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Der Israelit · 1920-12-02 · Heft 48 (2.12.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 48 (2.12.1920)
Date
1920-12-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 4Ä Teile D,r JSraeM. Daniel schwieg. ES war dunkel geworden, und in schwachen Umriffen lagen die Dinge vor uns. Das Land versank in Nacht. Kleine Steinchen nahm Daniel auf und warf sie in den Brunnen. TinzelOund bedächtig. Und von unten herauf kam die Antwort: pttsch — patsch. — — Mir waren die Sinne so schwer, als ich. durch die Nacht hetmging. DasLhanukaglück imWollenlratzer. Von Hermann Seckbach. „Ja, ist es denn wahr, ich soll hier bei Ihnen wirken dürfen, ich soll all daS verwirklicht sehen, wonach ich mich seit Jahren sehne?" Mil zurückgehalrener Aufregung richtete diese Worte ein bläh aussehender junger Mann an den vor ihm sitzenden älteren Herr«. Beide befanden sich in dessen Arbeitszimmer, einem vornehm ausgestatteten Raum, -er an Behaglichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, dennoch aber unschwer, den Beweis erbrachte, daß hier eine rührige Tätigkeit entfaltet wurde. Die Auswahl der die Wand schmückenden Bilder lieh feinstes Kunstverständnis erraten; was aber dem Ganzen besonderen Retz verschafftedas waren die prachtvollen Cyarakterköpfe jüdischer Giöhen. Neben dem pietätvoll über dem Schreibtisch hängenden Familien, bildern sah man die geistvollen Köpfe berühmter jüdischer Gelehrter. Alles machte auf den Besucher -en Eindruck, als ob in diesem Raume EdleS und Schönes vereinigt sei. In der Tat befand fich der junge Mann bei einem bekannten Philanthropen, besten Betätigung im Sinne und im Geiste der großen Gelehrten, die ihn bildlich um. gaben, weithm bekannt war. „Nun, mein junger Freund, ich kenne Ihre Lebensge chtchte zur Genüge; ich.weiß, -aß Ihre Jugend umspült war von den Wogen deS Leids, und -aß manche hochgehende Welle Ihnen persönlich oft Schweres brachte. Daß Sie aver dennoch Ihren Weg gefunden haben, ja, daß Sie gerade im jüdischen Sinne sich Ihren Idealismus erhalten haben, das veranlaßt mich, Sie als Freund und Mitarbeiter bei mir aufzunehmen. Sehen Sie, mein Lieber, gar viele Menschen vermeinen, keinen Ausweg zu finden aus dem Labyrinth unseres Daseins, wenn das Glück ihnen scheinbar nicht hold ist. Der eine wird durch Schickungen und Fügungen, dte ihm beschieden find, gefestigt, der andere halt den Prüfungen des Lebens nicht stand, und die Folge davamist eine ewige Verbitterung gegen sich, seine Umgebung und seine Mirmenschen. In der Selbstüberwindung, lieber Freund, im Gottvertrauen, im mutvollen Aushalten, darin liegt der Weg, der zur Zufriedenheit führen kann. Seien Sie mir nun herzlichst willkommen, und jetzt bitte ich Sie, gehen Sie mit mir, meine Frau wird fich freuen, Sie kennen zu lernen, und bei einer Taffe Tee können wir noch ein bischen plaudern." So fand Joseph Selig im Hause des Philanthropen Jacob Bernheim Aufnahme. Wochen vergingen-inmitten einer vornehmen Pracht, umgeben von einer feingeistigen Sphäre labte sich Selig in vollen Zügen aus den Quellen edelsten Menschentums, die ihn in diesem Hause erquickten. Die Worte, die Bernhetm am ersten Ta§e an ihn richtete, flössen wie Balsam in seine dürstende Gele, er hatte recht! Schwer, allzuschwer war seine Jugend gewesen. Frühzeitig verwaist, fast immer leidend, stand er abseits von allen Freuden der Jugend, und so legte sich ein früher Reif auf sein Schicksal. Und doch, das Blut seiner Mutter, die einer alten jüdischen Gelehrtenfamilie entstammte, rollte durch seine Adern. Arm an materiellen Werten, aber innerlich reich, voller Ideale baute er Luftschlösser und sah im Geiste wie er, dem der Weg so stemlg war, den Bedrückten und Verlassenen Führer würde. Ein unstillbares Verlangen nach einer entsprechenden Wirksamkeit ergriff ihn, und er fühlte sich berufen, nicht tatlos sein Leven zu verbringen. Ach, ihr Menschen, die ihr Wohltaten audzuüben glaubt, was wißt ihr, wie es in der Seele derer aüssieht, denen keine Sonne ihr schattenreiches Dasein erhellen kann. Ihr meint, genug geleistet zu haben, wenn ihr aktenmätzig für die, deren Schicksal in eueren Händen liegt, Hülfe leistet, aber wo ist der Funke, der hinüberglüht von Mensch zu Mensch? Wie alles Gesetz eines Schöpfers ist, so sind Leid, Jammer und Elend nicht selbstgewählte Fügungen, sondern sie sind da, damit wir Menschen mttfühlen, mtlhelfen, milleiden können, und dieses so ausgelöste Mitleid bringt erst den Ausgleich für die, denen Reichtum, Besitz und Macht von der Vorsehung beschützen sind. Wie oft hatte Seligs Mutter ihm als kleinen Jungen schon dem Sinne nach diese Gedanken etngeprägt, wenn arme, kranke oder sonst hilfsbedürftige Personen sie aufsuchten. Einmal, er erinnerte fich des Falles noch ganz genau, war es kurz vor Schabbos, als eine abgehärmte, blaß aussehende Frau zur Mutter kam und ihr ihr Leid klagte. Der Mann krank, sieben unversorgte Kinder, keine ordentliche Kleidung und was sonst noch für trauriges Elend damit verbunden ist. Da zog die Mutier ihren Rock vom Körper und gab ihm der Armen. «Siehst du, mein Junge, wir sitzen warm, wir haben gottlob das Nötigste, da soll so ein bedauernswertes Wesen nicht leer ausgehen!" Wie haben die Zeiten fich verändert! Wohl fließen jetzt reiche Gaben, wenn es gilt'zu Hessen, aber wo find die Häuser, die ihre Pforten denen öffüen, die heimatlos umherwandern, und wo find die Tische, an deren Ecke der Platz für den Bedürftigen und Thorakundtgen geheiligt bleibt? ... Während Selig so seinen Gedanken nachhing, war er Gegenstand der Unterhaltung zwischen Bernheim und deffen Frau. Esther Bernheim war eine jener jüdischen Frauen, deren vornehme Einfachheit jeden entzückte. Was aber ihrer Person besonderen Reiz gab, das waren ihre so gütig dretnblickenden Augen. Man empfand in ihr die Persönlichkeit, welche dem Hause Bernhetm die Poesie gab. „Ja, Liebling, sag, habe ich mit unserem Selig nicht die richtige Wahl getroffen? Er' wird meine Pläne und meine Hoffnungen verwirklichen, deffen bin ich sicher. Meinst Du nicht, Esther?" „Du hast schon immer den richtigen Weg gesunden, mein Guter, aber so ganz weiß ich immer noch nicht, was du mit ihm vorhast." „Das will ich Dir sagen. Du kennst meine Lebensgeschtchte, Esther, wie oft habe ich Dir geschildert, welch armen, bitter armen Berhältniffen ich entstamme. Von Hause früh weg, wandernd von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, um schließlich doch auf keinen grünen Zweig zu kommen, landete ich zuletzt überm Meere. Und drüben — ein Leben voll Sorg und Müh, voll schwerer körperlicher Arbeit. Weißt Du, Schatz, tfi einem Wolkenkratzer hoch oben in schwindelnder Höhe, dort hauste ich, dort verbrachte ich sorgenvolle Tage und Nächte — bis das Glück mir nahte. Es war am Chanuka, als ich mit Tränen in den Augen die Lichter entzündete. Gerade hatte ich, wehmütigen Herzens der Heimat gedenkend, einige Strophen des Moaus Zur gesungen, als die Türe sich öffnete und ein fein galonierter Diener mich bat, mit ihm zu kommen.. Auf meine Frage, nach dem Zwecke, gab er mir zur Antwort, daß der Besitzer deS gegenüberliegenden GeschäftsgebäudeS mich zu sprechen wünsche, weitere Auskunft konnte er nicht geben. Ich bar den Diener, noch einige Minuten zu verweilen, und als die Chanukalichter erloschen waren, folgte ich ihm beklommenen Herzens. Man führte mich durch prachtvolle Räume, in kostbaren Teppichen versank mein Fuß, und schließlich stand ich in einem verhältnismäßig kleinen Raum vor einem älteren sympattsch ausschauenden Herrn. „Nicht wahr, Liebling, jetzt strahlst Du, na höre weiter zu. „Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie hierher bitten ließ"; mit diesen Worten begrüßte mich der alte Herr, „aber ich möchte Ihnen kurz den Grund saaemn'Seit einigen Tagen beobachte ich von meinem Arbeitszimmer aus mit Gefühlen, die mich sehr wundersam berühren, wie drüben hochoben ein Lichtlein nach dem anderen entzündet wird, und da überfiel mich plötzlich mit aller Macht ein unstillbares Sehnen, hier bet mir, in meinem Hause, mitten in meiner Familie diese Ltchtlein entzündet zu sehen. Ehanuka, der Zauber meiner Kindheit umhüllte mich. Ich ließ Erkundigungen einziehen, wer in mir diese Erinnerung erweckt hat, und so erfuhr ich, das will ich Ihnen offen sagen, von Ihren Sorgen und Nöten; und nun mache ich Ihnen kurz und bündig den Vorschlag, bet mir etnzutreien, und dte Bedingung, die ich daran knüpfe, ist die, daß Sie mir eine vergnügte Chanukasttmmung mitbringen sollen." „Du weinst, Liebling, ach, ich danke es heute tausendmal dem Allgütigen, daß er mich erst heranreifen ließ, bis ich den Wechsel des Glückes voll genießen durfte. Dort im Hause meines Wohltäters lernte ich Dich, sein Mündel, kennen und — lieben." Du Guter, warum übermannt dich heute diese alte Erinnerung?" „Alt, sagst Du, Schatz, so jung pulsierend unsere Liebe ist, so lebendig und frisch steht all das Vergangene vor meinem Auge, und jetzt, mein liebes Weib, will Ich dir verraten, was ich mit Selig vorhabe. Als wir, nachdem Dein Onkel, mein edler Wohltäter, dessen alleiniger Erbe ich wurde, starb, in unsere Heimat überstedelten, da nahm ich mir vor, meine Vergangenheit mir als Richtschnur zu nehmen, wenn es gilt, Hilfe zu leisten. Nicht im Verwaltungswege läßt sich Einblick gewinnen in die Herzen der Notleidenden, sondern wir müffen sie kommen lassen, müffen sie beobachten und wüsten so Mittel und Wege finden zur Hilfeleistung. Du, meine gute Seele, warst bisher mein treuester und hingebungsvollster Mitarbeiter, und was ich an Dir bewundere, das war Dein vertrauenvolles Eingehen auf meine Ideen, und nun, da wir wiederum vor Ehanuka stehen, wo die Ltchtlein, die mir das Glück meines Lebens brachten, erstrahlen, da möchte ich eine Merkschenseele beglückt sehen. WaS wir bisher gem> infam durchdachten und bearbeiteten, das will ich nunmehr versuchen, in andere Herzen einzupflanzen. Von Familie zu Familie soll die alte jüdische Austastung von warmer Gemtluth - Chesed - Uebung übertragen werden. Die Jugend wird dann erst den Wert des Lebens in der ganzen Größe erfassen, wenn sie selbst die Schatten ihres sonnigen Daseins empfindet. Diese Verbindung von Haus zu Haus benötigt neben der ideellen Betätigung viel prakiische Lösungen, und nun soll es Aufgabe unseres Freundes Seelig sein, den zu beschreitenden Weg der Hilfeleistung mit uns zu beraten und das Weitere durch die einzelnen Familiengruppen zu veranlasten< So werde ich den Dank, den ich meinem Schöpfer schulde, abzutragen versuchen." Da umschlangen weiche, zarte Frauenhände den geliebten Mann. . „Wahrlich, Du Einziger, wenn nur ein geringer Teil der Judenheit so denken und wirken würde wie Du, dann wäre unserer Zeit Und unserer Jugend &«• Höchste, das Beste und Edelste beschieden." Draußen rüttelt der Sturm, eine kalte, eisige Luft geht durch alle Fugen, ooen in einem Dachslock sind dte Chanukaltchtlein am Verlöschen, auf einem schmalen, harten Bette liegt ein Jüngling und reiht sich die Augen; waren nicht tausend und abertausend Ltchtlein, die eben hier brannten, und so mollig warm war eS; doch nein! Draußen saust der Wind, eS ist bitter kalt, kein Feuer, keine Wärme, nur die verlöschenden Chanukaltchtlein, Hab — ich — geträumt?- Ainderecke. Shanuka-Scherze. Die einst so beliebten Chanuka-Sche^e gingen meistens darauf aus, dte Zahl der Ehanuka- Lichter durch ein Wortspiel zu bestimmen. Diese Zahl beträgt 44 und zwar 36 die Anzahl der ergentlichen Chanuka-Ltchter, dazu jeden Abend ein Anzünder, im Ganzen 8. Das bekannteste Wortsptel ist wohl das der Stdra von 73V (fptt) 73137 entnommene: 338 DP» 13^> nav (Kaufet uns ein wenig Getreide); statt vrffen sagte man 13'? 1731P „zerbrechet 137? im Zahlenwerte 86, wovon die Hälfte 43,- dazu 738 BP», dr Wentgste vom Worte 738, das ist das Aleph, gleich eins,- also zusammen 44. — Ein ähnliches Scherzwort ist das folgende: Die Kinder einer Schule erbaten am Chanukafest einen fretenNachmittag. „Wenn ihrmir", sagteder Lehrer, „einen neuen Chanuka-Scherz auffindet, so will rch euren Wunsch erfüllen". — Sofort rief ein geistreicher Knabe: 13D7V313738173V3 737. „Dte Schlinge war zerbrochen, und wir durften entrinnen." Das Wort 7V „Schlinge" hat einen Zahlenwert von 68) tste Hälfte davon beträgt 44. Natürlich wurde der freie Nachmittag sofort gewährt. — Mehr witzig als geistreich sind die Wortspiele: „Löb fall in Schnee" und „Mansche, zieh den Rock aus." Löb, 3'^, hat im Zahlenwerte 42, und Schnee: 2V, heißt 2, zusammen 44- 7VÖ hat den Zahienwert von345, pm (Rock), den von 301,- wenn man von 345 die Zahl 301 subtrahtrt, erhält man 44. Andere Cyanuka-Scherze gehen darauf aus, das Wort 73137 anzudeuten. Hiervon einige Beispiele: 7V V281 p87 DP 7V 1'38 nü : 73137 «san nai d’ODö Das in der Thora erwähnte pan DP (Volk des Landes) sind die nn '33, deren Vater also 77, gleich dem Buchstaben 7, dazu den Vater deffen, der dte Israeliten in das heilige Land führte — Josua bin Nun — gleich dem Buchstaben 2/ dazu das Wort,731, so ist 73137 gefunden. — Ganz ähnlich ist das folgende: 83Cö7 731 D7» '33 73 bV V28 83tQV 7Ö 7p : 73137 Was der Vater des Menschengeschlechts, Noach, gefunden, das ist [7, wie es heißt 731 ,7 '3'P3 17 82£ö; verbunden mit 731 ergiebt 73137 Diese Scherze waren sowohl in den östlichen wie westlichen Lehrhäusern bekannt. Um' mit etwas Ernstem zu schließen, mag der nachfolgende rätselhafte Midrasch hier erwähnt werden. D73 DND13V D'D'71*?8 ,73 V8 183 D2V D'3V .7^77 78 „Zwei und zwei kamen sie zu Noach — das sind dte Tage, an welchen man das ganz Halle! sagt." Der berühmte Rabbi Schamschon Ostropolle löste das Rätsel: „Zwei", das sind dte beiden ersten Tage des Petzachfestes; „und zwei", das sind die beiden Tage des Wochenfestes- 183 hat in der Zahl 9, das sind die neun Tage Suckoth (mit 7"V1 P"V)? 73 78 hat gerade so viel in der >hl wie 73137 (89), das sind die acht Tage hanukah. —

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