Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1920)
- Date
- 1920-10-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 ’iJSo. 43 DerLtzSraMt. wir angsgriffen. Wir brauchen eine solche Körperschaft, um den Bewegungen der Verweltlichung, des Kompromisses und der offenen Rebellion entgegenKutreten, die allgemein verbreitet unter uns sind. In diesen kritischen Zeiten, da das Judentum dem Ansturm einer lautschreienden Minderheit Preisgegeben ist, die mit viel Geschicklichkeit und wenig Gewissenhaftigkeit geführt wird, sollten wir froh sein, daß wir endlich eine autoritative Körperschaft bekommen können, die nach der Richtung größerer Solidität wirkt. Agudas Jisroel erkennt rn, daß wir potentiell eine Nation sind, aber das zweifelhafte Wort „national" wird nicht unaufhörlich in unsere Ohren trompetet werden, und für diese Wohltat müssen wir danken. Die Agudas Jisroel wird' nicht das Wort „national" hervorzerren, um die Menge zu sangen. Sie hat kein Interesse daran, die zionistische Flagge an die Stelle des Tallis zu setzen. Die Agudah spcht nicht neue Konzeptionen zu erfinden, die fremd und unbekannt den jüdischen Massen sind. Sie gibt ihnen was ihrem Herzen am nächsten liegt, den alten schönen traditionellen Glauben in seiner Unversehrtheit. — Das Werk oes Misrachi ist auf Erez Jisroel beschränkt. Die Agudah ist nicht so weit ans Erez Jisroel eingestellt, daß sie damit das Golus ausschließt.' Sie vergißt nicht, daß Palästina allein das jüdische Problem nicht lösen wird. Die große Masse der Jüdenheit wird fortfahren im Golus zu leben und für sie muß gesorgt werden. Niemand wird unsere Interessen beschützen außer wir selbst. Wird die wahre Orthodoxie Verteidiger und Anhänger haben? Die Antwort ist die Agudah. Manche von uns werden sie extrem, ultra und' mittelalterlich etc. nennen. Wir werden antworten, daß wir jüdisch sind. Wir wollen nichts hören von Modifikation und Revision. Nicht etwa, daß wir bloß dartach strebten, aus der Vergangenheit halb vergessene Einzelheiten einer großen Geschichte aufzustöbern. Wir brauchen vor allem unsere eigene Mied e r Gewinnung für den Geist unserer göttlichen Ahnen. Wir wollen teilhaben an ihren Opfern, an ihren Erlebnissen, an ihrer Tapferkeit. Wir sind nicht zufrieden, mit unserem jüdischen Leben. Wir fühlen, daß wir den alten heroischen Zug verloren haben, daß wir geistig uns auf einem traurigen Wege befinden. Die Agudah arbeitet nicht mit Einfällen und Sensationen. Sie liebt keine bombastischen Aeußerungen, sondern vielmehr die Würde. Sie ist nicht in erster Linse an der Zahl interessiert, denn wir suchen noch mehr Qualität als Quantität. Vor allem: sie hat noch nicht die Geula proklamiert. Die Misrachr-Organisation von Arnerika wird bald ihre Convention abhalten. Warum sollte nicht der amerikanische Misrachi einen Appell an den. Welt-Misrachi richten, Ae Verbindung mit den Zionisten zu lösen und sich der Agudas Jisroel anzuschließen? Ist diese Anregung so phantastisch? Ist die Zeit nicht reis dafür.? Bis inzwischen die Nnheit hergcstetlt ist, laßt den amerikanischen Misrachi pnd die amerikanische Agudas Jisroel zusammen für unseren Glauben und für unser Volk arbeiten. Eine gemeinsame Plattform könnte, ich bin dessen sicher, gesunden werden. Der Misrachi hat viele Fehler gemacht, aber er hat einige ausgezeichnete Juden in seinen Reihen. Der Misrachi sollte, wenn nötig,, seine Organisation ausgeben und in die Agudas Jisroel eintreten, weil baff Programm der letzteren das Programm deS ersteren in sich begreift, und weil Agudas Jisroel, weil sie in höherem Grade die jüdische l Gesamtheit repräsentiert, den größeren Anspruch erheben darf. Was sind Namen und Titel, wenn große Dinge zu erkämpfen und zu gewinnen sind? Ist der Misrachi groß genug ficr diesen Schritt? Möge er nicht pochen auf die Fortschritte, Ae er bijetzt erzielt hat. Wäre der Krieg nicht Fvwesen und Ae Anwesenheit Ri Meier Berlinin Amerttr», so hätten W die Dinge anöerS * abgvspisll- Vergessen wir nicht, daß ein großer Teil der Misrachi-Archänger sehr stark mit der Agudah sympathisiert und sich dem Misrachi nur angeschlossen hat, weil seiner Zeit nichts Besseres da war. Der Misrachi muß seine Schüchternheit in jüdischen Dingen verlieren, er braucht mehr Rückgrat. Laßt ihn sich der Agudah anschließen und alles wird in Ordnung sein. Wollen wir etwa zweierlei Orthodoxie besitzen? Das ist ein erschreckender Gedanke. Möge der Misrachi den Riß nicht erweitern, der zwischen ihm und der Agudah besteht. Jeder Sieg, den der Misrachi über Agudas Jisroel gewinnen könnte, wäre kein Sieg, sondern ern Wurfgeschoß (Bomerang), das den Kopf des eigenen Schützen zerschmettert. Möge der Misrachi Vernunft und Geschicklichkeit zeigen, sich mit der .Agudas Jisroel verbinden, und möge der amerikanische Misrachi dazu die Initiative ergreifen. Jetzt ist keine Zeit für kleinliche Erwägungen. Alle Organisationen müssen sich mit der Agudas Jisroel vereinigen. Sie augenblickliche Lase in Palästina. -lach einem Vertrag *»k Dr. M»fe» Auerbach aur Petach-Tttwah. Man hält im Gewöhnlichen den wirtschaftlichen Aufbau Palästinas für da- Wesentliche,,, «ran vergesse aber nicht, daß daS Wirtschaftsleben nur einen Rahmen, den Träger für die Seels, dir geistigen Güter bildet. Das Bild des geistigen Lebens in Palästina ist aber heute durchaus nicht erfreulich. Die Nichtachtung deS Religiösen hat gegen früher noch stark zuaenommen. AIS Grund muß man zunächst den Krieg und seine Folgen ansehen, die die Sabbatentwethung und die nichtrituelle Lebensweise zur alltäglichen Erscheinung gemacht haben. Der Urbergang zr-m geordneten religiösen Leben vollzieht sich hier nur sehr langsam, da noch bis vor kurzem Kriegszustand im Lande herrschte und die v<n den Juden eingenommenen Beamtenstellen fast immer ote Sabbar-- entweihung voraussetzen. Die amerikanischen HllfSgelder stießen, zwar aus Kreisen, die an der Erhaltung des alten Judentums volles Interesse haben, werden aber durch Leute verwaltet und verteilt, die dem jüdischen Leben vollständig fern stehen. ES ist eines der höchsten Berdienste Herbert Samuels, daß er durch die Einführung der Sabbatruhr in allen AmtSstelttn den Sabbatgedanken gerettet hat. Die Schulen sind von Kindern bevölkert, deren Eltern religiöse Juden alten Schlages sind, diese Kinder werden aber in den Gchulanftalten areltgiss erzogen. Dir Jrschiwaus und Talmud Thora-Schulen haben unter den schwierigsten Finanznöten um ihr Leben zu kämpfen. Doch darf uns, in der Uebrrzeugung, daß eine gute jüdische Sache nie an äußeren Umständen wie Geldmangel, zu Grunde gehen kann, diesenicht entmutigen. Immerhin haben z. Zt. die JeschiwauS ihren Betrieb einschränken müssen. Go zählt die Jeschiwa „Ez° Chajim" heute nur noch bOO Schüler gegen 900 in früheren Jahren. Die zionistischen Lehranstalten sind mit Ausnahme des mlsrachisttschen Lehrerseminardurchwegs unreligiös, wenn nicht gar antireligiös. Schuld daran ist die gesamte Diaspora, die er ruhig zusieht, wie tn der heiligen Stadt Hunderte von jüdische Kindern religionslos, ja sogar religion-feindlich erzogen werden. In der palästinensischen Provinz, tn Jaffa, Haifa und vielen Kolonien stehen die Dinge nicht viel besser. Nicht genügend bekannt tn der jüdischen Orffentlichkett ist das DtSkin'sche Waisenhaus tn Jerusalem, wo 200 Kinder erzogen werden und auch zu tüchtigen Handwerkern auSgebtldrt werden. Das allgmetne Bild ist jedoch trostlos und zwingt zur dringenden Abhilfe. Die erhoffte Einheitsfront mit dem Misrachi ist leider nicht zustande gekommen. Die Tragik liegt darin, daß die Zionisten daS amerikanische Geld verwalten und damit alles unter ihre __ 31. Oktober 1SSSU; keit gebracht haben. Die jFolge davon ist, daß i die Thora-Gelehrten buchstäblich Hungers sterben i und die Jeschiwaus sich in größter Notlage bei finden. ES darf aber nicht übersehen werden, daß die Frage der Jeschtwaus keine palästinensische Frage, sondern eine Sache deS gesamten Judentums aller Länder ist. Auch die gesamte Presse liegt heute in zionistischen Händen, und eS ist nicht zu leugnen, daß ein reges geistiges Leben im Lande herrscht, das aber von den Gesetzestreuen/in Ermangelung eines geeigneten Organes, nicht im geringsten beeinstußt werden kann. Die wirtschaftliche Lag» Palästinas ist kritisch, darf unS aber keineswegs zur Derzwetstung bringen. Palästina ist ein Agrar-Staat und hauptsächlich auf Getreidebau angewiesen. Nun aber ist der Getreideboden nur in sehr gertngem Maße in jüdischen Händen. Dir jüdische» Kolonien sind zumeist auf Pflanzungen eingestellt, weshalb sie unter der Teuerung am bittersten zu leiden haben, während die arabischen Getreidebaüern sich unermeßlich an ihren Produkten bereichern. Die Preise der von den Juden auf den Markt gebrachten Orangen und anderen LuxuSprodukte können nicht mit der für Getreide und andere Artikel deS täglichen Bedarfes gleichen Schritt halten. Die Folge davon ist, daß der jüdische Bauer bei ungeheueren Auslagen und Ausgaben nicht genug einnimmt, um wirtschaftlich Stand zu hatten. Wohltuend wird die Rothschild'sche Anleihe empfunden, die gegen kleinen Zms Hcedit gewährt. Die kritische Lage ist auch durch den Stillstand im Baugewerbe, wie überhaupt in der Industrie bedingt, der viele Handwerker, Arbeiter und besonders Maurer zur Auswanderung zwingt. Die Lebenshaltung ist zur Zeit doppelt so teuer als in Amerika. Der Landverkauf wird wohl demnächst von der englischen Negierung frrigegeben werden. Doch sind hierbei bereits von der falschen zionistischen Politik, die immer mit Lärm arbeitete, Fehler begangen worden, die kaum noch gut zu machen sind. Die Araber können eS nicht vergessen, daß von gewisser Seite auf eine Enteignung der arabischen Besitzer durch die englische Regierung hingearbeitet worden ist. DaS war, abgesehen von der moralischen Sette der Sache, auch politisch unklug und gefährlich. Auch bei der Einwanderungs-Agitation sind schwere Fehler brg mgen worden. Emer davon war, daß viele Ehaluzim tm Hochsommer bei großer Hitze ankEen und sich unter der glühenocn Sonne den neuen Berhäitnlffen anpasftn mußten. Nach der großen unverantwortlichen Propaganda für die Einwanderung in Palästina, wird eS jetzt dm Zionisten kaum gelingen, den Strom noch einzudämmen. Die Enttäuschung führt zur Auswanderung, die »och stärker ist, als die Einwanderung und uns insofern schwer triffr, als sie die besseren, eingesessenen, erfahrenen Elemente audem Lande führt, für die die neuen Ankömmlinge keinen vollen Ersatz bieten. Es ist schon an sich ungesund und gefährlich, daß 60°/* Intellektuelle sich unter den Bauern und Arbeitern befinden. Alles, was heute in und für Palästina geran wird, besonders auf dem Gebiete der Einwanderung und des Landankaufes, muß in aller Ruhe und Stille vor sich gehen. ES ist unumgänglich nötig, daß recht vteie praktische Kaufleule, Fabrikanten und Ftnanzmänner nach Palästina Htngrhen, um vorerst die Berhälinisse nach nemn Jndustriemöglichkeiten zu studieren. Bor der Einwanderung Besitzloser ist zur Stunde dringend zu warnen. Einen Lichtblick bildet die politische Lage. Die Juden Palästina-, die unter dem Drucke der Türkenherrschaft in den letzten Jahren schwer gelitten haben, erfreuen sich der absoluten Bürgersreiheit. Der Oberkommissar Herbert Samuel kann als Geschenk der Vorsehung betrachtet werden und er ist bis jetzt das einzige erfreuliche Ergebnis von San Remo. Wie rasch es diesem Manne gelungen ist, sich die Liebe der gesamten Bevölkerung, auch der Araber, die ihn erst mit Mißtrauen empfingen, zu erwerben, ist geradezu erstaunlich. Am Peßach vorigen Jahres fand