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Der Israelit · 1920-11-11 · Heft 45 (11.11.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 45 (11.11.1920)
Date
1920-11-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. Ld. Seite 3 11, November 1920 »er Zsraeur. zu Praxis zu kommen. Die Hauptursache ist die mangelnde Unterstützung seitens vieler praktizierender Mo hell m, Me man als passive Resistenz bezeichnen könntedenn die Herren nehmen zwar Assistenten bereitwillig zu ihren Mohelschaften mir, aber sie entschließen sich nur sehr schwer, ihren Schülern auch einmal, die Möglichkeit der Betätigung zu geben. Um dem abzuhelsen möchte ich vorschlagen, daß sich die jüngeren Mohelim zusammenschließen, eine Zentralstelle zu gründen, die vielleicht der Freien Bereinigung oder einem andern Büro zweckmäßigkettshalber angeschlossen werden könme, die Gemeinden, Rabbiner und Lehrer aus diese Gründung Hinweisen und bitten, wenn nicht ein bestimmter Herr als Mohel gewünscht wird, die Milans dort anzuzetgen, damit von dort auS die in Frage kommenoen Herren der Reihe nach mit Ausübung der Mtzwoy betraut werden können. Diese Zentrale könnte dann auch die kleineren Plätze versorgen, wo eS zuweilen schwer hält, für GchabboS oder Jormow einen Moher zu bekommen. Dann wird auch dem yorgebeugt, daß eine rechtzeitige Ausführung der Mizwoh wie jüngst an Roscyhaschanvh in einer großen Stadl mit fronirr er Kehtlloh, aver ohne ortsansässigen Mohe'. unrerbleivt, wo bet geeigneter Organisation leicht ein Mohel hätte verfügbar sein können. Dadurch, datz Anfänger bei ersten Mohelschaften einen erfahrenen Mohel zuziehen, in vielen Gegenden stetsauch ein Arzt zugegen tst, ist jede Gefahr bet Ausübung der Mtloh durch andere als d>e wenigen großen Autoritäten, die dre Pflicht nmn rrwni außer Acht gelassen haben, ausgeschlossen. Ich bitte die Kollegen, sich zu vorstehendem Vorschlag zu äußern. Ob der Borwurf für die praktizierenden älteren Moheltm berechtigt,oder ntchr vielmehr ein absoluter Mangel an jüngeren Anwärlern vorhanden ist, vermögen wir nicht zu beurteilen. Jedenfalls soüte unsres Erachtens die „Freie Vereinigung" eine Versammlung erfahrener Mohelim zur Besprechung des ganzen Komplexes der in Betracht kommenden Fragen einberufen. provmzjalrMmer Sr. Salomon VamSerger ‘r'UT- >,Am Mittag ist die Sonne untergegangen." Eine Leuchte, die Licht und Wärme spendete, ist nicht mehr. Als ihr voller Strahlenglanz uns noch soeben erfreut hatte, ist sie plötzlich erloschen. Das Klagewort unserer Wersen L'LVN ia:.-hnt t: tr fse, - Wei'r' re tt - Versehens hereinbrechende Dunkelheit, wenn der Allgütige in Seinen Garten geht, um eine kostbare Menschenblüte zu Sich hinauf in die ewigen! Höhen zu nehmen. Nur nach dieser Seite ist! her Vergleich mit dem Verschwinden der im Zenith stehenden Sonne gemeint. Es soll damit aber nicht gesagt werden, daß der in der Vollkraft seines Wirkens hinweggenommene Große, wenn er bei uns geblieben wäre, gleich jber Sonne bald vom Höhepunkt herabgestiegen wäre. Nein, die Thorahlehrer nehmen mit dem Alter an -Wissen und Wirken zu. Der vielgeliebte und vielbewunderte Meister^ der am Nüsttage des jüngsten Sabbat im Hanse des Gebets nach vollendetem Gebet seine reine .Seele aushauchte, hat uns verlassen, mitten in einem reich gej'gneten Leben stehend. Wir aber hatten nicyt anders gedacht, als daß wir mit jedem neuen Lebensjahr/ wenn es uns vergönnt gewesen wäre, immer neue und immer rejcyere Früchte seiner Tätigkeit hätten genießen dürfen. Ein Alter nur von 51 Jahren hat Salomon Bamberger erreicht/ doch wie unsagbar viel hat er in diesem cillzukurzen Leben gereptet. In früher Jugend schon bewunderte man in seiner Gebnrtsftadt Frankfurt a. >M. seine hohe Begabung., Der Allgütige hat auch diesem Salomo Weisheit geschenkt'. Ein Sohn herrlicher Eitern aus edelstem Stamm, hatte er das Glück, in dem unvergessenen Rabbi Sekelz dem Sohne des großen R. Seligmann Bär,, und in seiner klugen und Zielbewußten Mutter^ der würdigen Tochter des hochgeschätzten Kolmarer Rabviners, R. Salomon Klein, verständige Pfleger und Wächter seiner Herzens- und Geistesgaben zu finden. Früh schon und erfolgreich wurde er zun: Studieren des Talmud geführt, und weit schneller als die Altersgenossen durcheilte er die Klassen der Realschule der Frankfurter ReligionsgeseUschast und des Goethegymnasiums. Die Erfolge des Studentelr aus Thorahochschulen und Universitäten machten die Hoffnungen wahr, die mein auf den Schüler gesetzt. In seiner Dissertation behandelte er den arabischen Text der Erklärung des Maimonides zu dem schwierigen Traktat Kilairn; und die Vereinigung der taünndischen und philologischen Kenntnisse des jungen Autors machte seine Erstlingsschrift zu einem kleinen Meisterwerk. 25 Jahre alt, wurde er Rabbiner der Religionsgesellschaft in Bingen, leitete dann einige Jahre Diftriktsrabbinat und Präparandenschule Burgpreppach, um dann zwä Jahrzehnte hindurch mir sich von Jahr zu Jahr steigerndem Erfolge Provinzialrabbiner von Hanau zu fein. Seine gewissenhaft geleistete amtliche 'Arbeit genügte ihm nicht, nach den verschiedensten Seiten hin bemühte er sich, der jüdischen Allgemeinheit nützlich zu werden. In den orthodoxen Rabbinervereinigungen gewann er bald eine führende. Stellung. In den Jugend-, organisationen, ob es Kaufleuten galt in der junger- Aguda, oder Strrdenten in dem Verein jüdischer Akademiker, stets war er ein hochwillkomnrener Lehrer und Mitarbeiter. Wohttätigkeitsvereine aller Art wußte er zu fördern, die altjüdischen Unternehmungen in und für Palästina rechneten auf ihn, im Kampf gegen die Feinde des jüdischen Gesetzes und des jüdischen Volkes stand >er seinen Mann. Eifrig ergeben war er dem '.Studium der höchsten und ersten Wissenschaft, dem Forschen im Talmud. Auch auf sonstigen wissenschaftlichen Gebieten, fehlte er nicht. Bekannt ist sein großes Verdienst um die Herausgabe des vor' zwei. Jahren .erschienenen nachgelassenen Bandes Dorot Hanschonim des R. Jizchak Halevi. Die ..Hauptarbeit der Jüdisch-literarischen Gesellschaft Frankfurt ä. M. ruhte auf seinen Schultern. Dr. Salomon Bamberger war der verdienstvolle Redakteur der dreizehn, sich immer steigender Anerkennung erfreuenden Jahrbücher dieser Wissenschaftlichen Gesellschaft. Er war kein Streiter, aber -ein Sieger. Auch hier trug er den Namen Salomo nicht umsonst. Ohne Kriege erreichte es König Salomo durch Weisheit, daß das Israelitische Reich den höchsten Gipfel an Macht und Ansehen gewann. Unser Salomo erzielte in seinen Gemeinden und für seine Gemeinden reibungslos, was er sich vorgesetzt; bei allgemeinen und öffentlichen Angelegenheiten setzte er sich durch, ohne als Kämpfer auf dem Plan zu erscheinen. Sein untrügliches Gefühl für Recht und Gerechtigkeit, seine Selbstlosigkeit, Klugheit, sein klarer Blick in Verbindung mit stets sich gleichbleibendem liebenswürdigem und sonnigem Wesen gaben ihm in Frieder Erfolge, wie sie andere durch Streit und Kampf selten nur erringen. Und dieser, in den vorderstell Reihen des öffentlichen Lebens stehende Mann, wie musterhaft lvar er als Familienvater! In edelster Harmonie mit seiner Gattin, der würdigen Tochter des in Fürth in dankbarer Erinnerung lebendeil Waisenhausdirektors Königshöfer, bemühte er sich mit Liebe und Verständnis seine Kinder zu wackeren, echten Jehudim zu erziehen. Nächst seiner Familie gehörte seine Liebe feinen Gemeinden. In den letzten Gesprächen, die ich mit ihm führte, erörterte er mit liebevoller Sorge, wie sich in bell jetzigen schweren Zeiten der wünschenswerte Umbau oder Neubau der Syuagioge in Hanau bewerkstelligen ließe. Die letzte Arbeit für das nächste Jahrbuch, die er in die Druckerei trug, war eine auf Zeine Anregung zurückgehendc Studie eines hervorragenden' Geschichtsforschers über die Hanauer Rabbiner. In feinem weiten, trefflichen Herzen fand sich Raum für die jüdische Allgemeinheit, für Gemeinde und Familie. Doch damit erschöpfte er sich nicht. Jedes einzelne Gemeindemitglied stand ihm nähe/ ein seltener, herzensguter Bruder war er den Geschwistern, der treueste Freund den Freunden. Wie vielen ist mit ihm eine- Sonne leider allzufrüh untergegangen! Fügen wir uns in Und er sprgA: „Da ihr nretret, so tst die Sache schon zu Gunsten des Menschen entschieden". anx na an» n&jtt laa jv'-a. Jacob H. Schiff als Jude. Verspätet eingetr ffene amerikanische Zeitungen enthalten seitenlange Aittkel über das Leben und Wirken Jacob H. Schiffs als PoUker, Finanzmann, Philantrop und besonders als Jude. In der Mischen Zeitung „Der Tog" bringt Louis Marsch alt Erinnerungen an seinen Freund Gch-ff zur Veröffentlichung, die unS besonders die menschliche Serie dieses Mannes mit dem großen jüdischen Herzen im herrlichsten Lichte zeigen. Marschaü?st der festen Ueberzeugung, daß Schiff an den jüdischen Leiden gestorben ist. Das ungeheure Matz von Aerger, Aufregung und Schmerz ob der jüdischen Tragödie hat ihm das Herz gebrochen. In letzterer Zen, da die Schreckenskunden aus den Ostländern sich überstürzten, uniertteß er es an keiner Minute deS Tages, an die jüdische Lage und an alle HitfSmöglrchketien zu denken. Jedes neue Unglück, das die Mische Gemeinschaft irgendwo traf, raubte ihm den Schlaf in den Rächten. ES ist bezeichnend, datz er alle Briefe, die jüdische Angelegenheiten betrafen, immer selbst und eigenhändig schrüb. Es konnte nichts im jüdischen Leben pasneren, was er nicht sofort aus direktem Wege erfahren hätte. Und keine Zeitung konnte sich rühmen, über jüdische Dinge in aller Welt so informiert zu sein, wie Jacob H. Schiff. Marschall erzählt zwei Fälle, in denen Schiff Milliardenverdtenste zurückwies in Wahrnehmung jüdischer Jntereffen. Dem Vertreter des Zaren stellte er das kategorische Ultimatum: „Die Anleihe kommt nur dann zu Stande, wenn die Juden in Rußland volle Bürgerrechte bekommen, sonst nie und nimmer!" Nach Verhandlungen mit Petersburg wollten die Russen in einigen Punkten nachgeben, aber Schiff ließ sich auf Verhandlungen nicht ein und alle wetteren Versuche scheiterten. Das geschah ebenso im japanischen Kriege, wie im Jahre 1913. Gegen die Bankiers, die trotz allem Geldgeschäfte mit Rußland machten, sührte er einen scharfen Kampf. Marschaü erzählt, wie ihn Schiff eines Tages zur Rede gestellt Hane, weil er, Marschall, ihm einen geschäftlichen Brief zugestellt hatte, der nach dem Poststempel am Sabbat geschrieben und abgeschickt wurde. Er drohte, nächstens selche Briefe unbeantwortet zurückzusenden. Bis zu den letzten Tagen war Schiff am Sabbat beständiger Besucher des Emanuel Tempels. Von Zeit zu Zeit pflegte er auch die Synagoge Beeth-El aufzusuchen. Die feierliche Weihe an Sabbat und Festen, besonders an den Sederabenden im Hause Schiffs, war in den Bekanntenkreisen sprichwörtlich. Er sah bet solchen häuslich religiösen Anlässen gern einen größeren Kreis von Freunden und Gästen um sich. Schiff liebte die Volksmaffen und sprach zu ihnen wie man zu Brüdern spricht. Darum litt er auch mit ihnen so schwer. Eine historische Scene im „Weißen Hause" wird Marschall unvergeßlich bleiben. Schiff und Marschall suchten in Gemeinschaft mit Anderen die Union zum Abbruch der Beziehungen mit Rußland zu bewegen. Zum Zwecke einer Beratung über diesen Gegenstand, wurden mehrere jüdische Notablen zum Präsidenten Taft tnö Weiße Haus zu Tisch geladen. D»e Besprechung sollte nach der Tafel staltfinden. Schiff rührte natürlich von den Speisen, auch den erlaubten, nichtan und harrte höchst ungeduldig der Besprechung. Nach Tisch erhob sich der Präsident und verlas feinen schriftlichen Entschluß dahtngeheno, daß der Vorschlag undurchführbar sei und die Beziehungen zu Rußland nicht gelöst werden könnten. Marschall fragte, ob nicht über die Sache noch diskutiert werden könnte, worauf der Präsident lakonisch antwortete, das könnte man wohl ... Er und Schiff redeten nun auf den Präsidenten ein, jedoch ohne den gewünschten Erfolg. Schiff konnte seine Aufregung nicht unterdrüaen, und er gab unumwunden zu verstehen, datz eS gegen Recht und Würde sei, Delegierte zur Beratung einzuladen und sie alsdann kurz und bündig mit einem fertigen schriftlichen Beschluß abzuipeisen. Als sie auftrachen, traten die Gäste nacheinander an di n Präsidenten heran und reichten ihm die Hand zum Danke und zum Abschied. Das erforderte daS primitivste Gebot der Höflichkeit. Schiff aber fühlte sich in feiner jüdischen Würde gekränkt und er setzte sich in seiner Erregung über alle Formalitäten hinweg. Er warf sich in seinen Ueberrock und gmg stumm auS dem Weißen Haufe ohne AdschtedSgrutz an den Gastgeber. Auf der Straße machte er feiner Erregung vollends Lust. „Der Kamps mutz jetzt beginnen!" Uno seitdem hatte Taft in Schiff auch einen gefährlichen politischen Gegner. Von Schiffs Annäherung an den jüdischen Nationalismus sagt Marschall r Schiffs Sinnen und Trachten ging dahin, Palästina zu einem kulturellen und religiösen Zentrum de- Judentums zu machen, und in dieser Beziehung setzte er die größten Hoffnungen auf die Balfom-Note. Von einer politischen jüdischen Nation wollte er aber nie etwas wissen.

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