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Der Israelit · 1920-11-18 · Heft 46 (18.11.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 46 (18.11.1920)
Date
1920-11-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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m November 19g» — dem Thorastudiüm widmet, find dauernd und bleibend fürs ganze Leben. Und die sogenannten Schiurim unserer Baale batim? Auch hier krankt es bedenklich. Ehrliches und aufrichtiges Streben sei die Hauptsache. Der Wille zu lernen, den Weg des Lebens, die Thora zu kennen, um sich nach ihr richten zu können, muß die Triebfeder unseres Studiums, sein. Das Judentum, unsere heilige Thora ist zum Gegenstand einer „Wissenschaft" geworden. Wie oft erleben wir es, wenn irgend eine neue Ausgrabung ans Tageslicht gefördert, oder eine neue wissenschaftliche Hypothese aufgestellt wird, daß sich plötzlich alles der neuentdeckten Wahrheit zuwendet und beim Lernen so lange hin und her gedeutet wird, bis man Anlehnung daran gesunden hat. Trifft dies aber nicht zu, dann bleiben Zweifel im Herzen zurück. Wir haben es verlernt, unter allen Umstanden Thauro, Schaß und Poskim zur alleinigen Richtschnur unseres Lebens zu machenohne Rüaflcht auf den scheinbaren Widerspruch mit der „Wissenschaft". Regel für uns sei: Thauro — auf welchem Gebiete immer — ist alleinige Wahrheit, wo Wissenschaft im Gegensätze zu ihr steht, ist diese Irrtum! Nicht etwa, daß wir der Wissenschaft feind sein oder uns nicht mit ihr beschäftigen sollen, im Gegenteile, jeder sei bestrebt, sich alles Wiffenswertr unzuetgnen. Zählt Nabbenu Bachja doch zu den erstrebenswerten Wissenschaften die Naturwissenschaft, Heilkunde, Astronomie, Musik usw. — Aber Thora vor allen Dingen! So erleben wir auch das eigenartige Schauspiel, daß brave, fromme Juden, welche sich Stunden des Geschäftes und der Ruhe abzwingen, um zu lernen, gemeinsam einen Schiur abhalten, um — philosophische Werke zu lesen. Ihnen möchte man zurufen: „man ö’im orx MTOttl Eure Absicht ist die beste, aber die Handlung ist nicht entsprechend"- Die paar Stunden, die man dem Forschen in der Thora widmen kann, sind viel nützlicher angewendet, wenn sie mit praktischen Studien ausgesüllt werden. Oder, ist es nicht viel wichtiger, Thauro, Gemoroh uno vor allen Dingen Dinim gut zu beherrschen, damit wir uns im praktischen Leben nach ihnen richten können, als mit philosophischen Spekulationen zu spielen? Die Thora verlangt ja doch von uns das praktische Leben! Oder ist das unser Ideal, genau im More newuchtm oder in Emunoth wedeoth Bescheid zu wissen, aber im jüdischen praktischen Leben ein Am hoorez reinsten Wassers zu sein? Freilich, auch die philvsophischen Werke unserer Weisen wollen und sollen gelesen werden, aber vorerst sollen wir uns die sichere Grundlage religiösen Wissens und , ©et Ksmettt. Rr. 46. Seite $ Sftandauer Str. 16 C Königstraße 11-14 Gegründet 1815 Wäsche - Ausstattungen Anfertigung in eigenen Werkstätten Wohnungs-Einrichtungen Ständige Ausstellung eingerichteter Zimmer Vier Stockwerke Möbel Transportable Zimmer-chfen Eiserne Dauerbranü-Vfen 239.*- bis 710." Kachel-Gfen 750.- b. 1550." [ Gruöe-Gfe'n $50.- b. 1300." Alan verlange Sie illustrierte Preisliste Nr. 175 praktischer Gebotsausübung zu eigen machen. Die paar Lernstunden, die wir uns erübrigen, seien praktischem Studium gewinmet. Ntcht umsonst haben aus diesem Grunde unsere Großen wie N2X1 vor der Überschätzung spekulativer Wissenschaft gewarnt. Diese einseitige Ueberschätzung der modernen Wissenschaften und der philosophischen Studien auf Kosten der Thora hat auch zu der Erscheinung geführt, daß wir die Thora hie und da als ein Sammelsurium hygienischer, philosophischer, naturwtffenschaftlicher Lehren betrachten und demzufolge die Gebote in diesem Lichte als kulturhistorische Dokumente sehen. So denken wir z. B. bet den-.Speise- und Negaitm-Gesetzen an Hygiene, Gitin-, Chaliza, Gilu rosch u. s. w. erklären wir aus den damaligen Gebräuchen heraus. — Welche Gefahr darin für unser Judentum liegt, muß jedem denkenden Juden klar werden. Als Gottes Wort sind uns Thora und Mizwos heilig, nur als Befehl des Allgüttgen ß haben wir unsere Lehre und ihre Gebote aufzu- -- fassen. Nicht Hygienie sind die Gebote — wenn auch jene als Folge der Betätigung dieser entsteht! Immer wieder soll und muß nur Thoraerfüllung j Leitfaden unseres Lernens und Studiums sein. Dazu gehört aber, daß der Lehrer nicht zum | Niveau des Schülers hinabstetgt und die Lehren dem jeweiligen Tagesgeschmacke anpaßt, sondern, % daß er die Schüler dazu erziehe, in den Rabbonim h die Autoritäten zu sehen. Denn wie vft erleben wir es, daß an den Ansichten der einzelnen Lehrer und Dezisoren herumgedeutelt wird, in dem ' Sinne, daß man ihre Ansichten als ihrer Zeitanschauung entsprechend kritisiert und daher sie als jetzt schon „überholt" betrachtet. Die Autorität der Weisen und der Lehrer darf nie und nimmer angezweiftlt werden. — Lernen mit Nachbemerkung der Redaktion: Auch sonst scheint uns nach der Fülle der uns zugehenden Zuschriften, daß die Anregung die gewünschte Beachtung gefunden hat. Wir erklären uns gern bereit zur Entgegennahme vonBtumen-Aülösungen. Die Spenden sollen durch die Vermittlung der „Jüdtschee Frauenoereinigung" zu Gunsten unterernährter Kinder verwendet werden. - - -__ I (Chanaka-Pakete ans Amerika in Oesterreich). Das Amerikanische Hilfslagerhaus in Wien (American Relief Adniinistraiion), 1. Bezirk, Parkring 8, richtet an alle Sesterretcher, die in Amerika Verwandte oder Freunde besitzen, die dringende Aufforderung, raschest die eben hergestellten neuen Kartenbriefe um Chanuka-Pakete aus Amerika abzusenden. Man hat nur die Adresse deS Verwandten oder Freundes in Amerika und die eigene Adresse deutlich lesbar auf den Kartenbrief zu schreiben und ihn mit 8t Hellern frankiert bet der Briefpostabteilung irgend eines Wiener Postamtes, wo er gratis erhältlich ist, aufzugeben. Außerhalb Wiens sino die Kartenbriefe in den Kommissariaten der Amerikanischen Kinderhtlfsaktion in den Landeshauptstellen Linz, Salzburg, Innsbruck, Bregenz, Klagenfurt und Graz, unentgeltlich zu beziehen. Der Preis der Chanuka-Pakete ist jener der bisherigen Dollarpakete, doch werden außer den bisher festgesetzten Lebensmitteln Zucker und Kakao beigefügt. Dollarpakete könüen übrigens ntcht nur in den- Vereinigten Staaten, sondern auch in Kanada, Zentralamerika (Mexiko), auf den Inseln und in Südamerika abgefchtckt werden. (Wäre Liese Einrichtung nicht auch für Deutschland möglich? Red.). (Die kultivierten Philister). Die viel, ver. schrtenen Philister werden jetzt vielleicht nach tausenden von Jahren noch nachträglich rehabilitiert werden. Die Bezeichnung „Philister" ist von jeher nis Ausdruck des Vorwurfs gedacht gegenüber jemand, der besonders steifnacktg, reaktionär und in seinen Anschauungen veraltet blieb und namentlich auch Kunstfragen gegenüber rückständig war. Jetzt aber hat der Schriftführer des Palästine Exploration, Fund, bei einem Vortrag in London bekannt gegeben, daß in Askalon gegenwärtig umfangreiche Ausgrabungen stattfinden, deren Ergebnisse bereits zum Teil bewiesen haben, daß die Philister eine weit höher kultivierte Raffe wären, als man bisher allgemein angenommen halte. Aus der Bibel wissen wir freilich, daß die Philister ein räuberischer Stamm waren, der besonders den jüdischen Ansiedlungen und Niederlassungen viel zu schaffen machte. - (Ist es schon Wahnsinn . . .) In Flensburg, das wie andere Städte sich im Zeichen des Hakenkreuzes befindet, passierten einem Sekundaner dieser Gesinnung, dem Sohn eines Schulprofessors, Dinge, die aus folgender, in allen Flensburger Zeitungen verbreiteten Annonce ersichtlich sind: Zeugen gesucht! Am Montag, den 18. 10. wurde in den Anlagen der Toosbüyftraße der Sekundaner L. von einem Mann mit jüdischem Aussehen überfallen, der ihm das Hakenkreuz zu entreißen versuchte. In dem anschließenden Ringen wurde L. durch mehrere Messerstiche am Arm verletzt. Am Mittwoch, den 27.10. wurde derselbe Schüler nachmittags zwischen 4 und 5 Uhr in seinem Garten in der Friedhofsstraße von einem jugendlichen Mann angeredel, der angab, den Mann vom 18. rächen zu sollen; nach kurzem Wortwechsel zog der Mann eine Pistole und verwundete L. durch einen Schuß in den Arm. In der Abwehr wurde der Mann durch einen Spatenstich unter das Kinn verletzt und kampfunfähig gemacht. Bier andere junge Männer, die anscheinend zu dem Täter gehörten, z haben diesen dann, während L. bewußtlos ntedersank, sortgeschaffl. Alle Personen, welche etwas von den Vorgängen oder dix daran beteiligten Personen ge-; sehen haben, oder andere zweckdienliche Mitteilnngen machen können, werden höflichst gebeten, dteSbezügUche Nachrichten an Dr. Link, Holm 38, l. zu geben. Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund,;; Ortsgruppe Flensburg. 1; Trotz dieses Aufrufs haben sich Zeugen nicht gefs! meldet. Die ganze Mordsgeschichte war nämlich nicht : wahr, sondern von dem Jungen erfunden. Die Polizei stellte fest, daß er die Mefferftiche und Schußwunde sich selbst beigebracht hatte. Dem deutschvölkischen Ideal hat er seine gesunden Gliedmaßen geopfert. Man sagt < i mit Recht, daß eine gute Karrtkaiur die Eigenschaften ihres Gegenstandes besonders scharf und deutlich zum : Ausdruck bringt. Die Flensburger Karrikatur zeigt mit i unerbittlicher Schärfe, welche Gefahr die demschvol- ,! Aschen Entartungserschetnungen für die Gesundheit des v! : deutschen Volkes enthalten. ‘ (Eine nationaljüdische Geschmacklosigkeit). '$ Im Inseratenteil der „Zionistischen Rundschau" finden ' I ■ wir folgende Voranzeige: „Der Welt vertag veran- < staltet am 11. Dezember für alle Schlemilim und Schlemtloth einen Schlemiel-Ball, auf dem zur Aufführung gelangt rc. Marmorfaal im Zoo". Einerlei, ob es sich hier um eine geschäftliche Reklame : zu Erwerbszwecken oder um ein ideales Vergnügen; handelt, finden wir die Veranstaltung von Bällen »; in dieser Zeit, da jüdisches Blut in Strömen fließt n ' und weite Kreise fastend und trauernd ihr Mitleiden bekunden, reichlich geschmacklos. Nationaljüdische Firmen sollten sich derartiger Herausforderungen de» «olks- , empfinden» gewiß nicht schuldig machen.

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