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Der Israelit · 1920-11-11 · Heft 45 (11.11.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 45 (11.11.1920)
Date
1920-11-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Veite 8 9lt. 45 _ kommt aus Meckern, die buchstäblich mit jüdischem Blute gedüngt find. Sollte Werner Sombart am Ende recht behalten, der einmal zur Lösung der Judenfrage prophezeite: „ein Drittel wird totgeschlagen?.. Da? wird nicht sein. Aber eS ist doch nötig, daß wir uns über den einheitlichen Lauf der Strömung von uns bis zu dem Höchstpunkt ihrer Brandung auf den Heeresstraßen Petluras und Balachows ganz im Klaren bleiben. Der Judenhaß redet bei uns, wütet in Bayern, tobt in Oesterreich, regiert in Ungarn, führt in Polen Krieg und schlägt wild um sich in der Ukraine. Und der einheitliche Zug, die grade Linie in all diesen Erscheinungen, die, richtig gesehen, nur nach Temperament und Volkscharakter verschiedene Ausdrucksformen einer und derselben Erscheinung find, ist nickt zu verkennen. Darum fasten und weinen wir nicht nur um unserer Brüder willen . . . Aber unser Fasten kann heute von erhöhter Bedeutung sein, solange bei uns der Haß nur redet und unsere Hände noch nicht, gleich denen im Osten, gelähmt und und gebunden find. Eine Ghettoanekdote erzählt von einem Rabbi der einen Bibelsatz wußte, um die bissigen Hunde die das Lehr Haus belagerten, zu bannen. Angefallen wurden aber die Schüler dennock, denn — die Hunde ließen es gar nicht dazu kommen, daß die Bedrohten den „Possuk^ zitierten . . . Es steht uns wahrlich nickt der Sinn nach Anekdoten. Aber hier ist. es nicht Witz, sondern Wahrheit. Wir haben den „Pofsuk", der die Hunde bannt und ihnen die Zähne stumpf macht: mit der Thora in der Hand konnten wir zwei Jahrtausende feindlichen Menschen und Umständen trotzen. Indes läßt mau sie dort den „Pofsuk^ nicht sagen: man zerstört ihre Lehrhäuser, metzelt ihre lernenden Kinder hin, zerstört mit dem jüdischen Haus auch das darin waltende kleine jüdische Glück. ' Das jüdische Wort und der jüdische Gedanke, sie verglühen und verglimmen auf dem rauckenden Schutthaufen der jüdischen Gemeinde... Wir haben noch „den Poffuk im Munde". — Wir haben es noch in der Hand, mit dem allbewährten Vätermittel die Feinde zu bannen. Wir haben noch unsere Gemeinden,«unsere Lehrhäuser, unsere Familien, wo wir uns vor der Feinde drohendem Zähnefletschen sicher wißen. Daß wir uns um unsere Heiligtümer treulich sammeln, daß wir neue Zufluchtsstätten für Juden, aber auch für den jüdischen Geist schaffen, daß wir für unsere hart betroffenen Brüder beten und bauen, das alles ist der Zweck unseres Fastens. »er JSraelii. Wochennindschaii. Die Aufnahme der Eonntas-semeinde in die Berliner jüdische Gemeinde. In der letzten Sitzung der Repräsentanten- Versammlung der Berliner jüdischen Gemeinde forderte ein Vertreter der liberalen Fraktion Auskunft über den Stand der Verhandlungen mit der sogenannten „Reformgemeinde" in Berlin wegen" deren Eingemeindung. Bekanntlichhält diese Gemeinde, zu deren hervorragendsten Mitgliedern übrigens Führer der jüdischen Gemeinde selbst gehören, ihren Hauptgottesdienst am Sonntag ab, verrichtet die Gebete unbedeckten Hauptes und genügt auch sonst in ihrer Liturgie den radikalsten Forderungen des äußersten linken Flügels. Die Reformgemeinde möchte seit langem aus finanziellen Gründen in die große jüdische Gemeinde ausgenommen werden, hat aber bisher einen Erfolg damit nicht erzielt. Der Vorsitzende des Vorstandes teilte mit, daß die Reformgemeinde inzwischen an das Ministerium herangetreten sei um — offenbar , zum Zwecke einer Pression auf den Gemeinde-Vorstand — ihren vollkommenen Austritt aus der jüdischen Gemeinde herbeizuführen. Der Vorstand wünscht dies natürlich zu verhindern, während er andererseits gerade nach dem Ausfall der Wahlen in der jüdischen Gemeinde ganz genau weiß, daß in wetten Kreisen starke Gegnerschaft gegen die Eingemeindung der Reformzemrinde vorhanden ist. Dies trat auch in den Verhandlungen der Repräientanten-Versammluna offen zu Tage. Die Vertreter der jüdischen Äolkspartet (Dr. Klee und Prof. Dr. Löwe) bekämpften die Aufnahme, weil die Reformgemeinde sich durch die Preisgabe der hebräischen Sprache und des Sabbats aus dem Judentum ausgeschlossen habe. Ebenso trat von der konservativen Fraktion Herr Moritz A. Loeb der Fortführung von Verhandlungen mit der Reformgemeinde entgegen. Von liberaler Seite legte demgegenüber Prof. Dr. Türk dar, daß ein prinzipieller Unterschied zwischen Reformgemeinde und Berliner jüdischer Gemeinde durchaus nicht vorhanden sei, da die Mitglieder der Reformgemeinde genau wie alle anderen Gemeinde-Mitglieder an allen jüdischen Bestrebungen lebhaften Anteil nehmen. Es sei im höchsten Grade ungerecht, diese Gemeinde, weil sie in manchen Dingen einer anderen Auffassung huldige, zurückzustoßen. ^Ebenso protestierte Rechtsanwalt Dr. Stern dagegen, daß die Repräsentanten-Versammlung sich das Recht an maße, feftzusteüen, wer zum Judentum gehöre und wer nicht.! 11. November 1920 Von besonderem Interesse war es, daß Pro" feffor Löwe für die Volkspartei erklärte, sobald > die Berliner jüdische Gemeinde keine Religionsgemeinde mehr, . sondern eine Volks gemeinde sei, werde jede Ricktung, auch diejenige der Reformgemeinde, die Möglichkeit Habers, sich religiös im großen Rahmen der konfessionslosen Gemeinde frei auszuleben, nur heute sei dies noch nicht möglich. Der auf dem Boden des altüberlieferten Judentums stehende Beurteiler wird diesen Wortftreit nur mit Kopffchütteln anhören können. Es ist wirklich nicht einzusehen, welcher prinzipielle Unterschied besteht zwischen dem religiösen Standpunkt beispielsweise des Gemeinderabbiners Keüermann und seiner Genossen und demjenigen der Sonntagsgemeinde. Die dem Judentum fremden religiösen Lehren, welche die Reform-Rabbiner der großen jüdischen Gemeinde verkünden, der Geist der Richtlinien des liberalen Judentums, der innerhalb derselben jüdischen Gemeinde als anerkanntes Judentum figuriert, unterscheiden sich lediglich graduell, nicht prinzipiell von dem Judentum der Johannts-- straße und es ist wirklich vom Standpunkte der Logik nickt einzusehen, was den Mitgliedern der Berliner Repräsentantenversammlung das Recht gibt, theologische Unterschiede zwischen Johannisstraße und Oranienburgerstraße zu konstruieren. Logischer Weise kann man nur entweder die Reformgemeinde als aufnahmeberechtigt anerkennen, oder aber auch die Zugehörigkeit zur großen Berliner jüdischen Gemeinde als unzulässig betrachten. Die sogenannten „neutralen" Gemeinden sind eben heute äs facto schon Volksgemeinden, die nicht durch gemeinsame religiöse Ueberzeugung, sondern durch die Gemeinsamkeit der Rasse, der Abstammung, der Geschichte zusammengehalten werden, mag auch juristisch die Religion als das Etnheitsmoment gelten. rbv2 N12Q in Gefahr. Von verschiedenen zuverlässigen Beobachtern sind uns in der letzten Zeit höchst beunruhigende Wahrnehmungen hinsichtlich der gewissenhaften und rechtzeitigen Ausführung der nb'ö mafiö in Deutschland mitgeteilt worden. Cs fehlt an einem Nachwuchs junger tüchtiger Mohelim, und man hat bisher nichts Durchgreifendes unternomm-n, um diesem furchtbaren Mangel' abzuhelfen. Die nachfolgende Zuschrift weist nun auf eine der Ursachen des Uebelstandes hin und sollte zunächst einmal beachtet werden. Man schreibt uns: „ES ist'ein seit langem beklagter und von den in Betracht kommenden Kreisen sehr empfundener Uebelstand, daß es Mohelim als Anfänger sehr schwer haben 3m Widerstreit der Engel.*) In Bereschis Rabba. Abschnitt 8, lesen wir: Es sprach Rabbi Simon: W'e der Heilige, gelobt fei Er, sich anschickte, den ersten Menschen zu erschaffen, da teilte» sich die Engel der Gottesbedienung in Gruppen und Parteien. Die einen sprachen, der Mensch möge nicht erschaffen werden, die anderen waren für seine Erschaffung. Daher sagt auch die Schrift: MN IptM DW1 ,7>-lL UWM MJR. Die Liebe (RDR) sprach sich für den Menschen auS, da dieser von Natur aus zu Liebestaten neige. Die Wahrheit (MX) aber war gegen den Menschen, *) Zur Zelt erscheint in Lieferungen ein homiletisches Werk zur Thora, unter dem Namen B>yvn vwv', herausgegeben von den Rabb. Levitan Kristanta (Norwegen) und Weisblum, New-Aork (City 342 East 3 road Street). Aus dem ersten uns vorliegenden Helte, das sich durch Gedankenreichtum wie schöne hebräisch; Sprache und leichte Fassung auszeichnet, geben wir hier die kleine Homilie in deutscher Übersetzung wieder. weil dieser voller Lüge sei. Die Gerechtigkeit (pM) stimmte mit Ja, der Mensch würde Gerechtigkeit üben. Der Friede (oft») sagte aber Nein, denn der Mensch sei voller Zank und U n friede. Was tat der Heilige, gelobt sei Er? Er nahm die Wahrheit und warf sie zur Erde, wie es in der Schrift heißt: nXTX MX ^Spni, „Du warfst die Wahrheit zu Boden". Da sprachen die Engel: „Warum wirfst du deine Zierde von dir"? Daraus Gott: „So möge die Wahrheit emporsteigen"; wie es heißt: RD5£fl pxo ncx, „die Wahrheit blüht aus dem Boden heraus". Raw Huna meint: Indem die Engel miteinander stritten und verhandelten, schuf der Heilige, gelobt sei Er^ den Menschen. Und er sprach zu ihnen: „Was streitet Ihr noch ferner, der Mensch ist ja bereits erschaffen -"! Soweit die Midrascherzählüng, die man an Hand folgenden Beispieles in ihrem eigentlichen Sinne verstehen kann: In lebhafter Sitzung hatte einstens der Vorstand eines Vereines, der Pflege von Frieden und Bescheidenheit auf seine Fahne geschrieben, über die Aufnahme eines neuen Mitglieds zu befinden. Die Meinungen der Herren waren geteilt. Der Eine sprach sich gegen die Aufnahme aus, weil der Angemeldeie angeblich sehr selbstgefällig und ehrgeizig sei und alles nur der Oeffentlickkelt wegen tue. Demgegenüber befürwortete ein Anderer die Ausnahme, mit der Begründung, er kenne den Bewerber und wiffe von ihm, daß er Wohltaten auch im Stillen und auch an Verstorbenen übe, wo weder Gegenvergeitung noch Ehre zu erwarten sei, ein Dritter führte dann gegen die Aufnahme an, der Bewerber sei als zanksüchtig bekannt und gelte als Störenfried. Darauf der Vierte: „Das stimmt ganz und gar nicht, ich kenne den Mann, er ist der friedlichsten und sanftmütigsten einer." Da aber keine der Parteien nachgeben wollte, entstand ein heftiger Streit für und wider die Aufnahme, der immer schärfer und wütender wurde und nun drohte, in Tätlichkeiten auszuarten. Jetzt griff der Vorsttzende ein und machte dem Streit ein Ende: „Es ist unnützer Zank, ich habe während eures Streites die Aufnahme des Bewerbers be, eils zu Protokoll gegeben, die Sache ist somit abgeschlossen-". „Wie kannst du das"?, machte sich Protest geltend, „heißt es nicht in unseren Bestimmungen klar und deutlich, daß nur Männer des Friedens, nicht aber zanksüchtige Menschen in unsere Liga ausgenommen werden dürfen"? „Wohl"!, gab der Vorsitzende zurück. „Allein auS? eurem Streite über die Aufnahme des Streitsüchtigen, ersah ich, wie undurchführbar diese Bestimmung ist. Auf einen Streiter mehr oder weniger kann es uns nun in unserem Kreise nicht mehr ankommen . . . Verhält es sich nicht mit diesem Widerstreite der Engel um die Erschaffung des Menschen ganz ähnlich? Die Wahrheit behauptet, der Mensch tue alles nur aus Lüge und Heuchelei. Darum sollte sie zur Erde hinunter, um zu sehen, daß der Mensch imstande Hft, Liebe auch den Entschlafenen zu erweisen und Treue über das Grab hinaus nvxn pxö MX zu wahren. Der Friede hält den Menschen für unwürdig und ungeeignet, in das Weltenleben ausgenommen zu werden, weil er Zank und Streit suche. Wo blieb aber der vielgepriesene Friede und die Einheit in den oberen Regionen? Entstand nicht selbst unter den Engeln ein echter, rechter Streit darüber, ob es der streitsüchtige Mensch verdiene, ein Weltenbürger zu sein? Indem die Engel miteinander stritten, Np Ar BP Ax P'“IÖ JTWröxfjö», so drückt sich Midrasch vielsagend aus, hat Gott den Menschen erschaffen.

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