Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1920)
- Date
- 1920-11-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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O MMN". Ser Smnnen.*) Eine Erzählung au» Srez Jirroil. Bon Josef Kastei«. " Der Tag war hell und heiter. Eine kleine, weiße Wolke zog am Himmel dahin, getrieben von einem leichten Seewind, der die Wellen gegen die Klippen warf, daß sie zerflossen in einem weichen, weißen Schaum. Die Dünen lagen im Sonnenbrand und glichen selber Wellen, langen, sanften Wellen, die erstarrt sind mitten in der Schönheit ihrer Bewegung. Der Abend fiel langsam. Die Sonne war plötzlich verschwunden über den niedrigen Oltvenbäumen. Aber er war doch noch Tag ringsum. Nur nahm alles in der klaren Luft eine andere Färbung an, wurde dunkler, farbenglühender und stand groß, in seltsam ausgezackten Umrissen gegen den Hintergrund, gegen den dämmernden Himmel. Ich ging langsam in das Dorf zurück. Abendjrieden war überall. Die Menschen ruhten aus. Und immer wieder lauschte ich mit froher Befangenheit den Stimmen, die mich mit der dunklen, klingenden Sprache unserer Väter grüßtest. Die Dorfstraße lag hinter mir. Der W, stieg an. Ich schritt durch die Bojaren*), durch das dichte, grüne Laub und die weißen, duftenden Blüten, die die Lust ringsum so würzig machen, durch die reifen Früchte, die durch das Grün und durch die Blüten golden schimmerten. Fern über die Felder sah ich Scha'ul, den Wächter, reiten. Er sah mich von weitem und rief mir irgend etwas zu. Ich verstand nicht, wa» er sagte. Aber ich hörte an dem hellen Kufen, daß es etwas Frohes war. Ich ging weiter durch die langen Rethen der schlanken Mandrlbäume, die schwer an ihrer grünen Frucht trugen, durch den üppig aufgeschossenen Hafer, der mir schon bis zum Knie reichte, und fühlte mich mehr und mehr verwachsen mit diesem Boden, den mein Volk bebaut. Ich fühlte die Kraft, die aus der Erde auf steigt und den Menschen hält und ihn nicht mehr losläßt, bis er sie segnet, bis er nichts mehr lieben kann als sein Land und Volk. Mir war die Heimat so nahe und so fremd aller Zweifel, -der aus der Helmatlosigkett entspringt. An der Gemarkung des Dorfes, wo es hinabgeht zu den brachliegenden Feldern der Araber, ragt die Warte des Schomers'), jedem unberufenen Störer zur Warnung. Der Sitz hoch oben in öem schwankenden Holzgerüst sieht aus wie eine Hand, die sich im Abendlicht schützend über da- Land breitet. Dorr ist ein tiefer Brunnen Mit klarem, sprudelndem Wasser. Hohe Eukalypten Mit ihren schlank hängenden Blättern umschalten ihn, und eine kleine Bank stützt davor, aus der ich zuweilen tzes Abends sitze. Ich schaue von dort weit über'das Land hinaus, über die großen ftuchtbaren Felder hinweg, bis zu dem märten Blau des Gebirges am Horizont, über die kleinen, Meißen Dörfer hinweg bis dorthin, wo ich die Heilige Stadt auf ihren Hügeln liegen weiß. Der Abend ist milde und die Gedanken find hell und klar wie die Dinge selbst, die in der reinen Luft so nah und greifbar erscheinen. Al» . ich zu dem Brunnen kam, saß auf der Bank der alte Daniel, der als der reichste Bauer •) «Hl «La» jüdische Jugendbuch". Herausgegeben »in Heinrich 8*n»i, «. »leinharbt «nb 8. Mötzet. Jüdischer »exlag. . t . . . OrangengDÄ«. in ödr ganzen Ebene gilt. Alles Land, das sich 4 jenseits der Hügel senkt, ist sein. Und die Herden, | die an den Hängen weiden, sind sein. Es ist auch sein Brunnen und seine Bank. Das Haus steht in der Nähe, ein stolzer, herrischer Bau, weit vor den anderen Häusern des Dorfes, als wolle er sich absondern von der Gemeinde, von der Maffe der übrigen. „Lchalom, Daniel." „Schalom ubracha, mein Sohn". Aus seiner lieben, alten Stimme klang die Güte eines Vaters. Vielleicht war es deshalb, , daß ich keine Sehnsucht hatte nach meiner fernen Heimat. Ich setzte mich zu ihm auf die Bank und ruhte. Das Murmeln und Plätschern des Brunnens gab eine sanfte Musik, und beide waren wir schweigsam. Mus dem Dorfe wehte hin und wieder ein Singen der Kmder. 'Daniel legte die Hände über die Stirne und lauschte, und seine welken Züge lagen im Schatten einer tiefen Wehmut. „Woran denkst du, Daniel?" Er machte mit seiner sonnenverbrannten Hand eine verlorene Geste durch die Luft und schwieg. Tiefer sank das Licht über die Felder. „Ein schöner Abend heute." Er hob langsam sein Haupt, sein helles, stolzes Gretsenhaupt, und Prüfte sorgsam den Himmel. „Ja, es ist ein schöner Abend. Solche Abende gibt es nur hier. Glaubst du, daß es heute nacht regnen wird? Der Malkosch*) muß bald kommen." „Ich glaube nicht, Daniel. Der Himmel ist so klar, und dabet ketn Lüftchen." Er zeigte über die bünten Felder hin. - „Wir brauchen Regen. DaS Land wird sonst zu trocken." „Aber du hast ja den Brunnen. Der gibt doch Wasser genug." „Ja, Wasser ist genug da." „Und der Brunnen steht erhöht, und du kannst das Wässer leicht auf die Felder leiten." „Gewiß, das kann ich wohl." „Ich habe heute morgen mit denen drunten im Dorfe gesprochen. Sie sind alle froh, daß hier ein solcher unerschöpflicher Brunnen ist. Sie fürchten, daß das Wasser unter im Dorfbrunnen bald versiteg. Er ist schon stark versandet. Weißt du, was sie sagen? Sie sagen, daß es ein gutes Werk von dir sei, daß du den Brunnen hier angelegt hast. Sie sagen, daß Segen auf deiner Arbeit deiner Hände ruhe. Ist das nicht schön?" Daniel stano auf und ging mit unruhigen, kleinen Schritten vor der Bank auf und ab. „Ein gutes Werk, sagen sie? Ketn Mensch schafft gute Werke, mein Sohn. Nur wie es der Himmel zum Guten oder Bösen aurschlagen laßt, wird es gut oder schlecht." Ich gab mich nicht damit zufrieden. Rem, Daniel, du hast doch selbst etwas daran getan. Du hast dir diese Mühe gemacht, hier ganz oben, wo kein Mensch erwarten sollte, daß Wasser aus der Tiefe kommt . . ." Da stöhnte er leise aus. „Sprich doch nicht immer von dem Brunnen, ich bitte dich!" So müde und gequält klang sein» Stimme, daß ich davon tief betroffen wurde. Es ist nichts Ungewöhnlicher, daß man über Wasser und über einen Brunnen spricht in einem Lande, wo das Wasser solche Bedeutung hat. Ich verstand nicht, daß es ihn quälte, wenn ich seinen guten Brunnen lobte. Doch weil es ihm nicht lieb schien, wollte ich von anderen Dingen reden. „Deine Mandelbäume tragen gut in diesem Jahre." Er gab .mir keine Antwort und ich schwieg. Dann nach einer langen Pause, sagte er leise: „Willst hu etwas über den Brunnen hören?" „Du willst nicht davon spreche«, Daniel, also laß eS nur." „Nein, jetzt sollst du hören." Und Daniel erzählte die Geschichte seiner Brunnens: „Ich bin vor vierzig Jahren hierhergekommen, von Amerika herüber. Rach Amerika bin ich von Rußland aus gegangen, als ich fast noch rin Kind war. Ich habe den Weg dorthin mit vielen anderen gemacht, diesen weiten, harten Weg, den die meisten von uns alle einmal machen muffen, wenn .'s ihnen daheim zu eng und zu finster wird. Und die lange Fahrt in dm Zwischendecken der großen Dampfer ist etwas, wovon unsere kleinen Kinder im Osten schon betnahme träumen. Aber es war auch in der neuen Welt keine Heimat. Auch in den dichten Straßen, wo nur die Unseren wohnten, war kein Zuhause. Wir waren frei und lebten ohne Zwang. Aber ewar etwas da, was uns nicht ausatmen ließ, dar uns scheue Augen machte, und immer eine Scham und eme Furcht, die keiner von uns deuten konnte. Nur wenn zuweilen an den heißen Sabbatnachmtttagen die jungen Leute zusammen saßen und von ihren Plänen in der neuen Welt sprachen, war hier und da einer, der plötzlich aufjchaute und mit einem Male gewahr wurde, daß er Heimweh habe. Sfi bin ich hierhergekommen, mit mir viele andere. Wir suchten neues Land und ein neue- Leben, und wir haben diesen Boden gekauft, den ganzen Boden, aus, dem das Dorf hler steht. Damals war alles ein Brachland, auf dem Steine lagen, mitten zwischen Dorn und Disteln. Eme Einöde, in der nachts die Schakale heulten und wo das Fieber aus sumpfigen Strecken mit fürchterlicher Gewalt aufstleg. Aber uns in unserem tiefem Heimweh schien es recht so, daß wir unseren Boden erst bezwingen sollten, damit wir ihn lieben lernten. Denn der Besitz allein macht nicht stark. Das wußte ich am besten. Ich harte viel Geld, hatte es redlich verdient in harter Arbeit. Man kann drüben Geld verdienenes liegt dort auf der Straße. Aber nicht dle Zufriedenheit. Es bleibt immer etwas zurück, dar xein Veld verscheuchen kann". (Fortsetzung folgt.) Mit der Eisenbahn durch dieMfie. Bon Aiexandrien nach Haifa. Ganz plötzlich, ohne irgend eine Vorbereitung, erfuhr die Wett von der neueröffneten Bahn, die von Ei-Kantära am Suezkanai durch die Stnaiwüste nach Palästina geht. Der Weg, den die Aegypter zur Zeit des mittleren Reiches, als den wichtigsten nach Syrien und Babylonien, mit starken Befestigungen sicherten, der einer der metstbegangenen Karawanenwege stit dem zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung war, kann jetzt in wenigen Stnnoen vom Schnellzug durcheilt werde». Wenn man in Alexandrien ans Land gestiegen ist, so erreicht man in einer Fahrt von vier Stunden/ Benha, einen der größten One deSNlttatS, wo sich die Bahn teilt. Nach Süden führt die Lmte nach Kairo und Oberägypten Meiler, während der Weg nach der Sinatwüste in östlicher Mehrung geht und in wettere» zwei Stunden El-Kantara erreicht mird. El-Kantara (d-e Brücke), war von ulteröher einer jener beiden berühmten Durchgangsorte für den ägyplisch-astatischen Kararvanenverrehr. Dieser ging in nordöstlicher Richtung nach Palästina, jener durch das Wad Tumiiat über Suez und Agada nach Medina und Mekka. Dieser Uevergang war es auch, den die Juden auf ihrem Auszug aus Aegypten vor dreietnhatv»auser»d Jahxe.r benutzt haben. Am 18. Mai 1918 fuhr zum erstenmale ein Zug über den Suezlanal. Er saust vorüber an Bildern, die das europäische Auge so fesseln, daß man wünscht, dt« Fahrt möchte doppelt solange dauern. Pulmenhaine wechseln ab mit trostlosen Steinwüsten, reiche, große Oasen mit weilen Dünenwellen. , Kurawan«» mit einer schier endlosen Zahl von Kamelen ziehen t» beiden Richtungen vorbei und lassen dt« uraue Lodeutung dieser Straße ahnen) denn so, wie wir fie heut« hier entlangziehen sehen, zogen sie schon vor tausenden von Jahren. So wurde Josef »ach Aegypto» geschleppt und auf tue gleiche Weise wa»bert« vor ttzch Abraham mit sei»«» Hoobrn i» bchz Aim» *«* Piareon«».