Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1920)
- Date
- 1920-11-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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18. »e»e*itr l82# ein Erlag der bagerifchen Regierung- . München, 11. November. -HW, ‘t Ns«ttsch«»Keßch^ MMlL f; Endlich nimmt die Regierung in einem Erlaß Stellung gegen die Aus sch Leitungen des antsemitis chen Mobs. Der Erlaß hat folgenden Wortlaut: „Staatsministerium des Innern. Nr. 2304 d 28. München, den 5. 10. 1920. An die Herren Regierungspräsidenten als Staatskommissare. Betreff: Antisemitische Bewegung. Die Einladungen zu den Versammlungen der national-sozialistischen Arbeiterpartei sind in letzter Zeit wiederholt in' einer Form ergangen, die aufreizend auf die Oeffentlichkeit wirken mußte. Auch die in den Versammlungen gegen das Judentum getriebene Agitation .überschreitet erhehltch die Grenzen. Es ergeht daher die Weisung, dafür Sorge zu tragen, daß die Plakate für solche Versammlungen stets einer gründlichen PMfung unterzogen werden und daß darin alles ausgemerzt wird, was aüfreizend wirken kann. Ferner ist dahin zu wirken, daß in. den antisemitischen Versammlungen die aufreizende Agitätion gegen das Judentum unterbleibt. Etwa trotzdem vorkommendeMlsschteitüngen ist energisch entgegenzutreten. J/A.: gez. Unterschrift." <77 r;""T"n t Der Kampf um Wien und die Juden.; Kien- 9. November. ' Der' Sieg der Christlich-Sozialen bei den Mahlen zur österreichischen Nationalversammlung hat ihren Appetit gereizt und sie gehen nun auf die „Wtedereroberung" von Wien aus. Zwar haben' sie am 17. Oktober von den 48 Wiener Mandaten kaüm 16 erhalten, die Sozialdemokraten, die zurzeit in der Wiener Gemeindestube herrschen, hingegen 28, woraus hervorgeht, daß selbst ein weiterer Erfolg .bei eventuellen Gemeinderatswählen den Antisemiten die Herrschaft über Wien nicht bringen wird. Nichtsdestoweniger haben sie Mit einer heftigen Kampagne für Neuwahlen eingesetzt und die Juden, resp. die „Ostjuden" in Wien, find dazu ausersehen wordenhierbei als Staffel zu dienen^ ..Die antisemitische Hetze gegen die Ostjuden, d. h. jene Juden aus Ostgalizien, die beim Ausbruch des Weltkrieges teilweise vor den heranrückenden Kosakenhorden geflüchtet, zum Küssen Teil aber von der damaligen k. u. k. Militärverwaltung gewaltsam evakuiert wurden, wird jetzt mit aller Energie betrieben, in der Spekulation, es werde auf diesem Wege gelingen, bei Neuwahlen die- Sozialdemokraten zu stürzen, da sie als die Beschützer der Ostjuden verschrieen werden. Den Auftakt zu dieser Hetze gab eine Massenversammlung,' die vorgestern im Rathause stattfand und in der die Führer der Christlich- Sozialen und einige Hetzapoftel blutrüstige Reden vom Stapel ließen. Eine Resolution dieser Versammlung fordert die Ausweisung und Internierung der Ostjuden, oder die Ausfertigung spezieller Lebensmittelkarten mit höheren Preisen fürdieselben. Gleichzeitig wird der nnmorus olansus für Ostjuden in den Schulen sowie den Staatsämtern gefordert. Es ist natürlich kaum anzunehmen, daß diese Forderungen verwirklicht werden. Vorläufig haben die Christlich-Sozialen keinen der die Regierung übernehmen soll und sie greifen zum Auskunfts- Mittel einer Beamtenregierung. Aber eine solche Hetze kann zuexplosiven. Ausschreitungen nach Budapester Muster führen. Ewird großer Energie von jüdischer Seite bedürfen, um derartige Rückwirkungen zu verhüten. Auch die Biämtenregierung dürste alles Interesse daran haben, der Hetze Einhalt zu gebieten. s. Ungarn. Ueberfälle in Ungarn- Budapest) 8. November. Am letzten Sonntag ist in den Straßen Budapests wieder jüdisches Blut geflossen/ Die Sache fing mit einer Protestversammlung de- «Vereins der erwachenden Ungarn" gegen die Ratifikation des Frtedensvertrages an. Schon im Saale kam es zu kleinen Schlägereien, aber bei dem Umzug löste sich eine Gruppe von Demonstranten los und etwa 8000 Personen zogen vor das Lokal des Leopoldstädter Kasinos im fünften Bezirk, welches als das jüdische Kasino bekannt ist. Ein Teil der Demonstranten besetzte die Kasinolokalitäten und brachten darin Waggonbewohner unter. Nachmittags kam es aber an Mehreren Stellen der Hauptstadt zu schweren Ausschreitungen. In der Rombachgaffe, wo sich der orthodoxe Tempel befindet, zog eine aus dreißig Mitglieder bestehende Gruppe „Erwachender Ungarn" auf und attackierte die jüdischen Passanten. Die Rettungsgesellschaft mußte in zwölf Fällen eingrcifen. Um halb 8 Uhr abends kam es in der Podmantrzkygasse zu Schlägereien. Später wiederholten sich die Ausschreitungen auf dem Karlsring und in der Brunnengasse. Die Passanten wutden von unreifen jungen Leuten blutig geschlagen. Mehrere von ihnen sind ihren Verletzungen erlegen. Die Polizei nahm mehrere Verhaftungen voH doch gelang es erst nach 10 Uhr, die Ruhe in den Strahlen herzustellen. Bet den Unruhen wurde sogar ein Arzt der Freiwilligen Rettungsgesellschaft mißhandelt. Der Widerhall im Parlamente. Budapest» 8. November. Ministerpräsident Graf Telcki erklärte: Die aestrigenjExzeffe haben nach der Protestversammlung stattgefunden, können jedoch unmöglich den Intentionen derjenigen entsprechen, die die Versammlung veranstaltet haben. Die Exzesse bilden gewiß ein bedauerliches und beunruhigendes Symptom, es seien jedoch der Wille und die Macht vorhanden, diese Exzesse in weitestgehendem Maße und unter Anwendung der energischsten Mittel zu vereiteln und die bereits verübten Exzesse aufs schärfste zu ahnden. Er warne die Bevölkerung der Hauptstadt, sich von gewissenlosen Agitatoren zur Teilnahme an Exzessen hinreißen zu lassen, denn die zur Anwendung kommenden Maßnahmen werden von ungeahnter Schärfe sein. Er könne über alle Einzelheiten der im Gange befindlichen Untersuchung im Interesse des Ergebnisses keine Mitteilungen machen, verspreche aber, daß die Täter ermittelt und mit beispielloser Strenge bestraft werden. Das Haus nahm die Antwort des Ministerpräsidenten zur Kenntnis, (lieber die Einlösung dieses Versprechens siehe Leitartikel.) Die ungarifchen Juden meiden überall die Theater- Budapest, 9. November. * Nicht nur in Miskolcz hat, wie die „Wiener Morgenzeitung" bereits berichtete, der Direktor des dortigen Nationaltheaters darunter zu leiden, daßdie Juden, sei es aus Angst, sei es aus Protest, die Theater meiden. Es ist dies, wie aus einer Eingabe des Szegediner Theaterdirektors Palagyt an den Städtrat hervorgeht, eine Erscheinung, unter welcher nahezu sämtliche Theaterdirektoren, besonders der Provinzstädte, zu, leiden Häven. Palagyt erklärt, daß dieses Fernbleiben der Juden von seinem Theater zur Folge hatte, daß schott zwei Wochen, nachdem dieser Boykott eingetreten war, die Theaterkasse ein Defizit von \ { No. 48 Cette 6 40000 Kronen aufwies. Er beteuert, kein Antisemit zu seifig und bittet um die Erlassung der Vergnügungssteuer, ferner um die Beeinflussung der Presse in öer'Richtung, daß die Juden Leinen Anlaß hätten, das ungarische Kultutinstitut, als welches sich das Theater darstelle, zu boykottieren. Noten. Das Keck! der Minderheit- Warschau, 5. November. Die Debatten über die Rechte der Minderheiten Haben im Landtag begonnen. Die jüdischen Deputierten haben Zusatzvorschläge zum Gesetz- ' entwurf gemacht, dahingehend, daß das nationale oder religiöse Moment bei der Gewährung von Bürgerrecht und Besetzung von Regierungsämtern keine Rolle spielen darf. Des Weiteren verlangt der jüdische Antrag für die Organe der Selbstverwaltung (Kehilaus) das Recht, alle Schulreligiösen, philantropischen und Kultur-; ■ angelegenheiten im wetten Sinne selbst zu leiten. f.; An Hand >8 zu schaffenden Ministeriums für / Angelegenheiten der religiösen und nationalen - Minderheiten seien Vizemintfter für die einzelnen Minderheiten zu ernennen. Gin Zusatzantrag zu Artikel 115lautet: Keiner kann gezwungen i; werden, die Fest- und Feiertage seiner Religion zu verletzen, sofern dies nicht die Interessendes? Militärdienstes, des Staatsschutzes oder der öffentj: lichen Ordnung erfordern. i; Es wird sich bald zeigen, wer von den Parteien / für diese Minimalforderungen der Juden zu / haben sein wird. s- »———an Warschau, 8. November. Wie zu erwarten / war, hat die Debatte Über das Recht der Mino- / ritäten zu solchen Tumulten geführtdaß der ’ij Gang der Verhandlung gestört wurde. Von der / linken Seite wurde Obstruktion gemacht. Es mußten endlich am Freitag 11 Deputterte auS dem Saale verwiesen werden, darunter die jü* f; öischen Deputierten Liebermann und Grünbaum. Die Sitzung schloß dann ohne Resultat. e-rr*—£=*—i , Warschau, 5. November. Hiesige Zeitungen i teilen mir, daß die Familie des Plotzker Märtyrers, des Rabbi Schapira, eine Witwe und / sieben Kinder, in größter Not leben. Eine Hilfsaktion soll eingeleitet werden. / 'h Die Ulöröerbande des Baiadioroiftch- Warschau, 7. November. 4 Ueber die Schreckenstaten der Balachowftsch-; Truppen berichtet eine vom Jüdischen Klub Angebrachte Interpellation. Die freiwilligen Abteilungen des russischen Generals Bulak Balachowitsch kämpften zusammen mit dem polnischen :[■ Militär auf der südöstlichen Front. Die Rollen / waren so verteilt, daß die Polen in die Schlacht i gegen die Bolschewisten zogen, während die Russen vornehmlich den Feldzug gegen die wehrlosen Juden besorgten. . Noch bevor die bolschewistische Invasion recht | eingesetzt hatte, besetzten schon die Russen verschiedene polnische Städte, legten den Juden harte! Kontributionen auf, mordeten, plünderten und schändeten nach Herzenslust. Mit unerhörten Zynismus nannten sie die Kontributionen Beloh- Z nung für den Schutz der Juden vor den / Bolschewikt. Es liegen der Jnterpellatwn Akten bei, die eine unübersehbare Relhe von Städte- und >• Menschennamen aufführen. Die Einzelheiten $ sind nicht wiederzugeben. In Krem na wurde | ein gewisser Jngebert, der seine Tochter vor | Schändung verteidigen wollte, bei lebendigem i Leibe verbrannt. Bon Vergewaltigungen wurden $ zwölfjährige Kinder nicht verschont. Es ist verständlich, daß nach diesen Vorkommnissen die Juden, die während der bolschewistischen Besetzung vorrübergehend Rühe hatten,! beim Rückzug der Sowjet-Truppen in Erwartung jder kommenden Dinge die Flucht ergriffen. Wer I sich nur einigermaßen fortbewegen konnte, lief aus der Hülle. Wehe aber, wer dabei von den - einziehenden Balachowitsch-Truppen oder den?