Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 48 (2.12.1920)
- Date
- 1920-12-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 m. 48 LMWräÄtt. bereichert. Der große Orientalist und Exeget Barth hat diese wissenschaftliche Täti'gkeitEpPenstetns besonders hochgeschätzt. Der beschränkte Raum verbietet uns, auch nur im kleinen ein Bild von der umfassenden wissenschaftlichen Tätigkeit Eppensteins zu geben. Man kann wohl sagen, daß es kaum eine angesehene jüdisch-wiffenschaft liche Zeitschrift auf der Welt gibt, in der in den letzten drei Jahrzehnten nicht Beiträge von Eppenstein erschienen find, ebensowenig wie er in einer der Sammelschriften, die an Jubiläen großer jüdischer Gelehrter erschienen sind, mit einer Arbeit fehlt. Aus der großen Fülle seien nur hervorgehoben: seine Arbeiten über Saadja Gaon, über Joseph Len Simon Karo als Exegeten, über Ktmcht, über Abraham den Sohn des Maimonides, der bisher durch das blendende Licht des Vaters verdunkelt war und dessen Bedeutung Eppenstein eigentlich für uns entdeckt, seine Maimonidesbiographie und die zahlreichen Beiträge in den Jahrbüchern derZJüdisch-Literarischen Gesellschaft, in den Jahrgängen des „Jeschurun". Doch für den jüdischen Gelehrten, wie wir ihn uns denken, kommt es nicht allein darauf an, daß er geschrieben, sondern wie er geschrieben, d. h. wie seine wissenschaftlichen Arbeiten aus seiner Persönlichkeit erwachsen sind, welcher Mensch und Jude hinter ihnen stand, mit welchen Charaktereigenschaften der Mann ausgestattet war, der die jüdische Gesamtheit in seinen Schriften und vor allem die geistigen Führer in seinen Vorlesungen lehrte. Man kann als seine vorzüglichsten Charaktereigenschaften bezeichnen: fern Verantwortungsgefühl, seine Bescheidenheit und die Willenskraft, die an dem Größten sich verbuchte. Wie groß nahm er seine Verantwortung, ein Schüler R. Esriel Hildesheimers zu sein und seinen Geist, den Geist der Vertiefung und Bereicherung des Judentums durch die jüdische »Wissenschaft zu hegen und zu pflegen. Ein Menschenalter war er in eine kleme Stadt gebannt, in Anspruch genommen von all den Aufgaben und Arbeiten, mit denen heute der Rabbiner belastet ist. Und dennoch, abgeschnitten von all den Hilfsmitteln der Wissenschaft, unter den unsäglichsten Schwierigkeiten, mit denen hier die Wissenschaft im allgemeinen und nun noch die jüdische Wissenschaft zu kämpfen hat, rang er sich empor, und ruhte und rastete nicht und stellte sich in die Reihe der Ersten. Von den bedeutendsten Vertretern der jüdischen Wissenschaft wurde gerade von diesem Martyrium Eppensteins, von seiner dornenvollen Arbeit in dem entlegenen Städtchen mit größter Anerkennung gesprochen. Aber bei allem Bewußtsein seiner Bedeutung zierte ihn eine rührende Bescheidenheit, nicht nur seinen Freunden und Kollegen gegenüber, sondern! auch seinen Schülern. Von jedem ließ er'sich belehren, eines jeden Meinung ließ er gelten sofern sie nicht in Widerspruch trat mit unseren Prinzipien, und mit dieser Bescheidenheit war wie girnicift verknüpft eine seltene Herzensgüte. Liebe und Freundschaft brachte er seinen Mitarbeitern und Schülern entgegen. Und kein Falsch war an ihm. Die schwerste Tugend, die der Wahrheit, war ihm eigen, nie hat er sich mit einer Lüge befleckt, weder im Munde noch im Herzen. Darum konnte man zu ihm von allem sprechen, ohne fürchten zu müssen, er könnte verdrehen oder fälschen. Und jener kleinliche Neid war ihm fremd, den man so oft bei Ehrgeizigen trifft. Wie er sich seiner eigenen Arbeit freute, so freute er sich mit jeder Leistung eines Anderen von Herzen. Und das Dritte. Außerordentlich weit steckte er sich sein Ziel. Auch er wollte, unserem Stammvater gleich, mit dem Genius Esaus ringen, mit jener Macht, die sich nicht damit begnügt,' Israels Stamm zu verfolgen, ihn am Körper zu quälen und zu martern, die auch seine Seele morden will, indem sie die Quelle seiner Geschichte fälscht oder entstellt und ein Zerrbild von seiner geistigen Größe gibt. Eppenstein wollte die Kämpfe Jakobs und Esaus, die eigentliche Geschichte des jüdischen Volkes in einem großen Zusammenhänge darstellen. Zahlreich sind die Vorarbeiten, die er dafür gemacht, reiches Material hat er zufammengetragen, eine Gesamtgeschichte des'Judentums bereits begonnen, die erfüllt von throratreuer Gesinnung und getragen von einer gründlichen Kenntnis der primären Quellen, die ihm als Orientalisten offen standen, die Geschichte des Mischen Volkes werden sollte. Es war von der Vorsehung anders beschlossen, und so muß unser Trost sein, daß er durch das, was er geschaffen nnd wie er gewirkt, nicht nur. tm Kreise seiner Familie — er hinterläßt neben seiner frommen Gattin, einer b'n JitMt im eigentlichsten Sinne des Wortes, fünf Kinder, die alle auf Grund seiner Erziehungsarbeit und der der Gattin trÄr' in den Worten des Gottesgesetzes wandeln — sondern auch in dem weitesten Kreise seiner Freunde und Schüler, ja im Gedächtnis des jüdischen Volkes fortleben wird als ein Förderer der heiligsten Güter, dem alle zu unauslöschlichem Dank verpflichtet sirü). n"D3£3fl Wie ein Blitz schlug die Nachricht von dem Heimgang Eppensteins am Freitag abend, den 9. Kislew, in den Sabbatfrieden unserer Gemeinde. Selten hat ie eine solche Beteiligung gesehen, wie bei der Ueberührung am Ausgang des Sabbat, seit langer Zeit sich keine so unübersehbare Zahl von Leidtragenden auf dem Friedhof der Adatz-Jisroel versammelt, wo die Gemeinde ihm ein Ehrengr. b gestiftet als Dank für die Mitarbeit, die der Verblichene ihr in Rabbinatssitzunaen, im Schuldienst und in der Betätigung bei der Chewra-Kadischa geleistet. An der Bahre sprach Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer für die Gemeinde und daS Kuratorium des Rabbinerseminars,. Dr. D. Wohlgemuth für den Rektor und das Dozentenkollegtum dieser Anstalt und. ein Neffe im Namen der Familie. Wegen der Kürze des Wintertages konnten andere Redner erst im Trauerhause während der zu Worte kommen. Herr Benjamin Cohen sprach am Montag für die Hörer, am Dienstag, Rabbiner Dr. Münz aus Berent in Westpreußen, für die Amtskollegen der Provinz, Rabbiner Dr. A. Liebermann am Mittwoch für die ältere Generation der aus dem Seminar hervorgegangenen Mabbiner, am Donnerstag Rabbiner Dr. Hartwig Cmckebach für die jüngere Generation und Rabbiner Dr. A. Löwemhal als Studiengenoffe, am Sonntag morgen, am Ausgang der endlich Rabbiner Dr. E. Munk für die Bereinigung der jüdischen Akademiker Berlins, an deren Arbeiten der Verstorbene regen Anteil genommen und die sich fast vollzählig versammelt halten. Am Sonntag, den 24. Kislew vormittags, will in einer größeren Trauerfeier der greise Rektor des RabbinersemtnarS Prof. Dr. Hoffmann Vö» *pN’ 'n, feinem Schüler und Kollegen zugleich mit einem Hörer und anderen Vertrelern der Anstalt, Worte des Gedenkens weihen. Lorrespoiwenzen und Aachrichiea. Das neue flusfriffsgefefe- Merlin, 24. November. In -er Repräsentantenversammlung bildete das neue Austrittsgesetz, das infolge Bejchlußunfähigkeit des Landtags noch nicht endgültig zur Annahme gelangte, Gegenstand einer volksparteilichen Interpellation. Es stellte sich heraus, daß der Vorstand sich auf den „Verband der Deutschen Judep^ verlassen,'dieser aber nichts getan hatte, um d e Interessen der Zwangsgemeinde zu wahren. Dr. Klee regt eine Aenderung des Gesetzes dahin an, daß der Austritt nur zulässig sein soll bei gleichzkitigem Anschluß an eine andere Synagogengemeinde. Dabei scheint übersehen, daß die Tendenz vorwaltet, für die jüdischen Gemeinden keine Sonderbestimmungenzu treffen, sondern den Austritt aus der Einzelgemeinde demjenigen aus der evangelischen oder katholischen Kirche gletchzustellen. Die Notlage der jüdifchen Lehrer aus den abgetretenen Gebieten- Merlin, 28. November. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hat eine Eingabe an die preußische Landes, Versammlung gerichtet, worin er, unter Be* wurden, obwohl gerade an dieser Stelle die Franzoien mit den Anhängern Kemals zu kämpfen hallen, haben nach dem Berichte, den Dr. Maas in der „Krrnsrchronik" den „Times" en4nimmt, zu einer einzigartigen Entdeckung geführt. Die wohierhaltenen Ueberreste eines großen Hauses der Außensladt bewahrren eine Sammlung hetttiischer Goldschmtedekunst, die aufs Jahr zu datieren ist. Im Jahre 604 vor der üblichen Zeitrechnung wurde der Pharao Necho des alten Testaments am Euphrat zu Kakemisch vernichtend geschlagen. In der dick auf den Fußböden des Hauses liegenden Asche und namentlich in seinen Eingängen lagen ganze Haufen von Bronze- und eisernen Pfeilspitzen, Lanzcnspitzen, zerbrochenen Schwertern usw., die zeigten, wie die Verteidiger von Raum zu Raum zurückgetrieben wurden. Stegelabdrücke von Papyrusdokumenten, die Nechos Kartusche tragen, identifizieren die Schlacht, von der der Prophet Jeremias berichtetein Bronzeschild mit Reliefs im ionischen Stil weist auf griechische Söldner im Heer des Pharao - Bronze- Ifiguren der Isis und des Osiris zeigen die intimen Beziehungen zu Aegypten. Die politischen Intrigen der dekadenten hetrittschen Herrscher und der daraus hervorgegangene Untergang des,Reiches sind an dieser «einzigen Stelle zu erkennen. Man erwartet bei Fortsetzung der Ausgrabungen neues Licht für die Gelschichte des Orients. Wenn die politischen Zustände in iSyrten es erlauben, will man in diesem Jahre weiter ^graben. Die in der Gegend kämpfenden Deutschen hatten soviel wie möglich zur Erhaltung der Ausirabungen des Britischen Museums getan und wie Mich, Undank geerntet. (Esra-Blätter). Bon denJüdischenJugeud- >lättern, die von der Esra-Bundesleitung herauSjegeben werden, ist vor kurzem die erste Nummer des zweiten Jahrgangs erschienen. Den Buben und Mädels wird zunächst das Programm der Blätter entwickelt. Und das vorliegende Heft zeigt, daß man es auch gut in die Tat umzusetzen versteht: An einen Artikel über Simchasthauro reihen sich hebräische Gedichtchen, Stimmungsbilder vom Kürther Esratag und anderes mehr. Die Spiel- und Rätselecke, die auch den Scherz oerjüdischen soll, schließt das Heft harmonisch ab. Alles in allem kann man den Münchenern, die jetzt die Redaktion übernommen haben, das Zeugnis nicht versagen, daß sie ihre Aufgabe geschickt öurchgefüyrt haben. ° Im besonderen ist ein frischer, jngendltch-kameradschaftlicher Ton getroffen. Nunmehr wird es Sache der Eltern sein, diese Jugendblätter der Jugend auch wirklich in die Hand zu geben. Und nicht nur Esräer sollen diese Heftchen lesen. Jeder, der für seine Kinder im After von etwa 8—14 Jahren gut jüdischen Lesestoff wünscht, der bestelle die „Jüdischen Jugendbkätter" bet einer jüdischen Buchhandlung, bei der Esra-Gruppe seines Ortes oder direkt bei Louis Leoinger, München, Rindermarkt. (Antisemitische Berichterstattung). In Dresden haben Diebe Schweine gestohftn und mit Hilfe des ungetreuen Synagogenportiers, eines Ntchtjuden, die Kellerräume der Synagoge zum Abschlachten der Tiere benutzt. Der Diebstabl und die Tempelentweihung der Spitzbuben fand nun vor der Strafkammer ihre gerechte Sühne. Leider nicht in gleichem Maße die Unverfror nheit der „Deutschen Zeitung", die den Fall unter dem Titel „Die Juden haben ein Schwein geschlachtet im heiligen Tempel Mosis usw." in foluender Weise erzählt. „Eine gefährliche Einbrecherbande war endlich dingfest gemacht und stand vor der 8. Strafkammer des Dresdner Landgerichts. Eine Reihe schwerer Einbrüche und Diebstähle von Schweinen wurde den Verbrechern nachgewiesen Jntereffant ist besonders folgender Fall: In der Nacht zum 8. März 1919 wurden aus den Siällen der Radebeuler Volksküche sechs Schweine gestohlen und ftüh 5 Uhr nach den Kellern der Dresdner Synagoge geschafft, wo den ganzen Tag das Ausschlachten andauerte. Der Hausmeister des Judentempels öffnete d e Keüerräume und wies den Spitzbuben die Schlachträume an, kochte das Wasier zum Ausschlachten, fuhr abends die Därme und Abfälle in die Elbe. Für diese Gefälligkeiten erhielt er gegen 30 Pfund Schweinefleisch. Eine Mitteilung, ob koscher geschlachtet worden ist, enthält der Bericht über die Gerichtsverhandlung nicht. Doch das Unglaubliche ist zur Wahrheit geworden, ein Judentempel wurde in eine geheime Schweineschlächter et umgewandelt. In der Nähe des Hauptpolizeigebäudes und der Elbe ge-; legen, bot die Synagoge den Verbrechern ein sicheres' Versteck und die ganze Geschichte ist erst nach l1/» Jahren herausgekommen, als die Spitzbuben bet anderen Straftaten abgefaßt wurden. Ob noch mehr Schweine während der Zeit in dieser Geheimschlächteret ausgeschlachiet worden sind? Für die verschiedenen einzelnen Straftaten hatte das Gericht bei jedem der Angeklagten teilweise mehr als 15 Jahre Zuchthaus ausgeworfen, die dann unter starker Kürzung zu Gesamtstrafen bis zu 5 Jahren zusammengezogen wurden. Nur Hausmeister Blümel vom Judentempel kam mit 3 Monaten Gefängnis weg". In echt antisemitischer Ehrlichkeit wird hier die Kleinigkeit verschwiegen, daß -sämtliche Mitglieder der Diebesbande, einschließlich des Hausmeisters Blümel gute Arier und vermutlich treue Anhänger der „Deutschen Zeitung" sind. Vielleicht haben fie auch, wie das heute üblich ist, die SynagogeUMauern erst mit Hakenkreuzen bemalt, bevor fie iri den Keller zu ihrem löblichen Tun hinabstiegen." ' "