Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1920)
- Date
- 1920-12-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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2. Dezember 1S2» r»fnng auf eine Anzahl konkreter Fälle, die furchtbare Notlage der ihrer Stellen beraubten jüdischen Lehrer aus Posen, Westpreußen, Elsaß schildert, die aus Grund des geltenden Volksschulunterhaltungsgesetzes an den allgemeinen Volksschulen keine Anstellung finden. Die Eingabe sucht nachzuweisen, daß die hier angewandten Bestimmungen des Volksschulunterhaltungsgesetzes verfassungswidrig und.daher rechtsungültig sind. enlfpanmmgin 9er Lage Ser jlMckien Arbeiter in Oberfdilefien- FSreslarr, 28. November. Das Jüdische Arbeiterfürsorgeamt, Berlin, schreibt uns: Wie bereits von uns seit längerer Zeit mehrfach berichtet wurde, hatten sich in Oberschlesien durch die schlimmen Hetzereien, die sowohl von deutsch-nationaler, wie* polnisch-nationaler Seite gegen die dort befindlichen ostjüdischen Arbeiter betrieben wurden, in Oberschlesien c^roße Mtßhelltgkeiten ergeben. Obwohl die überwiegende Mehrzahl der in Oberschlesien sich aufhaltenden jüdischen Flüchtlinge im Bergbau und in der Schwerindustrie produktive Arbeit taten und mit ihren deutschen Arbeitskollegen durchweg vortrefflich auskamen, wurden in den Muben unter Tag die polnischen Arbeiter derartig verhetzt, daß während der Unruhen im Juli und August es zu schlimmen Gewalttätigkeiten gegen die dort befindlichen jüdischen Bergarbeiter kam. Es dürfte auch noch bekannt sein, mit wie grausamen Mitteln mehr als 500 jüdische Arbeiter während dieser schlimmen Tage über die Grenze nach Polen abgeschoben und dort einem fürchterlichen Schicksal entgegengesührt wurden. Nunmehr scheinen aber die Bemühungen und Verhandlungen, die das Arbeiterfürsorgeamt Berlin im Zusammenhang mit seiner Zweigstelle Kattowitz geführt hat, ein Ergebnis erzielt zu haben, das gleicherweise die Interessen des oberschlesischen Landes, wie die der Humanität und der Neutralität den Flüchtlingen gegenüber berücksichtigt und befriedigt. Die Interalliierte Kommission in Oppeln hat, wie uns berichtet wird, Bestimmungen über das Aufenthaltsrecht der in Oberschlesien befindlichen j ostjüdischen Flüchtlinge herausgegeben, die sich von jeder antisemitischen Voreingenommenheit freihalten. Diese im Interesse der Staatsraison liegende Regelung ist auf der einen Sette, soviel wir hören, tatkräftig gefördert worden durch den deutschen Bevollmächtigen bei der Alliierten Kommission, auf der anderen Seite war es ganz besonders Major Watte, der die Verhandlungen durch seine vorurteilslose und menschenfreundliche Haltung besonders erleichtert hat. ptcmen. Die JDieöerftehr 9er Jefchiroaus In Litauen. Kowno, 28. .November. Die Heimkehr der Leitung der Slobotkaer Jeschiwa aus der ukrainischen Verbannung nahm die hiesige AgudasJisroel zum Anlaß einer großen imposanten Versammlung, die einen herrlichen Verlauf nahm. Auf den ersten Plätzen sah man Herrn Oberrabbtner Schapiro und Neben dem Leiter der Jeschiwa, Rabbi M. Eppstein, alle Lehrer der Jeschiwa, die mit ihm aus der Verbannung heimgekehrt sind. Eingeleitet wurde die Versammlung mit einem kurzen Begrüßungswort des Herrn Rabbiner B. H u r w t tz aus Alekschot. Er .sagte, die Kownoer Agudas Bisroel sei in schwerer Stunde geboren, zu einer eit, da die Besten der litauischen Judenheit in der Fremde weilten. Sie tat trotzdem im Bereiche der Möglichkeit ihre Pflicht. Nun kam die Langersehnte Stunde, da die Jeschiwa zu neuem Leben erwacht, womit sich auch neue Aufgaben und neue Arbeitsmöglichkeiten für die Aguda eröffnen. Er begrüßt die Heimgekehrten und schlägt Rabbi Eppstein als Ehrenvorsitzenden des Komitees vor. Nach seinen weiteren Vorschlägen werden per Akklamation gewählt: Herr S. Merkel zum Vorsitzenden, die Herren Rabbiner Dwortz und »er Israettt. . Most zu Beisitzenden. Nach Dankesworten des Herrn Merkel ergriff Rabbi M. Eppstein das Wort zu seinem Referateer führt im wesentlichen aus, daß nach seinen Erfahrungen in den letzten Jahren seiner Wanderung das gesetzestreue Judentum auf keine der Strömungen und Bewegungen, die jetzt die jüdische Welt beherrschen, seine Hoffnung setzen darf. Auch sei eine Benutzung dieser Parallelbewegungen als Hilfsfaktor nicht denkbar. Mit etnem Htlltlschen Ausspruche legt er jedem Einzelnen die Pflicht ans Herz, in die Arbeit für Agudas Jisroel einzutreten. Herr Schereschewsky erstattet dann Bericht über die Preßburger Konferenz, der von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört wird. Den Rechenschaftsbericht der Kownoer Aguda erstattete Rabbiner M o st. Aus seinen Angaben ist zu entnehmen, daß in den Chadarim der Agudas Jisroel in Kowno mehr als 150 Kinder unterrichtet werden, ebenso die Unterhaltung der Jeschiwa „Atereth Zewi". Hervorzuheben ist auch, daß die Wahlen in den Stadtrat zum Resultate hatten, daß von den Gesetzestreuen mehr als aus allen anderen Parteien gewählt wurden. Das Präsidium besteht aus .den Herren Rabbiner Epp.stein, Rabbiner Hurwitz, Rabbiner JoblonFki, S. Merkel, Nowisko, und R. L. Jnterlikter. Zu Vizepräsidenten wurden gewählt die Herren Rabbiner Most und Grodzinskt aus Kowno und Herr Rabbiner Dwortz aus Jod. Gesterreirh. PaläfiinaRUctunan3erun8- Wien, 22. November. Die Palästinazentrale der Agudas Jisroel unter Leitung des Herrn Rabbiner Josef Baumgarten hat in Fortsetzung ihrer Aktion am 22. November wieder 84 Kriegssiüchtlinge aus Palästina in ihre Heimat zurückbefördert. Infolge des schlechten Standes der österreichischen Valuta hat dies eine größere finanzielle Anstrengung für die Palästinazentrale der Agudas Jisroel bedeutet, doch gelang es mit Hilfe der energischen Sammeltätigkeit insbesondere des Hilfskomitees der Palästinazentrale unter Leitung des Herrn Josef Brody und seitens der Palästinasektion der Jugendgruppe die hierzu nötige Summe, rund eine Million Kronen, aufzubringen. Die Flüchtlinge wurden nicht nur mit Kleidungsstücken und Lebensmitteln, sondern auch mit Näh- und Strickmaschinen ausgestattet, sodaß sie, in die Heimat zurückgekehrt, eine Existenz gründen können. Der Transport war schon am 18. d. M. einwaggoniert, doch mußten die Flüchtlinge durch den ausgebrochenen Eisenbahnerstretk auf der Südbahnstrecke in die Stadt zurückbefördert werden und wurden im Schullokale der Jessoda Thora der Adaß Jisroel (Schiffschul) untergebracht und verpflegt. Die politischen Behörden haben auf Intervention der Palästinazentrale der Agudas Jisroel trotz der strengen Handhabung der Ausweisung von Fremden den Palästina-Flüchtlingen gegenüber das weitmöglichste Entgegenkommen bewiesen. Ungarn. Nus Ungarn- Budapest, 18. November. Die Aktenstücke, die die ungarische Friedensdelegation vor Monaten der Entente in Neuilly überreicht hat, enthalten auch eine Fülle statistischer Daten, die aus die Zugehörigkeit der ungarländischen Juden zu den Nationalitäten und auf die Auffassung, die die damaligen ungarischen Delegierten mit dem derzeitigen Ministerpräsidenten Grafen Paul Telekt an ihrer.Spitze betreffs der Zugehörigkeit dieser Juden teilten, scharfe Streiflichter wirst. So zählen z. B. die Juden Siebenbürgens zu den Ungarn. Ein zweites Aktenstück beleuchtet die Zunahme der Juden Ungarns in drei Dezennien und stellt Hierbei fest,, daß im Jahre 1680 58,5°/.. der ungarischen Judenfchaft ungarischer' Zunge war, ___No. 48 Sette 5 daß im Jahre 1910 bereits 76,9% dieser Judenschaft die ungarische Sprache beherrschten. Am 14. Januar 1920 konstatierten also die maßgebenden politischen Kreise Ungarns, daß die Juden zum.ungarischen Elemente gehören. Seither ist noch kein ganzes Jahr verflossenkann es mit Vernunft angenommen werden, daß die Juden sich in dieser kurzen Frist zu Gegnern des Ungartums umgewandelt haben sollten? * * * Bet der Einsetzung des neuen Obergespanns Szekszard erwiderte der neue Funktionär auf eine, die Zugehörigkeit zum Ungartum betonende Begrüßungsansprache des dortigen Rabbiners Dr. Matthias Rubin stein, daß er mit Freude vernehme, daß das Judentum sich als zum Ungartum gehörig deklariere. So könne das Judentum „auf Verzeihung" rechnen. Dr. Rubinstein erwiderte sofort mit folgenden Worten: „Das Judentu.m bedarf keiner Verzeihung, da es nichts gesündigt hat. Die gesündigt haben, die haben sich selber aus der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen und wir haben sie selber aus unserem Glauben, aus unseren Herzen ausgeschlossen." JJxrijen* Um öen Sabbat- Warschau, 26. November. In den Landtagsdebatten über die Konstitution am 18. November wendet sich Rabbiner Halpern in äußerst eindrucksvoller Rede gegen den Artikel 115 und erklärt, daß sich die Orthodoxie mit dem gutgemeinten Verbesserungszusatz Grünbaums nicht begnügen könne. Die religiösen Interessen müssen auch über die politischen und militärischen gestellt werden. Zur Sabbatentweihung dürfe keiner gezwungen werden, es sei denn, daß eine Gefahr für den Staat bestehe. Er formuliert in diesem Sinne seine Zusatzanträge. Offener Brief. Warschau, 22. November. In polnischen Blättern ist ein Offener Brief des Tschenstochauer Rabbiner Rabbi Asch an Lutoslowski abgedruckt, in dem all die Angriffe des Geistlichen auf die jüdische Religion mit Beweisen und Belegen aus Bibel und Talmud zurückgewiesen werden. Der Rabbiner gibt Lutoslowski den Rat, sich Kaftan und Bart zu zulegen und sich so in die nichtjüdischen Gaffen hinauszuwagen, zur Gegenprobe aber dann als katholischer Geistlicher durch die jüdischen Gaffen zu wandeln. Er würde dabei leicht feststellen, wo die Liebe und der Geist der Versöhnung zu Hause sind ... Yerjroeiflungsfdirei aus 9er Ukraine. Warschau, 26. November. Die jüdische Gemeinde in Krasfilow, Ukraine, veröffentlicht im Warschauer „Jud" folgenden Aufruf „an die Juden der ganzen Welt": „Rettet uns aus der Hand der Räuber und Mörder, der Peiniger unserer Frauen und Schwestern!. Tut alles, was Ihr könnt durch politische Intervention oder durch Erleichterung der Emigration, oder sonstwie! Denn jeder kann bei uns jeden Augenblick Eigentum und Leben verlieren, jeder kann uns straflos töten! Rettet uns vor schändlichen Tode und vor dem Hungertode! Nicht mit Almosen kann der ukrainischen Judenheit geholfen werden, die der Vertilgung preisgegeben ist. Drei Jahre schon badet die ukrainische Judenheit in Blut und hat bereits alle Hoffnungen verloren. Auf Euch allein, Brüder der ganzen Welt, ruht unsere Hoffnung und sicher werdet Ihr keine Mühe und Arbeit sparen, uns zu retten. Eilet uns zur Hilfe, bevor es zu spät ist." Einen ähnlichen Aufruf erläßt die Gemeinde in Wolotschisk.