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Der Israelit · 1920-11-04 · Heft 44 (4.11.1920) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 44 (4.11.1920)
Date
1920-11-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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4. November 198# ' unverantwortlichen Elementen bestehende Menge ein und machte sich daran, antisemitische D em o n st r a t i o n e n zu inszenieren, die einzelnen Universitätshörer zu veranlassen, sich zu legitimieren und diejenigen Hörer, die ihnen nicht gefielen, zu insulieren und zu entfernen. Blut floß in der Zentraluniversität nicht, aber im Gebäude des Dekanats der medizinischen Fakultät. Etwa fünfzig Personen drängten, die Polizeiwachleute beiseite schiebend, in die Amtslokalitäten der Quästur ein und zerrissen die dort in Aufarbeitung befindlichen Absolutarien der jüdischen Hörer. Die Zahl der verschwundenen Indizes und Dokumente konnte bisher nicht festgesteüt werden. Der Rektor hat bis auf weiteres die Einschreibungen suspendiert und auch die für den 18. d. M. geplante Eröffnungsfeier der Universität auf eine spätere Zeit verschoben. Inlett. . Aus Sem pofnifcfien Seim- ^atftßau, 29. Okt. Am Schluffe der gestrigen 'Sejmsitzung kam es zu einer scharfen Auseinandersitzung zwischen dem berüchtigten Pater Lutoslawski und dem Abgeordneten Rabbiner Halpern. Lutoslawski hatte in der Rede zur Verfassung behauptet, die jüdische Religion verpflichte ihre Bekenner, die Christen zu verachten. Ihm antwortete sehr scharf Abgeordneter Halpern, worauf Lutoslawski seine blöde Behauptung wiederholte. Es entstand großer Lärm und ein heftiger Wortwechsel zwischen den antisemitischen und jüdischen Abgeordneten. Als ein bäuerlicher Abgeordneter den Juden mit Gewaltanwendung drohte, entgegnete ihm Abgeordneter Grünbaum: „Versuchen Sie es nur I" Die Szene, die auf die Oeffentltchkeit einen schlechten Eindruck machte, dauerte längere Zeit. Der poinifdie Senat Warschau, 29. Okt. Nach stürmischer Sitzung kam am Freitag im Landtage auch die Senats frage zur Abstimmung. Es lag ein Vorschlag des Dez. Fatek vor gegen die Delegierung geistlicher Vertreter in den Senat. In der namentlichen Abstimmung stimmten 210 gegen 90 Abgeordnete gegen den Vorschlag. Von jüdischer Seite stimmten gegen die Ausschaltung der Geistlichen, Rabbiner Halpern, Farbstein und Dr. Thon. Grünbaum, Weinzieher und Hirschhorn enthielten sich der Abstimmung. ' Damit wird neben anderen geistlichen Vertretern auch ein Rabbiner Sitz und Stimme im Senate haben. England. ImnSoner Brief- Ämfva« Palästinas. — Mind erheitsrechte und Weltgerichtshof. — Antisemitische Presse-Kampagne. «London, 22. Oktober. Nach längerer Pause trat am letzten Sonntag der Board of Deputies (Gesamtvertretung der englischen Juden) zu einer Plenarsitzung zusammen. Zunächst wurde ein Schreiben Herbert Samuels aus Jerusalem verlesen, worin an die Opferwtlligkett der Juden für den Aufbau Palästinas appelliert wird. Die Verwaltung Palästinas sei sich der großen Verantwortung, die sie trage, vollkommen bewußt und wird in der Erfüllung nicht lässig sein. Die politische Lage im Lande sei günstig. Alsdann berichtete der Vorsitzende und Lucien Wolf über d enStand derR egelungderMinderheitsrechte in den Oststaaten. Die Verträge, durch welche auch die Rechte der jüdischen Minderheiten gesichert werden sollen, bedürfen mit Ausnahme des polnischen, noch der Genehmigung des Völkerbundes. Erst nachdem diese letzte Formalität erfüllt sei, könne das Joint Foreign- Komitee Beschwerden, die sich auf Verletzung dieser Verträge stützen in wirksamer Weise nachher Israelit. _ gehen. Der ungarische Vertrag wird erst im November in Kraft treten. Inzwischen hat das Joint Foreign Committee, dem Völkerbundrat bereits ausführliche Anträge im Interesse der jüdischen Minoritäten zu dem Entwürfe über den Weltgerichtshos beim Völkerbund zugehen lassen. Sie werden am 20. Oktober beraten werden. Einen breiten Rahmen nahm die leider an Schärfe und Umfang zunehmende antisemitische Preßkampagne ein, die sich in Times, Morning Post und Spectator geltend macht. Die Morning Post beispielsweise benutzt wieder eine letzte Woche vorgekommene Ruhestörung, die von arbeitslosen ehemaligen Kriegsteilnehmern ausging, zu einem bösartigen Ausfall auf die Juden, indem sie in lügenhafter Weise erklärt, es sei ein „Mob revolutionärer Juden aus dem Ostend" gewesen, die einen Konflikt zwischen den Arbeitslosen und der Polizei provoziert hätten. Der Spectator wiederum, eine angesehene Revue, verlangt allen Ernstes eine „königliche Untersuchungskommission um festzustellen, ob eine über die Welt verbreitete revolutionäre jüdische Verschwörung bestehe, die zum Zwecke habe, die christliche Religion zu zerstören". Eine Untersuchung weiter dahin, ob die Masse der Juden - mit diesen Verschwörern, deshalb weil sie Juden sind, sympatisieren! Einen äußerst gefährlichen Eindruck haben die giftigen Times-Artikel gemacht, die mit der Ermordung der Zarenfamilie die Juden zu belasten suchen. In der Debatte erklärte Mr. Wolf, er sei lange der Ansicht gewesen, daß man die antisemitische Pressehetze ignorieren müsse, Aber er habe diese Anschauung aufgeben müssen. So wahnsinnig und als Geburten krankhafter Phantasie erkennbar die Erzählungen der antisemitischen Presse auch seien, so machen sie doch tatsächlich im Publikum Eindruck, weil gerade das Geheimnisvolle reize. Er sei deshalb für die Errichtung einer jüdischen Presse-Agentur, die mit möglichster Intensität alles, was das jüdische Leben betreffe, in der politischen Tagespresse zu vertreten suche. Dem Vorschlag tritt Mr. Henriques mit großer Entschiedenheit entgegen, er werde das Uebel verschlimmern statt es zu bessern. Schließlich wurde die Entscheidung über diese Angelegenheit vertagt. Ein Kommentar?ur Balfourerhiärung. London, 20. Oktober. Der englische Exminister Barnes, der dem Kabinett angehörte, als die Balfourdeklaration erschien, hat vor kurzem ein Buch veröffentlicht, in dem er sich unter anderem auch mit der Geschichte dieses Schriftstückes beschäftigt. Er sagt dabei wörtlich: „Diese Erklärung wurde sehr sorgfältig und nach eingehenden Erwägungen formuliert. Sie bedeutet nicht einen jüdischen Staat, es sei denn, daß in irgend einer fernen Zukunft die Juden die anderen Elemente in der Bevölkerung einmal an Zahl übertreffen sollten, noch bedeutet sie einen überwiegenden jüdischen Einfluß, es sei denn, daß ein solcher durch überlegene, moralische und geistige Eigenschaften der Juden entstehen sollte. Sie verkörpert die Anerkennung eines traditionellen, sentimentalen und religiösen Interesses auf Seiten eines Volkes, lange unterdrückt in einem Lande, das die Wiege seiner Rasse war. Sie schließt auch in sich die Oeffnung eines unter türkischer Mißwirtschaft lange vernachlässigten und entvölkerten Landes für moderne Ideen und modernen Unternehmungsgeist." Diese Bemerkungen des Ministers Barnes geben der „Jewish World" zu außerordentlich bitteren Bemerkungen Anlaß, die unseres Erachtens zwar übertrieben, aber immerhin charakteristisch für die Stimmungen sind, die man jetzt in englisch-jüdischen Kreisen vielfach antrifft. Das Blatt bezeichnet die Interpretation, die > No. 44 Seite 5 Barnes gibt, als eine „ungeheuerliche Verdrehung" Z und fährt fort: „Wenn das wirklich alles ist, was die Balfouri-, deklarativn bedeutet, so hätte Balfour, was er zum Ausdruck bringen wollte, durch eine persönliche Mitteilung an Lord Rothschild sagen können, wonach die Regierung ihr Bestes tun wolle, um darauf zu achten, daß den Juden weder hinsichtlich der Einwanderung, > noch innerhalb des Landes irgend ein Nachteil gegen- «■ üoer den anderen Bevölkerungsklassen - zugefüqt werden soll, sobald das Land den Türken entrissen sei; | das wäre ehrlich und gerade gewesen; wenigstens wenn die Interpretation des Herrn Barnes richtig sein sollte." l\ Es werden dann alle die überschwenglichen Aeußerungen in den verschiedenen zionistischen j Riesenversammlungen in London der Auseinander- | setzung des Ministers Barnes gegenübergestellt uud schließlich noch hinzugefügt: | „Herr Barnes scheint sich des klaffenden Gegensatzes zwischen seiner Erklärung der Balfourworte und der Bedeutung, welche die Regierung ihnen Seizulegen gestattete, vollkommen bewußt t sein. Denn mit Bezug auf eine Rede des be-! kannten Dr. Stephen Wise, die er zu miß- J billigen scheint, sagt Minister Barnes ganz kühl: |i „Dr. Wise hätte daran denken müssen, daß seit % 1917 (dem Datum der Balfourerklärung) manches passier tist." Sollen wir, so schließt das Blatt, dies so auffaffen, daß, als der Teufel krank war, er den Juden ihre nationalen Rechte geben wollte, aber daß — nun — daß „viel passiert ist seit 1917?" £ Auch Jewish Chronicle bekundet wieder eine ziemlich pessimistische Auffaffung der Lage. Jj Eine mtchtige rabbinifcfte Delegation. I London, 20. Oktober. $ Aus Montreal in Kanada wird von der Ankunft der Herren Rabbiner Leiter aus § Amsterdam und Efrossi aus Dtnojew gemeldet, | die die Aufgabe haben, in Kanada und Amerika j| eine Hilfsaktion für notleidende Rabbiner und | Thoragelehrte in Mitteleuropa zu schaffen. Die Initiative geht von dem Rabbinerkomitee in Wien aus/ welches die beiden Delegierten mit i dieser Mission betraut habe. Das Komitee in 'i Wien, dem namhafte Rabbiner aus der gesamten | Diaspora angehören, ist im Besitz eines reichen | Materials, das ein erschütterndes Bild von der $ traurigen Lage der Rabbiner und Thoragelehrten l ergibt. Die beiden Delegierten selbst haben vor $ Antritt ihrer Amertkareise die Kriegsländer bereist | und kennen die traurigen Verhältnisse, über die f sie jetzt in allen Städten Amerikas berichten, aus 5’ eigener Anschauung. Es ist zu hoffen, daß der f Appell an Amerika seine Wirkung nicht verfehlen .§ wird. i *- % i flguäas Jisroel in England. Laudon, 22. Oktober. Am letzten Sonntag fand im Nord-Londoner jüdischen Klub eine große öffentliche Versammlung v: der Agudas Jisroel statt, in der Dr. Ben-Zion ■, Feßler referierte. Dr. Feßler führte aus, daß l AgudaS Jisroel alle traditionell gesinnten Juden J in einen unabhängigen Bund sammeln will, um 3 den wahren jüdischen Geist, sowohl in der Diaspora als auch in Erez Jisroel, zu wahren. | Agudas Jisroel erkenne die dringende Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit allen jüdtschen Parteien in sozialen und ökonomischen ' Fragen an, ohne jedoch geneigt zu sein, dabei ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit, die im Interesse des traditionellen Judentums unentbehrlich ist, zu gefährden. * Agudas Jisroel betrachtet eS als eine gebiete- £ rische Pflicht, Palästina zum religiös-nationalem; Heim des jüdischen Volkes zu gestalten; aber } angesichts der begrenzten Aufnahmefähigkeit des heligen Landes könne dieses unmöglich die Judennot aus der Welt schaffen. Nur eine wohl regulierte Auswanderung größeren Stils nach ver- 1 schiedenen Ländern der Welt kann in diesem Augenblick die unbeschreiblichen Leiden unserer - Brüder im Osten lindern, aber auch Palästina J kann nicht von der zionistischen Organisation

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