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Der Israelit · 1920-11-11 · Heft 45 (11.11.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 45 (11.11.1920)
Date
1920-11-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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'/vv- Land. Von S. Jzchaki. (Schluß.) Um so höher aber ist der Idealismus und die heilige Begeisterung vielen Lehrern auf dem Hände anzurechnen, die allen mißlichen Widerständen zum Trotz, ihre ganze Kraft im Dienste der Gemeinde und ihrer Berufung verbrauchen. Aber die Not auf dem Lande ist da und kann mit all der Landschwärmerei, wie man sie heute in Schilderungen und Stimmungsbildern so oft vorgesetzt bekommt, nicht hinweggeschildert werden. Es ist nicht von Vorteil und dient nach keiner Seite, wenn rosenrot überpinselt wird, wo das Bild grau in grau ist. . . Diese Landschwärmer wohnen ja übrigens alle in der Stadt, und sie schöpfen aus Erinnerungen und Eindrücken in einem sonnigen Jugendland, das in Wirklichkeit nicht existiert. Sehen sich diese Leute.einmal die heutige ländliche Heimat wieder an, so bringt jeder Schritt eine neue Enttäuschung. Ihre , Phantasie läßt sich aber das alte Jugendbild von den verfallenen Ruinen der Gegenwart nicht verdrängen. So entsteht objektive Unwahrheit aus subjektiver Wahrheit. Es sind eben zwei Dorfgemeinden, die in ihrer Vorstellung, ganz getrennt von einander leben, und unbewußt und ungewollt sprechen sie immer von der erfteren, ohne der zweiten damit zu dienen . . . Es muß auf Hilfe gesehen werden. Aber wie? Ich dachte mir etwa, daß es Aufgabe der städtischen Kommissionen für ländliche Wohlfahrt sein muß. 1. Tüchtige, zielbewußte Lehrer dahin zu unterstützen, daß sie den ganzen Menschen und die ganze Kraft der Gemeinde widmen können. 2. Lehrerlose Gemeinde, soweit sie wirklich die Mittel nicht selbst aufbrtngen können, an die Hand zu gehen, daß sie wenigstens den Anschluß an «inen Lehrer bekommen, der den Religionsunterricht leitet. Aber zu diesen alten Hausmitteln, bei denen der Patient schon seit Jahren dahinfiecht und nahe daran ist, zu Grunde zu gehen, müssen noch neue Mittel hinzukommen. Zum Kriegführen gegen den geistigen Untergang der Landgemeinden gehören drei Dinge: Belehrung, Belehrung und wieder Belehrung! . . . Und diese ist nicht immer eine Geldfrage. Hier mein Vorschlag: Wir haben in der Stadt soviele geeignete, tüchtige und bewährte Lehrer, Studierende, Jeschiwahhörer, u. s. w. die herzensgern in den Sommermonaten für einen Landurlaub zu haben wären. Die Kosten einer ein- oder zweimonatlichen Verpflegung werden die Gemeinden mit Freuden übernehmen, wo dies nicht der Fall ist, wären sie für die Stadt gewiß zu ertragen. Wenn der Sommergast auf dem Dorfe, bei guter Verpflegung und Wahrnehmung aller Erholungsmöglichketten nur eine Stunde im Tag, einige Stunden am Sabbat die Gemeinde um sich sammelt, die älteren Leute religiös erbaut und orientiert, die reifere Jugend gesellig zusammenhält und die jüngste Jugend, vielleicht nach der Methode der Esragruppen, belehrt und für kommende Aufgaben begeistert, ich wette, wir würden Wunder erleben! Und die geistige Erholung der Gemeinde würde dabei mindestens so spürbar sein, wie die leibliche Erholung des Sommergastes, der noch mit dem beglückenden Bewußtsein heimkehrt, zu Ar. 45 des „Israelit ✓/ seine Ferien in der idealsten, nützlichsten Weise der Welt ausgenutzt zu haben. -- In lehrerlosen Gemeinden wurde mein Antrag geradezu mit Begeisterung ausgenommen, und in einigen Fällen kam er bereits auch mit dem gewünschten Erfolg,für beide Teile zur Ausführung. Weniger Gegenliebe fand ich bei den Herren Lehrern, die zum Teil nicht gerne „Nebengötter" neben sich dulden. Aber dieses Mißtrauen ist meines Erachtens bei verständiger Aufklärung leicht zu überwinden. Der Mann, der „nach des Dienstes gleichgestellter Uhr" sein Amt versieht, bedarf immer der Ergänzung von seiten freiwilliger Kräfte, die, an Programm und Stundenplan nicht gebunden, frisch und froh auf gleichem oder Parallelwege arbeiten. Das wissen wir in der Stadt schon lange. Darauf basieren unsere „Volkshochschulen" wie die Lehrtätigkeit der Vereine neben den berufenen Schulen und Jeschiwaus. Auch auf dem Lande wird sich bei gegenseitkger Verständigung diese Erkenntnis durchsetzen und die Fortbildung, wie sie hier auf dem Wege sommerlicher Kurse gedacbt ist, wird gerade im Lehrer, auch in dem zuständiger; Rabbiner den eifrigsten Förderer finden.- * Diese Artikelserie ist keinem zu Liebe und 'keinem zu Leide geschrieben. Sie stammt aus der Feder eines Mannes, der die jüdische Landgemeinde aufrichtig liebt und der, auch wenn er dieses und jenes tadeln zu müssen glaubte, von keinem anderen Wunsche geleitet ist, als von dem, daß Besserung eintritt und die Not, vor allem tzdie geistige Not, behoben wird. Vielleicht ist damit ein Schritt zum Ziele getan!- Sie gehen... (Ein Nachtbild aus unseren Tagen.) Das ukrainische Städtchen ruht in tiefem Schlafe. Die kleinen Häuschen haben sich wie schutzsuchend an die Bergwand gedrückt. Durch die Ritzen der geschlossenen Läden schielen sie ängstlich über den Fluß hinüber, zu dem schwarzen Wald hin. . . Todesstille ringsumher. Ein lindes Frühlingslüftchen tanzt vom Berg hinab auf das Marktviereck, spielerisch Strohhalme vor sich herjagend und an halbgeschloffenen Fensterläden rüttelnd) huscht auch über das stille Wasser zu den grünen Wipfeln hinauf. Da fährt unvermittelt ein menschlicher Schrei über das Wasser: „Prahm!" ... „A—m—m! . . ." gibt der Berg in dumpfem Wiederhall zurück und die Stimme verschwindet in der Finsternis der Nacht. Und auf der Stadtseite des Flusses wird es lebendig. Ein schwarzer Schatten löst sich vom Ufer und schwimmt hinüber dem Walde zu. Dort wartet ein Nachtbote mit nächtlicher Kunde . . . Das Prahmboot schwimmt plätschernd zurück zum Städtchen und legt geräuschvoll und umständlich an. Ihm entsteigt der Bote, und er klappert durch die Nacht, .die Läden der Häuser absuchend ... * n a Das Haus des alten Rabbi steht auf dem Markte und -rinnen ist es finster. Sein Weib ist lange schon tot. Sein einziger Sohn ist vor Jahren schon ins Feld gezogen und ließ nichts mehr von sich hören. Wenn er, was der Rabbi immer noch hofft, kommt, findet er seine junge Frau nicht mehr, denn sie starb kurz nach seinem Weggange ... Von der ganzen Familie ist es nur noch des Sohnes Kind, die zehnjährige Debora, die dem Alten zur Seite steht. Schon lange vor Tagesanbruch steht der Rabbi auf/ wäscht die Hände und betet tief ächzend die Segenssprüche. Vor dem schwachen Oeüämpchen sitzt er nun vor seinen langen Folianten, die noch von gestern Abend seiner harrten. Mit einer schweren talmudischen Frage war er zu Bett gegangen und sie beschäftigte ihn unausgesetzt in schweren Träumen.. Nun war keine Zeit zum langen Schlafen. Das Leben ist kurz, die Not groß und der ungelösten Fragen so viele, ach so viele! ... Da klopft Jemand Plötzlich schwer und dumpf an den Fensterladen draußen. Der Rabbi schrickt von seinen Büchern jäh auf und steht nach der großen Wanduhr hin. Erst halb viere und schon der Schuleklopfer? Da klopft es wieder, noch heftiger. Es war nicht der Synagogendiener. Walachische Worte dringen durch die Fenstexrltzen: „Auf, Rabbi, ein Telegramm!" Des Alten Gesicht erblaßt. Zitternd weckt er sein Enkelkind. „Debora!, steh auf. Ein Telegramm! Vielleicht vom Vater!" Wie ein Blitz ist das Kind aus dem Bett und an der Türe. Mit bebender Hand empfängt der Rabbi das Telegramm; er öffnet das gelbe, harte Papier und kann sich nur schwer den Inhalt zusammenreimen. Dann aber rollen heiße Tränen seine bleichen Wangen hinunter. „Ist es vom Vater?" drängte das Kind ungeduldig. Nein, Kind, nicht vom Vater. Aber man darf nicht jetzt an sich denken. Sie gehen!.. ." „Wer geht?" ängstigt sich das Kind, „die Deutschen, die Russen?" „Nein, Debora, keine Feinde, Freunde unsere Brüder aus der Worno; ausgetrieben, geflüchtet . . . Bei Nacht und Nebel . . . Mit Greisen und kleinen Kindern . . . Sie gehen alle, müde und hungrig, zu Fuß, unserem Städtchen zu . . ." „Steht das alles im Telegramm?" „Nein, mein Kind, nur die vier Worte: Wir kommen zu Euch". Und wir wiffen schon . . ." Die gebückte Gestalt des Alten richtet sich auf, die alten eingeschrumpften Wangen bekommen Farbe und seine Stimme wird heller. „Debora! Kein Jude im Städtchen darf mehr schlafen. Du auch nicht. Ziehe dich rasch an und zünde die Laterne an. Du gehst mit dem Lichte voran und wir wecken die ganze Gemeinde". * * * Bei jedem Fensterladen bleibt der Greis mit dem die Laterne tragenden Kinde stehen, und mit fester Hand klopft er und ruft: ■ „Auf! Sie gehen!". Und jeder weiß schon, was das bedeutet und macht sich schleunigst aus dem Bett. Und der Rabbi ruft zu Jedermanns geöffnetem Fenster hinein: „Nehmet warme Kleider mit. Dl? armen kleinen Würmer, di? Säuglinge. . . und die Nacht ist kalt. Nicht vergessen, Brot und Milch ... Auch Lichter mitnehmen, denn die Finsternis hält noch drei Stunden und. mehr an. Ja, Brüder, es ist entsetzlich finster um uns herum . . ." Und wie der alte Rabbi an das Haus Jenkels, des wohlhabenden und einflußreichen Heereslieferanten herankommt, schreit er zum Fenster hinein: „Alle Wagen und alle Pferde bereitstellen, die du hast. Es sind gewiß Greise dabei und schwache Frauen, die vor Müdigkeit nicht mehr gehen können. Auch Kranke und Wöchnerinnen... Hörst du, Jenkel, alle PfvAe anspannen! . . ." „Und Ihr", rief er den Schuldienern zu, nachdem die ganze Gemeinde geweckt und auf den Beinen war, „Ihr geht von Haus zu Haus und holet überall je ein Kiffen und eine Decke. Diese bringt Ihr in die große Schul und richtet je ein Lager für die Frauen in der Frauenschul und für die Männer in der Männerschul. Die Leute gehen bereits seit der gestrigen Nacht. Gebetet wird morgen in irgend einem anderen Hause". Sc 8 *

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