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Der Israelit · 1920-11-18 · Heft 46 (18.11.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 46 (18.11.1920)
Date
1920-11-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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«eite * Nr. 46_ blutende Welt geworfene Wort „Völkerbund" so viel freudige Hoffnung erweckt, wie in der auf alle Reiche der Erde verteilten jüdischen Diaspora. Völker haben beim Gedanken an Weltqerechtigkett um ihre Macht und Gewalt gezittert. Die Judenheit aber, überall unterdrückt, entrechtet, verfolgt und verleumdet, konnte nur dabei profitieren, konnte hoffen, jetzt ein Forum zu finden, daS über Recht und Gerechtigkeit im Völkerleben wachen soll, und dessen Amt es fein wird, dem Unrecht, in welcher Form es stch auch zum Schaden der politisch, wirtschaftlich und numerisch Schwachen geltend macht, energisch entgegenzusteuern. Schon die ersten Wilson'schen Leitsätze haben darum ein freudiges Echo in allen jüdischen Herzen hervorgerufen, und die Vorinstanzm des Völkerbundes haben, es muß dieses der Wahrheit zu Ehren registriert werden, das Bestreben gezeigt, der jüdischen Lage gerecht zu werden, wenn es ihnen auch leider nicht im entferntesten gelungen ist, die jüdische Katastrophe im Osten aufzuhalten. Es ist eine tragische Fügung, daß just zu der Zeit, da der Völkerbund sich anschickt, aus seiner Vorbereitungszeit an die Oeffentltchkeit zu treten, kleine, schwache Staaten — wie Litauen— vergewaltigt werden und anderswo so viel jüdisches Blut fließen muß. Das soll aber kein böses Omen für die Zukunft sein. Das große Reinmachen nach dem Weltfturm von 1914 kann nicht Arbeit eines Tages sein. Mit der Konsolidierung der Verhältnisse in Europa darf aber auch ein Wandel und eine Besserung in der jüdischen Lage überall erwartet werden. Hoffen wir, daß die Versicherung des Generalsekretärs des Völkerbundes, Sir Drummond, er und steine Mitarbeiter würden sich zur Verteidigung der Juden vereinigen und ihren ganzen Einfluß dahin einsetzen, dgß auch der Völkerbund als solcher seine Pflicht gegen die Juden erfüllt, keine bloße Höflichkeits-Phrase bleibt. Wie der Völkerbund sich betätignn und bewähren .wird, das wird die spätere Zukunft zeigen/ wie er seine Aufgabe erfaßt und seine Pläne entwirft, darüber werden wit schon in den nächsten Tagen und Wochen bestimmte Anhaltspunkte haben. Die Idee des Völkerbundes ist indes zu schön und zm jüdisch, als daß wir die ersten Beratungen in der derzeitigen Weltresidenz Genf nicht mit Freuden begrüßen sollten. Warum die Zudensrage rur Gefahr wird für Europa? Noch niemand hat im neuen Deutschland darauf so erschöpfend Antwort gegeben, wie F. W. Fo er st er, der in einer der letzten Num- Kleines Femlleivn. Jüdische Jugendliteratur. Der „Jüdische Verlag" in Berlin hat eine Reihe schmucker Bändchen unter dem Titel „Jüdische Jugendbücher" herausgebracht, für die eine zionistische Körperschaft der „Ausschuß für jüdische Kulturarbeit", verantwortlich zeichnet. Die „Drei Legenden" des erslen.Bändchens sind nicht gleichwertig, aber alle lesbar und anregend. Nr. 2, „der Soldat des Zaren" von Steinberg, wäre auch für gesetzestreue Jugendbüchereien verwendbar, wenn nicht eine einzige Stelle lS. 65) starte religiöse Bedenken erregen müßte. Das dritte Heft enthält neben der prächtigen Skizze „In Bene Berak", Geschichten vom Maharam von Rothenburg, die leider eine etwas gar zu oberflächliche Kenntnis vom Wesen halachischer Meinungsverschiedenheiten und Entscheidungen verraten und daher der Jugend ein falsches Bild gcben. Dagegen können wir Nr. 4 „Gibborim" von Karl Glaser, biblische Skizzen, vorbehaltlos empfehlen. Die umfangreichste Nummer „Durch Palästina" von Moses Calvary, ist fesselnd geschrieben und bietet auch mancherlei Belehrung und Anregung, läßt aber die religiöse Wärme vermissen, die nicht durch bloße historische Reminiscenzen ersetzbar ist. Klötzels Saloniki- Büchlein liest sich recht unterhaltsam und wird wohl niemandem Schaden bringen, trotzdem der Verfasser auf die seltsame Idee verfallen ist, das Verbot des Rauchens unter die „Sabbatgebote des Talmuds" u rubrizieren. 8 Der Israelit, mern deSVölkerbundblattes „DieMenschheit", LS L-itsätze für die politische Erneuerung Deutschlands aufstellt. Vor allem verlangt Foerster nationale Selbsterkenntnis, und seine 24. These lautet wörtlich: „Auf diesem Wege muß auch die Ueberwindung des Antisemitismus erstrebt werden. So wie der Triumph des Rechtes und der Wahrhaftigkeit im Dreyfußprozeß das ganze französische Volk moralisch elektrisierte, so würde auch in Deutschland ein großer Aufschwung der Geister zu würdiger Beurteilung und Behandlung der Juden eine segensreiche Rückwirkung auf die ganze sittliche und politische Kultur des deutschen Volkes haben. Der Kampf gegen die schlechten Elemente des jüdischen Volkes kann erfolgreich nur in engster Gemeinschaft mit seinen edlen und anständigen Elementen geführt werden. Würden durch generalisierende Mißachtung und Verfolgung die besonderen Kreise des Judentums in die Kameraderie mit den entarteten Typen gedrängt, so würde sich die jüdische Frage in Deutschland und in Osteuropa zu einer furchtbaren Kulturgefahr auswachsen. Gerade Deutschland muß hier Osteuropa mit aufbauendem Beispiel vorangehen." Mit dieser These trifft Foerster den Kern der Sache. Man generalisiert -einige kraffe Fälle, in denen sich Juden zersetzend in der Politik hervorgetan oder sich gegen die wirtschaftliche Moral vergingen und spricht von „jüdischem Umsturz", „jüdischem Wucher". Die Bessergesinnten halten uns dann vor, daß wir innerhalb unserer Kreise nicht eindeutig genug Stellung nehmen gegen diese jüdischen Schädlinge. So lange man. aber drüben'aus jeder Verfehlung eines Juden eine „jüdische Verfehlung" macht, so lange man dort statt gegen schlechte Elemente, einen Kampf gegen Religion und Rasse, auf die einige der berüchtigten Namen Hinweisen, fährt, so lange so gehandelt wird, ist der Judenhett alle Möglichkeit genommen, gegen die Pflichtvergessenen in ihrer Mitte aufzutreten und aufzukommen. Jeder" derartige Versuch wird auf antisemitischer Seite nicht als Wille zur Reinigung, sondern als Eingeständnis gemeinsamer Schuld gedeutet und ausgebeutet. Und dieses führt dazu, daß die Schuldigen, die sich am schwersten gegen ihre eigene Gemeinschaft versündigen, in ihrer Skrupellosigkeit sich noch als ihres Judentums wegen verurteilt fühlen, sich als „jüdische Märtyrer" ansehen. N Unsere Abwehrvereine sind weit davon entfernt, wahrhaft Schuldige zu decken, sie verteidigen nur die Gemeinschaft als solche. Solange aber dieser schwere Verteidigungskampf anhalten Vorzüglich gelungen ist dem Welt-Verlag sein » „Jüdisches Jugendbuch", Hrsg, von M. Steinr Hardt, Heinrich L o e w e und C. K l ö tz e l. Auf mehr i als 200 Sekten großen Formats ist eine reiche Fülle unterhaltenden und belehrenden Stoffes zusammengetragen, wobei meist natürlich die ältere Literatur benutzt ist, aber auch gutes Neue nicht fehlt. (Eine Skizze aus diesem Buche finden die ueser auf der Romanseite der heutigen Nummer. Red). Die Kalenderbetrachtungen, die Heinrich Loewe zu den einzelnen Monaten geschrieben hat, und in denen das jüdische Fest- und Fasttags-Leben Revue passiert, stimmen den auf religiös-jüdischem Boden stehenden Erzieher allerdings recht nachdenklich. Hier ist alles und doch nichts; der Körper ist da, aber der Geist fehlt. Alles wird zu einer Art Volksbrauch von archäologischem und nationalem Interesse — aber man spürt keinerlei lebendigen Zusammenhang zwischen diesen uralten Bräuchen und dem, was an religiösem und menschlichem Sehnen die Brust des werdenden jüdischen Jünglings, des jüdischen Mädchens erfüllt. Diese ganze Art der Darstellung ist eine logische Konsequenz modern-nationalistischer Judentumsbetrachtung. Man sieht daran, wie bedauerlich es ist, daß die Orthodoxie auf dem Gebiete des Jugendschriftenverlages. — nach den seinerzeit vielversprechenden Anfängen des Jüdischen BolksschriftenverlagS — offenbar elngeschlafen ist. Die beiden Bändchen, die Heinrich Reuß im Verlag von Louis Lamm hat erscheinen lasten 1. „Meister der Thora". Charakterbilder aus der jüdischen Geschichte. 2. „Jüdische Märchen und Sagen." 2. Auflage, bilden eine wertvolle Bereicherung der Jugendliteratur. Das erstgenannte Büchlein enthält in leichtfatzlicher Darstellung historische Skizzen Über die Hasmonäerzeit, die hervorragendsten Tanrraiten ■ _ 1». RdsernSer 1920 muß, ist eine Sanierung der Zustände nicht zu erwarten. Diese kann, wie Foerster richtig sagt,, nur dann eintreten, wenn der Kampf gegen die schlechten Elemente, auch des jüdischen Volkes, in engster Gemeinschaft mit den edlen und., anständigen jüdischen Elementen geführt wird. Die Gefahr für Deutschland und Osteuropa liegt heute in erster Reihe in der Generalisierung der Etnzelfälle zum Zwecke der VolkSverhetzung. ./ „Unser Lernen." Bon Rabbiner Söwy in Hamburg. Die Suche nach einem festen Mittelpunkte, um welchen sich unsere Lebensbetätigungen gruppieren und von dem aus sie ihren festen Halt gewinnen sollen, erfüllt in unserer von Wirren durchwühlten Zeit das Leben der strebenden Menschheit, Uns selbst har der göttliche Prophet zugerufen: „Dies ist die Ruhe, gönnt sie dem Ermatteten, dies ist die Beseligung" (Jes. 28/12), wir müssen nicht suchen, im Thoraideale wurde uns das feste Ziel, zu dem wir hinstreben sollen, gegeben. Zweifellos herrscht in den gesetzestreuen Kreisen Deutschlands — wenigstens in einem großen Teile desselben ein Durst nach Thora und sehr viele Leute haben ihren beständigen „Schiur". Doch liegt gerade in der Auffuffung dieser Schiurim — wenn auch die gute Absicht anzuerkennen ist — die Wurzel des so oft beklagten Mankos, daß das „Lamdomus", d. h. die ausgebreitete, gründliche Kenntnis, von ü'DVILI D"tP nicht so häufig anzutreffen ist, wie es eigentlich zu erwarten wäre. — Zunächst geschieht für die Jugend viel zu wenig. Statt daß diese nach Beendigung der 'Schulzeit sich zumindest drei Jahre ausschließlich dem Thorastudium widmet, begnügt man sich, bestenfalls 4 bis 5 Stunden wöchentlich einen „Schiur zu besuchen^ oder einem Lehrer oder Vortragenden „zuzuhören". Das Gehörte indessen zu Hause gründlich zu wiederholen und nachzulernen, ist manchem schon zu viel. Man wende nicht ein, daß die wirtschaftlichen Forderungen der Zeit unmöglich gestatten, daß der junge Mann diese Jahre dem Erwerbsleben sernbletöe. Gerade die letzten Kriegsjahre sollten es uns gelehrt haben, dem eisernen „Muß" zu gehorchen, selbst unter Hintansetzung des Lebens, und wo gäbe eS eine größere und höhere Pflicht als: „Sinne in ihr tags und nachts." Die Werte, die das Heranwachsende Geschlecht erwerben kann, wenn es diese Zeit — und gerade in der Jugendzeit ist der Mensch für die Ideale des Guten und Edlen leicht entflammt und Amoräer, Saadja Gaon, Jthuda Haleoy, Gabirol und Raschid Die Auseinandersetzungen über die Geschichte der Tradition weisen Ungenauigkeiten und Jrrtümer auf, die bet einer neuen Auflage — unter Berücksichtigung der wissenschaftlichen Ergebnisse Jzchak Haleoys — berichtigt werden sollten. Das Märchenbuch zeichnet sich durch Reichtum der Erfindung, guten Humor und flüssige Sprache aus. Im höchsten Grade bedauerlich ist nur die mangelhafte Ausstattung, insbesondere der schlechte Druck und der wenig geschmackvolle Einband. Auch dieser kritischen Ausstellung trägt der Verlag bet einer baldigen Neuauflage hoffentlich Rechnung. N. Mumen und Hunger. Man schreibt uns: Der völlig zutreffende Aufsatz „Blumen und Hunger" in der vorvorigen Nummer des „Israelit" könnte Veranlassung, geben, eine Organisation „zur Ablösung von Blumen", ähnlich den Glückwunsch-Abiösetelegrammen zu schaffen. Bei richtiger Leitung könnten sicher beträchtliche Summen guten Zwecken zageführt werden. Bedenkt man, daß heute sicher in Herr wenigsten Fällen weniger als 10 Mk. ausgegeben werden, meistens jedoch für die einzelne Blumengabe ganz wesentlich mehr, so läßt sich leicht berechnen, was statt des völlig nutzlos ausgegebenen Geldes Gutes geschehen kann. Da vielfach zu Gelegenheiten — Familienfesten und Eretgniffen aller Art,, Wohnungswechsel, Jubiläen rc. — die gleichen Personen von zahlreichen Freunden und Bekannten mit Blumen reichlich bedacht werden, die größtenteils nach wenigen Tagen verwelkt weggeworfen werden müffen, ist eS eigentlich zu verwundern, daß dieser idbuä momon den heutigen Umfang angenommen hat. S. M.

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