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Der Israelit · 1920-10-28 · Heft 43 (28.10.1920) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 43 (28.10.1920)
Date
1920-10-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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L8. Dklober 192Q _ . Eine Abwehrbewegung könne er schon deswegen nicht fein, weil ein wahrer Bekennerder jüdischen Religion Andersgläubige nie angreifen oder verfolgen werde. (Beifall) Zu dem Antisemitismus als Angriffsbewegung müsse er aber aus drei Gründen eine ablehnende Haltung einnehmen, aus Gründen' der Logik, der Ethik und der Religion. Als logisch Denkenden verletze ihm die falsche Methode der Judenfeinde, Einzelfälle zu generellen Erscheinungen jüdischer Ver. anlagung zu erheben. Als Ethiker beleidige ihn die rohe Art der Selbstoerherrlichung und -er Abwälzung der Schuld auf andere, was unangenehm nach Pharisäer« tum schmecke, und als Geistlicher könne er erst recht nicht dem Antisemitismus die Hand reichen, da er sonst auch an den Grundlagen seiner Religion rütteln würde Als zweiter Redner des Abends erhielt Rabbiner Dr. B a e ck das Wort. In eindrucksvoller Darstellung widerlegte er die Behauptung, als seien nur die Juden die „Macher" der Revolution gewesen. Für ihn ist es besonders schmerzlich, daß der Antisemitismus seelen- und geistlos geführt werde, daß er so kämpft, als ob der Jude keine Seele habe. Unsere Geschichte sei ein Martyrium gewesen, in den Reihen unserer Gegner sitzen aber gerade Männer, von denen sich beim Sturz des alten Regimes nicht ein einziger als Märtyrer seiner Ueberzeugung hingeopfert habe. Nicht blos in unserer Eigenschaft als Juden empfänden wir den Antisemitismus mit Schmerz, sondern auch als Deutsche seien wir schmerzlich berührt von dem sittlichen Niedergang unsere- Vaterlandes, der aus dem Fehlen einer inneren Einkehr, dem Abwälzen jeder Schuld auf andere gefolgert werden müsse. So müsse es unsere Aufgabe als Juden wie als Deutsche sein, unseren Gegnern das Wasser abzugraben, durch tätiges Beispiel in Einkehr und Besserung. Anstelle des im letzten Augenblick verhinderten katholischen Geistlichen verlas Juftizrat Sonnenfeld eine Erklärung eines führenden Zentrumsmannes, des hessischen JustizministerK v. Brentano, und verhieß im Anschluß daran, daß die Stellungnahme der katholischen Geistlichen in einer späteren Versammlung festgestellt werden solle. Nunmehr ergriff der dritte Redner, Pfarrer lie. Bittlinger, der Vertreter btx evangeltsch-liberalen Richtung das Wort. In frischer, mutig zugreifender Darstellung ging der Redener auf eine ganze Anzahl der Fragen ein, die in der antisemitischen Bewegung von Bedeutung seien. Die Fehler der Juden erklären sich aus ihrer Ge schichte, ihre Vorzüge wiegen sie aber bei weitem auf. Wir haben mit unseren deutschen jüdischen Mitbürgern eine gemeinsame Kultur von Jahrhunderten, wir müffen sie also als vollkommen gleichberechtigte Bestandteile des deutschen Volkes betrachten und behandeln. Wenn man sagt, daß der deutsche Geist verjudet sei, so stelle man sich damit ein großes Armutszeugnis aus. Er für seinen Teil halte den jüdischen Geist für ein sehr gutes Ferment, er fürchte keine Verjudung, sondern eher eine Verrussung des deutschen Geistes. Wir dürfen die Juden nicht verärgern, daß sie in ihrer Verzweiflung in der Auswanderung ihr Heil suchen. Unendlich viel Geisteskapital und wirtschaftliche Ideen gingen in diesem Falle dem deutschen Volke verloren. Gerade heute, wo die Welt von Aeußerungen des Antigermanis« mus widerhaüe, mäßten aLe Gutgesinnten in gemeinsamen Abwehrkamps gegen diese stehen. Zum Schluß ergriff noch der erste Vorsitzende des „Zentralvereins" Justizrat Brodnitz das Wort zu einigen .herzlichen Dankes- und Bekenntnisworten. Wefieweidj. Paläflinajenfrale 9er nou9as Jisroel. Me«, 20. Oktober. Nach den Beratungen der Preßburger Konferenz der Agudas Jisroel, die ein selbständiges Vorgehen der Agudas Jisroel in allen Erez- JiSroel-Angelegenheiten beschlossen hat, wurde diese Palästtnasektton der Jugendgruppe in die Palästin «zentrale der Agudas Jisroel umgewandelt. Nunmehr ist die Palästin «zentrale konstituiert, als Vorsitzender wurde Herr Rabbiner Josef Baum garten, als sein Stellvertreter Abram Hornstein und Rabbiner Friedmann, Sohn des Rabbi von Czortkow, gewählt. Die innere Leitung besteht nebst dem Präsidium aus 10 Herren. Dr,r Israelit. Nach der Konstituierung fand die erste Beratung der Leitung am 19. Oktober statt. Herr Abram Hornstein, der mit dem Entwurf eines Aufrufs betraut war, hat nun diesen Appell au die thoratreue Judenhrit Wiens vorgelegt. In den Beratungen war es besonders Herr Rabbiner Friedmann aus Czortkow, der eine energische und großzügige Arbeit in Erez Jisroel forderte. Der demnächst erscheinende Aufruf, gezeichnet von den geistigen Führern der thoratreuen Judenhett, wird ollen diesen Anforderungen Rechnung tragen. Nebst dieser großen Aufgabe, deren Durchführung sicherlich eine gewisse Zeit erfordert, hat die Leitung gleichzeitig beschlossen, die Rkpartrierung der noch hier weilenden Palästin aflüchtlinge, die sich in großer Nöt befinden, nach ihrer Heimat. Erez Jisroel zu befördern. Da diese Aktiv» mindestens 250000-bis 300000 Kr. benötigt, hat man zur Aufbringung dieser Dumme und zur Erledigung der mir der Repartierung zusammenhängenden Geschäfte eine Speztalkommtssion gewählt. Mosten. Aus dem polnifchen Landtag- Marschau» 21. Oktnber. Die Interpellationen über die Judenmetzeleten und deren Besprechungen füllten auch die letzten Sitzungen des Landtages fast restlos aus. In der jüngsten Sitzung hielt der Deputierte Grünbaum eine Rede, in der er flammenden Protest gegen die Behandlung der Juden einlegte. Die Regierung verspricht die Einleitung von Untersuchungen und sucht im übrigen die Schandtaten der Polen dadurch abzuschwächen, indem sie auf die noch grausamere Behandlung der Juden von Seiten der ukrainischen Kosaken hinwetst. Das ist bis jetzt der einzige Trost, der den Juden von offizieller Seite geboten werden kann. Wie bas Kriegsministerium bekannt gibt, wurde das Amt eines Oberfeldrabbiners für die ganze polnische Armee geschaffen. Es wurde für diese Stelle der jüdisch-polnische Gelehrte Dr. Mises ausersehen, der sich mit einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten auf dem Gebiete der talmudischen Lexikographie einen Namen erworben hat. Infolge des Drängens des jüdischen Clubs auf eine Revision des über Rabbiner Schapiro in Ptotzk verhängten Todesurteiles, wünschten die zuständigen Minister das vollständige Material über diese Angelegenheit in Händen zu haben. Daraufhin hat heute Deputierter Kirschbraun dem Vizepräsidenten Daschinski ein Memorandum eingereicht, das das Material in der gewünschten Ausführlichkeit enthält. Man darf nun gespannt - sein, ob und wann die versprochene Untersuchung einsetzen wird. s=nr'■?—»>—i Marschau, 19. Oktober. Der Vertreter des orthodoxen Clubs, Rabb. Halpern legte beim General Olschewskt Beschwerde dagegen ein, daß allen Versicherungen und Befehlen zum Trotze viele jüdische Soldaten an den verflossenen Feiertagen den Festurlaub nicht erhalten haben, vielmehr in den Kasernen festgehalten und am Besuche des Gottesdienstes verhindert wurden. Der Herr Rabbiner brachte auch Fälle zur Sprache, in denen man jüdische Soldaten in den Kasernen gezwungen hätte, an katholischen Gebetshandlungen teilzunehmen. Der General sprach sein Bedauern über diese Vorkommnisse aus und versprach, die gegen das Gesetz handelnden militärischen Behörden zur Rechenschaft zu ziehen. Die Agudas Jisroel in Polen- Marschau, 20. Oktober. In einer Reihe von Beratungen der Führer der polnischen Orthodoxie, an denen auch Mitglieder der Rabbinischen Rates teilnahmen, wurde beschlossen, ein zeitweiliges Präsidium, ebenso ein Exekutivkomitee zu wählen, welcher bis zur Einberufung der großen Konferenz ihrer Ämter __ N,. 48 gdtc 0 walten sollen. Das Präsidium setzt sich nun zu* sammen aus dem „Gerer Rebde" als Vorsitzenden, den Rabbis aus Radzin und Sokolow als Vizepräsidenten und den Rabbinern aus Ostrows, Worge und Grütze. Mitglieder der Exekutivkomitees sind die Herren A. Aallerftein, E. Kirschbraun, B. Solberg, I. Trockenheim, Mendel Kaminer, Meschulem Kamtner, S. Abrach: Als Kassierer wirken die Herren Schwarzstein, PriweS und Btaler. Als MinimsljahreSbeitrag wurde, der Betrag von Mk. 20.— beschlossen. Außerdem wird jede lokale Aguda zu den Kosten und Ausgaben der Agudazentrale entsprechend herangezogen. Es wurde ferner beschlossen, an die Ausführung aller früheren Resolutionen heranzutreten. Insbesondere solle sich nun, getreu dem seinerzeit gefaßten Beschlüsse, die orthodoxe Delegation, bestehend aus Rabbinern, Thoragelehrten, Kaufleuten, Gutsbesitzern und Fabrikanten, nach Palästina begeben, um alle Voraussetzungen für die Ansiedlung von religiös gesinnten Juden zu prüfen. Es ssll schließlich auch eine Paläftinakanzlei inS Leben gerufen werden, mit der Aufgabe, alle nötigen Informationen über die Lage in Palästina zu sammeln und als Beratungsstelle für die Palästinaauswanderer zu dienen. 8M Litauen. __ Jüdifdie emigrafiönsftonferwi?. Kowno, 21. Oktober. Der Jüdische Nationalrat in Litauen ruft eine Emigrationskonfernz in Kowno ein, zu der Veneter vieler Auswanderer-Zentren eingeladen sind, u. a. werden auch die Städte Wilna, Dünaburg und Danzig vertreten sein. Der Konferenz obliegt die Regelung der Auswanderung soweit sie über Litauen strömt. KuHland. Neue Schretöenshunden- . Warschau, 20. Oktober. Neben den Petlura-Armeen waren es die Truppenteile des General Walachowitsch, die einen wahren Kreuzzeug durch die Ukraine veranstalteten. Die Truppen nennen sich „Freiwillige Nationalrussische Armee". In Warschau angekommene Flüchtlinge berichten über Vorgänge, die das Blut in den Adern erstarren laffen. Im. Städtchen Kamien Kaschtrsk bet Kowel erschienen die Soldaten artt zweiten Rosch Haschonohtag und verlangten von den Juden zunächst eine Kontribution von 700000 Mark. Mit der größten Anstrengung konnte das arme Städtchen 48000 Mark, aufbringen. Der Regimentskommandeur nahm das Geld in Empfang und sprach dabei ou den Soldaten: „Jetzt könnt ihr euch nach ^Herzenslust austoben!" Nun begann ein Plündern und Morden, das dr?t volle Tage dauert». War die Soldaten nicht an sich ziehen konnten, verschenkten sie an die polnische Bevölkerung. Häuser wurden in Brand gesteckt und die Menschen, die sich auf die Straße retten wollten, mit der Flinte wieder in die Flammen getrieben. Ganze Familien, von Urgroßmutter bis Urenkel, wurden ntedrrgemetzelt. Die Zahl der Ermordeten im kleinen Städtchen beträgt 75. Sie werden alle im Warschauer „Jud" mit Namen und Altersangabe angeführt. Dreißig Thora rollen wurden zerrissen und geschändet. In Wlodawa und Schatzkt, ebenso in Lib e ch in und Krem me ging das Gemetzel unter den Augen der Offiziere kurz vor dem Rosch Haschonofeste vor sich. In vielen Ortschaften haben die Polen die verfolgten Juden in ihren Häusern versteckt und sie so vor dem sicheren Tode gerettet. HJrangel ruft?u Pogromen auf- Moskau, 21. Oktober. Hier sind Originalerer Aufrufe eingetroffen, die in sämtlichen von Wrangel besetzten Städten angeschlagen werden und zur rücksichtslosen Dernichtung der jüdischen Bevölkerung auffordern.

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