereinstimmung mit den rabbinischen Autoritäten des heiligen Landes geführt werdedie Leitung wäre aus bewährten gesetzestreuen Persönlichkeiten ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit zu bilden. Leider lehnten die misrachistischen Herren - 38. Dezember 1920 A diesen Vorschlag rundweg ab/ da sie sich bei dem mit dem zionistischen Wand hachlnuch geschlossenen Kompromiß vollkommen wohl und beruhigt fühlten. Sie schlugen der Aguda vielmehr vor,, diese solle drei Vertreter in den auf Grund jmes Kompromisses geschaffenen misrachistischen „Waad Hamrfakeach" zur Mitarbeit entsenden. Die Vertreter der „AMda" erklärten nach Beratung, daß sie zwar bereit seien, auch diesen Antrag den verfaffüngsmäßigen Organen der Aguda zur Prüfung weiterzugeben, ließen aber erkennen) daß er seiner Natur nach keine Aussicht auf Annahme biete. Die ungeheure Mehrheit der Aguda-Kreife, insbesondere der ganze Osten und die rabbinischen Führer in Erez Jisroel und Europa würden ein solches Arrangement, das die Aguda mittelbar zu einem Anhängsel der zionistischen Organisation zu machen beabsichtigt, jedenfalls entschieden ablehneu, zum Teil sogar als religiös unzulässig betrachten. Hinzugefügt muß werden, daß die Aguda- Delegterten sich — im Sinne der Preßburger Beschlüsse — nicht auf eine erneute Verhandlung eingelassen hätten, wären sie des privaten und vertraulichen Charakters einer unverbindlichen Unterhaltung mit religiösen Gesinnungsgenossen in einem Privathause nicht sicher gewesen. Es ist bedauerlich, daß hier auf misrachistischer Seite das Interesse der Parteipolitik wieder einmal alle gesellschaftlich? Loyalität außer Kurs gesetzt hat. Die -.Sarbigeiw Die Burschenscha ften haben den Beschluß gefaßt,? all die Kommilitonen auszuschließen, die „farbige oder jüdische Frauen" heiraten. In gewissen Häusern von Berlin W., deren Hoffnungen auf den zu seiner Aufrichtung der Stütze der jüdischen Mitgift bedürfenden. Adel beruht, mag dieser Beschluß der jungen Akademiker Trauer und Bestürzung Hervorrufen. Man bedenke, Ausschluß aus der farbigen, schlagenden Verbindung! Das Risiko muß vom Herrn Schwiegerpapa mit neuem Golde ausgewogen werden! ... In jüdischen Kreisen könnte man über diese neue Pöbelei der jungen Herren lachen und sie zu den anderen tun, wenn nicht die Synthese „Farbige und Juden" — sehen wir von der „Heiraterei" ganz ab — ein gar zu trauriges Symptom für unsere Zelt undden ' geistigen "Tiefstand unserer Kulturträger von morgen wäre. Ist es den Herren im farbigen Wichs etwa darum zu tun, ihren Anhängern die jüdische Heirat zu verbieten? Bei . einem ehrlichen anständigen Kampfe gegen die Mischehe würden sie Kleines Feuilleton. Den Opfern! Von Jakob Altrirarer. In Nordfrankreich war es, an einem nassen, trüben und nebelverhängten Novemberabend, als uns eine kleine, unscheinbare Begebenheit zum großen Erlebnis wurde. Knapp zwei Kilometer hinter der vordersten Linie lag ein kleiner Friedhof. Ehemals der Gemüsegarten eines Arbeiters, von Hecken umrahmt, barg jetzt die fruchtbare Erde etwa zwanzig Soldatenleiber. Ringsum verkohlte Balken, Mauerreste, Schutt, Steine, Ziegel, leere Fleischbüchsen, zerbrochene Gewehre, zerschlagene Möbel, zerfetzte Kleider, Drahtstücke, Scherben und Kinderspielzeug. Wir find unser zwölf Infanteristen, die die Nacht und das graumilchtge Mondlicht benutzen, um den Schützengraben zu erreichen. In kurzen Abstanden eilen wir hintereinander her; Seitengewehr und Feldflasche festhaltend, daß uns kein Geklapper verrät. Vor dem Abmarsch halten wir verabredet, einen kleinen Umweg über den Friedhof zu machen, wo einige Kameraden zwei Bekannte auffuchen wollten. Der Nebel hat alle Umrisse verwischt, kein Baum, kein Strauch, kein Graben und keine Mauer ist sichtbar. Soweit das Auge reicht, eine einzige schmutzigweiße Fläche, die mit der gleichgefärbten Luft zusammenfließt. Nicht einmal ein Gewehrschuß zerreißt die Totenstille und den Nebel der unendlichen WüstL_ Lautlos sind wir über die Schuttharrstn gestiegen, denn die eigenartige Stimmung und-die Gefühle eines jeden schließen die Lippen wie mit Eisenklammern, daß sich nicht einmal ein „Vorsicht" entringt. Die den Friedhof umstellenden Seilenwände der ehemaligen Scheune und des früheren Hauses werfen lange Schatten ln den Garten und decken die Gräber mit schwarzer Nacht. Einige jüdische Kameraden suchen einen toten Glaubensgenossen, der mitten zwischen den Kreuzen ruht; der Rest der nächtlichen Wanderer tastet an diesen Kreuzen nach dem zweiten Gefallenen, dem sie ein Gebet sprechen wollen. Die Zeit drängt. Hinterm Schutz der Mauern flammt ein Streichholz und fährt rasch die Grabschriften entlang. Die Gesuchten liegen hintereinander in den zwei anstoßenden Reihen. . . . . und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von allem Uebel! Amen! . . Darauf klagt ein Jude das jüdische Totengebet. Dann Stille! Und es ist, als antworte es aus der Tiefe. Minutenlang rührt sich keine Hand, kein Fuß. Wir sind wie angewurzelt, bis wiederum ein Streichholz aufflammt und noch einmal von Buchstabe zu Buchstabe tastet. Leise gehen wir, leise über die Schutthaufen, hinaus in die Wüste, die noch viel größer erscheint, viel im-- heimlicher und schreckhafter, als wären wir eben aus dem sicheren Heim htnausgejagt in die wilde Fremde. Von weither, aus irgend einer Richtung, zieht eine langgezogene Klage, ein Tier weint, ein Hund oder sonst etwas. Dieser Ton jedoch klingt und klingt, als zöge er vori einem Eride der Erde zum andern, als stiege er*< aus den Gräbern zum Himmel auf. Als wäre er der zusammengeballle Schrei von. Millionen 8 gramgebeugter und elendgeborener Menschen, die Klage f von Millionen Müttern. Als hörten wir in dieser " einsamen Stunde die biblische Stimme, die aus Raum - kommen und die Welt erschüttern soll, die Stimme der Mutter Rahel, die um ihre erschlagenen Kinder weint. - * Bor einiger Zeit stieg dieses Bild erneut vor uns auf. Sechs Jahre später, mitten in der Stadt, in Frankfurt a. M. Gegenüber dem Bismarckdenkmal wurde den Kriegsopfern ein Erinnerungsmal errichtet, das Benno Elkan in unbewußtem Drang bereits vor dem Krieg in stillen Nächten geschaffen hat .... „Ich höre eine Frau, die um tausend erschlagene Männer weint"! Jetzt steht dkese schmerzdurchbebte Frau etwas abseits von der Hauptverkehrsstraße auf einem kleinen Platz, von hohen Bäumen umrahmt und er schüttert in ihrem unendlichen Leid alle, die zu ihr kommen. Und Zehntausende wallfahren zu ihr, vom frühen Morgen bis in die tiefe Nacht. -Wer vorübergeht, wird wie von einem Magnet angezogen. Arbeiter, Frauen, Kaufleute, Kinder, Bettler, Gleise: wen des Lebens Eile vorüberjagt, eine Minute muß jeder im stillen Hain verweilen. Keinen Laut der Bewunderung hört man, keine Kritik, keinen Tadel für die Schöpfung des Künstlers. Still kommen die Menschen und gehen nachdenklich wie von einer Andacht. SamMennaHnchten. Verlobte. Rosa Rothschild, Heubach Mi d. Rhön, Ignatz Lomnitz, Eiterfeld.