Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 43 (28.10.1920)
- Date
- 1920-10-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450088-2450128--68527-2525669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 4 No. 4L Der JZraeltt. Stadtrat in Plock dementierte wohl all dieser lächerlichen Gerüchte. Die offizielle Telegraphenagentur brachte jedoch nur einen kleinen Auszug aus dem Dementi. In Tarnow sprach vor kurzem auf einer öffentlichen Versammlung der Parteigenosse des Ministerpräsidenten, Deputierter Brüll, in Anwesenheit des Präsidenten von jüdischem Verrate und forderte zu einem Rachefeldzug gegen die Juden auf. Der anwesende Ministerpräsident fand es nicht für nötig, den Redner in seiner Hetzrede zu stören. Noch bevor der Ministerpräsident die Regierung übernommen hatte, beschloß die polnischjüdische Kommission, einen Aufruf an die polnische Regierung zu erlaffen, mit der Feststellung, daß die Juden im Kriege eine loyale, patriotische Stellung einnehmen. Der Aufruf war von der Regierung angeregt. Der neue Minister verweigerte aber seine Unterschrift und der Ausruf konnte nicht erscheinen. Als Grund gab der Ministerpräsident die Ereignisse in Schiedlitz und Plock an. Kein Wunder eben, daß das verhetzte Militär, das tagtäglich, von jüdischem Verrat, von Mischen Ueberfäüen auf Soldaten hörte, in seiner ungeheuren Erbitterung seinen Siegesmarsch mit grausamen Bluttaten und Plünderungen an der unschuldigen wehrlosen Bevölkerung beschmutzte. In Schiedlitz hat man Juden angehalten, das Bieh auf die Weiden zu treiben. Hinter ' der Stadt wurden sie aber, sieben Männer im Alter von 40—65 Jahren, ermordet. Auch ' andere Juden wurden in der Gegend von Schiedlitz getötet. In der Stadt selbst wurden viele ^Jud'en ausgeplündert und' mehrere jüdische Mädchen geschändet. Im Dorfe Gebudfchin bei Schttzdlttz wurden in der Synagoge die Thorarollen zerriffen und dann wurde den Juden befohlen, die einzelnen. Stücke noch weiter zu vernichten. Die Juden, die man zum Viehireiben heranzog, wurden blutig geschlagen und auf grausamste Art mißhandelt. Im Städtchen Mordi wurde gemordet und geschändet. In Drohitschin wurden die Juden in den Fluß gejagt und ihrer 15 im Wasser erschossen. Der Rest konnte stch ans Ufer retten, wo sie aber von den Bauern in bestialischer Weise mißhandelt wurden. In Loschitze wurden mehrere Mische-Mädchen vergewaltigt und die Mehrheit -der Mischen Bewohner beraubt. Ein Offizier, jagte die Bande auseinander, mit dem lauten Rufe, man habe die Belustigung nur für 24! Stunden erlaubt und die Zeit müsse eingehalten werden. Die Ortspolizet verspottete und mißhandelte auch ihrerseits alle Juden, die bei ihr Aber Gronemann hat im Kleinen und Episodeni hasten Gestaltungskraft, Im Dialog, sofern die Menschdn keine langatmigen zionistischen Leitartikel sprechen, 'Geist und Witz, und er dient mit diesen Gaben einer schlechten Sache. Hier der Punkt, wo er sachlich empört, denn zur Zielscheibe seines beizenden Spottes 'nimmt der nationale Rabbinersohn nicht allein das "Täuflingsmilieu, sondern auch, uvd sogar in erster 'Reihe, die religiösen Gebräuche des Judentums. Das Bild, daS er in Kapitel 5 der Abteilung ^Seelsorge" von dem Betriebe im Hause des orthodoxen Rabbiners entwirft, zeugt von allem eher als von einer großen Liebe zum Judentum und zu der Summe seiner AuSdruckssormen. Fast will es scheinen, als lag es ihm besonders am Herzen, hier mir den grellsten Farben den Hintergrund für das „Tohuwabohu" zu schaffen. Im Hause des Rabbiners Rosenbacher ist reges Leben. Es ist an den Rüstetagen zum Peffachfe>re und im Arbeitszimmer, wo ' alles auf den Kopf gestellt ist, find die Klienten des 'Rabbiners in bunter Fülle versammelt: ChomezverkaufSverträge werden abgeschloffen, Tetlhaberabkommen 'mit Klück, dem ^Schabbosgoi", der die Seele des -Ganzen ist, getroffen, Männer kommen um Rat und Hilfe, Frauen harren der rituellen Entscheidungen, der eine bringt seinen neu erfundenen Sabbaigürtel zur Prüfung, der andere meldet ein neues koscheres Rasierpulver an und Kluck wird damit zur Probe öffentlich rasiert, Mütter tragen ihre Kinder für die Religionsschule ein, dazwischen Bittsteller und Besucher aller Art. Welch herrliches Bild von der Vielfältigkeit ddS jüdischen Lebens,, von der nie versagenden. Arbeitskraft, Liebe und Güte eines Menschen, der dies alles spielend bewältigt, denkt der Leser. Was hätte der Schutz juckten. In Wischkow wurde die christliche Ortsbevölkerung aufgefordert, Rache an jedem Juden zu Hben, mit dem man einmal was vorhatte. In Garwolin, Baskorschew und Plonsk wurden ohne Gerichtsverhandlung Juden erschossen, auf Denunziationen von Konkurrenten. Bei Luckow wurden ohne Prozeß zwölf Juden und in Hagdone drei Juden erschossen, nachdem sie selbst ihr Grab schaufeln mußten. In Siwulie, Puldusk, Mosdie, Mackow, Wenzrow, Sombrow, Otwock, Gltb iancki, Komar ow, Malktu, Dobrie, Skrudte, in der Umgebung von Sokolow und Kaluschin, im Dorfe Mikusie und hundert anderen Städten und Dörfern kamen täglich Dutzende von Ermordungen und Schändungen vor. In Huschani wurden Juden vollkommen entkleidet in den Eiskeller geworfen. Selbst in Wisoko Masowitzk, wo eine bewaffnete jüdische- Abteilung unter Verlust von 18 Menschenleben die Bolschewisten aus der Stadt gejagt hatten, wurden die Juden von den Polen grausam mißhandelt, auch solche, die aus der bolschewistischen Gefangenschaft entsprungen waren. Plünderungen sind in all den genannten Ortschaften in großem Maße vorgekommen. All diese Einzelheiten ergeben noch kein vollkommenes Bild von dem ungeheuren Verbrechen,: das man an den Juden begangen hat. Aus vielen Teilen des Landes, besonders aus der Gsgend von Lublin, wo die Petluratruppen wüteten, fehlen noch die Nachrichten. Wettere Schreckensberichte liegen vor aus Samsschz, Neustadt, Wladowe. Auch in der Umgebung von Bia ly stock wurden in den Wäldern und auf den Landstraßen Dutzende von jüdischen Leichen gefunden, Es kann kein Zweifel sein, daß einzig zur Vorbereitung dieser Mordtaten die Märchen vom jüdischen Verrate verbreitet wurden. Zu diesem Zwecke wurden auch Hunderte von Juden ftstgenommen. Fast alle heimgekehrten Flüchtlinge wurden als des Verrates verdächtlg in Haft genommen. Von den rückflutenden Truppen sondert man die Juden aus und steckt sie als Verräter ins Gefängnis. Die Juden, die gleich den Polen untergeordnete Beamtenstellen bei den Bolschewisten bekleideten, wurden nach kurzem Prozeß erschossen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Fälle überhaupt in den Bereich der Feldgerichte fallen. Christlichen Bürgern dagegen, die unter den Bolschewisten Dienst taten, wurden Ehrenzeugniffe ausgestellt, daß sie in schwerer Zeit der Stadt gedient hätten. In Plock wurde Rabbiner Schapira, ein vollkommen unpolitischer Mann, zum Tode verurteilt und nichtjüdische Sacher Masoch alles daraus gemacht! Aber es sollen auf diesen Grund keine Lichtbilder gebannt werden. Dazu fehlt die liebende^Hand und vor allem das liebende 'Auge. Gronemann sieht nur das Aeutzerliche an der Sache und alles ist seelenlos und lächerlich. Chane, die russische Studentin, findet es „empörend, sich selbst und Gott zu betrügen und Schwindel mit dem Heiligsten zu treiben") was sie, ihr Joffel und die anderen Studenten aber vom Willen und von der Notwendigkeit zur jüdischen „Reinkultur" und der Rückkehr zum Ghetto sagen, ist alles so verschwommen, daß man sich in eine Studentenbude zu Bern versetzt fühlt. Die quasi zur Gegenprobe kraß gezeichnete Karrikatur des orthodoxen Germersheimer vermag auch nicht viel zur Klärung der Situat'on beizutragen. Gronemann hat hier gut sezessiontsttsch alles in den grellsten Farben zufammengerragen, was an der Orthodoxie äußerlich erscheint und alles gewissenhaft verschwiegen, was an Innigkeit und warmen Impulsen der Orthodoxie tnnewohnt, um sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Er hat sich einmal in die Idee verrannt, daß im Westen die Juden die Bräuche ohne historischen Sinn bewahren, ohne das Bewußtsein, mit den Formen eine Brücke, über die Generationen zu schlagen. Im Osten aber haben sie sich „entschloffen, auf dem Punkte stehen zu bleiben, auf dem ihre natürliche, nationale Entwicklung durch die Katastrophe abge. schnitten wurde. Sie leben in einer Fiktion, einem Traum und tun so, als ob ihr Staat noch bestände und sie in P .lästina lebten. Sie halten an uralten Gebräuchen fest, mögen fle heute und hier noch so sinnlos sein". Das ist alles wunderschön und nützlich, soweit der Osten in Betracht kommt, im Westen bedeuten'aber die-gleichen Bräuche nun Veräußerlichung und Versteinerung!- —_ 38. Oktober MSP hingerichtet, unter der Anschuldigung, er habe die Bewegung der Bolschewisten (durch Zeichen -geleitet. Die > Zeugen, auch Christen, ließ man vor Gericht nicht zu Worte kommen. Mit diesen Verurteilungen sollte die Legende vom. jüdischen Verrate noch weiter unter die Massen getragen werden. Die jüdische Gesellschaft ist nicht in der Lage, allen Beschuldigungen nachzugehen, da ihr durch die Zensur der Mund geschloffen ist. -Während die polnische Presse voll der Hetzarttkel ist,-äst es der jüdischen Oeffentlichkeit nicht möglich, dem Treiben entgegenzuarbeiten. Auf diese -Weise können Lügen und Verleumdungen ungestraft in die Welt gesetzt werden, die den Zweck Haben, den Haß gegen die Juden zu-vertiefen und diese außerhalb des Gesetzes zu stellen. Die Interpellanten verlangen auf'Grund des<Aktenmaterials 1. Einsetzung einer Ausforschungskommisston unter Anteilnahme von jüdischen Delegierten zur Prüfung aller genannten Vorkommnisse. 2. Die Erhebung der öff ntlichen -Anklage gegen alle Personen, die an den genannten Schandtaten beteiligt sind. •y yv Eomfponoenzel» und Aachrichte«. Derrtfetres Heid?. Religion und Rnfifemifismus. Merlin, 24. Oktober. Der Verband Groß^Berliner Ortsgruppen des Zentralvereins-hatte seine Mitglieder zu einem Vortragsabend nach der Philharmonie geladen, wo Vertreter der drei Konfessionen das Thema: ,Mir Geistliche und der Antisemitismus" behandln sollten. Wegen Ueberfüllung des großen Saales muße eine Parallelversammlung im Saale der Freunde stattfinden. Nach einigen einleitenden und Begrüßungsworten des Vorstandsmitgliedes Herrn. Justtzrats Sonnenfeld ergriff als erster Redner Pfarrer Dr. Diettrich als Vertreter der evangelischen Konfession positiver Richtung das Wort. In klaren temperamentvollen Ausführungen nahm er Stellung gegen, den Antisemitismus. Es müsse zunächst untersucht werden, ob der Antisemitisryus eine Angriffs- oder Abwehrbewegung sei. Das ist die fixe Idee, die-eine der Grundlagen des Romanes ist. ' Man kann nicht sagen, daß Gronemann den Osten nicht kennt. Manche gelungene Szene zeigt den-guten Beobachter. Aber die platonische Liebe zum Msten ist in diesen Kreisen so stark, wie der Haß gegen die Treugebliebenen im Westen und wo übertriebene Liebe oder Haß die Jeder führen,, entstehen - von selbst Uebertreibungen und schiefe Urteile, wie wir. sie Hier auf Schritt und Tritt antreffen. „Ahaway mekalkeleth eth haschurah" und auch „Szinah mekalkeleth eth haschurah". Sabvüt-Ansüng und Ausgang. ORT) -Anfang Dntru» AuSgang UhrlMin. 19201 5681 Uhr Min. Frarrkfurk«. M 4! 40 30. Okt. 18. Marcheschwan 5 55 Berlin .... 4| 40 'S LS München . . . 4 50 40 Stratzbnrs . . Stuttgart. . . — — — — Posen .... — —1 — NnrAvers. . . 4 45 6 38 Hamburg . . . 5 45