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Der Israelit · 1920-10-28 · Heft 43 (28.10.1920) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 43 (28.10.1920)
Date
1920-10-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Oktober 1980 Was können wir tun? Unser Entrüstungsschrei hier verhallt wie der Todesseüfzer dort, so lange die Welt schweigt, NV1 12'N2 HD Was ist unsere Kraft, daß wir sie mit Wirkung einsetzten gegen Elementargewalten, die zu bannen, der Mensch in seinem Vorwärtsdrang noch nicht die erforderliche Reife erlangt hat? Aber weinen sollten wir doch darum mit unseren Brüdern, weinen ehrliche und innige Tränen, wie Brüder eines Hauses um die Not, die eine Ecke dieses Hauses betroffen hat, weinen, ohne zu fragen, ob die Tränen von Nutzen sind und von der kalten, fremden Welt gesehen werden. Es folgen die Tage, die alter, frommer Brauch zu Fast- und NM^O-Tagen gemacht hat. Der letzte 'w wird am Mittwoch n^'l 212 (10. November) von |EP 11L'2 DV' abgelöst. Tage der Besinnung und der Einkehr von al- Lersher. Sollten sie nicht Anlaß geben, uns in brüderlicher Solidarität zu sammeln und der jüdischen Not, die so groß ist, wie sie noch zu keiner anderen Zeit war, in geeigneter Form gerecht zu werden.? Wir wollen den Herren Rabbinern nicht vorgreifen. Aber sicher haben sie bereits selbst daran gedacht, an einem der kommenden Seltchaustage, etwa durch Ansetzung eines 112L oder dergleichen unsere Trauer, unsere Mitnahme und unsere Zusammengehörigkeit mit dem 7>7>2 in all seinen versprengten Teilen zum Ausdruck zu bringen. Soll aber diese uns heute noch einzig gegebene „Demonstration" von rechtem Werte sein, so wird bet deren Veranstaltung auf möglichste Einheitlichkeit gesehen werden müssen. Es wäre dringend zu wünschen, daß sich unsere religiösen Führer in Deutschland über den Tag des JT32J1 und die Art seiner Abhaltung vollständig verständigten. Auch wäre es u. E. angebracht, wenn unsere Vereine den Tag sür interne Kundgebungen und Geldsammlungen ausnutzten. Ser »Geheimerlaßzu Gunsten der Sstjuden. In der politischen Presse, besonders der rechtsstehenden, werden andauernd unzutreffende Nachrichten über die Ostjudenfrage in Deutschland verbreitet, insbesondere wird von einer bevorzugten Behandlung von Ostjuden auf dem Wege geheimer Erlasse gegenüber den Einheimischen gesprochen. Das Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen Deutschlands nimmt die Gelegenheit wahr, um noch einmal sich mit den hauptsächlichsten Angriffen auseinanderzusetzen. Ser $$xaeut. Es ist grundsätzlich festzustellen, daß weder ein Geheim er laß des Ministeriums des Innern existiert, noch für Ostjuden besondere Personalausweise ausgestellt werden, vielmehr ist der Erlaß vom 1. November, der durch einen zweiten Mtnisterialerlaß vom 1. Juni 1920, der in mehreren Punkten ergänzt und revidiert worden ist, allen in Betracht kommenden Behörden, so insbesondere den Polizeibehörden bekannt, wie auch die Oeffentlichkeit in weiten Kreisen über diesen angeblichen Geheimerlaß unterrichtet worden ist. Was die Ausstellung besonderer Personalausweise angeht, so erfolgt diese an Ostjuden, wie an alle anderen Ausländer, denen es zur Zeit nicht möglich ist, eine Staatsangehörigkeit nachzuwetfen, bezw. von ihrem Hetmatftaate vollgültige Legitimationspapiere zu erhalten. Dies ist bei sehr zahlreichen jüdischen und nichtjüdischen Angehörigen der russischen Nandstaaten der Fall. Die jüdischen Fürsorgeorganisationen (das jüdische Arbetterfürsorgeamt und seine Zweigstellen) haben mit der Ausstellung dieser Personalausweise lediglich insofern etwas zu tun, als sie durch Bereitstellung vsn sprachkundigen und mit den besonderen Verhältnissen vertrauten Beamten die Polizeibehörden bei der Sichtung der mitgebrachten Heimatspapiere unterstützen können. Auch sonst kann von einer Ausnahmebehandlung zugunsten der Ostjuden in keiner Weise gesprochen werden. Die aus dem Ministerialerlaß angeführten Bestimmungen über die Regelung der Arbeitsverhältnisse der ostjüdisthen Arbeiter sind auf Grund von Verhandlungen des Arbeiterfürsorgeamtes mit der obersten zuständigen Behörde, dem Reichsamt für Arbeitsvermittlung, durch vom Reichsamt an die Landesarbeitsämter erlassene Richtlinien ersetzt worden. Bet dieser Gelegenheit muß darauf htngewtesen werden, daß viele Tausende ausländischer Arbeiter ungehindert in Deutschland arbeiten und in gewissen Berufszweigen auch heute noch ein Bedarf an ausländischen Arbeitern von den zuständigen Behörden zugegeben wird. Das Arbeiterfürsorgeamt befaßt sich keineswegs etwa, wie es einem Artikel der „Kölnischen Zeitung" nach den Anschein haben könnte, mit dem Import ostjüdischer Arbeiter, vielmehr sind seine Bemühungen darauf gerichtet, die Weiterwanderung der nun einmal in Deutschland befindlichen Ostjuden, deren Wanderungsziel Deutschland übrigens keineswegs ist, nach den Emigrationsländern zu erleichtern. Eine Unterbringung in Arbeitsstellen wird lediglich bei den Personen versucht, die infolge der zur Zeit noch bestehenden Paßschwiertgkeiten zu einem Aufenthalt in Deutschland gezwungen sind. Die Belastung des Wvhnungsmarkres nun, lange vor dem Untergänge des jüdischen Staates waren, dessen Grundsäulen erschüttert, die Heiligkeit des Tempels lange vor der Zerstörung geschwunden und Israel lange vor seiner Zerstreuung nach allen Weltgegenden seinem heimatlichen Boden, seinem Lebenselemente, seinem Glauben und seinem Gotte entfremdet. Die Zerstörung des Tempels und die Zerstreuung Israels war nur der Schlußakt eines rieserschütternden Dramas, dessen Motive weit, weit in der Vergangenheit zu suchen sind. Und dasselbe Israel, welches im Glücke seines Gottes vergessen, kam im Exile zur Besinnung und zur Einsicht, daß sein Heil nur auf dem Boden der Gottestreue erblühen kann, schöpfte aus den gemachten traurigen Erfahrungen innige Glaubensstärke, erfüllte sem Herz mrt einer unerschütterlichen Hingebung an Gott und sein Gesetz und legte durch freudiges Märtyrertum zur Heiligung des göttlichen Namens §as glänzendste Zeugnis seiner riesen Religiosität und seiner idealen Größe ab. p^x onuixtp nt n^-iaxi. „Ich werde deinen Namen groß werden lassen". Damit ist jene finstere und zugleich lichtvolle Periode in der Geschichte Israels bezeichnet, da dieses trotz des Druckes, den es zu erdulden hatte und trotz der Verfolgungen, denen es ausgesetzt war, sich groß zeigte, gleich dem Patriarchen Jakob, der von allen Seiten Widerwärtigkeiten preisgegeben, dennoch am Glauben nicht irre geworden, sondern in demselben immer mehr erstarkte. Die drei kleineren Perioden in der ersten, großen Geschichtsepoche Israels entsprechen dem Leben der drei Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob in ihrer natürlichen Reihenfolge. (Schluß folgt). ®k'l c r : j -».! [;.*•. i Rftni r.jrff Svff,(-,r ffl iU. , i . j i; j„ v . l. . Kleines Feuilleton. Tohuwabohu. Saly Gronemann hat im Weltverlag, Berlin einen Roman erscheinen lasten, der aus mannigfachen Gründen eine längere Würdigung rechtfertigt. Für Leute, die den Roman gelesen haben, genügt es zu sagen, daß hier in süßer angenehmer Kapsel eine f» große Dosts gefährlichen Giftes verabreicht wird, daß es auch einen wahrhaft national Denkenden etwas Angst um die Wirkung werden mutz. Wer sich aber die Lektüre spart und das Buch nur aus der Stimmungsmache in der zionistischen Presse kennt, dem sei erzählt, daß hier in zwölf Kapitelgruppen eine Anzahl jüdischer Menschen aus Ost und West etwas filmartig in schwindelnder Eile mit ihren Leiden und Sorgen und ineinander greifenden Schicksalen an uns vorüberhuschen, die alle, soweit sie als sympathische Gestalten gedacht find, einerlei ob sie jüdisch oder christlich, westlicher oder östlicher Herkunft, Gouverneur, Bachur oder Student sind, gute zionistische Reden im Leilartikelstile der alten zionistischen „Welt" halten. Im ersten Teile lernen wir Bert Weinstein aus Borytschew kennen, der wiederholt um einen Reingewinn von 800 Mark, die er für die Verheiratung einer Tochter benötigt, sich in London raufen läßt, (Wo hat der Verfasser in aller Welt diesen Typ gesehen, in Rußland dürfte er ihn vergebens suchen), Er verschwindet zum Glücke rasch, um Jofsel Platz zu machen, dem Bachur, der mit dem Pfarrer Bode, der in Borytschew mit schlechtem Nr. 48. Seite 8 die als äußerst erschwerendes Moment angeführt wird, ist durch diese Flüchtlinge, die an primitivste Wohnverhältnisse gewöhnt sind, eine minimale, zumal es sich nicht um Wohnungen, sondern um starkbelegte Einzelzimmer handelt. Bei dieser Gelegenheit muß darauf hingewiesen werden, daß die Zahl der eingewanderten Ostjuden, die oft sehr übertrieben wird, nach den Erhebungen und Schätzungen des Arbetterfürsorgeamtes, die für Tetlbezirke durch die Polizeibehörden bestätigt werden, sich für ganz Deutschland auf 60—7000beläuft, von denen sich, infolge der dezentralisierenden Arbeit deS ArbetterfürsorgeamteS heute nur etwa die Hälfte noch in Berlin befindet. Die Wahrheit über polen. II. Die Untersuchung an Ort nnd Stelle hat ergeben, daß der tätige Anteil der jüdischen Bevölkerung an den Verwaltungen der bolschewistischen Okkupationsmacht verhältnismäßig kleiner war, als der der polnischen Bevölkerung. Die Polen haben aber, auch die von der rechten Seite, überall Stellen und Aemter im besetzten Gebiete angenommen. Es ist ferner bewiesen, daß unter der bolschewistischen Herrschaft im okkupierten Gebiet die Juden am meisten gelitten haben; man legte ihnen bedenkende Kontributionen auf in der Form eines Zwangskurses, zu dem sie ihre Ware abgeben mußten. Zusammen mit Nichljuden haben die Bolschewisten auch Juden als Geiseln fortgeschleppt. Endlich fanden auch Plünderungen in jüdischen Häusern und Geschäften, durch bolschewistische Soldaten statt. In Wisoko Masowttz, wo stch die polnische Bevölkerung ganz passiv gegen die bolschewistische Invasion verhalten hat, bildeten die Juden eine bewaffnete Abteilung, die die bolschewistischen Plünderer aus der Stadt jagten. Im engen Zusammenhang mit der Legende vom jüdischen Verrat * steht das Verhalten des Ministerpräsidenten während seiner Anwesenheit in Schiedlitz. Eine jüdische Delegation wurde von ihm nicht empfangen, dagegen erschien bald ein polnischer Aufruf, in dem versucht wurde, das im ersten Aufruf ausgesprochene Vertrauen gegen die Juden abzuschwächen. Nach dem Besuche des Ministerpräsidenten in' Plock erschien das halboffiztelle Kommunique, welches behauptete, die Juden hätten den Bolschewisten Hilfsdienste geleistet, die polnische Soldaten mit kochendem Wasser begoffen und unterirdische Verbindungen mit dem Feinde hergestellt. Der Glück auf Seelenjagd ausgeht, Goeches »Faust" „lernt". Der „Pfarrer" yat kein Verständnis für deS BachurS talmudtfche Diktion, u«fo besser versteht ihn Chane, feine Braut, mtt der-er nach der Hochzeit nach Berlin geht, um zu studieren. Hier gehen ste, angeekelt vom „literarischen Unternehmen" des Wolf Klatzke, der eine Art Bettelbrteffabrik betreibt, ihre eigenen Wege' als freie stolze Nattonaljuden. Das wird »hnen keiner verwehren. Aber nun gejällt sich der Verfasserdarin, Kombinationen und Komplikationen zu schaffen, die künstlerisch enttäuschen, das religiöse Gemüt aber empören. * , Joffel wird durch eine eigenartige Verwicklung in das HauS des TäustingS Lehnfen (früher Lehmann), geführt, dieser Aufetnanderprall zweier Kulturen, zweier Wetten, hätte stch dramatisch gestalten können, wenn der Verfasser nicht die abenteuerliche Idee gehabt hätte, in dem Bachur bet dieser Gelegenheit urplötzlich den Ressen der Frau Lehusen (dazu muß ein früh aus Rußland auSgewanderter Onkel JoffelS dienen), zu entdecken. Diese Art von Zusammentreffen nach Bedarf verstimmt aber auch sonst in jedem Kapitel. Man erlebt auch eine Ritualmvrdhetze, einen Pogrom und das Buch endet mit der Reife zur „großen Woche", dem Ztonistenkongretz. Aber überall hinter der stark durchsichtigen Kulisse der Regisseur, der mit geschäftiger Hand die Figuren herumrückt und bestens dafür sorgt, daß keine zu früh erscheint und keine zu lange auf der Bühne bleibt. Alles trifft und findet sich zur rechten. Minute und in der rechten Weise am rechten Orte, so, wie eS dem Ganzen, dem Gesamtspiel dient. Nichts ist geradeltntg, naturgemäß aus den Zufälligkeiten des dummen Lebens herausgewachsen. Darin hätte die gute Marlitt der alten „Gartenlaube", von Gronemann noch manch,» lernen können ..,

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