Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1920)
- Date
- 1920-10-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 6 Nr. 43 grankvgiüj. Kein 6run3 . ■ ^aris, 20. Oktober. Auf eine Eingabe der Alliance Israelite Universelle an die Regierung um eine Intervention zu Gunsten der Juden in Polen, antwortete diese, daß es sich bet den Mißhandlungen in Polen nur um Einzelfälle handele, daß ferner eine Verständigung in die Wege geleitet sei und daher kern Grund zur Einmischung vorltege. Die uftrainifche Kafaffropfte- London, 18. Oktober. Auf Veranlassung der Föderation ukrainischer Juden in London fand dort am letzten Sonntag eine größere Konferenz statt, an der die Vertreter von 48 Hilfsgesellsctraften teilnahmen. Der Vorsitzende Dr. Jochelmann wies darauf hin, daß leider die Folgen der furchtbaren, über die ukrainische Judenheit hereingebrochenen Katastrophe mit unveränderter Härte fortdauern. Die Hilfe an Medikamenten und ähnlichen Kleinigkeiten sei leider gänzlich unzureichend, wenigstens habe yian jedock jetzt einen Weg ausfindig gemacht, um über Reval und Moskau mit den unglücklichen Opfern menschlicher Brutalität in laufende Verbindung zu treten. Der Vorsitzende der Odessaer zionistischen Organisation, Advokat Trevus, schildert in russischer Sprache die allgemeine Lage. Man habe.es nicht mit bloßen Exzessen zu tun, sondern mit einem überlegten Versuch, die ukrainischen Juden auszurotten. Bis zu diesem Jahre sind 500 jüdische Gemeinden ausgelöscht worden und die durch Anhalten von Eisenbahnzügen und Erjchießen jedes jüdischen Passagiers begangenen Grausamkeiten, haben sogar die christlichen Leiter der russischen Liberalen zu einem Proteste an die Adresse Denikins veranlaßt. Der Redner betrachtet als einzige Hilfe einen Appell an den Völkerbund, der sofort eine Untersuchungskommission entsenden solle, die Bestrafung der Schuldigen herbeiführen und bei der Entente es durchsetzen müsse, daß der Petlura-Regierung jedwede Unterstützung unterzogen werde. Alsdann muß das internationale rote Kreuz eine Mission -entsenden, um dem schwer geschlagenen jüdischen Volk zu helfen. Wie unwahr die gegen die Juden erhobene Anklage war, zeigt die Tatsache, daß am 26. August v. I. der Stadtrar von Odessa der jüdischen Gemeinde ein besonderes Dankschreiben dafür gesandt hatte, daß sie 1200 ausgebildete Soldaten zum Dienste gegen die Bolschewisten gestellt habe. Der Stand der Dinge in der Ukraine' derart, daß die Juden zum Wahnsinn und zur Verzweiflung getrieben werden. Auf einem solchen Boden müssen natürlich die extremsten Gesellschaftstheorien ihren Ursprung nehmen. Advokat Macho wer, der Vizepräsident des Kiewer Gemeindevorstandes gab einen detaillierten Bericht über die methodische Arbeit, mit der die Polen, begleitet von der Regimentsmusik, die jüdischen Stadtviertel mit Maschinengewehren umgaben und dann systematisch jedes jüdische Haus ausplünderten. Man brauche Kreditkassen für den Wiederaufbau, insbesondere zum Ankauf von Werkzeugen für Handwerker. Frau Gueft beschäftigt sich mit dem Schicksal der ukrainischen Waisenkinder, die vom Joint auf 150000 hilfsbedürftige junge Seelen geschätzt werden. In Südafrika und Kanada sind Komitees gegründet worden, um eine Anzahl dieser Kinder dort unterzubringen. Frau Guest regte an, man solle eine Bewegung einleiten, mit dem Ziel, möglichst zahlreiche Adoptionen ukrainischer Waisenkinder in den westlichen Ländern herbeizuführen. Ein Teil der Waisenkinder soll der industriellen und landwirtschaftlichen Arbeit zugeführt werden, und können später nach Palästina übersiedeln. Nötig sei auch die Sammlung von Kleidungsstücken und Geldmitteln für die Uebersiedlung der Kinder. äftei QfftxaeUt Es wurde schließlich ein Exekutivkomitee gewählt, dem angesehene Persönlichkeiten der Londoner jüdischen Gemeinde angehören. Ungarn. ein ameriftanifcher Bericht über maoyarifche Hölle. Wew-Vork, 8. Oktober. Die Blätter enthalten den Bericht, Welchen der von einer Informationsreise aus Ungarn nach New-Kork zurückgekehrte Hauptkassierer des American Relief-Komitee for Hungarian Sufferers (Amerikanisches Hilfskomitee für die ungarischen Notleidenden) Herr Rudolf Oblath am28. Sept. erstattet hat. Herr Oblath berichtet, daß der Terror in Ungarn furchtbar ist. Er hat drei Monate in Ungarn, hauptsächilich in Budapest, verbracht, aber auch andere Städte besucht und während dieser Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten mit eigenen Augen den Vandalismus des Weißen Terrors sehen können. Er nennt Namen von Personen, die gepeinigt und ermordet wurden. Im MMtärspital Nr. 17 in Budapest, 1. Bezirk, Kende-nicza 12, liegt Hauptmann Veszthy, der sechs Jahre in der Armee gedient hat und von den Weißen Terroristen schrecklich zugerichtet wurde. Sämtliche i Rippen wurden ihn» zerbrochen. In dieser Angelegenheit hat das Mitglied der italientscben Mission, Cerutti, die Recherchen gepflogen und die Bestrafung der Schuldigen in Aussicht gestellt. Oblath saß einmal mit dem Mitglied des Budapester Komitees Dr. Szekely vor dem Hungaria-Hotel, als plötzlich ein großer Lärm erscholl: „Nieder mit den Juden! Alle müssen umgebracht werden!" Die Demonstranten drangen ins Hotel ein und fielen über den 76 jährigen Hausagenten des Erzherzog Josef, namens Braun, her, einen vornehmen, ausgezeichneten Mann, dem in Gegenwart von Hunderten von Zuschauern der Schädel eingeschiagen wurde, so daß er sich buchstäblich im eigenen Blute hadere, Die Verbrecher, die diese Tat begangen haben, wurden wohl in Haft genommen, jedoch nach einigen Tagen wieder straflos freigelasjsen. Der ' Wein- Händler Nadler auf dem Deakplatz und sein Sohn wurden von einem Militärdetachement weggeschleppt und grausam mißhandelt. Ein gewifler Kanitz. der erst vor kurzem vom Militär kam, wo er den Krieg mitmachte. wurde in Gegenwart vielerhunderterMenschen mit Bajonetten erstochen und dann in den Teich geworfen. Oblath habe oft mit dem Vertreter der Bereinigten Staaten Granth Smith über diese Dinge konferiert, der selbst erzählte, wie systematisch diese Morde durchgeführt werden Er war gerade in seinem Büro, als ihm gemeldet wurde, daß Menschen lebendig begraben wurden, nachdem sie gezwungen worden waren ihr eigenes Grab zu schaufeln. En Vertrauensmann unseres Vertreters, ein höherer Offizier, der mit den Recherchen betraut war, mußte am nächsten Tage all das bestätigen, was er tags vorher für unmöglich hielt. Grant Smith ging am nächsten Tage zum Reichsverweser Horthy, um ihm den Fall milzuteilen. Es wurde Militär uno eine Maschinengewebrabteilung in jene Gegend entsendet, um Ruhe zu schaffen. Die Detachements beantworteten dieses Eingreifen des Kriegsministers mit öffentlichen Kundgebungen, in welchen der Kriegsminister unter Drohungen gegen sein Leben zum Rücktritt aufgefordert wurde. Der Kriegsminister zog es vor, seine Demission zu geben. Bemerkenswert ist, was Herr Oblath über die Behandlung der Heimkehrer berichtet: Die aus dem Auslande heimgebrachten Kriegsgefangenen werden auf einige Wochen in Konzentrationslager gebracht, um sie auf ihr Verhältnis zum Bolschewismus zu prüfen. Aus diesen Konzentrationslagern sind viele Juden spurlos verschwunden; auch die aus Sibirien heimgebrachten Kriegsgefangenen werden in Konzentrationslager gebracht und „wenn das Komiree", so sagt Herr Oblath, „nicht die Möglichkeit erhält, diese Kriegsgefangenen bis zu dem Tage, an' welchen sie iörett Angehörigen übergeben werden, zu kontrollieren, so ist es besser, wenn .das Komitee seine Arbeit einftellt, weil die armen Kriegsgefangenen in Sibirien sicherer sind als indenKonzentrationslagern Ungarns." Den festlichen Empfang, der Herrn Oblath in Budapest bereitet wurde, schildert er.wie folgt Bei dem mir zu Ehren veranstalteten Empfang im Rathaus waren unter anderen anwesend der antisemitische Führer Csillery in Vertretung der Regierung Stephan Friedrich, der Bürgermeister und seine Gattin, unser Komiieemitfllied Dr. Einst Deutsch usw. Knapp vor dieser Festsitzung begegnete ich meinem Neffen, der einige Zeit vorher nach Stofok verschleppt, zwei Wochen l 28 Oktober 1930. lang dort zurückgehalten, blutig geschlagen und gegen Erlag eines gewissen Betrages wieder freigelaffen worden war. Sie können sich nun denken, in welcher Stimmung ich mich zu diesem festlichen Empfang begeben hatte. Als wir das Wort erteilt wurde, diktierte es mir mein Gewiffen, den Budapester Herren Worte zu sagen, wie sie sie noch von niemanden gehört hatten. Ich schilderte ihnen, auf welche Weise unser amerikanisches Hilfskomitee für Ungarn zustande gekommen ist. Ich las ihnen die Namen aller unserer Funktionäre vor und stellte fest, daß alle durchwegs Juden sind. Ich hielt ihnen vor, daß 75 bis 80 Prozent der bei unserem Komitee eingefloffenen Spenden jüdisches Geld ist, aus welchem wir magyarische nichtjüdische Kinder verpflegen. Ich sagte ihnen, daß zur selben Zeit, da wir unsere Zeit und unser Geld opferten, wir unsere Frauen und unsere Kinder betteln schickten, bömii die ungarischen Kinder nicht Hunger leiden, sie unsere in Ungarn lebenden Angehörigen verschleppt und blutig gepeitscht haben. Ich habe mit dem Finger auf sie hingewiesen und ihnen zugerufen: Ihr seid verantwortlich für die Mörder» weil ihr deren Führer seid! Ich erklärte ihnen schließlich, daß, solange der weiße Terror in Ungarn herrscht, unser Komitee nicht einen Heller nach Ungarn schicken werde. Herr Oblath schließt seinen Bericht mit dem Anträge, daß das Hilfskomitee auch offiziell die ungarische Regierung und das ungarische Volk auf geeignetem Wege in Kenntnis setze, daß die Hilfstätigkeit des amerikanischen Komitees so lange aussetzrn werde, als nicht die Gewißheit vorliegt, daß die unerhörten Verfolgungen ein Ende genommen haben. Ein Antrag des Herrn Dr. Horn auf sofortige Auflösung des Hilfskomitees wurde mit zehn gegen neun Stimmen abgelehnt und ein dreigliedriger Ausschuß eingesetzt, um über die weiteren Schritte Vorschläge zu erstatten. Palästina. enttckZöigung. Aerufatew, 15. Oktober. Mit der Auszahlung der von der Regierung ausgesetzten 20000 Pfund als Entschädigung für die in den Pogromtagen ungerichteten Schäden wurde begonnen. Die augenblickliche Lase in Palästina. Köln, 24. Oktober. > Zu dem unter obiger Ueberschrift in der jüngsten Nummer des „Israelit" nach einem Vortrgg des Herrn Dr. Auerbach, Petach- Likwah erschienenen Artikel gehen uns vom Herrn Referenten folgend ^Richtigstellungen zu: 1. Die amerikanischen Hilfsgelder werden zwar leider größtenteils durch Männer verwaltet, die dem jüdisch-religiösen Leben fernstehen, aber nicht ausschließlich von solchen Herren. 2. Nicht die Jeschiwa Erez-Chajim zählt heute 500 Schüler, sondern die gleichnamige Talmud- Thora. 3. Nur in Jerusalem ist das inzwischen mit der Jeschiwas Hamischtalmim vereinigte misrachistische Lehrerseminar neben der allerdings erst zum Wintersemester religiös geführten sefardischen Tiferes - Jeruscholajim die einzige religiös orientierte Unterrichtsanstalt, welche von den Zionisten erhalten wird, dagegen ist dieses außerhalb Jerusalems noch bei einer größeren Zahl der Fall. (Tachkemoni in Jaffa, zur Zeit auch die Nezach-Jisroel-Schulen in den jüdischen Kolonien und Haifa.) Außerdem werden zwei kleinere religiöse Mädchenschulen in Jerusalem von den Zionisten subventioniert. 4. Während des Krieges sind zwar leider nur zu viel Thoragelehrte der Jeschiwaus am Hunger gestorben. Heute bekommen auch die meisten Thoragelehrten Subventionen aus den amerikanischen Hilfsgeldern, allerdings beträgt diese Subvention meist noch nicht die Hälfte dessen, was als Existenzminimum gelten kann. 5. In Jerusalem existiert auch ein kleines orthodoxes Blatt Machsike Hadas, das allerdings nur zweimal monatlich erscheint und nicht viel Bedeutung hat. 6. Die zum großen Teil in jüdischen Händen liegende Weinkultur ist zur Zeit rentabel. '' * i