Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1920)
- Date
- 1920-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Krr HSrsrlr». Nr. LI Seite 3!' W Dezember 1Ü2Ü des Judriltums gerade bis dorthin zu erstrecken, wo die Refyrmgemeinde ihre Pforten öffnet und zu erklären, an diesem Schlagbaum hört die Grenze des Judentums auf! Ja, was? Welches Recht, fragen auch wir mit dem Vorsitzenden des Vorstandes. Emen Kmz anderen Standpunkt jedoch vertritt Herr Löb, der in der Ausschaltung markanter ^Stellen aus dem Gebetbuche, in mancher Orgel usw. nur pietätlose Konzessionen an die außerjüdische Umwelt sieht,, die aber dem Gottesdienste deswegen noch nicht gänzlich des jüdischen Charakters berauben. Es wäre interessant festzustellen, auf Grund welcher Quellen Herr Löb dies alles so ganz genau weiß! Für Kenner des Judentums wäre dies zu erfahren ebenso interessant, wie es für mich feststeht, daß er trotz allem Entgegenkommen auf liberaler Seite dennoch keinen Anklang finden wird. Denn, werden die ihm entgegen halten, als pietätlos werden wir da hingestellt, wir, deren ganzes Judentum doch recht eigentlich in dem Begriffe oder bester in dem Gefühke der Pietät aufgeht!! Welche Ungereimtheit liegt nun aber in Gemeindezuständen, deren Verfassung so beschaffen ist, daß, wenn es beispielsweise um die Frage aus dte Wiedereinsetzung des 22-Gebetes in den konservativen Synogogen geht, hierüber ein Dr. Kellermann gutachtlich sich zu äußern hat! Herr Löb meint, wer über Berliner Zustande schreibe, der müsse sie auch kennen. Weiß Herr Löb vielleicht, daß in der Schrift „Ueberliefertes. und liberales Judentum", welche ich im Jahre 1908 im Aufträge des Vereins zur Erhaltung des überlieferten Judentums verfaßt habe — weiß er, der Vorsitzende und Vertreter dieses Vereins in der Repräsentanz es, daß ich dort den sittlichen Gehalt des ^^2 ^2-Gebetes zu verteidigen hatte, gegenüber Angriffen eben dieses Dr. Kellermann, der dieses Gebet als sittlich verwerflich hinzustellen den Mut fand? Oder, was soll man dazu sagen, wenn mit der Festsetzung der Liturgie in einer neu errichteteten konservativen Synagoge ausgerechnet jener Dr. K. neben seinem konservativen Kollegen betraut wird, der nichts in der Welt so sehr fürchtet, als den „Rückfall" in den Mosaismus!! Oder, was soll man dazu sagen, wenn konservative Rabbiner sich von ihren liberalen Kollegen in die Kaschreth-Kommission delegieren lassen, Kollegen, die auch nach der Richtung hin Dr. Kellermann die Stellung des Hauptmanns in der altpreußischen Kompagnie nicht neidlos überlassen. Ich brauchte nicht erst diese Vorgänge abzuwarten, um nicht sofort nach meinem Eintritt in den Vorstand der „Vereinigung zur Erhaltung des überlieferten Judentums" — der im Jahre 1907 geschah — zu erkennen, daß das gesetzestreue. Element innerhalb der jüdischen Gemeinde Berlins.ohne Rettung seinem Schicksale verfallen ist, wenn in der Gemeindeverfassung selbst nicht grundlegende Aenderungen herbeigeführt wurden. Vor allem schien es mir unerläßlich, daß der gesetzestreue Rabbiner aus seiner Erniedrigung, in dte ihn seine Stellung als Kultusbeamter verwiesen hat, erlöst und in seine chm vom Judentum verliehenen alte autoritativen Rechte wieder eingesetzt wurde. So sehr sich auch meine Kollegen im Vorstände anfangs gegen meine Ideen ausjprachen, nach überaus langwierigen und mühseligen Verhandlungen gelang es mir, sie von der Richtigkeit meiner Grundsätze zu überzeugen, die dann auch in einer Petition an den Vorstand der jüdischen Gemeinde tm Juni 1907 zum Ausdrucke gebracht hatten. In derselben wurde vor allem die Einsetzung eines gesetzestreuen Rabbtnatskollegiums gefordert, das aus drei mit der Lehrautorität des orthodoxen Judentums bekleideten Männern sich zusammensetzt, die in Lehre und Leben dessen Anschauungen aus Ueberzeugung vertreten und dessen Kollegial-Entschetdungen für die Angelegenheiten der gesetzestreuen Juden maßgebend sein sollen. Für Berliner Zustände allerdings eine gar eigenartige Zumutung. Welche Aufnahme diese Pettton beim Vorstande fand, ist an der Tatsache zu erkennen, daß, so oft auch der Verein eine Antwort urgierte, eine solche überhaupt nicht erfolgt ist, bis auf den heutigen Tag. Nun wollte es der Zufall) daß im Jahre 1912 das damalige preußische Herrenhaus sich mit einer die hiesige jüdische Gemeinde betreffenden Angelegenheit zu besoffen hatte. Ich ließ die Gelegenheit mir nicht entgehen, um nicht maßgebende Persönlichkeiten dieser Körperschaft über die Lage der Dinge aufzuklären und geeignete Maßnahmen zur Abstellung der Mißstände in Vorschlag zu bringen. Ich erzielte hierbei einen vollen Erfolg. Als es nun galt, diesen Erfolg für den Verein auszunützen, war es wiederum Herr Löb, der mich hieran hinderte und dies vom Standpunkte der Anschauungen heraus, die er auch in seinen Auslassungen im „Israelit" vertritt. In den an diese Vorkommnisse sich anschließenden Verhandlungen beim Oberpräsidenten, hat dieser Herrn Löb und mir gegenüber erklärt, daß nach Verfügung des Ministers den Forderungen der gesetztreuen Juden zunächst im Wege einer grundlegenden Statutenänderung gerecht zu werden, der Versuch gemacht werden solle. Sollte dieser Weg sich nicht als gangbar erweisen, dann sei er ermächtigt, für die Berliner jüdische Gemeinde ein spezielles Gesetz zur Vorlage zu bringen. Mehr konnten wir kaum erwarten! Nach diesen Eröffnungen erklärte ich, da nun einmal das Judentum, wie jeder Jude und wie auch jeder Christ, der in seiner ReligionBescheid weiß, eine Gesctzesreligion ist, so müffe es auch eine Autorität, die von jedem äußerem Etnfluffe unabhängig ist, geben, die dieses Reltgtonsgesetz handhabe und dementsprechende Entscheidungen treffe. Das wird in so lange nicht möglich sein, als nicht dte religiösen Angelegenheiten der gesetzest'reuen Richtung von dem Einflüsse der anderen völlig losgelöst werde. Herr Löb dagegen meinte, den Forderungen dieser Richtungen könne eine Rttualkommission gerecht weröen, hätten wir erst das Verhälmiswahlrecht, so lösten sich r-iese Fragen ganz von selbst. Ich dagegen vertrat den Standpunkt, daß sich alsdann die Fragen nur noch komplizieren Wörden, haben wir augenblicklich mit einem Gegner es aufzunehmen, so unter der Herrschaft des Proporz mit wer weiß wie vielen. Bet dieser gegensätzlichen Stellungnahme im eigenen Lager mußten die Verhandlungen sich selbstverständlich zerschlagen und sie nahmen auch keinen besseren Verlauf, als sie nach erneuten Bemühungen meinerseits beim Polizeipräsidenten w!eder ausgenommen wurden. Herr Löb blieb unentwegt Verfechter seines Proporz, in welchem er die Zauberformel zur Rettung des gesetzestreuen Judentums erblickte. Ich weiß nun nicht, ob die ersten Proben, dte er in dem hier in Frage stehenden Verhandlungen gemacht hat, noch weiter dazu angetan erscheinen, ihn in seiner Auffassung zu bestärken. In eine eigenartige Situation kam allerdings Herr Löb, als es darum ging, aus Anlaß des jüngst vor sich gegangenen Wahlkampfes seine Grundsätze auf die Form eines Programms für diesen Zweckzu bringen. In demselben verhieß er seinen Getreuen eine Kommission für die Prüfung jüdischer Religionslehrer, eine Kommission für konservativen Kultus, eine Kaschruth-Kommission unter Mitwirkung (!!) der konservativen Gemeinderabbiner u. s. w. Ich erhob dem gegenüber den Etnwand, was bürgt dafür, daß dte verschiedenen Kommissionen, mit welcher er die Kommission beglücken möchte, anstatt mit — nicht gegeneinander regieren und schließlich die Orthodoxie zu Tode regieren würden? Allein vergeblich! Da kam mir von einer Seite eine Hilfe, von der ich es am allerwenigsten erwartete. Die jüdische Gemeinde trat mit ihrem Wahlprogramm auf den Plan und fordert in demselben die Einsetzung eines H rP2. Nun hatte ich den besten Trumpf in Händen! Wie sollen jene, dte gar nicht auf gesetzestreues Judentum den Anspruch erheben, ein H N'2 fordern und wir statt dessen eine Ritualkommisston unter Mitwirkung (!!) — man beachte wohl den Ausdruck — der konservativen Rabbiner? Nun dachte ich, hier kann selbst ein so gewandter von dem meint, daß die hin- und herschiebende Menge ihn sprengen müßte. Da bleibt unser Blick am Zeichen des — Festes hangen. Ja, des Festes. Auch an dieser Stätte des Elends und Exils wird Chanuka gehalten. Die Auswanderer haben, wenn sie auch in den meisten Fällen nur das Allernotdürftigste für die große Reise zusammengerafft haben, doch ihre Cyanukaltchtlein nicht vergeffen. Sie sind von ihnen entzündet worden, hoch oben am Fensterrahmen flackert noch wehmutsvoll ein letztes und auf den Tischen strecken sich in seltsamen Formen die geschmolzenen und geronnenen Ueberreste der Wachsstöcke, hängen über die Kanten, erstarrte Tropfen, erstarrte Tränen des jüdischen Ahasverleids. Und Chanuka wird da draußen nicht nur gehalten, es wird auch gefeiert. Tag für Tag har aus milden Gaben gutherziger Menschen, die Beschenkung stattfinden können. Auch für heute sind 175 Düten bereit, dazu Spielsachen für die Kleinen; und wir erleben nunmehr an dieser düsteren Stätte eine seltsame Stunde des Vergessend In die starren Augen der Greise und Greisinnen kommt es wie Leben und Licht, da ihnen die freundliche Hand die Liebesgabe reicht. Die Kinder haben sich artig und erwartungsvoll in einer Ecke zusammengedrückt und ihre blaffen Gesichter glänzen von der Freude der Erwartung wie der Erfüllung. Ein kleiner Junge nimmt die neugeschenkle Trompete an den Mund und siehe da, sie bläßt wirklich! Stolz wie ein König durchzieht er den Raum von einem Ende bis zum andern und die Töne seiner Trompete verkünden, baß noch in Lumpen und Elend ein Kinderglück verborgen ist. Mit seltsamen Gefühlen oerlaffen wir den Raum. Mit einer, nein mit rausend Fragen an das jüdische Schicksal. Wie kam'-? Wie wird'S? Wie soll das' Gänze enden? Wo und wann ist die Lösung der Judenfrage? Wo ist Heimat und Frieden für die Vertriebenen unseres Stammes? Gibts einen Lohn für soviel Mühsal und noch eine Hoffnung für die Zukunft? Um 11 Uhr betreten wir den Auswandererräum noch einmal. Die Helfer und Helferinnen rüsten sich zum Empfang der angekündigten Nachtschicht. Die vom letzten Transport im Wartesaal Verbliebenen haben sich auf die Lagerstätten rings an den Wänden verteilt, liegen da, eng anetnandergepretzr, sodaß es schwer fallen dürfte, dte Zahl der so Gelagerten festzustellen. Frauen mit so hart gewordenen Zügen, daß man sie zunächst garnicht als Frauen erkennt, Männer mit dem Gesichtsausdruck, den Lilien und andere in ihren Bildern so mannigfach festgehalten haben. Erschlaffung und Resignation auf dem gefurchten, bekümmerten Antlitz, aber doch wiederum auch etwas wie ein geheimes Zeugnis dafür, daß dte müden Augen nicht zugefallen sind, ohne das Bekenntnis: „Siehe, nicht schläft und schlummert der Hüter Israels". Helft und gebt! Lebensmittel, Ktnderroäsche, Wollzeug, Frauen- und Männerkleider, Geld, für die Aufrechterhaltung des Liebesdienstes! Geldsendungen werden erbeten unter „Hilfsausschuß für jüdische Durchwanderer" Nr. 68275, Postscheckamt Köln; Kleidungsstücke, Wäsche und Schuhe rc., wolle man an die „Peah", Köln, Rubensstr. 33, Tel. B. 199 senden. Achtet es nicht gering, einen Lichtblick, eine frohe Stunde in diese Nachr- und Leidenszett heimatloser Glaubensbrüder und Schwestern, zarter, notleidender schutzbedürftiger Kinder zu bringen. Und spendet damit dem Hilfsausschuß und seinem jugendlichen Stabe für die über alles Lob erhabene Hingebung den schönsten Dank durch das Bewußtsein, das ihr ihnen bereitet: Tag für Tag; und Nacht für Nacht zum schweren Dienst gerüstet zu fein, nicht nur mit vollem Herzen, sondern auch mit einer vollen Hand. (Wasserkraftwerk am Toten Meer). Ueber einen Plan, der aber wohl nie zur Ausführung gelangen wird, berichtet die „Elektrotechnische Zeitschrift" auf Grund einer Veröffentlichung von Dr. Gradenwitz in der Zeitschrift „L'Jndustrla". Das Projekt stammt von dem norwegischen Ingenieur M. A. Hjorch und sieht die Errichtung einer Kraftanlage in der Nähe des Toten Meeres vor. Als Kraftquelle dient ein Stollen, der in einer Länge von 60 bis 70 km das zwischen dem Mittelländischen Meere und dem Toten Meere liegende Gebirge durchsticht. Die Höhendifferenz der beiden Wasserflächen beträgt nahezu 400 Meter so daß mit einer Krastgewinnung von 75000 KW/gerechnet wird. Der Strom soll neben Kraft- und Beleuchtungszwecken zugleich zum Betriebe von Bewäffe. rungsanlagen dienen. SMal'Ansang und Ausgang. . TH ORTi Anfang Datn« AuSgang Uhr ISJHu. 1920| 5681 m Äin. Frankfurt a. M. 4! 05 | 25. Dez 14.Tebeth 5 20 Berlin . . . 3; 04 j 4 4« München . . 4 20 5 11 Strabbnrg . — — — — Stuttgart. . — — — — Posen ... — — —' Nürnberg. 4 15; 5 09 Hamburg, . . 4 — i . 4 55