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Der Israelit · 1920-11-18 · Heft 46 (18.11.1920) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 46 (18.11.1920)
Date
1920-11-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Rr. 46_ Allmählich ändert sich das Bild auf der linken Seite. Die Sanddiinen werden kleiner und k'einer und bald sehen wir das Mittelländische Meer neben uns. Die klare, dünne Luft und das grelle Licht täuschen unmittelbare Nähe vor und doch betragt die Entfernung 3 bis 4 Kilometer. Bald kommen wir nach El-Arisch, dem größten Orte der Sinai-Halbinsel mit echt arabischem Milieu, untermischt von englisch ägyptischen Militärbildern und nach einer weiteren Fahrt von 1% Stunden treffen wir in Rasa ein, um hier eine der merkwürdigsten Ueberraschungen unseres bisherigen Erdendaseins zu erleben. Bisher hörte man Englisch und Arabisch als Umgangssprache, selten Französisch. Jetzt auf einmal hören wir eine Sprache, an deren Leben viele bis heule nicht geglaubt haben: Hebräisch. DerLokomotiv» führer, der Zugführer, der Rangierer, der Postbeamte, der Bahnhofsvorsteher, alle sprechen Hebräisch. Ra'a ist die Grenze von Aegypten und Palästina. Der Betrieb der Egyptian Sinai Railways einerseits, der der palästinensischen Bahnen andererseits treffen hier zusammen. Hier ist Zollabfertigung und Paßrevision. Und weiter geht die Fahrt an der Küste entlang, ständig wechselnde Eindrücke, Veränderungen von Minute zu Minute. Der-el-Ballah, Zweigstation nach dem 90 Kilometer östlich davon gelegenen Berseba. Bald darauf Gaza, ein durch den Gerstenbau seines Hinterlandes ständig an Bedeutung zunehmender Ort. Nach einer weiteren Fahrt durch Gebiete, die nun schon vollkommen anderen Charakter tragen, erreichen wir Ludd. Früher ein kleines Araberdorf ohne sonderliche Bedeutung, mit einem verlaffenen Bahnhof auf einer Schmalspurbahn von Jaffk nach Jerusalem, ist dieser Ort jetzt der wichtigste Eisenbahnknotenpunkt nach Palästina, der, mit weit ausgedehnten Geleiseanlagen versehen, mit mancher europäischen Stationsanlage konkurrieren kann. Hier trennen sich die Wege. Nach Südosten geht es über Ramleh und Bitter nach Jerusalem, in engen, gesch'ungenen Pfaden von fast Meereshöhe auf fast 800 Meter, in Bögen und im Zickzack herauf. Nach Westen führt vorläufig nur eine Schmalspurbahn nach Jaffa, die aber in a''ernächäer Zeit umgebaut werden soll, da sie dem Verkehr nicht genügt. Nach Norden wendet sich das Geleise, das sich in Ludd vom Meere bis auf 16 Kilometer entfernt hat, nach kurzer Fahrt hinter den Dünen bis Tulkarm der See wieder zu, um über Tao iura und Allst endlich Haifa zu erreichen, das den Endpunkt der Bahn darstellt. Bis etwa 1910 ein Platz untergeordneten Ranges, ist Haifa heure der Haupthandelsplatz Palästinas. Hier beginnt die alte Hedschas-Bahn, die die Verbindung von Damaskus im Norden, dem Hedschas im Süden, mit dem Mittelländischen Meere darstellt und den Ausgangspunkt unzähliger Karawanen bildet. 24 Stunden hat die Fahrt von Alexandrien bis Haifa gedauert. 24 Stunden, vom typischsten Afrika zum typischsten Asien. Eine Fahrt, die das Wesen vergangener Jahrtausende ahnen läßt und in ein Land führt, dessen plötzlichen kulturellen und wirtschaftlichen Aufstieg nach zweiiansendjährigem Schlaf wir heute erleben. (Aus der „Wiener Morgenzeitung"). II. Sehr viel seltener als unter den christliche!: Fa- . milrennameik begegnen unter den jüdisü>rn solche, dis ursprünglich Standes- oder Bernfsbezeichnnngen waren. Insbesondere erklärt es sich ja leicht, daß die große Fülle der Narnen von Gewerbetreibenden (wie Schnsrer, Schneider, Schlosser, Schmidt usw.) hier nicht vorhanden ist, waren doch die Inden in früheren Zeiten grundsätzlich von der: Zünften der Handwerker ausgeschlossen. Immerhin sind einige solcher Namen doch auch bei den Juoen zu finden, wie z. B. Beck Bäcker), S ch.röter (d. h. eigentlich Schneider), Klemperer, Lederer. Spiegler und Ziegl er, Drucker und Büchler, ferner (als Zusammensetzung) u. a. Fvrmstecher, Glasbrenner, Perlhefter, Steinschneider, G o l d z i e h e r und besonders auch Goldschmidt. Nur wenigen wird es wohl bekannt sein, daß auch der jüdische Lehmann dieser Abteilung zuzuzählen ist, denn, entstanden — über „Lehmmann" — aus Lechemmann (oder Lechemer). ftebcutet er so viel wie „Brotmann" (vom hebräischen W8chem — Brot), also einen Bäcker, während bekanntlich unter seinem (sehr viel häufiger anzutrefsendcn) christlichen Namensvetter ursprünglich ein „Lehnsmann" oder Basall zu begreifen ist. Umgekehrt ist der bei den Christen so gewöhnliche Name Müller oder Möller bei den Inden nur eine Weiterbildung aus Moll oder MuHel, bezieht sich also auf den jüdischen Ritus; und einer ganz ähnlichen Täuschung kann man bei dem Namen Köhler verfallen, der bei den Christen aus einen Kohlenbrenner, dagegen bei den Juden (abzuleiten vom hebräischen Köl — Stimme) auf den Vorsänger in der Synagoge hinweist (entsprechend dem lateinischen Kantor und dem deutschen Sänger oder Singer). Mit religiösen Gebräuchen hängen ferner auch zusammen die Namen Klvpssr sd»r (g»nc»uz-r) Ser JAoaokt. Schnlklvpfer, daN heißt SsrjeniS», 8kr Ne' nicindemitglieber morgens zum GotteSvienst in der Synagoge („Schute") zufammenrnft, Reinwascher, das ist der, welcher die vorgeschriebenen Waschungen an Verstorbenen vorznnehmen, und Sche ckter. der das rituelle Schlachten der Tiere („Schächten") zu besorgen hat. B a cher (vom hebräischen bLchur) ist der Talmudstudent, Ca ner und Kober gehen auf hebräisch CHLber im Sinne von Thoragelehrter zurück, während R ab(b)i n(er) ja ohne weiteres verständlich ist (vgl. dazu auch das patronymische Rabbi nowicz, wie Kantorowicz — Sohn des Kantors). An dieser Stelle ist auch deS sehr verbreiteten Namens Kohn (Cohseln) und seiner Abarten (Kahl ein, Cahn usw.) jpi gedenken, der sich ursprünglich auf einen Kohen bezogen hat. Auch ein hoher weltlicher Titel ist in dem Namen Fürst, die höchste akademische Würde im Doktor festgelegt. Endlich hat die Beschäftigung des jüdischen Volkes mit dem Handel leicht erklärlicherweise ebenfalls ihre Spuren auf unserm Gebiet zurückgelaffen, wie unter anderin die Fanriliennamen Wechsler und Cassirer (— Kassierer), und Kaufmann beweisen. Auch Ro ßm ann und (hälbhebräisch) SuSmann (von süs — Pferd) bedeuten einen Pferde- - Händler, ebenso wie in Eisen mann, Tuchmann u. dgl. sich das erste Wort wohl auf die vertriebenen Waren bezieht, (fraglicher:. SilbEr- und G o ld - manu, Zucker- und Honigmann die auch bloß „schöne" Namen sein könnten). Bei den aus dem Tierreich stammenden Familiennamen handelt es sich, wie schon bemerkt, zum Teil um Uebertragungen von Häusernamen auf dis Personen, zum Teil Um Beinamen, die schon vor der gesetzlichen Aufforderung zur Namensführung üblich gewesen, wie zum Beispiel besonders Bär Wolf und Hirsch (Herschselj, französiert Cers). Die beiden letztern (die später auch partonhmisch gebraucht sind jWolffohn, Herschensohnj), spielen zudem ' — gleich Löwe (franz. Lion)' und Adler auch in der Bibel noch eine besondere Rolle. In dem Segen Jakobs über seine Söhne (1. Mos. 49) wird nämlich Inda ein junger Löwe, Naphtali ein Hirsch und Benjamin ein Wol genannt, während der Adler im Psalm 103. B. als Bild sich erneuernder Jugend erscheint. Auf den Namerr Löw(e) dürfte übrigens hier und da auch L e v i (und seine Abarten js. v.j) mit eingewirkt haben. Von in Freiheit lebenden Tieren erscheinen weiter noch beliebt namentlich Fuchs und Haie (Haas), Falk(e) (Valk), Strauß, von zahmen Haustieren (außer den schon oben bei den Häuseruamen genannten) besonders noch Bock, vor allem aber Katz, falls dieser Name nicht richtiger — wie eine neuere Ansicht will — M deutm ist als ein« Abkürzung von KZhen zedek, das heißt „Priester der Gerechtigkeit"; von Fischen kommen zum Beispiel vor Hecht und Karpeles (das heißt kleinar Karpfen). Neben der Zoologie haben dann auch die Botanik und die Mineralogie großen Anteil an der jüdischen Namengebung gehabt. ES sei hier z. B. nur erinnert einerseits an Namen wie Grün(e)wald, Grünfeld Baum, Birnbaum, Nußbaum usw., Mandelkern, anderseits an Stein, S t e in t hl a l (-berg, -selb usw.), G r ü n st e i n u. a. m. Die überwiegende Masse derartiger Bildungen verrät nUn aber zugleich" die Absicht, etwas besonders Feines, Prächtiges hervorzuheben und gehört daher auch der Gruppe, der sogenannten „schönen" Familiennamen an, und zwar der Unterabteilung davon, die sich aus konkret« Dinge im Leben der Natur bezieht im Gegensatz zu jener andern, die in mehr abstrakter Weise alle möglichen guten (äußern und innern) Eigenschaften der Menschen hervorhebt. Sie mag hier — als bis weniger umfangreiche — vorangestellt werden. Tu finden wir z. B. die substantivierten Eigenschaftswörter Hübsch, Süß (Gegensatz: Sauer), Freundlich, Fröhlich Wohlgemut Ehrliche Se(e)lig (Glückselig) u. a. m.; und auch der jüdische Meier (Meyer, Maier usw.) ist hier zu erwähnen, da er nämlich — zun: Unterschied von dem christlichen (der aus dem lateinische majvr ITc villaej, b. h. Aufseher tine§ Landguts, entstanden) — auf das hebräische Mß'ir — „erleuchtend" zurückgeht. Daneben stehen mancherlei ähnliche Verbindungen mit „Mann" ime Hübschmann, Gutmann, L i ebm a n u (Liebermann) u. a., oder sonstige Schmeicheleien und Lobpreisungen, wie Süßkind. Armenfreund, endlich auch wohl unpersönliche Begriffe, wie Friede, Ehrenpreis. Gleichsam den Nebergang von solchen Abstraktionen zu den konkreten Benennungen dieser Gattung vermitteln einige Namen, die hindeuten au? schöne Farben wie Blau, Schwarz; ans Wohlgerüche oder die leuchtenden Gestirne des Weltalls (wie Sonnenthal, Sonnemann, Stern, Morgenstern, und den Beschluß bilden dann tie „schönen" botanischen und mineralogischen Namen. Aus dem Pflanzenreich ist es vor allem'die Blume, die in sehr zahlreichen Zusammensetzungen als Familienname vorkommt, wie S ch.ö n b l u m, .G o l d Silberblum, Rosenblum, oder — vorangestellt — Blumenau, -berg, -feld, -thal nsw, während unter den einzelnen Blumenarten dreß alle andern an Beliebtheit übertreffen, nämlich bii Lili» und Han? besonderdi» R»f«. gleiche die Namen V'silGSnfKld', Zrlisr, selb, Nosenak -bäum, -Verzier)- -blatt -blnm (s. o.), -blüth, -selb, -stein, -st^ - t h a k, z w e i g. In ähnlicher Weise Urte hier die Blumen haben bei den schönklrngenden mineralogischen Narnen die S t e i n e Verwendung gefunden, jodaß also einmal allerlei Zusammensetzungen mit dem Worte „Stein" gebildet sind, wie Blankenstein Bernstern sodann aber auch Fachbezeichnungen einzelner Edelsteine ans die Personen übertragen wurden, wie Diamant, Rubin, (vergleiche auch Perles und Perl Mütter). Eine ganz besondere Rolle spielen hier sodann noch die beiden Edelmetall« Silber und Gold. Von den zahlreichen Zusammensetzungen dieser Art seien n. a. genannt: Srlberbluin, -mann, -stein; Go ld b erg(«r), -mann - st e in, auch G v l d e n b e r g und dergleichen). (Professor Tr. L. Günther in deich,.Köln. Ztg.") .inderecke. Sie Rätsel des ZehudaSalevi. Rabbi Jehuda Halevi, von dem letzthin an dieser Stelle erzählt wurde, dichtete neben religiösen und ZionSliedern auch weltliche Gesänge und Rätsel. Einige der letzteren mögen hier in deutscher Uebersetzung folgen. Die Lösungen sind so gesetzt, daß diejmtgen Freunde ihre Lösungen selbst nachprüfen können. I. WaS ist's, das ohne Augen weint, Und weinend Aller Freude eint — Wenn's aber tränenlos, wenn's lacht, Das Herz uns Allen traurig macht? 'pöuvmmSsrg pg rs(x II. Was ist's, das tot wird hingeworfen, Und nackt begraben, ohne Weinen, Im Grabe lebt es auf, hat Kinder, Die wohlgekleidet all' erscheinen? 'urozusmvA -v(Z * III. Ein kleiner Stab, doch unermeßlich wert, - Grünfarben, wie von Liebesgram verzehrt, Von hohlem Körper, doch mit mut'gem Herzer. Wirft Helden nieder, bringt gar vielen Schmerzen, Eilt hin zum Faß, um weidlich sich zu füllen, Mit leerem Mund vollführt's nicht seinen Willen. Und fünf der Diener sind bereit zur Stelle, Vollziehend unverdrossen die Befehle. Bald ltebt's, Gesang und Schmuck zu überreichen, Bald weiß es Fürstenherzen zu erweichen, Den Frieden kann's, den Krieg bereiten. Sagt an, was ist's? was soll's bedeuten? 'rtzorßjsrtzD 8vE IV. Zwar blind, hat's doch ein Aug' im Kopfe, Und alle brauchen'-, Klein wie Groß, Miiht stets sich ab für andrer Kleidung Und ist doch selber nackt und ^dloß. 'pqvuhM w ‘ V. o 'S ist klein, kannst's mit dem Arm umspannen, Und faßt doch viel ohn' Zahl und Ende. Das Auge schaut den Inhalt deutlich, Doch nimmer greifen ihn die Hände. Zs6s;ciZ) 39$ VI. Oft sehnst du dich nach ihm, rrhälst es endlich. Und schaust darauf mit Ltebesblick. , Oft ist auch dein Begehr, es zu entsenden, i Dann nützt dir'S nicht, hältst du's zurück.

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