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Der Israelit · 1920-11-11 · Heft 45 (11.11.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 45 (11.11.1920)
Date
1920-11-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Ser Israelit. il. November 1SÄ> Seite 9 «r. 4L Schwarze Schatten huschen über die Straßen. Hie und da funkelt das dünne Flämmchen einer Laterne auf und wirft rötliche Strahlen auf blaffe, aufgeregte Gesichter. Alle Menschen sind wie zu einem Knäuel zusammengeballt, der nun langsam den Berg hinabroüt, zum Flusse . ' . Der greise Rabbi steht inmitten seiner Schaar und lauscht . . . Still und kristallklar fließt das Waffer und leise rauscht der Wald drüben. Die winzigen Flämmchen tauchen in das Waffer, spielen und huschen aneinander. Keiner spricht ein Wort. Stumm find alle Blicke an den schwarzen Wald geheftet. Bon drüben kommt Wiehern von Pferden. Dort steht schon Jenkei mir sämtlichen Fuhren bereit. Da bricht ganz plötzlich, wie aus der Nacht gewachsen, em^Gesumme an, das wachsend näher und näher kommt, das Rauschen des Waldes und das Geraune des Baches üdertönend. Jrtzt hört man schon deutlich einzelne Stimmen und von weit her dringt dünnes mehrstimmiges Kinderwemen. Und nun stehen sie schon wie eine schwarze Mauer am jenseitigen Ufer. „Prahm!" . . . schneidet scharf durch die Lufr, Jenkels, des Lieferanten gesunde Stimme. „A—u—m . . gibt der Berg den Nachtlang dumpf zurück. Und durch die , finsteren Gaffen tönt es „A—a—a—m 1" und das Wort ersaßt die Herzen der Gemeinde wie Feuergiut. Hundert Stimmen rufen auf einmal: „Sie kommen, sie kommen: . . ." (Die Judenfrage imPauiskirchenparlament.) Aus ai«en Akren berichtet de». „R^tcysbote" über ine Jubendebatteim PauiSkirchenparlamentam 28. Aug.184» anläßlich ver Beratung deS Entwurf» zu den Grundrechten des deutschen Volkes. Auf der Tagesordnung stand der § 18; „Durch das religiöse BetenmniS wird der Genuß der staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beichränkt. — Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch tun." Man verhandelte über die Frage: wie bestehen die Rechte drS StaauS und die religiöse BekennrniSsteiheit unangefochten nebenelnander? Wie ist einem Widerstreit gegebenenfalls durch Eonderbestimwungen zu begegnen? Kann der Staat, indem er auf die Erfüuung seiner Ansprüche besteht, die religiösen Vorschriften beeinträchtigen? Der Fall ist denkbar. Dann aber erscheint „die voüe Glaubens- und Gewissensfreiheit" bedroht. Vs kann aber auch die umgekehrte Möglichkeit entstehen, daß aus religiösen Gründen staatsbürgerliche Psttchren unerfüllt blieben. Solche Fälle erblickte man betsprelSweise in dem Verbot der Mennon'.ren, zu schwören und Kriegsdienst zu leisten und in den de» sonderen Speiseoorschrlften, gewissen Riten und der Sabbatheiligung der Juden. Fm letzteren Falle sollte ein Sondergesetz Reibungen und Konstlkie ausgletchen und aufheven. Als Ankläger der Juden trat der Nationalökonom Moritz Moyt auf. Er stellte den Antrag: „Die eigentümlichen Verhältnisse des israelitischen BotlssrammeS sind Gegenstand besonderer Gesetzgebung und können vom Rerch geordnet werden. Den tsraeutlschen Angehörigen Deutschlands werden dte akrioeu und passiven Wahlrechte gewährleistet." Die Begründung, die Mohl in ausführlicher Rede gab, war im Ausdruck maßvoll, doch fehlte es nicht an scharfen Ausfällen. . Mohl fagte nach dem Protokoll u. a.: „Die Israeliten gehören vermöge ihrer Abstammung dem deutschen Volke nicht an, und sie können demselben ganz und vollkommen niemals angehören." Nur btS zu einem gewissen Grade seien sie Deutsche durch Gemeinsamkeit der Sprache und Gemeinschaft des Landes. Der Redner stellte dann dte Forderung auf: „Human sem gegen' dte Israeliten, fo human, wle nur >a«mer möglich. Aberm.sere erste Pflicht ist gegen das deutsche Volk!" Als Anwalt des Judentums sprach der Hamburger Rechtsanwalt Gabrtel Ries, er. Er ledere außerordentlich geschickt, überzeugend und wett witkungsvoller als Mohl. Während diese, die ganze Frage auf den nationalen und wirtschaftlichen Boden stellte, kehrte Rlesser die religiöse Seite stark hervor und forderte Duldung. Nachdem er sich durch diesen Eingang die Zustimmung des Parlamer IS gesichert, gibt er mit verblüffender Offenheit dte völkische Sonderheit der Juden zu und hofft auf einen Ausgleich; aber nicht durch dte Taufe, dte er, sofern sie zur Erlangung äußerer Vorteile dienen soll, ieldenschastltch verurteilt. Er betont dann, daß Wucher unb „Handel" nicht auf die Juden beichränkt seien. Der MohlscheVorstoß verpuffte vollständig. Obgleich in der »8er Zeit sich im Volke bis wett in dte demokratischen und sozialdemokratischen Kreise ein starker StimmungSantisemltismus bemerkbar machte und flch in Karikaturen, Flugblättern und Witzen äußerte so waren doch die parlamentarischen Volksvertreter in der überwiegenden Mehrheit nicht gewillt, dem Antisemitismus das Wort zu reden. — Und heute? Sie veiden Dichter. Der größte Dichter des Mittelalters Jehuda, Sohn Samuels Halevi, hat um 1100 in Spanien gelebt und wirkte dort auch als Arzt, sowie als hervorragender Thoragelehrter. Als Dichter ist er uns besonders durch seine unvergleichlichen Zionslteder bekannt, dte sogar Heinrich Heine und Herder höchste Bewunderung abrangen. Etwa 800 Lieder, auch weltlicher Art, sind uns von ihm erhalten geblieben und viele sini) wohl verloren gegangen. Einige seiner Lieder w/rden an Festtagen in der Synagoge gesungen und am 9. Aw ist es sein bekannter „Gruß der Kinder in der Verbannung an Mutter Zwn", der alle Herzen erschüttert.- Ein anderer Dichter und Gelehrte seiner Zeit, Rabbi Abraham Iben Esra, war, nach der UebeiÜeferung, ein Schwiegersohn von Jehuda Hulevt. Ueber das Zusammentreffen dieser beiden Dichter wird eine schöne Geschichte erzählt, die hier wiedergrgeben werden soll: Jehuda Halevi harte keine Söhne, sondern nur eine Tochter, die mit ihrem Liebreiz, ihrer Schönheit und Güte alle Herzen gewann. Die Frau des Dichters machte ihrem Manne des öfteren Vorwürfe, daß er über all seinen Arbeiten und Aufgaben seine eigene Familie vergesse und nicht dafür sorge, daß ihre emzige Tochter einem würdigen Manne zugeführt werde. Bei den ewigen Vorhaltungen geriet der Dichter eines Tages in große Erregung und in wallendem Zorn schwor er, dem ersten besten, der in sein Haus komme, seine Tochter zum Weibe zu. geben. Kurz darauf trat ein armer Pilger ins Haus, der, ganz in Lumpen gehüllt, einen gar erbärmlichen Eindruck machte. Die Frau erschrak gar sehr, da sie an den Eid des Mannes dachte, denn sie wußte, daß ihr Gatte niemals ein Wort brach, um wieviel weniger e^nen durch Eid bekräftigen Ausspruch. Sie lief zum Manne ins Lehrhaus uno erzählte ihm, von der Ankunft des Fremken, indem sie ihn bat, sich von seinem Gelübde entbinden zu lassen. Halevi meinte aber beruhigend: „Armut ist leine Schande und kann kein Hindernis bilden für die Ausführung meines Vorsatzes". „Aber er ist auch arm an Geist, ganz unwissend", sagte die Frau untröstlich. „Wenn er gmen Willens tst und Liebe zur Lehre hat", meinte der Dichter, „so kann er sich auch noch Wlffen erwerben. Hat doch der große Ak.ba erst mir vierzig Jahren begonnen". Halevi begrüßte al>o den armen Gast, bat ihn, in seinem Hause zu bieiben und sich Thorawissen onzuelgnen. Der Fremde willigte ein, und der Dichter ging sogleich daran, ihn in dte Gebiete her jüdifchrn Wiffenschaft einzuführen. Der wußte wohl nicht gerade viel, zeigte aber guten Verstand und das Bestreben, den Dingen auf den Grund zu gehen, und der Meister hatte Freude an seinem Schüler, der je am folgenden Tage das gestern gelernte Pensum immer stteßend beherrschte. „Siehst du", sagte der Dichter triumphierend zu seiner Frau, „sagte ich es dir doch, man verzweifle in keiner Lage und gebe kernen Menschen auf". Eines Tages war der Dichter spät abends noch nicht aus dem Lehrhause gekommen. Als sich die Frau nach ihm umsah, fand sie ihn über eine Schrift gebeugt, ganz in seine tiefen Gedanken versunken. Es war ein religiöses Gedicht, nach dem Olesbeth geordnet, in dem der Dichter bis zur drittletzten Strophe angelangt war. Alles war bis dahin schön gelungen. Die Verse reihten sich wie leuchtende Perlen aneinander. Allein Mit dem Buchstaben „Resch" war dte Muse von ihm gewichen, so daß er den rechten Ausbau der Strophe bet aller Anstrengung nicht zu Stande brachte. Das erregte ihn dermaßen, daß er da- Effen und Trinken vergaß. Die Frau redete auf ihn ein, und er folgte ihr endlich nach Hause, um zu effen und auSzuruhen, in der Hoffnung, daß am folgenden Tag der Geist Gottes wieder über ihn kommen würde. Der Fremde, der die Bestürzung seines Gastgebers sah, fragte ihn um deren Grund. Der Meister wich aus, da er dachte, es hätte doch kernen Zweck, mit einem Ungelehrten von der Dichtkunst zu sprechen. D<e Frau aber erzählte dem Gaste, nachdem der Dichter zur Ruhe gegangen war, waS sie von dem Schmerze de- DichterS wußte. Da eilte der Fremde nachts inS Lehrhaus, nahm den halbbeschriebenen Bogen an sich, brachte am Rande Bemerkungen uno Verve sserungen zu den einzelnen Strophen an und dichtete dte letzten drei Berfe des LtedeS glatt und schön zu Ende. Wie staunte Jehuda Halevi, als er am folgenden Tage in sein Lehrhaus trat und nun bas Gedicht vollendet, in herrlicher Ausführung vor sich liegen sah. Er dachte zuerst an ein Wunder. Aber sein Staunen wurde noch größer, als er dte Schriftlichen seines fremden Schülers erkannte. Nun stellte es sich bald heraus, daß der arme Fremde kein anderer war, als der damals schon in aller Welt bekannte Dichter und Gelehrte Abraham eben ESra. Er hatte, wie es Biele in alter Zelt mim, vorübergehend Golus (Verbannung) auf pch genommen uno durfte sich nicht zu erkennen geben, bis zu dem Momente/ da er gezwungen war, die Maske abzulegen. So wurde Abraham eben Esra der Schwiegersohn von Jehuda Halevi. Von den weiteren Lebensschicksalen des großen Dichters, besonders von seiner Retse nach Palästina soll später erzählt werden. Läkzl ik l - --i Vor SchabboS. Die kleine Martha hat den SchabboStisch schön gedeckt und nun eilt sie in ihr hübsches Mädchenstübchen, um sich selbst festlich anzukletden. Ganz still ist es jetzt in dem traulichen Wohnzimmer. Nichts hört man alb da- Ticken der alten Wanduhr. Das kann aber die Schabbvdlampe schon lange nicht mehr ertragen. Heu»^ endlich mutz sie doch einmal der Uhr ihre Meinung sagen. „Warum sprichst du nur immer? Air anderen sind still, du aber störst uns bet Tag und Nacht". „Daran könnt ihr sehen, daß ich die nützlichste von euch bin, antwortet dte Uhr. Ich muß immerfort sprechen, sonst wiffen dte Menschen nicht, in weicher Zelt sie tebrn". Ich bin aber dafür viel schöner al» ou und all' ihr anderen", ruft wieder dte SchabvoSlampe. „Wenn ich mein Schabvo-kietd anhade und meine Lichrchen brennen, bin ich sicher dte Schönste". „An dir werden nur sieben Lichtchen entzündet", frohlockte der Lhapukaleuchter, an m»r aber acht. Ich habe sogar einen -Mdtenten, der meine Lichter ansteckt, als» bin ich der Schönste und Vornehmste". „Hast du vielleicht ein roteö Sammtkleid, damit Gold bestickt ist;unö an dem goldene Quasten hängen"?, sängt nun auch da- Berchesdeckchen an. „Ich bin aber der heiligste von euch", ruft der silberne. Becher dazwischen. „Mich hält der Hausherr in der Hand, wenn er Kidduich macht und auS meinem Kelche trinkt er den besten Wein". DaS BercheSmeffer, der BercheSieuer, der silberne Weinbehäller, Löffel, Messer und Gabel rüsten sich gerade auch zum Wettstreit, da öffnet sich dte Türe und plötzlich ist allestill! Ties neigen sich alle vor der hereintretenden herrlichen Gestalt. Weiche weiße Seide umgibt die wunderbaren Glieder. Von ihrem Haupte wallt der prächtigste Schleier. Strahlend ist ihr Antlitz. Und nun öffnet sie die Lippen zum Gruß. „Scholaum alechem, Friede sei mit euch! Warum streitet ihr, wer die Nützlichste, Schönste und Heiligste ist? Wißt ihr nicht, daß man die Dinge nicht nach ihrem äußeren, sondern ihrem inneren Wert beurteilt? Ein jedevon euch wird von de» Menschen gebraucht, ihr alle habt einen bestimmten Zweck und deshalb seid ihr alle gleich. Und nun schließt Frieden miteinander, denn ich höre die Hausfrau kommen, die bald die Lichter zu meinem Empfang entzünden wird". Wie sie gekommen, so ist sie auch wieder verschwunden. Ganz still tst es jetzt in dem gemütlichen Wohnzimmer. Nichthört man als da» Ticken der alten Wanduhr und den leisen, innige« Segenswunsch, mit dem dte Hausfra« Königin Sabbat Willkommen heißt. S. E.

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