Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 44 (4.11.1920)
- Date
- 1920-11-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 44 des „Zsraelll". Land. »on QS. Jrchaki. (Fortsetzung.) klm Sabbat sind die Läden geschloffen, oder wer kann war dafür, daß die gleiche Türe zum Geschäft und zum Wohnhause führt? Es ist halt deS Zimmermanns Schuld, der just hier dar gemeinsame Loch gelassen hat. Und wenn der Kunde kommt, wird er — nachdem er bedient ist — zur Hintertüre hinauSgelaffen, des Nachbars wegen — der ja /einerseits ebenfalls gemeinsamen Eingang und Htntertüre hat . . . Am Kriege waren sie alle mehr oder weniger beteiligt, einige Hub n schwer gelitten. In mehr wie einem Falle ging der Sohn, das einzige Kind, vom Elternhause weg und kam nicht wird r, in anderen Fallen mußten Eltern lange um dre Söhne im Lazarkt, an der Front, m der Gefangenschaft bangen. Im Ganzen ist es aber um die Zukunft der Gemeinde im hessischen Städtchen nicht gut bestellt. ES gehörte in den letzten Jahrzehnten auch hier schon der reiche Kindersegen nicht mehr zum guten Tone.. Ern, höchstenzwei Kinder, am . liebsten Pärchen, war da- Ideal . . . DaS rächt sich heute buter an manchem Hause, daganz oder halb leer steht und an mancher Gemeinde, die keinem natürlichen Zuwachs entgegensieht. . . Ueberhaupt der „guteTo n".— Angegeben wird der Ton von der Haute Boi Le, sie besteht in der Regel auS dem Arzt, dem Apotheker, dem Herrn Assessor, vielleicht auch einem Forstrat ooer Oberlehrer, die allabendlich in der „Traube" ihr»n Skat haben und in Poiirik machen. Kaiser und Könige sind in Deutschland gegangen, Fürsten sind heimatlos, Heerführer haben die Waffe gestreckt, ein neuer Staat erhebt sich langsam aus den Trümmern deS alten. Die Haute Bolle im hessischen Dorfstädrchen herrscht, nach wre vor, beherrscht unumschränkt die öffentliche Meinung und entichetdet über daS politische wie auch daS gesellschaftliche BöS und Gut. Diese KlubS sind heute noch die Handlanger Werners wie sie vor zwei Jahrzehnten die Geschäftsträger Böckels waren ... Aber bezüglich des „guten ToneS" schielt man zuweilen auch von jüotscher Wette gern nach dem Spieltische in der „Krane" oder in der „Traube" hin . . . » « » Ich besuchte noch etwa vier oder fünf Gemeinden, an der Lahn und am Rhein, in H-fftn und im Frankenland. Ueberall das gleiche Blld, tm gleichen Maße Licht und Schatten! Echtjüdische Gastfreundschaft überall, aber auch ein früher nie gekannter Zug ins Großartige, ein Drang nach verfeinerten Lebensformen. Em großer Rest jüdischen Gefühlslebens bet den Alten, kleine, schwache Spuren nur bet den Jungen. Groß ist die Zahl der lehrerlosen'Gemeinden, auch in Ortschaften, wo die Leute genug verdient haben, um sich den Luxus eines Lehrers leisten zu können. In einer solchen Gemeinde kann man zuweilen Zehnjährige antrcfftn, die dar Hebräischlesen noch nicht gelernt und Siebzeh..jäyrtge, die eS schon vergessen haben. Ju einer kleinen Gemeinde sah ich, wie sich dir Mitglieder je am Sabbatmorgen versammelten, obwohl sie infolge de- Krieges die w.injanzahl nicht hatten, um wenigstens im gemeinsamen Raum zu beten und Krtegspsalme zu rezitieren. Dieser Wille zur Gemeinsamkeit und zum jüdischen Zusammenleben konnte einen rühren. Aus einem gesunden religiösen Instinkte heraus, sahen die Leute darauf, wenigstens die Tradition des „Schulengehens" zu erhalten, in Erwartung besserer Zetten, da der Gottesdienst in aller Form wtederhergestellt werden konnte. Wie verdorben wurde mir aber die Freude, als ich hörte, daß sie zuweilen schon bei neun Teilnehmern, von denen zwei am Sabbat aus einem Nachbarort mit der Bahn gefahren kommen, richtigen öffentlichen Gottesdienst, mit Kaddisch, Borachhu und Ausheben abhalten... Sieberufen sich dabet, ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht, aus den zuftändlgen Reformrabbiner in W. In einem anderen Orte sah ich, wie brave Viehhändler älteren Schlages eine Stunde vor Tag aufstehen, um vor Taganbruch Tefillin zu legen, da sie mit dem ersten Morgenzuae auf den Handel hinaus müssen. In diesen uno ähnlichen Fällen muß man sehr vorstchrig zu Werke gehen, wenn.man mahnend und bessernd auftteten will. Man sage den Leuten nur ja nicht, da- Schulengehen oder daS Teffilinlegen habe in diesem Fall keinen Wert, am meist n hüte man sich davor, in städtischer Ueberlegenhett der Leute Unwissenheit zu verspotten. Man mutz den guten Willen loben und anerkennen, aber auf Grund der Vorschriften, die man vorträgt und erklärt und in ansprechender Weite deutet, den Leuten zeigen, wie man es anders und beffer machen muß. Man kann an diesen Mißverständnissen die traurigen Folgen zeigen, die auS dem Mangel beständiger B.lehrung resultieren. In einer kleinen Gemeinde, die bereits seit, drei Jahren keinen Lehrer halte, hatte ich ungeahntes Glück, als ich beim GaS Bier am Sonntag nachm ttag in gemütlicher Aussprache in der schlichtesten Art der Welt den Leuten ungefähr folgendes sagte: „Ihr seid alle grundbrave Menschen und treue Familienväter. Ihr geht täglich fl ißig Eurer Arbeit nach, und sorget für Eure Kinder. Ich sehe, welches Brr trauen die N^chtjuden zu Euch haben, welches J.r jedenfalls durch redliches Handeln vollauf r chtiettigt. Das ist viel. Acec habt Ihr schon,!r be Freunde, über da- Ende all dieses Lebens und Srrebens nachgedacht? Ihr steht in der zwire.« Hälfe Eures Erbenwallens. Noch ein paar Jahrz hnte und Ihr steht dort, wo man Euch Euer Lebensbuch abgeschlossen zeigt. Man wird Euren Fleiß und Eure Redlichkeit rühmen. Was aber werdet Ihr zur Antwort geben, wenn Eure verstorb n* Väter Euch fragen : Habt Ihr die Gemeinde, dieses heilige Vermächtnis, daS wir in Eure Hand gelegt haben, gewahrt uiid gehütet, und bet Eurem Heimgang Euren Kindern zur weit eien Bewahrung überlassen, wie wir es Euch gegenüber getan? Tief b schämt werdet Ihr die Antwort schuldig blerven müssen, denn die Gemeinde hört mltEuch auf, sofern Ihr nicht für weiteres Gemein beleben, für Unterricht Eurer Kinder sorgt! . . ." Solche Worte finden immer einen guten Boden. Und immer ist es der Eine oder der Andere, der „eS lchon immer gesagt" und dem sie „auS der Seele gesprochen sind" ... Es stellt sich bald heraus, daß das Ganze nur eine Geldfrage sei. In meinem Falle brachten wir es aber fertig, datz sich die fletue Gemeinde noch am gleichen Abend an den Lehrer der größeren Nachbargemeinde um Uebernahme des Religionsunterrichtes wandte. Leicht wird eS der Herr auf diest M verlassenen Posten nickt haben. Versteht er aber ferne Sache und hat er seine Aufgabe erfaßt, so wird er aus dem Grünt stock in den Herzen der älteren Generativst noch etwas Rechtes fertig bringen ... Und man muß sagen, die Lehrer in Hessen tun, zum allergrößten T il wenigstens, ihre Pflicht mit einem Verantwortungsbewüßtsein, das man heute, auf dem Dorfe zumal, in keinem anderen Stande mehr findet. Leicht wird ihnen die So che nicht immer gemacht. Die Verkehrsformen sind zwar heute auf dem Lande überall beffer und die Beziehungen zwischen Vorstand und Lehrer demgemäß korrekter, aber der Wtrtschaftskampf ist für den Lehrer hart und wird immer härter. Der.Bauer spürt die Teuerung überhaupt nicht. Wenn er in Friedenszeiten sich ein paar Stiefel kaufen wollte, da ging er in die Stadt und verkaufte dort eine seiner Mastgänse. Die gelösten zehn oder zwölf Mark langten für den Kauf. Er macht es heute ganz genau so. Er verkauft auch jetzt die GanS oder einen gleichwertigen Gegenstand, freilich um zweihundert Mark und trägt dieses Geld, genau wie früher, in den Schuhladen, wo sein Bedarf in alter W ise gedeckt wird. Der Bauer hat also eigentlich mit der Teuerung nichts zu tun, da Nachfrage und Angebot bet ihm noch vornehmlich auf dem 'lten System des Warenaustausches beruhender V ehhändler und Kaufmann auf dem Lande spürt schon die L^benSmittelmtsere etwas mehr, aber immerhin nicht garzus.hr, da er immer etwa- „gegei zubi ten" und außerdem gwe Beziehungen har. Der Lehrer aber hat nicht- „gegenzuvieten" und ist mit der Ernährung feiner Familie fast nicht beffer gestellt als jein Kollege in der Stadt, während sein Einkommen gegen früher höchstenum fünfzig oder sechzig Prozent erhöht ist. Hohe Beträge für geistige Arbeit zu zahlen, hat man auf dem Dorfe noch nicht gelernt. Es herrscht daher Mangel in vielen jüdischen Lehrerhäusera. In vielen, aber nicht in allen. Denn viele Lehrer waren durch die Verhältnisse gezwungen, sich auf Nebenverdienste zu werfen, die (der Hunger kommt immer beim lassen) nach und nach zu den Hauptverdienjten wurden. Schule, Synagoge uno die anderen Gemeindeangelegen heilen haben dabei natürlich nichts profiliert, und, jo muß lelder von einer geistigen Not ncht allein in den lehrerlojen Gemeinden gesprochen werden . . . (Schluß folgt.) Sedom.*) «on David PiaeaS. „Wo find die beiden Fremden? Wo? Du hast sie zu dir in dein Haugenommen! Man hal's geseh'U, wie sie htneingekommen. Wir dulden keine Fremden in der Stadt; Und mer's g w 'gt und sie betreten hat, Der kam lebend«» nicht mehr von der Stelle. Gio sie heraus, die über deine Schwelle Beim ffen ihren Fuß g s tz, und so Den Le«b verwirkt nach unserm Landesrecht"! So schrie die sodomit'sche 'Pöbel'» affe; Gell rufend, füllte sie die nächt'ge Gasse Die ganze Studl schien plötzlich auf den Beinen, Es tobten wi>d die Giotzen und die Kleinen, Der Mann und auch da§ weiblich«' Geschlecht. Doch muiig t«at den Frevlern Lot entgegen, Vielleicht, datz ±< itleid dort sich könnte legen: „Nicht doch, ihr Brüder, handelt »ich, so feindlich Seid doch den beiden Fremden freundlich. Latzt chnter meinem Dache sie!" Nun jene: „H«be dich hinweg von hier! — Er ielvst nahm neulich erst bei uns Quartier Und schon will in Sedom er Richter sein! — Nun soll'» dir übler geh'n als jenen Beiden, Und Schlimmstes sollst mit ihnen du erleiden — Schlaat zu, schlagt zu! Schlagt «hm die Türe ein!" Es schiebt sich vor und vor die Menge, Lot kommt in Not, kommt inS Gedränge — Da strecken plötzlich — geisterhaft - sich Hände au» Und zieh'n den tapferen Mann in» Hau», Und donnernd fällt die Türe zu, Von unsichtbarer Hand geschlossen. — Blind tasten sie sich heim, sie, aller Sünd' Genossen Und ov der Stadt liegt bald gewitterschwüle Ruh'. Lot's Gäste aber rufen: „Auf! *) Infolge Raummangel» in »origer ftv. nicht erschienen.