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Der Israelit · 1920-10-21 · Heft 42 (21.10.1920) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 42 (21.10.1920)
Date
1920-10-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 43 Der A»raettt lische Kirche fünf Mitglieder, für die anderen Religionen je drei Vertreter. Die Link sp arteten wetterten natürlich gegen diesen Vorschlag und einer von ihnen rief dkm eifrigen Vertreter des Antrages LutoSlawskt zu: „Dann wird aber auch ein jüdischer Geistlicher in den Senat einziehen. Fürchten Sie da den jüdischen Einfluß nicht?" Darauf antwortete Lutoslawski: „Die alten Juden in ihrer traditionellen Kleidung, die treu zu ihrer Religion halten, fürchten wir nicht im geringsten. Unsere Gegnerschaft richtet sich gegen die Juden, die sich rasieren laffen und in moderner Kleidung Verrat gegen uns üben". Daß auch von orthodoxer Seite dieses Kompliment zurückgewtesen wird, ist selbstverständlich. Ein Sozialist rief: „Und dennoch wird sichern jüdischer Rabbiner bedanken, unter euch zu sitzen". Es fehlte übrigens auch nicht an radikalen Antisemiten, die sich gegen jede Art von jüdischer Vertretung im Senat ausjprachen. Die Unteriudiung in OllgMisn Warschau, 12. Oktober. Auf der Plenarsitzung des Mtnisterrates erstattete der Ministerpräsident Wltos Bericht über seine Reise durch Oftgalizien. Er bereiste alle wichtigsten Punkte der Gegend und wurde überall, von polnischen, ruthenischen und jüdischen Delegationen empfangen. Die Klagen über die ukrainischen Schandtaten aus dem >s eere Petluras ergingen auch von polnischer Seite. Die Berichte über die Judenpogrome in Oftgalizien bestätigt der Ministerpräsident in allen Teilen, er schiebt aber die ganze Schuld auf die ukrainischen Kosaken. Die Juden haben beim Einfall der Bolschewisten überall patriotische Gesinnung bewahrt. In Slotschow Haben die Juden zwei Millionen Mark an einem Tage gesammelt, als Lösegeld für den katholischen Geistlichen, den die Russen festgenommkn hatten. Der Gesamteindruck des Ministerpräsidenten ist, daß die Juden in Oftgalizien treu zu den Polen halten, und daß es eine große Ungerechtigkeit sei, sie der Vaterlandslosigkeit zu zeihen. Galtzien. Das Elend in Loßnvw- Kalverstadt, 13. Oktober. Ein Freund und Mitarbeiter unseres Blattes stellt unS das Schreiben einer bekannten Persönlichkeit zur Verfügung, das ihm aus Laßczow, Kr. Tomaszow zugegangrn ist. Im Briefe heißt es u. a.: Heute, einen Tag nach Jomkippur, bin ich hierher nach Laßczow gefahren — etwa 8 Km von meinem Wohnsitz — um mich von dem großen Elend zu überzeugen, welches hier seit 3-3 Wochen herrscht. Bei den verschiedenen Durchzügen von Militär hat ein Kosakenregiment in manchen Städten der hiesigen Umgegend ganz entsetzlich gehaust. Ich bin nicht in der Lage, die seelischen Leiden zu schildern, die unsere Glaubensgenossen zum Schlüsse des vergangenen Jahres durckgekostet haben. Mehr als ein Mädchen hat nach entsetzlichsten Qualen und übermenschlichem Widerstand den Märtyrertod der Schande vorgezogen, ein Vater hat schließlich das letzte übriggebliebene Kind gebeten, sich zu ergeben, um es nicht auch noch zu verlieren; andere haben sich, nachdem ihr Versteck auf dem Boden entdeckt war, vom Dach gestürzt und schwere innere und äußere Verletzungen davorigetragen. Geraubt wurde alles, sämtliche Wertsachen, große Mengen von Wäsche und Kleidungsstücken sind weggenommen worden. Hier in Laszcow sind hundert Familien vollkommen brotlos geworden. Wir haben die allererste Hilfe geleistet; sofort nach Bekanntwerden und Freiwerden der Verbindung haben wir Laszczom mit etwas Lebensmitteln versorgt, sie hätten sonst an Roschhaschono kein Brot gehabt. Jetzt ist es Sache unserer Gesinnungsgenossen, dort weiter zu helfen. Große und rasche Hilfe ist nötig, am Wichtigsten ist es, Stiefel für den Winter zu beschaffen. Wir haben Riesensummen nötig, um Hemden, Kleider und Schuhe zu beschaffen; ich kann mich hier versönlrch um die Verteilung kümmern. Veranlassen Sie freundlichst bei unseren Gesinnnngsgenoffen, daß eine Aktion eingeleitet und schnei! Lurchgeführt wird. ' Gott schütze alle Juden, jeder ist für den andern verantwortlich, die Rettung, die wir unseren Brüdern zuteil werden laffen, schützt uns. Jeder stelle sich vor, er würde einer wilden Horde auszeliefert sein und er wird gerne helfen und Gott danken, durch Wohltun fich urch die Seinen zu retten. Auch die Redaktion unseres Blattes ist gern bereit, Spenden für Laßezow anzunehmen und ihrem Zwecke zuzusühren. Kesscwabten. Die Lage in Beffarabien- Warschau, 13. Oktober. Rabbiner Scheines, der im Aufträge der amerikanischen HilfskommiteeS eine Reise durch Beßarabien unternommen hatte, weilte dieser Tage in Warschau. Nach seinem Berichte haben die Juden in Beßarabien unter der rumänischen Oberherrschaft nicht zu klagen, dagegen kommen trübe Nachrichten vom anderen Ufer des Dnefter, auS WochnieN und Prodolien. Dort sterben die Juden unter der bolschewistischen Herrschaft buchstäblich Hungers. Zu Hunderten und Tausenden schleichen sie sich nächtlicherweise, ohne Geld und ohne Kleider, mit ihren Familien üö.er die beßarabifche Grenze. In Kt sch i ne w und Umgegend befinden sich zur Zeit über 30000 jüdische Flüchtlinge, die alle von ihren beßarabischen Brüdern in opferfreudigster Weise ausgrhalten werden. Alle setzten ihre Hoffnung auf Amerika, und Rabbiner Gcheiner hat eS übernommen, die Auswanderung Vieser Flüchtlinge mit Hilfe deS amerikanischen Komitees zu organisieren. England. Die Beschlüsse der amerikanischen dioniifen- London, 15. Oktober. Die Gesamtteitung der amerikanischen Zionisten, die am 29. und 30. September tagte, hat einstimmig das Programm von LoutsBrandeiS gebilligt und demgemäß eine selbständige Palästina.Polt tik der amerikanischen Zionisten-Organifatton in allen Einzelheiten feftgelegt. Die Beschlüsse gehen davon aus, daß die Aerä der Erziehung zum Zionismus vorüber fei, und alle Kräfte auf die Arbeit deS praktischen wirtschaftlichen Aufbaus in Palästina konzentriert w erd en müßten. Alle Grldausgaben außerhalb Palästinas müßten auf ein Minimum reduziert werden. Die Kosten des palästinensischen Schulwesens feien im wesentlichen von der palästinensischen Bevölkerung selbst aufzubringen/ die Diaspora solle nur mäßige Zuschüsse leisten. Dagegen erwüchsen den amerikanischen Zionisten folgende Hauptaufgaben: 1. Starke Beteiligung an der bevorstehenden palästinensischen Landesanlethe von 21/* Millionen Pfund. 2. Kapitalerhöhung der Anglo-Palästina- Bank, des Nationalfonds und Schaffung einer Agrarkreditbank. 3. Gelder für die Elektrisierung, Bewässerung und Drainage. 4. Gelder für Häuserbau und " gewisse landwirtschaftliche Unternehmungen. Daneben sollten auf dem Spendenweg Mittel für sanitäre Zwecke, wissenschaftliche Untersuchungen, Aufforstung, Universität, Bibliotheken und sonstige Kulturzwecke aufgebracht werden. Die Einwanderung finanziell zu fördern sei nicht zulässigauch die vorübergehende finanzielle Unterstützung der auf eigene Kosten Eingewanderten überlaffe man befferphtlantroptschen Institutionen wie dem Joint. Die enge Zusammenarbeit mit allen Juden, die zwar nicht die zionistische Organisation, wohl aber den Aufbau Palästinas fördern wollten, sei keinen Augenblick aus dem Auge zu verlieren. lim Keine öffenflidwedifiiche Sicherung der jüdischen tieimifätfe? London, 15. Oktober. Jabotinsky veröffentlicht im JrwisH Chronicle einen anscheinend aus guten Informationen beruhender! Alarmrus gegen den Inhalt des bevorstehenden Palästtnamandates an England. Es sei darin keinerlei rechtliche Garantie für die Entwicklung Palästinas zur jüdischen Heimstätte! vorgesehen, sodaß alles von der zufälligen Stimmung j künftiger englischer Regierungen und ihrer palä- * 21 Oktober 1990 j stinensischen Vertreter abhänge. DaS aber könne keine Ärundlage für die gewaltigen Opfer fein, die das jüdische Volk für Palästina zu bringen im Begriffe sei. Von der Emigration nach Amerika Zlem-York, 1. Oktober. AuS Kanada wird gemeldet, daß dort tausende jüdische Emigranten, meistens Flüchtlinge aus Rußland und Polen, buchstäblich auf der Straße, bar aller Mittel und Hilfe, lagern. Die allgemeine Stimmung gegen die Einwanderung ist dort sehr feindlich und findet ihren Ausdruck in einer Reihe von Gesetzen gegen die unerwünschten Gäste. Man sieht in der jüdischen Einwanderung eine Konkurrenz gegen die erwünschte Arbeitereinwanderung aus England. Zum großen Teil sind es auch Durchwanderer, mit dem Reiseziele nach den Bereinigten Staaten. Die Reise so« Kanada nach der Union ist aber mit noch größeren Schwierigkeiten verbunden, als direkt von Europa. Die Leute haben den Umweg über Kanada genommen auf Angaben von gewissenlosen Agenten hin, daß sie von dort aus die Reise nach Amerika mit aller Leichtigkeit bewerkstelligen könnten. Man kann sich nun die Erbitterung und Enttäuschung der Unglücklichen denken, umsomehr, als in Kanada keine Institution für sie sorgt. Erst in letzter Zeit hat sich in Montreal ein Emigrations- Komitee gebildet, das die Hilfsarbeit energisch in die Hand genommen hat. Eine wirksame Hilfe kann aber nur im Einvernehmen mit den amerikanischen Komitees und den EmigrationS- BüroS in Europa durchgeführt werden. Einwanderungsbüm der amerihanilch-jüdWen öewerhlchakten Aem-YorL, 3. Oktober. Am IS. September fand in New-Aork eine Delegiertenkonferenz der jüdischen Gewerkschaften behufs Besprechung der jüdischen Auswanderungsfrage statt. Sechzig Gewerkschaften hatten 119 Delegierte entsendet. Nach eingehender Beratung wurde auf Grund der Berichte des Vorsitzenden Salomon Metz und der Schriftführer Max Pine und M. Feinstein beschlossen, unverzüglich an die Errichtung eines Einwanderungshüros zu schreiten, das in ständiger Fühlung mit den Hofenbehörden, welche die Einwanderer zu passieren haben, sowie mit allen in Betracht kommenden Organisationen und Anstalten stehen soll. Der wichtigste Zweck dieser Einwanderungsbüros ist die rationelle Arbeitszuweisung an die jüdischen Einwanderer, um sie vor Ausbeutern, welche aus die grünen Ankömmlinge lauern, zu bewahren. Das Etnwanderungsbüro der jüdischen Gewerkschaften erklärt in einer angenommen Resolution, daß es ein gemeinsames Zusammenarbeiten auch mit allgemeinen jüdischen Auswanderer-, beziehungsweise Einwanderer-Hilfsorganisationen herbei führen will. Das Einwanderungsbüro hat bereits seine Tätigkeit begonnen. UalÄstina. Hie fogenannfe Delegierfennerfammlung. Jerusalem, 1. Oktober. Anläßlich des bevorstehenden Zusammentritts der Delegiertenversammlung, tritt der „Doar Hajom" mit einem äußerst scharfen Artikel „Wir klagen an" gegen den Waad hazirim aus, ihn beschuldigend, daß er ganz ins Schlepptau der linken Parteien geraten sei und. gegen den ausgesprochenen Willen der Bevölkerung auf dem, jetzt nach San Remo und Ernennung Samuels ganz überflüssigen Zusammentritt der Delegierten- Bersarnmlung beharre. Die seiner Zeit unter dem Eindruck der Osterunruhen stattgefundenen Wahlen, hätten längst ihre Gültigkeit verloren. Damals handele es sich darum, dem einmütigen Protest der Bevölkerung Ausdruck zu verleihen, weshqlb auf die Parteizugehörigkeit der einzelnen Delegierten wenig Rücksicht genommen wurde.

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