Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1920)
- Date
- 1920-10-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 43 des „Maelil". MW m-j 3n den Tagen der Pogrome. Bon Scholem Asch.*) Die uralte Schul ist bis zur Hälfte in den Erdboden eingebaut. Unsere Voreltern haben das. mit Absicht getan, damit das Gebäude von außen nicht zu hoch aussehe'. . . Von außen berühren die Fenster hart den Erdboden^ doch vok innen gesehen, liegen sie hoch oben unter der Decke. Von außen sieht die Schul armselig und verfallen aus) die Balken und Bretter sind morsch, und man hat den Eindruck, daß das Haus überhaupt nur noch darum dasteht, weil es eben ein Gotteshaus ist. Innen sind die Bretter neu und kräftig, und an den Wänden kann man noch Reste der Bemalung sehen: links und rechts vom Almemor, Tempelleuchter und Posaunen. Die Ostwand ist mit Inschriften in Rot und Gold geschmückt, die man aber vor Alter kaum lesen kann) dazwischen kann man noch einen Hirschkopf erkennen. Ueber den beiden geschnitzten Löwen, die den Thoraschrein krönen, ist in der Wand ein kleines verstaubtes Fensterchen mit bunten Glasscheiben angebracht. Den Hängeleuchter hat man einst gestohlen, und ' zur Erinnerung an ihn hängen noch lange schwarze Stricke von der Decke herab. Zwischen den beiden alten Messingleuchtern, die auf dem Tische des Almemors stehen, hängt eine runde Gedächtnis-Mappe . . Draußen ist wohl jetzt heller Tag) denn die Fenster unter der Decke schimmern, und die roten Glasstückchen in kleinen Guckfensterchcn über dem Thoraschreine leuchten. Ein Schleier von Spinngewebe schließt die Fenster dicht ab, damit die Leute draußen nicht erfahren, was in der Schul vorgeht ... In der kleinen Schul ist es halb dünktl. Kalte unbewegliche Schatten füllen sie bis zur halben Höhe der Wände. Durch die kleinen Fenster oben in der Weiberabteilung dringen aber einige Lichtstrahlen herein und sie fallen durch die trennenden Vorhänge auch in die Mannersckul. Aus der Weiberschul lassen sich leise Geräusche vernehmen: es, ist als ob dort die Toten umgingen .... Es ist Mittagszeit, also noch viel zu früh für das Nachmittagsgebet. Und doch ist die ganze Gemeinde in der Schul verfammlt. Was hat das zu bedeuten? Es sind heute die verschiedensten Leute beisammen: Hausbesitzer, Geschäftsleute, Mitglieder von Brüderschaften, Chassidim und Deutsche**), die man sonst das ganze Jahr nicht im Bethause sieht, halbwüchsige Burschen und Schuljungen, kleine Mädchen und Weiber sitzen auf den hintersten Bänken. Wie kommen Weiber in die Männetab:eilung? Viele Weiber halten ganz kleine, in Bettzeug eingewickelte Kinder auf den Armen und geben ihnen die Brust, und aus ihren Augen fallen stille, stumme Tränen nieder . , . An ihren verzerrten Gesichtern mit den zusammengebissenen Zähnen kann man erkennen, daß sie sich bemühen, keinen Ton von sich zu geben, damit man sie ja nicht hört. In der Nähe der Tür strhm Koffer und Truhen, liegen in weißen Laken zusammenge-' bundene Haufen von Kleidern, Wäsche und Betten und in Tüchern eingeschlagenes Hausgerät. *) Aus der im Verlaq Kiepenheuer, Weimar, er. schlerenen Sammlung: „Ostjüdtsche Erzähler". **) So nennt man in Polen freigeistige und auch von auswärts eingewanderte Juden, die sich „deutsch", also allgemein europäisch kleiden. Ein Bündel ist aufgegangen und ein Paar Messingleuchter ist herausgefallen) dazu einige zerfetzte Bücher ohne Einbanddecken, ein zerschlagener Teller' und noch einige Kleinigkeiten.. In einer Ecke, auf dem „Sitze des Propheten Elias", liegt auf Kissen und Bettdecken eine Frau. Ihr bleiches Gesicht schaut. aus dem Kopftuche heraus, und sie stöhnt so laut, als hätte sie allein das Recht, hier die Grabesstille zu stören. Klagende Schreie dringen ihr tief aus der Brust. Einige jüngere und ältere Weiber machen sich um sie zu schaffen) eine Frau hält ihr den Kops ho cd, und ein schlanker Jude in kurzem Rock aibt ihr an einem Fläschchen zu riechen. Die übrigen Märzner schauen mit Grauen nach dieser Ecke ... Die Leute sitzen heute nicht in der strengen Ordnung wie sontt beim Gottesdienst. Die Männer sind zum Teil unbeweglich auf ihren Plätzen zusammen ge; unken, die Gesichter mit den Händen bedeckend, in Gedanken vertieft, als ob sie sich „R-chenschaft über ihr Leben" abgäben) andere sichen herum und schauen einander an) doch sie fürchten, einander nicht nur ein Wort zu sauen, sondern auch blos einen Wink zu gcben. Und alle Augen sind auf den alten Rabbi gerichtet, der, in einen Schlafrock gehüllt, in einem WtnkU, und nicht an seinem gewohnten Platz steht und in ein Buch starrt. Doch er scheint im Gerste wo anders zu sein und an etwas sehr Trefes uud Ernstes zu denken . . So still ist es in der Schul, daß wenn sich einer Frauenbrust ein leiser Seufzer entringt, die ganze Gemeinde vor Schreck erstarrt. Und das Schweigen der Männer scheint sagen zu wollen, daß sie diesen Seufzer nicht nur wcht verurteilen sondern in ihm ihren „Chasen" sehen . . . Die vereinzelten Sonnenflecken an den Wänden gleiten immer' höher zu der Decke hinauf, bis sie ganz verschwinden. Und ein dichter, dunkler Schatten schien in der halben Höhe des Raumes und hüllt die letzten schwachen Umrisse der Weiber ein, die auf den hinteren Bänken fitzrn, so daß man die einzelnen Gestatten nicht mehr unterscheiden kann.. Es ist, als ob eine große schwarze Masse sich von den Wänden losgelöst hätte. Sie ist tot und unbeweglich, zuweilen streckt sich aus ihr etwas Längliches hervor und schwankt langsam hin und her: zuweilen dringt aus ihr ein bitterer Seufzer heraus, und dann ist es, als ob die ganze Masse seufzte ... Es ist ganz dunkel. Man zündet keine Kerzen an, und die Finsternis senkt sich immer tiefer, bis die dunkle Maffe, die vier Wände mit dem Thoraschreine und die Decke mit den gemalten Cherubim in eines zusammen stießen, Schul und Gemeinse sind eins. Und alle schweigen. Und das Schweigen bedeutet gespannte Erwartung. Man kann erkennen, daß die große drnkle Masse aus einzelnen kleineren Flecken zusammengesetzt ist) bei der leisesten Bewegung zerfällt sie in ihre Bestandteile, und einzelne Schatten beginnen dann an den Wänden zu tanzen. Doch sie bleibt fast die ganze Zeit als eine zusammen geballte Maffe bestehen, und sie wartet und schweigt . . . Und plötzlich — man weiß nicht, was den Anstoß dazu gab — zerplatzt die große schwarze Masse, und ein jeder drängt sich vor zum Thoraschretn. Einige heben sich ihre Kinder aus die Schultern und drängen sich so zu den Stufen, die zum Schrein hinaufführen. Die Bewegung wächst, doch alle bleiben noch immer stumm. Und wenn irgend ein Kind aus Angst zu weinen beginnt, gibt man sich die größte Mühe, es zum Schweigen zu bringen. Uad auder Ecke, wo die blaffe Frau in den K.sstn liegt, hört man ihre weinerliche Stimme: „Mojsche, Mojsche, wo ist Chajiml? Wo ist Chajtml?" Die Erregung wächst. Weiber beginnen zu schluchzen, und wie die Kinder ihre Mütter weinen hören, beginnen auch sie zu weinen. „Schweigt um Gottes willen! Man kann uns hörenJ" Die Weiber versuchen zu schweigen. Doch, ihr verhaltenes, ersticktes Schluchzen klingt noch unheimlicher. Einen Augenblick ist es still. Die Decke, die vier Wände und der Fußboden sind noch einmal zu einem einzigen dunklen Fleck zusammengestossen. Und es ist wieder so still, als ob es ein Haufen von Toten wäre, mit einem einzigen schwarzen Leichentuch bedeckt. Ein schwacher Strahl des „Ewigen Lichtes", das in der Wand eingemauert ist, gleitet über all das Schwarze, und es ist als ob eine Totenkerze zu Häupten einer ganzen jüdischen Gemeinde brenne . . Und alle schweigen ... Plötzlich, man weiß nicht aus weffen Munde, dringt mitten aus der Gemeinde eine tränenerstickte Greisensttmme. Und die Stimme steigt empor über den Köpfen der Gemeinde in die Finsternis: . „Asch-rej jojsch-wej bejs-secho" . . . Der Rabbi betet das Nachmittagsgebet vor . . . Und die Stimmen der Gemeinde fließen zu einer einzigen Stimme zusammen. Und es ist keine weinende und keine flehende Stimme, sondern eine stille Stimme, geichsam an sich selbst gerichtet:' „Asch-rej jojsch-wej bejs-socho" . . . Und aus dieser Stimme heraus läßt sich die einzelne schluchzende Stimme einer schwachen Frau vernehmen: „Asch-rej jojsch-wej bejs-secho" ... Und die Decke, und der Fußboden und alle vier Wände sind wieder ein Stück, ein schwarzer Fleck, und alle Stimmen zusammen eine einzige lief traurige Stimme . : . Es ist das Sterbegebet der ganzen Gemeinde ... Und finster ist es in der Schul, und der schwache Schein des Ewigen Lichts gleitet über bte schwarze Masse . . . Und die zusammengeballte schwarze Maffe wiegt sich hin und her, und die Stimmen, die die Gebete eines einzigen Herzens sind,, klingen zuerst leise und dann immer lauter und lauter... Plötzlich wird es wieder still. Die schwarze Maffe ist wieder unbeweglich, wie in Erwartung erstarrt. Doch draußen ist noch alles ruhig. Nicht das leiseste Geräusch ist zu hören, doch die Leute können plötzlich nicht mehr beten. Die Stille würgt, die Stille macht Angst. Man wartet... Man lauscht hinaus . . . Und bald ertönt von weit, sehr weit her ein dumpfes Dröhnen, und es kommt immer näher. Was ist das? ^Das Dröhüen kommt immer näher, und man erkennt, was es ist . . . Sie kommen! ... „Herr der Welt! Herr der Welt . , Und plötzlich läßt sich wieder die schwache tränenerstickte, doch seltsam sichere und feste Stimme des Rabbi vernehmen: „Aw horachamon! Schma kojlejnu, chuß werachejm olejnu!" Und die Gemeinde hat schon wieder alles vergessen, und das Leid Hunderter Herzen ergießt sich in einer einzigen Stimme:. „Aw horachamon! Schma kojlejnu, chuß. werachejm olejnu!" Draußen vor der Schul ist es noch still, doch aus der Ferne kommt ein Dröhnen, ein gewaltiges, wildes, freches Dröhnen. Weiß man denn nicht, was eS bedeutet? Und es kommt immer näher ... Es klingt, als ob Tausende Stücke Eisen gegen Steine klopften. Ein wildes Tier hat eine ungeheure Kraft bekommen, und daS Tier kommt näher. Es verhält sich noch still, doch alle fühlen, daß es gleich losbrechen wird...