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Der Israelit · 1920-12-02 · Heft 48 (2.12.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 48 (2.12.1920)
Date
1920-12-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Ser Strumen. Eine Erzählung aus Erez Jisroel. Bon Josef Kastei«. (Schluß.) „Ich mußte mich halten, um nicht laut aufzuschreien vor Freude. Mein Körper straffte sich in einem maßlosen Stolz. So hatte ich doch gesiegt, war doch Herr geblieben im Kampfe gegen die Menschen und die Natur. Meine Knechte gingen in das Dorf hinunter und verkündeten das Ereignis. Ich sah, wie sie heimlich durch die Hecken schlichen, da ich ihnen verboten hatte, ins Dorf zu gehen. Aber dieses Mal wehrte ich ihnen nicht. Und wußte, warum ich eS nicht tat. Die Arbeiter lagen um das Brunnengerüst und tranken von dem Wein, den ich ihnen gespendet hatte. Es wurde Abend, und mir schien, als komme eine helle, kühle Luft von dem neuen Waffer meines Brunnens. Und als es dunkel wurde, kam aus dem Dorf ein Zug von Menschen in sauberen Arbeitsgewändern, die anderen! Sie gaben mir die Hand, beglückwünschten mich, gingen zum Brunnen und sahen hinein, bevölkerten den ganzen Platz mit emer hellen, lärmenden Fröhlichkeit und blieben bei mir, bis tief in die Dunkelheit hinein. Und ich stand dabei und konnte es ihnen nicht wehren. Ich hatte gedacht, daß ich zu ihnen kommen würde mit dem ganzen Stolz dessen, der sich selbst behauptet hat und mit der Kraft des selbständigen Menschen, der keinen anderen braucht. Und nun waren sie da in hellen Scharen und bewegten sich hin und her wie Menschen, denen Niemand es wehren kann, wie Menschen, die ein Recht darauf haben, Hier zu gehen und mich mit ihrer Freude bis zum Ueberdruß zu überschütten." Wenn ich nur ihre Stimmen hörte, wie sie lachten, wie sie sprachen und sangen, wke sie sich benahmen, als stände nichts, gar nichts zwischen uns, dann stieg mir das Blut in die Stirne. Die Freude an meinen neuen Brunnen war dahin. Und wie die Verbitterung weiter und weiter in mir stieg, da hatte ich auf einmal den rachsüchtigen Wunsch, daß das Wasser aus meinem Brunnen wieder versiegen möchte, damit ich nicht einmal die Freude darüber mit ihnen zu teilen brauchte, Denn nichts wollte ich mit ihnen gemeinsam haben, nicht einmal dieses Gefühl der endlich erfüllten Wünsche. Und als sie endlich gingen, war meine Seele bis zum Rande gefüllt mit Bitterkeit. Am nächsten Morgen galt mein erster Gang dem Brunnen. Der Zorn des Abends war verstogen. Ich wollte die erste Labung des neuen Tages aus meiner Quelle holen. Meine Augen waren noch halb geschlossen von dem zuftiedenen Schlummer der Nacht, und so sah ich nichts, als ich in den Brunnen blickte. Ich rieb mir die Augen — und sah doch nichts. Ich wurde unruhig und sah in das satte Grün der Bäume, um meine Augen etwas zu stärken, und sah wieder in die Tiefe. Nichts! Meine Angst wuchs. Ich nahm einen Stein und warf ihn in den Brunnen und lauschte fiebernd, um unten das Aufklatschen auf dem Wasser zu hören. Eine lange Pause. — Dann ein Ton, wie wenn Stein aus Sand aufschlägt. Noch ein Stein. Das dumpfe Echo kam zurück. In sinnloser Wut warf ich Stein auf Stein in den BrUnnen, ganze Blöcke wälzte ich herbei, warf sie hinein und wollte das Schäumen des Wassers hören, und hörte nichts und ewig nichts als den dumpfen Ton, wie wenn ein Stein aus Sand aufschlägt. Das Waffer war fort, weggesickert, irgendwohin. Nicht eine Spur von Feuchtigkeit gab Hoffnung. Bis zur Verzweiflung klang das trockene Geräusch, wenn ich Steine hineinwarf. Doch dann wurde es still, unheimlich still innen und außen. Ich fluchte nicht mehr, denn langsam ahnte ich eine vergeltende Gerechtigkeit. Ich wurde scheu und einsam. Der Hof wurde leer. Ein Knecht nach dem anderen kam und bat, fortgehen zu dürfen. Sie hielten es nicht mehr aus bei mir, und ich war froh, daß nicht tagtäglich ihre vorwurfsvollen Augen in meiner Nähe waren. In diesen Nächten bin ich grau geworden, so grau wie jetzt, und arm dazu. Da unten im Dorfe zog das neue Leben seine heiteren Kreise, doch eine unsichtbare Mauer stand zwischen hier und dort. Niemand kam mehr zu mir. Wenn sie gewußt hätten, daß ich jetzt zuweilen unter den höhen Eukalypten im Schatten stand und nach unten sah und wartete, ob niemand mir vergeben hatte und mir einen Gruß und ein freundliches Wort entgegen brachte! Aber es war, als sei ich für die da unten gestorben. Da gab ich den Kampf auf und zog mich stumm und grollend zurück. Ich hatte nichts mehr, woran ich mich freuen konnte, nicht einmal den Besitz, der mich einst so stolz gemacht hatte. Der Brunnen hatte mein letztes Geld verschlungen. Ich war ganz arm. Bitter kam mir das zu Bewußtsein, als nach ttner reichen Ernte einer aus dem Dorfe zu mir kam und mir Geld brachte, das sie mir schuldeten. Er sagte nichts. Zählte nur die goldenen Münzen auf dm Tiscy und ging hastig fort. Da wußte ich, daß ich nicht mehr ihr Bruder war! Einsam sein unter Brüdern tut weh. Ich fühlte, daß ich Menschen um mich haben mußte. Da ließ ich den Sohn meines Bruders kommen, auch aus Amerika. Der kam und brachte einen kletrlen Jungen mit, einen lieben, schwärzköpfigen Kerl. Der hatte Zutrauen zu mir und nannte mich Großvater. Es war mein Augapfel und fürchtete sich so gar nicht vor dem alten mürrischen Mann, zupfte mir strafend den Bart, wenn ich einmal aufbrauste, und er verlangte, daß ich mit ihm spielte. Gleich am ersten Tage fchlenderte er in das Dorf hinein, und ich wollte es ihm nicht wehren. Bald hatte er eine Menge kleiner Freunde gesunden, die er mit zum Hof brachte. Doch das war zuviel für mich. Ich scheuchte sie weg, so wie man fremde Hunde fortjagt, und dem Jungen verbot ich, wieder ins Dorf zu gehen. Dann saß er schmollend am Brunnen und baute im Sande, warf Steinchen hinein und horchte aus das Echo. Schreck und Scham packten! mich, als ich ihn so sah. Hastig riß ich ihn fort. „Du sollst nicht wieder an den Brunnen gehen!" herrschte ich ihn an. „Großvater", meinte er schüchtern, „es ist ja gar kein Waffer darin, ich kann doch nicht ertrinken." „Nein, Wasser ist keines darin!" Ich hätte das Kind schlagen wögen in diesem Augenblick! „Was ist denn darin, Großvater?" fragte er. „Nichts als Steine" —-die Erbitterung würgte mir den Hals zu-«und Großvaters ganzes Gold". Die schwarzen Augen wurden ganz groß: „Großvaters ganzes Gold, sein ganzes Gold? Und man kann es sehen, wenn man htneinschaut?" Mir wurde bange: „Nein, man kann nichts sehen. Versprich mir, daß du nicht wieder an den Brunnen gehst." In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Es war wieder die Zeit, wo der Spatregen einsetzte. Es war ein Abend gewesen, so still und warm wie dieser Abend. Wolken waren am Himmel gewesen, ganz kleine Lämmerwölkchen, wie vorhin. Sie schwebten hoch, sehr hoch, trieben vor dem Winde und wollten nicht Regen abgeben. Aber des Nachts löste sich der Regen und kam herunter, praffelte auf das Dach und gegen die Fenster. Er lief in kleinen Strömen an der Hausrinne herunter, und ich hörte das Plätschern und Murmeln des Waffers. Ich, dachte an den Brunnen, an die Nacht, da nach einem solchen Regen Wasser in der Tiefe war, blankes, helles, frisches Waffer. —: — Da war es mir, als hörte ich Steine tief unten im Brunnen ansschlagen. Ein Steinchen nach dem anderen. Doch dann war es wieder nichts. Die erregten Sinne hatten mich wohl getäuscht. Ich hörte nichts als das Prasseln der großen Regentropfen und das Murmeln der kleinen Wasserströme. Ich warf mich in die Kiffen zurück. Da ging es wieder so, wie wenn Steine auf Waffer aufschlagen. Ein 'Geräusch, das mir nur zu wohl bekannt war, das anklang an das Geräusch, als die Steine unten auf trockenen Sand auffielen, und das Wasser war weggesickert in den durstigen Boden. Das ganze qualvolle Ringen der letzten Jahre stand wieder vor mir, der große, hartnäckige Kampf, der mich Vermögen und Seelenruhe gekostet hatte. Ich hatte mich abgesondert von der Gemeinde und war unterlegen zur Strafe. Dicht lag das Dunkel über der Nacht. Durch die aufgeregten Gedanken klang eintönig das Geräusch des fallenden Regens. Und dann war es, als ob ein großer, ein ganz großer Stein auf das Waffer fiel: klatsch! Im Geiste sah ich die Wellen des Brunnens laut aufschäumen und spritzen. Dann wurde es ruhig. Es ging zum Morgen und ich schlief ein. Beim ersten Sonnenstrahl ging ich hinaus, und ungewollt fand ich den Weg zum Brunnen, diesen Weg, den ich an jedem Morgen ging, wie zur Buße und aus Reue. Der Boden war naß. Ganz durchsickert von Feuchtigkeit. ^Große Wasserlachen standen im Wege, und das Laub war grün und glänzend. Hell stand die Sonne in den gleißenden Waffertropfm. Ganz fröhlich und versöhnend lachte das Land. Der Regen hatte einen Balken des Brunnengerüstes unterwaschen, das immer noch stand, und oer Balken war quer über den Weg in eine Wasserlage gefallen. Jetzt wußte ich, woher das Geräusch in der Nacht gekommen war. Und als ich mich bückte, um den Balken aus dem Wege zu räumen, da sah ich in den Brunnen.. Ich glaube, ich bin zusammengebrochen am Rande. Denn unten war Wasser! Quellendes, rieselndes Wasser! Wasser, dem man es ansah, daß es aus einer Quelle kam, sreigewaschen durch die Ströme des Regens. Ich bin vor dem Brunnen niedergekniet und habe gebetet, heiße, stammelnde Gebete. Der Stolz des Siegers lag darin und die demütige Freude, nicht gestraft zu sein. Aber die Strafe kam. Sondere dich nicht ab von der Gemeinde! Das Leben deines Hauses kannst du ihr vorenthalten, aber deine Kräfte darfst du ihr nicht entziehen. Das ganze Haus habe ich geweckt, schickte Boten zu den Brüdern unten im Dorfe, wollte alle teilnehmen lassen an meiner Freude, vergaß meinen Stolz und meinen Hochmut und fühlte mich den anderen gleich. Doch der Junge war nicht dabei. Der Junge mußte das doch sehen! Ich ging in sein Zimmer und rief, um ihn zu wecken. Wollte ihn leise aus dem Schlaf heben und ihn aus den Armen hinuntertragen und ihm Großvaters goldenen Schatz zeigen, der ganz aus den Tiefen heraufgekommen war. Und ein hohes Gitter mußte der Brunnen haben, damit der Bube nicht htneinfallen konnte. Das Bettchen war leer. Was soll ich dir noch viel erzählen? Wir suchten. Umsonst. Niemand hatte ihn gesehen. Alles war bestürzt und wußte nicht Rat. Doch Plötzlich wußte ich! Das Aufschlagen der kleinen Steine. Der schwere Fall. Großvaters goldenen Schatz wollte er sehen, Großvaters goldener Schatz hatte es ihm angetan, der Schatz, dort ganz unten, gleißend und geheimnisvoll verborgen. Er hatte so große, sehnsüchtige Augen, der Junge. Dann haben sie den Jungen aus dem Brunnen geholt. — Und jetzt gibt der Brunnen Waffer. Das ist die Strafe. ~ Sondere dich nicht ab von der SMeindd!

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