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Der Israelit · 1920-12-23 · Heft 51 (23.12.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 51 (23.12.1920)
Date
1920-12-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Set» » fit. 51 »er JSraeltt. 3L Dezember ISA) Andere zeigen, wie weit der Bund noch davon entfernt ist, eine Liga um das höhere Recht geschaarter Nationen zu sein. Auch auf jüdischer Seite sieht wan manche an Genf geknüpfte Hoffnung beim Auseinandergehen der Völkervertreter vorerst unerfüllt. Aber man muß gerechterweise zugeben, daß der Völkerbund innerhalb der Grenzen seiner Macht sich auch den Fragen des jüdischen Rechtes zugewendet und auch manchen Anlauf genommen hat, der, wie man erwarten darf, bei Fortsetzung der Kommissionsberatungen in Februar Grundlage und Ausgangspunkt weiterer Aktionen sein wird. Verschiedene jüdische Körperschaften lenkten das Augenmerk des Völkerbundes auf die jüdische Tragödie in der Ukraine. Auch kam wiederholt bet der Frage der Minoritätsrechte die G l e i ch b e r e ch t i g u n g, bezw. das nationale Recht der jüdischen Bürger in den neuen Staaten zur Sprache. Abgesehen davon, daß eine Reihe von allgemeinen Maßnahmen des Völkerbundes, wie beispielsweise die Abstimmung in Wilna und der Schutz der dortigen Bevölkerung während der Abstimmungszeit, die Festlegung der Grenzen Palästinas, direkt oder indirekt Juden betreffen und die jüdische Lage günstig beeinflussen. So können wir als Juden, über die ersten Handlungen des Völkerbundes hinweg, den Schlußworten des Präsidenten Vertrauen entgegenbringen, daß „gestützt auf die junge Generation der Völkerbund im Gefühle seiner Pflichten hoffnungsvoll seinen Weg aufwärts verfolgen werde, zu dem Ideal des Rechtes und des Friedens." Sas Schicksal der Saron Sirsch-SchulWung. In einem „Brief aus Kleinpolen" beschäftigt sich Dr. M. Simson in der „Hazeftrah" mit dem Schicksal der Baron Hirschsche^n Schulsttftung für Galizien. Bekanntlich hat Baron Hirsch, bevor er noch die „Jca" ins Leben' gerufen hatte, eine Schulstistung für Galizien mit dem Betrage von zwölf Millionen Kronen gegründet. Diese Stiftung hatte in erster Reihe dm Zweck, den galizischen Juden, welche zu jener Zeit ihre Kinder nicht gern in die Volksschule schickten, Volksschulunterricht und für die Mädchen Handfertigkeitsunterricht zu hieten. Es wurden tatsächlich in Galizien und n der Bukowina fünfzig Schulen errichtet und sondere Kurse für Mädchen ins Leben gerufen, ie Knaben wurden nach Beendigung der Volksule entweder zu Gewerbetreibenden in die hre gegeben oder auf die Ackerbaukolonie in lobodka gebracht, um in die Landwirtschaft ein- Seführt zu werden. In den letzten Jahren wurde eine Schule nach der anderen geschloffen mit der Begründung, daß die betreffende Schule in dem Orte ihre Mission' erfüllt habe, da die jüdischen Kinder sich bereits an den normalen Schulbesuch gewöhnt hätten. Die durch die Auslastung solcher Schulen frei gewordenen Beträge wurden zur Aufbefferung der Bezüge der Lehrer oder zur Errichtung von ständigen Schulhäusern usw. verwendet. Nun ist die ganze Baron Hirsch-Schulstiftung in eine katastrophale Lage geraten. Das Kuratorium hat, wie Dr. Simson feststellt, das gesamte Stiftungs- Vermögen in verschiedenen österreichischen Kriegsanleihen angelegt, deren Wert oder Wertlosigkeit bekannt ist. Sämtliche Schulen drr Stiftung wurden geschlossen, die Lehrer sind förmlich subsiftenzlos geworden, und die armen Schulkinder, welcheaus den Mitteln der der Schulstiftung ungegliederten Baronin Hirsch-Stiftung bekleidet wurden, müssen jetzt dieser Unterstützung entbehren, obgleich sie gerade jetzt auf sie am meisten angewiesen wären. Auch die jüdischen Mädchen haben ihre Kurse nicht mehr. Dr. Simson gibt der Befürchtung Ausdruck, daß die Baron Hirsch-Schulstiftung für immer als verloren zu betrachten sei. Jedenfalls wäre es nicht ohne Interesse zu erfahren, wie es eigentlich um diese Schulstiftung steht, welche Einkünfte sie noch hat und wozu diese verwendet werden. Zur Frage der Reform- und SonntagSgemeiude. Bon Rabbiner Dr. Daniel Fink in Berlin. Die Ausführungen des Herrn Moritz A. Löb in Nr. 47 des „Israelit" mußten für mich und für alle diejenigen, welche die Vorgänge des jüdischen Gemeindelebens in der letzten Zeit verfolg^ haben, von umso größerem Jntereffe sein, als sie gerade, diejenigen Punkte betrafen, die seit Jahr und Tag den Gegenstand' eines scharfen Gegensatzes zwischen mir und ihm innerhalb des Vorstandes „des Vereines zur Erhaltung des überlieferten Judentums" bilden. Dieser Gegensatz war es, der die Wlksamkeit des Vereins nach außen hin vollständig lahm legte und der wichtigsten Erfolge, die er hätte erreichen können, beraubte. Herr Löb tritt zunächst mit der Behauptung auf, der Gemeinderabbiner Dr. Kellermann bilde gleich dem Hauptmanne in der alten preußischen Armee eine Klasse für sich, sodaß er auch inmitten seiner Amtskollegen isoliert dastehe. Wer dies nicht wiffe, der kenne Berliner Verhältnisse nicht und dürfe über dieselben auch nicht schreiben. Obwohl ich dem angefochtenen Artikel des „Israelit", wie die verehr!. Redaktion bezeugen kann, vollständig fern stehe, erhebe ich den Anspruch, die Zustände der-Berliner jüdischen Gemeinde mindestens so gut wie Herr Löb zu kennen, muß indes ihrem Korrespondenten vollkommen betpflichten, wenn er von Gemeinderabbiner Dr. Kellermann und seinen Genossen spricht. Wenn man sich durchaus erpicht zeigt, Unterschiede zu entdecken, wo keine sind, so wird man ebensogut auch einen solchen zwischen dem Richtlinienrabbiner 36, der den Stock oder den Schirm am rottf in der Hand und dem Richtlinienrabbiner A, der ihn unter dem Arm trägt, entdecken, genau so wie man auch, wenn es' durchaus sein muß, zwischen einem Hühnerei und dem anderen solche wird auffinden können. Was hat das aber mit den Prinzipien zu tun, nach welchen unser Religionsgesetz diese Dinge beurteilt? Daß in der Tat zwischen Herrn Dr. Kellermann und seinen Genossen ein Unterschied wie etwa zwischen einem Hühnerei und dem andern besteht, soll durch ein paar Stichproben belegt werden. In der Einweihungs- Predigt der Synagoge Fasanenstraße äußerte sich ein Genosse des Dr. Kellermann: „Man solle sich hier immer bewußt werden, daß die verschiedenen Glauben sich nur durch Aeußerlichkeiten von einnander unterscheiden!" Was konnte ein Dr. Kellermann bei einem solchen Anlasse noch Größeres und Schöneres sagen?! Ein moderner Genosse des Dr. Kellermann äußerte sich in einem Vortrage, den er in einem liberalen Jugendverein hielt, dahin, daß der Talmud für liberale Anschauungen längst überwunden ist, bedarf darum der Erwähnung. Anknüpfen an den Talmud bedeute „Rückfall"!! in den Mosatsmus — was „Rückfall" besagen will, weiß ein jeder, ohne deswegen Medizin studiert haben zu müssen — nein, auch die Propheten sind uns Liberalen nur insoweit maßgebend, als sie wahr sind, nicht darum, daß sie in der Bibel ständen. Ich frage auch hier wiederum, was könnte Herr Dr. Kellermann nach der Richtung hin Größeres und Schöneres sagen? Ja, als Mitglied der Repräsentanten-Versammlung und Sprecher der konservativen Fraktion muß es doch Herrn Löb bekannt sein, daß Dr. Kellermann keineswegs wie der Haupttnann in der altpreußischen Kompagnie dastand, als er in seinem Gutachten die Einverleibung der Reformgemeinde befürwortte. Der Vorsitzende des Gemeinde- Vorstandes hat in seinen Ausführungen über die eingelaufenen Gutachten der Rabbiner mit vollem Recht seinem Erstaunen darüber Worte geliehen, daß ein Teil der liberalen Rabbiner, welche den Richtlinien Leipflichten, gegen die Einverleibung der Sormtagsgemeinde auftraten. Wer in aller Welt gäbe ihnen .das Recht, den Aktionsradius Aus Sem Saal Haturim. (Zum Wochenabschnitt.) .fiiöV Noch ein zweites mal kommt dieses Wort vor, bei David: niv? in 'v' Goft spricht zu König David: „Du hast mir 147 Lobespsalmen gesungen, (die Lieder von Asaph, Heiman und Jedussun zählen nicht mit) soviel wie die Lebensjahre Jakobs. So möge dir, gleich ihm, beschieden sein, schon zu Lebzeiten deinen Sohn aus dem Thron zu sehen. König Salomon erhält die Kröne vor den Augen Davids, so wie Joseph von seinem Vater als König gehuldigt wird. Eine andere Erklärung stellt den Zusammenhang zwischen Jakob und David in der Weise her, daß der eine wie der andere die Altersgrenze seiner Ahnen nicht erreicht hat. nvn JVtyjn erklärt Raschi so, daß nur die dem Verstorbenen erwiesene Liebe eine „Liebe der Wahrheit" sei, da diese nicht aus Gegenliebe und Vergeltung rechnen kann. „Baal haturim" findet diesen Gedanken schon im Worte aök enthalten, dessen Buchstaben die drei dem Toten zu erweisenden Liebesdienste angeben: D'a'W neb p\s\ ■' nttün tont?» 2t?n Israel saß aufrecht auf dem Bette. Dagegen heißt es bei H a m a n: ntson bv fön Ham an fällt aufs Bett. Die Frommen bleiben auch noch' im Sterben aufrecht, während die Bösen selbst auf.'der Höhe ihres Lebens sinken und fallen. 'VJi? 2njn xip’l Jakob ruft seine Söhne herbei, um ihnen das Ende der Dinge zu verkünden. Da ihm aber die Fernsicht in die Zukunft plötzlich verdunkelt wirb, fragt er, ob wohl die Sünde der Söhne das Schwinden der Schechinah verschuldet hätte. Sw aber sagten: „Vergebens suchst du in unseren Namen das „Chet" (n und v sind in den Namen der Stämme nicht vertreten). Wehmütig meinte aber Vater Jakob: „Aber auch die Buchstaben p"p finde ich in euerem Namen nicht. Das „Kez" bleibt euch verschlossen." eines Feuilleton. Ehanuka hei den ostjüdifchen Flüchtlingen. Herr Rabbiner Dr. Rosenthal, Köln, schreibt uns: Alles, was ich persönlich an diesem Chanuka miterlebte, in der Synagoge und im Festsaal, bei den Alten, den Jungen und den Kleinen, tritt zurück hinter dem Eindruck, den ich in den ersten Stunden des achten Chanukatages bei dem' ostjüdifchen Durchwanderern auf dem hiesigen Bahnhof empfangen Habe.' Gegen 8Y, Uhr abends betreten wir die für die Durchwanderer reservierte Hälfte des Wartefaales 3. Klasse. Ein buntes Gewimmel empfängt uns, in dem wir uns zunächst nicht zurechtzufinden vermögen. In Eile und Hast drängt sich einer der Ordner durch die Massen, unaufhörlich die anwesenden jüngeren Männlichen Auswanderer zum endlichen Verlassen des Raumes ermahnend: sie muffen im Logierhans in der Rubensstratze und in anderen Unterkunftsstätten nächtigen, nur die Alten, Frauen und Kinder dürfen zurücküleiben, denn es muß Raum geschafft werden für 250 neue Ankömmlinge, die soeben telegraphisch von Hannover aus für 12 Uhr nachts gemeldet sind. Das Werk ist endlich vollbracht — nicht leicht, denn die behagliche Wärme im Wariesaa! wird von allen als die größte Wohltat empfunden — und wir können uns in dem Raum etwas umsehen. Wandersturm in Juda. Die da vor uns sitzen, gebeugten Hauptes, mit so müden und verlorenen Blicken, sie sind also von diesem Sturm erfaßt worden und werden getrieben, zu hunderten und tausenden, wie welke Blätter im Herbstwind, von Ost und West, durch Mitteleuropa hindurch, nach Frankreich, England und Amerika, um irgendwo, wenn das Ziel überhaupt erreicht wird, im neuen Lebenskampf aufs neue um Heimat und Existenz, Menschenwürde und Nächstenliebe zn ringen. Doch lassen wir Vergangenheit und Zukunft und suchen den Augenblick zu erfassen. Vor den Männern und Frauen dampfen die Kaffeetassen, die immer neu von flinken und unermüdlichen jugendlichen Helfern und Helferinnen gefüllt werden, Dazwischen stehen Frauen an Blecheimern mft warmen Wasser und besorgen die Wäsche für ihre Säuglinge. Oben in der rechten Ecke hat man hinter einem Vorhang ein Lager für erkrankte Kinder zurecht gemachtschon ist auch die schnell herbeigerufene Aerztin zur Stelle und bemüht sich um die Kleinen. Das buntbewegte, typische Bild der Auswandererhalle,, nur im engen und. dürftigen Rahmen,

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