Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1920)
- Date
- 1920-11-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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W IS. Rovemvber 199t Betracht kämmenden solidarisch empfindende» Gtzwnasial-Äbitnrienten nicht znrnckzustoße». Wiener Kulturbild 8680 — berichtet Vvn Dr. Brüll in der Wiener „Wahrheit". , « , ■ .. w i——■■— k Sprechsaal. Koch einmal Geldheiraten. ES ist eine dankenswerte Aufgabe, die Angelegenheit der „Geldheiraten" einmal mit Gründlichkeit und Klarheit vor der Oeffentlichkeit zu behandeln. Nur dadurch ist es möglich, diesen größten Feind der deutschen Judenheit mit Stumpf und Stiel audzurotten. Die „Geldheirat" ist eine Krankheit, die am Marke unseres Volkes zehrt und die immer weiter wuchert. Wir klagen seit Jahren über den numerisches Rückgang der Juden Deutschlands. Als die indirekte Ursache dieses betrübenden Uebelstandes möchte ich die „Geldheiraten" bezeichnen. Wie Herr H G. bereits richtig ausführt, werden viele Mädchen wegen ihrer geringen Mitgift genötigt, entweder ihr Leben einsam zu betrauern, oder lasten sie sich überreden, eine Mischehe einzugehen. Aus meiner Erfahrung kann ich bestätigen, daß nicht nur Mädchen aus nicht orthodoxen Kreisen zur Mischehe schreiten, sondern ich kenne Falle, wo Mädchen aus frömmsten Häusern (?) diesen Weg gewählt, um das Ziel ihres Lebens zu erreichen. Es sind nicht immer die allerschlechtesten Sprößlinge, die hierdurch dem Judeniume verloren gehen. Bei den heurigen Geldansprüchen unserer Herren können nur Mädchen die über mindestens 50 Mille verfügen, die Hoffnung hegen, vor den Traualtar zu treten. Gar manchem Familienvater graut es vor der Zukunft, da er nicht über das zur Verheiratung seiner Töchter er forderliche Vermögen verfügt Hier haben wir auch den Schlüssel, für den beklagenswerten Geburtenrückgang der Juden. Das Zweikindersystem ist nicht mehr modern, man kann schon von einem Einkindersystem reden und bald wird das „Keinkindersystem" zur Regel werden. Die Folgen dieses Geburtenrückgangs machen sich bereits überall geltend. Die Synagogen auf dem Lande stehen leer. Selbst große Gemeinden, die früher überfüllte Schulen halten, stehen bezügl. ihrer Volksschule auf dem Aussterbeetat. Nach einer Statistik der 58. Hess. Lehrerkonferenz zählt der Regierungsbezirk Eaffel kaum soviel vorschulpflichtige jüdische Kinder, als ein Ort von 3000 Einwohnern im ganzen hat. Diese Zahlen reden eine traurige Sprache. Es fragt sich nun, wie können wir die Geldheiraten bekämpfen oder auf ein kleines Maß zurückiühren. Unser Kamps gelte vor allem dem Mammonismus, dem Materialismus, diesem gefährlichen Feinde der Menschheit. Nicht darf es mehr heißen: Geld regiert die Welt, sondern: Beffer. ist ein guter Name als Oel. Nicht dürfen mehr dem Reichen wegen sines Reichstums mehr Ehrenbezeugungen zuteil werden als dem Armen und Unbegülerten. Des weiteren erscheint es mir geboten, unsere Jugend mehr und mehr vom Handel und vom kaufmännischen Berufe fernzuholten und dieselbe mehr und mehr dem Handwerke zuzuführen. „Handwerk hat goldenen Boden." Der Handwerker, der mit seiner Hände Arbeit seinen Unterhalt verdient, benötigt nur wenig Betriebskapital und stellt bei seiner Verheiratung, bei weitem keine solch hohen Geldansprüche als der Viehhändler und Kaufmann. Möchten unsere Jugendbildner und Vereine dahin wirken, daß die jüdische Jugend allmählich mehr und mehr dem Handwerke und wenn möglich sich auch der Landwirtschaft widme. Vielleicht wird hierdurch auch die Landflucht, unter der wir alle leiderH» wirk-am bekämpft. Schließlich möchte ich äuch die Förderung ^erheben, daß wir wieder zur alten Einfachheit zurückkehren. -Zu unserem Bedauern müssen wiv gestehen, daß die Mode- und Putzsucht gerade in letzter Zeit in unsere Kreise sich stark etztgebürgert haben. Die schönsten Kleider und Hüte werden unbenutzt in den Schrank gehängt, weil sie der Mode nicht mehr entsprechen und der arme Mann muß sich plagen und schaffen, um die Gelder für diesen entbehrliches Flirt herbeiznschaffen. Kehren wir wieder zur, Einfachheit und Anspruchslosigkeit zurück, dann können wir auch ohne das Vermögen der Frau eine Familie in Ehren ernähren. Solange obige Voraussetzungen nicht erfüllt sind, möchte ich unseren Glaubensgenossen die Bitte vortragen: Gründet Brautstiftungen. Ihr Wohltäter, die ihr keine leiblichen Erben hinkerlaffet, könnt eure Gelder gar nicht beffer verwenden, als wenn ihr durch große Vrautstisiungen arme« Mädchen die Möglichkeit schafft, in den Ehestand zu treten. Mögen alsbald die Geldheiraten zur Seltenheit werden und das deutsche Judentum zu neuem Leben erwachen. Freudenbach. * 9 * Die Lage der Schochtim i« Bayern. Geehrte Redaktion! In einer der letzten Nummern Ihre» geschätzten Blattes war der Wortlaut des in Nürnberg deichlvsiene« Paragraphen über die Vertretung der religiösen Richtungen bet der neuen bayerischen Gemeindeorganisattvn zu lesen. Ohne aus Einzelheiten, die ja noch unbekannt find, einzugehon, möchte Schreiber dieses, die sich interessierenden Kreise darauf Hinweisen, welch' vrrderdliche Kolgen und demoralisierende Wirkung ein Weiter- D« HSraetrr. 5 «tiefte* mH indifferenten Kreisen der jüdischen Gemeindeverwaltungen in Bayern inbezng auf Ritus, Kultus und Unterricht zeitigen würde. Bekanntlich hat das Judenedikt von 1816 die Macht der liberalen Gemeindegewaltigen soweit begrenzt, daß rituelle Institutionen von gesetzeSwegen aufrecht erhalten werden mußten, so war es die .-iS'Nlr» und mp», die . selbst in der liberalsten, sage indifferentesten Gemeinde stube einen Platz im Gemeindebudget angewiesen erhielt, natürlich haben sich diese Institutionen-stets nur einer stiefmütterlichen Behandlung erfreut, denn wer sollte als warmer Förderer dieser grundlegenden und wichtigsten Pfeiler des Judentums in 'bte Bresche treten, in den Grotzgemeinden herrscht die liberale Majorität und verfügt gleichzeitig eigenmächtig über die Geldmittel, die zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse, einer aus verschiedenen Lebensanschauungen zusammengesetzten jüdischen Gemeinschaft, dienen. In der Folge haben diese Jnstiturivnen in den Großgemeinden auch eine solche Gestalt angenommen, daß die darin tätigen Beamten verdrossen und unzufrieden mit ihrem Lose, ohne Annehmer und Förderer, insbesondere der Mangel jeglicher Organisation, sich danach sehnen, diese entwürdigende Behandlung nicht länger tragen zu wollen, sondern in irgend einer Form zur Hebung ihres Standes, sowohl in moralischer, als auch in finanzieller Hinsicht, die Hilfe vvn wirklichen ernst zu nehmenden »'im, anzurufen. Ganz besonders traurig hat sich die Lage der in diesen Institutionen tätigen Beamten in der Jetztzeit gestaltet, denn Teuerungszulagen und Gehaltsausbefferungen, 'wie sie jetzt für jeden Beamten eine dringende Lebensnotwendigkeit sind, werden für die Tätigkeit im heiligen nv'ne» - Amte schon aus dem Grunde nicht bewilligt, weil Schächtbearr^e keine jüdischen „Kultusbeamten" nach Anschauung liberaler Gewalthaber sind, sondern eben „Schächtbeamte", dementsprechend haben dieselben in einer Großgemeinde auch nicht die Hälfte der Teuerungszulagen gleich anderen Beamten erhalten, hingegen hat die betreffende Gemeinde die Schächtgebühren für Geflügel mehrere Mal erhöht, welche Pfennige nach allem Ritus wieder in den Gemeindesäckel fließen, darin ist man der Tradition treu, denn in der Heimat dieser Herren, in den kleinen Gemeinden.mußte das Schächtgeld vom tomt? stets obgeliefert werden, allerdings hat man vor 30-40 Jahren nur 3—5 Pfg. Gebühren pro Stück bezahlt und jetzt das zehn- bis zwanzigfache, was aber beileibe den Schochtlm nicht zugehört, denn Sparsamkeit ist ein leitender Grundsatz bet Schächtwesen und Beamtenbesoldung. ch So ist die Lage dieser jüdischen Beamten rn den Großgemeinden Bayerns in der Jetztzeit, wo noch das Jüdenedikt von rcchtswegen gilt, welche Aussichten eröffnen sich nach der neuen Gemeindeorganisation? _ Es ifF’bie Pflicht aller n'xm und möi'jtP, noch ehe die Regelung der jüdischen Gesamtverhältniffe auf gesetzlichem Wege erfolgt, hier gründlich Abhilfe zu schaffen und glaubt Schreiber dieser Zeilen, daß die Abhilfe nur dadurch entstehen könnte, wenn die orthodoxen Bereinigungen in den Grotzgemeinden dahin streben, daß die hochheiligen Institutionen dernt&'ntP und mp» ausschließlich durch sie verwaltet werden. Man möge sich aber nicht mit der gnädigen Bewilligung einiger Mark für diese Institutionen be« gnügen, sondern es soll ein Budget für diese Ritualien aufgestellt «erden, welches unabhängig von der Meinung liberaler Verwaltungskörper durchgedrückt werden mutz, dadurch wird sich der Wirkungskreis der orthodoxen Minoritäten auf dem ihnen zufallenden Gebiete vergrößern und sie werden die Bedürfnisse, wie sie in der Jetztzeit notwendig geworden sind, gründlicher kennen lernen, denn die Tätigkeit orthodoxer Mitglieder kann sich unmöglich in der Vermehrung^einiger"Religtonsstunden oder Verschönerung des Gvttesdienstes erschöpfen. matt» nvb vnvv mpDiy '\m masn »p D’pown bi on»yDö »matt man*. Wenn sogar die LasKn und Bürden der orthodoxen Minderheiten hierdurch eventuell vergrößert werden, wird ihnen in dem Bewußtsein "inü . pn no mas jw", ihre Tätigkeit erleichtert werden, denn bei einer Tätigkeit, die »ivd ist, wird ihnen das rr»T des frommen Ahnen beistehen. Mögen die berufenen Kreise, ehe es zu spät ist sich auf ihre Pflicht besinnen. EtnKultusbeamter. Frankfurter Berichte. der Israelitische« Gemeinde. Die Kälte in der Synagoge Königsteiner- Straße macht sich wohl im Winter doppelt bemerkbar. Die Wärmezufuhr durch Heizung des HüuptraumeS im Winterhalbjahre erfordert einen Kostenaufwand von 80 000 Mk., der wie in der letzten Sitzung deS Ausschusses mitgeteilt wird, zum Teil von Gemeindemttpliedern gedeckt wird. ES wurde außerdem in der gleichen Sitzung dev Vertrag mit dem „Verein für jüdisch« Krankenpflegerinnen" genehmigt und diese« einen Zuschaß »,n 78000 Mk.. bewilligt. 4950 Vtf. wurden für Reparaturen in der Mazzobllckerei bewilligt. Mit der Frage von Erbplätzen in der Hauptsynagoge, die für die Gemeinde einen finanziellen Ausfall bilden, soll sich die nächste Gttznnß befassen. * * Für die Wahlen in die Israelitische Seme i n d e wurden vom Konservativen jüdischen Gemeindeverein folgende Kandidaten ausgestellt: Napthalt Fromm, Julins Werner, Heinr. Rothschild, I. 8. Gottein, Jakob Wolff, Max Kahau, Adele Meye^ Selig Meyer, Rechtsanwalt Dr. Katzenstetn, Isaak Haas, Simon Glauberg, Max Nebenzahl und Rechtsanwalt Dr. Emmerich. Als Ersatzleute: Leopold Speyer in Firma Altheimer Speyer u. (So, tzelßc Schlesinger, Arzt, Dr. Cobliner, Dr. Felix Kauffman», Dipl.-Jng. Richard Kauffmcmn, L. Bornstein, Lina Kander, Kantor und Lehrer I. B. Levy, Adolf Dorfzaün, Siegm. Halberstadt, Ist Kahn, Albert Heß und Dr. Ansbacher, Arzt. UapHaet und Ieannette HLtlinger Keim. Das Raphael und Ieannette Ettlinger- Heim, das recht segensreich bisher gewirkt hat, beabsichtigt in diesem Jahre zum erstenmal auch in den Weihnachtsferien das Heim in Hofheim offen zu halten und zwar sollen in erster Linie Kinder be# Mittelstandes dort Aufnahme finden. DaS Heim ist seit vorigem Jahre mit Zentralheizung versehen unb kann in den geheizten Veranden Luftkur vorgenomme« werden. Der Preis für eine 25 tägige Kur beträgt 300 Mk. Anfragen sind an das Raphael und Ieannette Ettlinger-Heim, Hofhetm i. T., Kapellenstraße 12, zu richten. Kuranstalt in Sode«. In der Notiz über die Kuranstalt in Svden muß eS richiir heißen: „Die einzige Anstalt in Deutschland in welcher arme israelitische Lungenkranke rituell verpflegt werben". Für zahlende Patienten und Kurbedürftige kann auch das bekannte Erholungsheim „Billa Asptra" (Dr. Adolf Kallner), bestens empfohlen «erden. Die chefaßr antisemitischer Mchter. ' Die Ehefrau des Frauenarztes Dr. Offergeld in Frankfurt am Main gab im Juni d. I im Wahllokal „Mainwarte" in Frankfurt a. M. ihren Stimmzettel zur Reichstagswahl ab und tat dabet eine Aeußerung, durch die sich ein im Wahllokal beschäftigter jüdischer Herr beleidigt fühlte. Die Sache kam Ende September d. I. vor dem Schöffengericht in Frankfurt a. M. zur Aburteilung. Der Zeuge, demgegenüber die angeklagte Frau Dr. Offergeld die Aeußerung getan hatte, durch welche der jüdische Herr sich beleidigt fühlte, war ein Schüler, der Stimmzettel der Deutsch-nationalen Volkspartei verteilt hatte. Er bekundete, Frau Dr. Offergeld habe zu ihm, gesagt: „Dahinten sitzt ja so ein alter dreckiger Stinkjude." Die Angeklagte bestritt, Derartiges gesagt zu haben; zumal es nicht ihre Gepflogenheit sei, „Stinkjude" zu sagensie pflege nur den Ausdruck „Saujude" zu brauchen und sie habe lediglich geäußert: „Da hinten sitzt ja unser alter erster Stockjude". Das Gericht erkannte auf üO Mark Geldstrafe. Der Vorsitzende, Geh. Justizrat Rückert, verkündete als Begründung, es habe kein Anlaß Vorgelegen, der Beklagten nicht zu glauben) den Antrag, dem Kläger die Publikationsbefuguts zuzuerkennen, habe daö Gericht abgelehnt, denn wenn die Beleidigung auch in einem öffentlichen Lokal gefallen sei, so sei es doch nicht nötig, daß die Sache noch in die Presse komme. Dazu schreiben die „Mitteilungen" des Ab wehr - Vereins: Das Urteil ist nur dann verständlich, wenn man sich vor Augen hält, daß der Vorsitzende des Gerichts Herr Geh. Justizrat Hugo Rückert ist. In derOeffentlichkeil ist dieser Herr bisher nicht hervorgetreten. Die Behauptung, daß er ein Enkel Friedrich Rückerts sei, vermögen wir nicht zu glaube», denn wenn es auch nicht zu bestreiten ist, daß große Vorfahren meist nur recht unbedeutende Nachkommen hinterlaffen, so pflegt doch vielfach eine gewisse geistige Aehnl chkeit zwischen Großvater und Enkel zu bestehen, und daß eine solche zwischen dem Dichter der „Weisheit des Vrahmonen" und dem Frankfurter Schöffenrichter nicht vorhanden ist, bedarf keiner näheren Darlegung. In engeren Kreisen ist Geh. Justtzrat Rückert als enragierter Anhänger der Deutsch-nationalen Bolksparlei und als überzeugter Antisemit bekannt. Hätte der Kläger im vorliegenden Fall diese Tatsache gewußt, so hätie er den Vorsitzenden deS Gerichts wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt, und als charaktervoller Mann hätte Herr Rückert selbst zugeben m -ssen, daß er in einem Falle, in dem ein aniisemittscher Gesinnungsgenosse einen der ihm verhaßten Juden beleidigt hat, nicht unbefangen ist. Dann wäre das Schauspiel dieses Prozesses vermieden geblieben. So aber mußte Herr Rückert so erkennen, wie es geschehen ist. Er hat nicht nur ohne weiteres der Angeklagten und nicht dem sie belastenden Zeugen geglaubt, sondern er hat darüber hinaus auch entgegen der ausdrücklichen Vorschrift deS § 200 Strafgesetzbuchs eS abgelehnt, dem Beleidigten die Befugnis zuzulprechen, die Verurteilung wegen der in einem öffentlichen Lokal begangenen Tat auf Koste» der Schuldigen öffentlich bekannt z» machen.