Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-11-11 · Heft 45 (11.11.1920) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 45 (11.11.1920)
Date
1920-11-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450130--68554-2525698
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

. 11. November 1920 der sie geprügelt wurden, wonach man sie nach Kelenföld transportierte. Ursache der Verfolgung war, daß sie im Jahre 1919 einen früheren Zuchthäusler Dobe verklagt hatten, weil er unter falschen Vorspiegelungen dem Landau nahezu 1 Million Kronen erpreßt hatte. Dobe war daraufhin verhaftet worden. Nach feiner Freilassung versuchte -er an Landau neuerdings Erpressungen, wurde wieder angezeigt und abermals verhaftet. Dobe hat vom Gefängnis aus die Gendarmerie von Kelenföld für sich zu gewinnen vermocht, und zwar durch den Advokaten Dr. Rusi ca, der zusammen mit dem militärischen Rechercheur Szipos am 19. September bei der Verhaftung der beiden Landau mitwirkte und am 20. September Dobe aus dem Gefängnis derObersiadthauptmannschaft befreite. Der Obersts dthauptmann hatte die Auslieferung verweigert, worauf Szipos drohte, er werde Artillerie holen und das Gebäude in Trümmer schießen lassen. Schließlich wurde die Auslieferung bewilligt. Nach weiteren Erpressungen, die Dobe und seine Spießgesellen an Landau verübten und an denen auch drei Offiziere beteiligt waren, gelang es einem Neffen Landaus, den Abgeordneten- Dr. Rudolf Ruppert für den Fall zu interessieren. Inzwischen waren die beiden Landaus verschwunden, ihre Leichen wurden aufgefunden, und es hieß, daß der ältere Landau durch Selbstmord geendet habe. Die Interpellation des Abgeordneten RuPPert rief große Erregung hervor. Der Ministerpräsident Graf Teleki versprach, in dieser „häßlichen Strafangelegenheit" volle Klarheit schaffen Hu wollen. Noten. Aus dem besetzten DJHna- Wilna, 20. Okt. Am 11. Oktober wurden die Vorsteher der jüdischen Gemeinde vom kommandierenden General der Besatzungstruppen Zialigowskis in Audienz empfangen. Bei dieser Gelegenheit überreichten ihm die Delegierten ein Memorandum über die Fälle von Mord und Plünderung, die während der letzten Besetzung wiederum an der Mischen Bevölkerung verübt wurden. Der General ordnete die Einsetzung einer Ausforschungskommission an, die all den angeführten Fällen auf den Grund gehen soll. Der Kommission gehören von jüdischer Seite an Herr Rabbiner Rubin st ein und Rechtsanwalt Gordon. Die öieligomshKFruppen tn Wilna. Akaris, 1. November. Das Komitee der jüdischen Delegationen hat nun authentische und ausführliche Belege dafür erhalten, daß die Truppen des Generals Zieligowsk, gleich nach ihrem Einmarsch in Wilna einen Judenpogrom organisierten, welcher 36 Stunden dauerte. Die Plünderungen begannen am 9. Oktober, 6 Uhr abends und dauerten bis zum 11. Oktober, 9 Uhr früh. Die an den Pogromen Beteiligten trugen die polnische Uniform. Außer zahlreichen Verletzungen stellt der Bericht fest, daß 6 Personen getötet, 5 Frauen und ein 16 jähriges Mädchen vergewaltigt wurden und 6 Personen so schwere Verletzungen davontrugen, daß an ihrem Aufkommen zu zweifeln ist. Der Sachschaden beläuft sich auf mehrere Millionen Mark. Die dem Komitee zugekommenen dokumentarischen Belege enthalten eine genaue Liste der durch den Pogrom Geschädigten. Eine weitere Mitdung an das Komitee der jüdischen Delegationen aus derselben Quelle besagt, daß ein einige Tage später neuerdings ausgebrochener Pogrom in Wilna einen viel blutigeren Verlauf genommen hat. Diese^ letztere Meldung wird übrigens in der antisemitischen „Morning-Post" vom 23. Oktober bestätigt. _ Der Israelit._^_ Der neue öberfeldrabbiner. ' Warschau, 9. November. Der (wie bereits aemeldet) von der polnischen Regierung eingesetzte Oberfeldrabbiner für sämtliche polnische Armeen, Dr. Mises, hat seine Wirksamkeit angetreten. In einem Schreiben an die jüdische Gemeindeverwaltung teilt derselbe mit, daß er im Aufträge des Kriegsministeriums wie des Ministeriums für religiöse Angelegenheiten, die Zustände auf dem jüdischen Friedhof kennen lernen und besonders die Gräber der Gefallenen in seine fürsorgliche Obhut. nehmen möchte. — ' Es ist zu hoffen, daß er in gleichem Maße auch den lebenden jüdischen Soldaten im polnischen Heere seine Fürsorge zuwendet. Rnrnänien. Brief aus Rumänien- Mukarest, 5. November. Es wäre ungerecht wie undankbar, verschweigen zu wollen, daß die jüdische Lage in Rumänien heute eine ganz andere ist, als in den letzten Jahren. Es genügt zu sagen, daß aus Ungarn und von der anderen Seite aus der Ukraine, jüdische Flüchtlinge den Weg nach Rumänien nehmen und dort im Vergleich zu den Zuständen in ihren Ländern ein wahres Dorado finden. Freilich liegt schon in dieser Gegenüberstellung eine wesentliche Einschränkung. Es geht den Juden in Rumänien gut, nach ungarischen und ukrainischen Maßstäben gemessen ... In Neu-Rumanien, in Siebenbürgen und in der Bukowina unternimmt die Regierung nichts gegen die von früher her gewährten Rechte der jüdischen Autonomie und den später geschaffenen Rechtsschutz für die jüdische Minorität. Im Gegenteil zeigt Hch in Regterungskreisen das Bestreben, das Gesetz über den Mtnoritätenschutz zu°respektieren und auszubauen, wenn sich auch in den unteren Amtssteüen noch zuweilen hierin passive Resistenz bemerkbar macht. Im rumänischen Beßarabien fühlen sich die Juden, wie schon gesagt, glücklich und danken täglich dem Schöpfer, daß sie unter rumänischem Schutz vor der Pogromwelle, die hart an ihrer Grenze wütet, sicher sind. Die Flüchtlinge, die täglich aus der Hölle über den Djnester kommen, berichten über soviel Jammer, daß den Brüdern und früheren Landsleuten förmlich das Herz bricht. Hilfsaktionen sind hier am Werke, wenigstens die nächste Hilfe zu schaffen. Erfreulich ist, daß aus dem Parlamente der rüde antisemitische Ton ganz verschwunden ist. In der großen Politik Groß-Rumäniens hat das antisemitische Programm keinen Platz. — Groß ist der Drang der Juden zur Auswanderung nach Palästina. Da aber die Reise über Wien gehen muß, was diese ungemein erschwert und verteuert, ist der Strom zunächst etwas eingedämmt. In Konstantinopel herrschen nämlich Zustände, die eine Reise über die Türkei nicht als geraten erscheinen lassen. Srhrvei;. Her osikerbung unS die Juflen- Genf, 8. November. Sir Eric Drum mond, Generaldirektor des Völkerbundes, hat bald nach seiner Ankunft in Genf, in Begleitung der Generalsekretäre einen offiziellen Besuch dem Grand Rabbin von Genf E. Ginsburger, abgestattet. Dieser begrüßte die Gäste namens der Juden seiner Gemeinde und hieß sie als Vertreter des Völkerbundes herzlich willkommen. Er sei freudig bewegt, da die Anwesenheit des Sekretariates des Völkerbundes die künftige Verwirklichung der Hoffnungen der Polnischen, russischen und rumänischen Juden auf Gerechtigkeit für die Verfolgten, Anerkennung der Minoritätsrechte für dir einen und Erlangung der zivilen und politischen Rechte für die anderen bedeute. Sir D r u m m o n d sprach seinen Dank aus und gab der.Versicherung seines Wohlwollens für die Juden Ausdruck. Er erinnerte an die No. 45 Seite v Taten Englands in Palästina und das Wirken Samuels. Er und seine Mitarbeiter werden sich zur Verteidigung der Jude» vereinigen und er hege feste ^Zuversicht, daß der Völkerbund seine Pflicht gegen die Juden erfüllen werde. Er hoffe, daß die gesamte Judenheit bald überall sich aller Menschen- und Bürgerrechte erfreuen wird. Von nun an werden sie nicht mehr vergeblich an die Gerechtigkeit der Menschheit appellieren. Die Forderungen der „Rgudas Jisroel*. . Zürich, 8. November. In den -Müttern" des deutschen Gruppenverbands werden aus Nr. 10 des rech" die im Sommer 1919 der zionistischen O.vganisation erfolglos übergebenen Forderungen der,,Agudas Jisroel" wiedergegeben. Dabei sind! jedoch leider Uebersetzungsfehler begangen w'ov-, den^ die den Sinn entstellen. Das Zentralbüro der „Agudas Jisroel" legt daher Wert darauf im Interesse der historischen Wahrheit diese Forderungen der Orthodoxie auch dem deutsch lesenden Publikum in der richtigen Fassung vorzulegen. Sie lauten: a) Die Orthodoxie fordert die Gewährleistung einer gleichberechtigten Vertretung in den etwa zrr bildenden Einwanderungsämtern, neben der zionistischen Organisation. d) Die Orthodoxie fordert .gleichberechtigte Vertretung in jedem jüdischen Zentralverwaltungsorgan, das etwa seitens der Mandatarmacht als Instrument zur Organisation des jüdischen Gemeinwesens gebildet oder bestätigt werden sollte. c) Soweit solche oder ähnliche Verwaltungsorgane für Palästina auf dem Wege von Wahlen gebildet werden sollen, beansprucht die Orthodoxie gleichberechtigten Anteil an der Vorberatung und Ausarbeitung der Wahlordnung, sowie der Leitung der Wahlen selbst. d) Sofern die Willensmeinung des jüdischen Volkes auf dem Wege «''gemeiner Wahlen oder durch einen Weltkongreß festgesetzt werden soll, beansprucht die Orthodoxie gleichberechtigten Anteil an der Borberatung und Ausarbeitung der Wahlordnung, der Leitung der Wahlen und der Feststellung der Prinzipien und der Tagesordnung des Kongresses. e) Die Orthodoxie verwirft jede Monopotsteklung der den Zwecken der Auswanderung, Einwanderung und Ansiedlung dienenden Finanzgesellschaften. sofern nicht statutarisch und durch gesicherte Vertretung der Orrhodorie in den Verwaltungen die Wahrung des Religtonsgesetzes in Geschäftsbetriebe der Gesellschaften gewährleistet wird. f) Die Orthodoxie fordert entsprechende Vertretung in den zeitweiligen jüdischen Nennern, die über die Erteilung von Einreise-Erlaubnissen nach Palästina zu beschließen haben. Diese Forderungen sind dann,- als die Verhandlungen mit der zionistischen Organisation gescheitert toaratj? der englischen Regierung überreicht worben. kine Judenflebaffe im 3ürdier Droben S&dfraf Zürich, 8. November. Am 3. November fand in der bürgerlichen Abteilung des Zürcher Großen Stadtrates die Debatte über die Revision der Einbürgerungsgrundsätze statt. Die Bürgerrechtskommijsion hatte mit Sttchentscheid des Präsidenten die Annahme der Vorlage, laut welcher für eingewanderte Ostjuden eine Niederlassung von 15, statt wie bei anderen Ausländern von 10 Jahren verlangt werden soll, zu befürworten beschlossen. Referent der Mehrheit, Prof. Spüh ler, erblickt in der Stadtratsvorlage eines der Mittel, die im Interesse der nationalen Selbständigkeit angewandt werden müssen. Von Antisemitismus könne keine Rede sein. Der Redner spricht des weiteren-von der Einwanderung während des Krieges und von „Machenschaften der Juden" in jener Zeit, die auch Christen zu ähnlichem Tun verleitet hätten. Die Kommtssionsmehrheit sei auch der Meinung, daß es im Interesse der hiesigen Juden siege, wenn die Weisung des Stadtrates angenommen wird. Namens der Kommissionsmtnderheit referiert Dr. Farbstein. Erfragt, ob bet zwei Mensche» mit gleichen Eigenschaften ein Unterschied mit Rücksicht auf die Abstammung der einen zu machen ist. Die Minderheit stimmt wohl zu, daß man vom Bewerber eine 10 jährige Aufenthalts

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.