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Der Israelit · 1920-10-28 · Heft 43 (28.10.1920) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 43 (28.10.1920)
Date
1920-10-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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SS. HrtsSer ' Der Seite S Nr. 4L Hurra! Hurra! Das Tier hat die stählerne Kette, mit -er es gefesselt war, gesprengt und wird nun die ganze Welt verwüsten . . . .Die, Leute in der Schul haben sich - eng zu- 1 ■ sammengedrängt. Niemand rührt sich vom Fleck. Alle wiegen sich im Gebet. Die Väter haben sich ihre'Mnder auf Me Schultern gesetzt, und die Frauen erheben ein wildes Angstgefchrek, ein-Geschrei ohne Worte und Ausdruck. Und die Stimmen der Betenden werden immer lauter, und durch alle Stimmen hindurch klingt die ernste, und alle andern mitreißende Stimme des Rabbi, der in.den Worten des -Gebetes-die einzige .Hilfe sucht: „Aw horachamon! Schma koj-lej-nu!" Und die .ganze Gemeinde ist ein Herz und eine Stimme: ,Mw horachamon! Schma koj-lej-nu!" Und das wilde Tier steht schon vor der Schul. Man spürt seinen heißen, durstigen Atem . . . Ungeheure Tatzen klopfen an die Wände, sie uchen, sie betasten die Türe . . . Innen in der Schul ist alles eine einzige Stimme, und die einzige Hilfe ist in denWorten: ",Aw horachamon! Schma koj-lej-nu!" Und draußen brüllt das durstige Tier: „Hurra!,Hurra!" Die Stimme draußen und die Stimme drinnen kämpfen miteinander. Wer wird unterliegen? Für einen Augenblick wird die Gemeinde wieder still ... Sie wartet ... Und. plötzlich ist die Tür zerschmettert. „Hurra! Hurra!" Land. Bon S. Jzchaki. (Fortsetzung.) Da mir mein Urlaub noch zwei Wochen Zeit ließ, fuhr ich noch am sonnigen Jsruchagmorgen in die herbstlich leuchtende Wetterau hinaus und traf post festum in H. ein. H. ist ein Marktflecken,-eine „Stadt", die schon zu einer Zeit als es noch keinen Krieg und keine Revolution und keine Hakenkreuze gab, ihren Bökel hatte. Es ist die Gegend, die die dicksten Kartoffeln und die grimmigsten Antisemiten hervorbringt, auch ist fie durch den bekannten Butzbacher Oberpädagogen Werner im Reichstag vertreten. Der Wetterauer ist antisemitisch geschultund begegnet als „gebildeter" Mensch den Juden mir dem gebührenden Hasse, aber seinen Salmche, seinen Löb und seinen Natan hat er im Grunde gern und ' kann ohne ihn weder sein Korn auf den Markt bringen, noch seine „Kauh" kaufen oder verkaufen, noch zu einem Rock oder zu einem Paar Stiesel kommen. Wenn in G. oder? H. Werner - oder eine kleinere ländliche Autorität nach der Ernte eine antisemitische Rede hält mit dem Refrain: Maust nicht bei den Juden!" so geht der Kaspar aus Bellersheim oder der Jean aus Wohnbach mit Bestimmtheit — hin und deckt sich bei dieser Gelegenheit beim „Jud" seinen Bedarf an Wtntersachen. . . Früher, da der Bauer noch nicht schob und politisch nicht geschoben wurde ur^ mit seinen Produkten noch fest saß, pflegte der Jude mit seinem Packen zu ihm Hinauszufahren und jedem das seine, dem Bauer Wams, der Bäuerin den weiten Reifrock und der Magd die buntschillernde Schürze ins Haus zu bringen. Geld gab es nie, sondern nur einen Schuldschein, den der Jude nach der Ernte einzulösen pflegte. Die Herren Söhne/ die den neuen Geist in das väterliche Geschäft brachten, gingen nur mit M u st er k offe r, saubergepackt, hinaus und nahmen Bestellungen auf, Heute sitzt der Kaufmann in seinem Waarenlager und kann es ruhig abwarten, bis der Bauer zu ihm gefahren kommt. Packen,Musterkoffer und Warenlager bezeichnen den.aufftetgenden Entwicklungsgang des jüdischen Kaufmanns im besseren hessischen Städtchen, wo der Viehhändler vor dem Fruchthändler und Manufakturiften zurücktrttt. Ich habe die Alten noch gekannt, wie sie vor zwanzig Jahren allmorgenölich aufs Land gingen, um mit dem letzten Abendzuge wieder heimzukommen. Ein Stückchen trockenes Brot im Ranzen dazu ein „Doppelkorn" in der Dorfwirtschaft, in die man anstands- und geschäftshalber einkehren mußte, war die'Nahrung des Tages. Daheim hatte die Familie den gewärmten Kaffe zum .Mtttagsbrode, um abends die Suppe mit dem Vater zu essen. Das Fletsch kostete 50 bis 60 Pfennige das Pfund und man konnte es sich nicht täglich leisten. Wenn der Vater gegessen hatte, schrieb -er - in sein Hauptbuch — ein paar zusammengeheftete Nottzbtätichen — den Erlös des Tages und die Aufträge des kommenden ein. Dann nahm er noch wohl sein Tlllim zur Hand ... Am Sabbat ruhte alles. Es gab auch zuweilen Händel in der Gemeinde, die zu Erbfemdschaften führten, mitunter auch einen häßlichen Prozeß mit Juden und Nichtjuden. Für große Opfer war man nie zu haben, aber man übte gern Gastfreundschaft und ließ sich nicht gern vom Nachbar in den Schatten stellen . . . Wer in der Gemeinde nicht parierte, wurde zur Strafe — in den Vorstand gewählt und hatts nun dafür zu sorgendaß die Andern parieren . . . Der Parnes hatte jeden Samstag einen Zylinder aufzusetzen, zur rechten Zeit in der Synagoge zu sein, mit allen geeignetesten Mitteln die Schwätzlust der Leute beim Gottesdienste einzudämmen und von Zeit zu Zeit Berichte an daS Wohllöbliche Kreisamt abzufaffen. Bisweilen ergaben sich ernste Differenzen zwischen Vorstand und dem Herrn Lehrer. Der alte historische Kampf zwischen der weltlichen und geistlichen Macht . . . Mit den Lebenden vertrug man sich nicht immer am besten, aber der Tod wirkte versöhnend. . . War jemand in der Gegend gestorben, so machte man-meilenweite Fußwege durch Schnee und Wind, um an der Bestattung tetlzunehmen oder die Trauernden zu trösten . . . Viele hatten ihr eigen Häuschen, darin sie ihr kleines Glück borgen und Kinder erzogen, ein Garrenstück dazu, auf dem man am Sabbatmittag -mit innerer Wonne die Kartoffeln und daS 'Kraut wachsen sah . . . So waren die Väter vor zwei Jahrzehnten und länger, von denen noch mancher an seinem Altanteil im One zehrt. Ich sah nun die Söhne. Sie sind ander-, glücklicherweise nicht Freudensteine aus dem Wilhelm Raabe'schen „Hungerpastor", aber über des Vaters Plunderkram htnausgewachsen. Sie liebten es nie nach Väterart zu den Bauern hinauszuptlgern, und die Passivität, die die Alten kurz Faulheit nannten, trug ungeahnte Zinsen in den Zeiten, da die Bauern, vollgestopft mit ganzen Bündeln knasternden Papierg tdes, zu ihnen kommen und um die Waare, die man ihnen früher ausschwatzen mußte, flehentlich betteln... . So sind die Söhne zu Geld gekommen oder richtiger, das Gelo kam zu ihnen und sie sind großzügiger, großspuriger, aber selten weitherziger geworden. . . Es ist viel dünne Kulturtünche in diesen Ortschaften, die nicht Stadt und nicht Land sind. Die Jüdischkeit hat nie sehr tief geseffen — daran waren die Alten schuld, die nicht für genügend Ausbildung gesorgt haben — der Krieg gab ihr den Rest. Weniger mMe wie es früher der Vater war, schließt der Sohn sein Tageswerk. Aber des Vaters „Tillim" ist von der Spielkarte.abgklöft, die jede Mußestunde daheim, in der Wirtschaft und sogar auf der Fahrt ausfüllt. . . (Fortsetzung folgt.) Für den Inseratenteil ist die Redaktion nicht verantwortlich:, insbesondere ist es ausschliesslich Sache der Leser, die Ina Inseratenteil enthaltenen Empfehlungen ritueller Waren oder sonstige Angaben religionsgesetzlichen Charakters auf ihre Zuverlässigkeit zu prüfe». JCH mödifemktim. Rr.relig.6erm verkeimten. Bin Waise. 34 Jahre alt, bedeutend jünger aussehend, schöne Erscheinung, in- Geschäft und Haushalt bestens bewandert Mitgitt es. 120.000 Msrk Mitteilungen an die Expedition des Blattes unter 21705. Beifügung eines Bildes erwünscht. j SucheMwmeine'.Schwester,süddeutsche, Ende- 20, nette Erscheinung, gebildet, äußerst haushälterisch, Mitgift 60000 M. und Aussteuer, gebildeten, tüchtigen Herrn (Kaufmann o. Beamten in gut r .Position) .zwecks Eheschließung. 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