Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 42 (21.10.1920)
- Date
- 1920-10-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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31. Oktober 1920 Der Kkraeltt. schüft mit den antisemitischen Allüren nicht abholden Großdeutschen glücklicherweise nicht, da ihnen immerhin 63 sozialdemokratische Vertreter gegenüberstehen, die zusammen mit einigen Stimmen der Freiheitlichen Bauernpartei und der Bürgerlichen Arbeiterpartei schon dafür sorgen können, daß die reaktionären Bäume nicht bis in den Himmel wachsen. Die Niederlage des jüdisch nationalen Kandidaten Stricker würde an sich keinen großen Verlust bedeuten. Tief bedauerlich bleibt nur, daß die Zersplitterung infolge dieser Kandidatur den Christlichsozialen zu Gute kam. Gewiß wäre es bei einer jüdischen Einheitsfront ein Leichtes gewesen, eine jüdische Kandidatur durchzubringen oder mindestens die Stimmen der Freiheitsparteien auf Kosten der Christlichsozialen um einige zu vermehren. Um den Namen Stricker konnte sich aber diese Einheitsfront unmöglich gruppieren. Es ist den gemäßigten jüdischen Kreisen wirklich nicht zu verübeln, daß sie ihre Sache im Parlamente in etwas ruhigerer, taktvollerer Weise vertreten wissen wollten, als - es Herr Stricker zu tun gewöhnt ist, und den Gesetzestreuen ist cs schon gar nicht zu verdenken, wenn sie in einem Manne, bei dem die Anfeindung und Bekämpfung der Orthodoxie mit zum politischen Programme gehört, nicht den Mann ihres Vertrauens sehen und es unter den gegebenen Um- .ständen vorziehen, ihre Interessen lieber in die Hände freiheitlich gesinnter vernünftiger Ntchtjuden zu legen. Ideal kann dieser Zustand gerade nicht genannt werden. Aber vielleicht hat die österreichische Judenheit aus dtesen Wahlen etwas für die nächsten — und die lange Zwischenzeit — gelernt. Agudas Zisroel und Misrachi. II. Hßu9as 3isroeI unö JITisradii in Amerika. Aus einem Aufsatz von Dr. Jac. Heller (Harvard Untoerficy) im ftebietit Standard - ^eöJ-2)örf vom 17. September 1920. „Agudas Zisroel", die internationale Organisation der orthodoxen Juden, die in jedem Lande Europas ihre Gruppen besitzt, macht jetzt Propaganda in Amerika. Wäre der Krieg nicht gekommen, so würde Agudas Zisroel heute auch in unserem Lande in voller Kraft dastehen. Nun, da normalere Zeiten glücklicherweise gekommen sind, möchte Agudas Zisroel alle diejenigen sammeln, welche mit ihrem großen Programm sympathisieren. Agudas Zisroel ist nicht imstande, dem Gedankengang des Misrach-i zuzustimmen. Insoweit beide Orgänisationen um 8ie Unterstützung derselben Leute werben, ist es nicht überraschend, daß sie zeitweise Rivalen, wenn nicht Gegner zu sein scheinen. Die Tatsache ist, daß die Agudas Zisroel nicht gegründet wurde, um den Misrachi oder irgend eine andere Körperschaft zu bekämpfen, aber es ist natürlich, daß, wenn Dinge geschehen, die sie nicht billigen kann, Agudas Zisroel - keine andere Wahl hat, als ihre freie Meinung auszudrücken. Solange wir wissen, daß diese Meinung ehrlich ist, können wir vernünftigerweise nichts dagegen einwenden. Für den Misrachi wäre es lächerlich/ den Ruf nach „Einheit" zu erheben, denn derselbe Ruf wird gegen Sen Misrachi von den zionistischen Kreisen geltend gemacht. Um die Wahrheit zu gestehen, muß inan sägen, daß die Agudas Zisroel recht unzufrieden mit dem Misrachi ist, denn der letztere hat anscheinend ruhigen Gemütes sich dazu beqnemt, seine Tendenzen .auf die Wahrung einer bloßen praktischen Gesetzestreue zu beschränken, anstatt wie es sein sollte, nach einem reichen, freudigen jüdischen Leben zu streben. Dies ist unleugbar. Statt der Orthodoxie Elemente der Stärke und Macht zu verleihen, scheint er seine Zeit bamit zu verbringen, um die von der Orthodoxie geschaffene Energie für seine eigenen besonderen religiös-nationalen Zwecke zu verwenden. Charakteristisch ist in dieser Hinsicht die Teilnahme des Misrachi an den jüngsten Wühlen in Palästina, obgleich die großen RaMnen Palästinas die gesetzestreuen Juden ausdrücklich davor gewarnt hatten, an dieser Aktion teilzunehmen. Das Frauenstimmrecht ist überall eine schlechte und unweise Sache und Palästina ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Schon die bewußte Ignorierung der rabbinischen .Proteste ist erschreckend genug; durch diese unwürdige Aktion aber eine Spaltung in die jüdische Gemeinschaft zu tragen, die Einheit zu brechen, die sie so eifrig zu wünschen vorgeben, .ist unendlich schlimmer. Der Misrachi war, abgesehen davon, nicht immer so sorgfältig in orthodoxen Angelegenheiten wie er es hätte sein müssen. Seine Toleranz (ein Deckwort für Schwäche) ist auf starke Proben gestellt worden. Er hat oft seine gerechten.Forderungen nicht durchsetzen können, weil er damit als „extrem" gekennzeichnet worden wäre, und er dieser Anklage um jeben Preis aus dem Weg gehen wollte. Die Einheit mit den Zionisten bedeutet eben Konzession und Kompromiß im heiligen Interesse des Friedens. Aber die Thora kann nicht mit Kompromissen erhalten werden, und der zweite Platz ftir die jüdische Religion ist kein Platz. Natur geworden, als die deines Landes und ist auch dieser Scheidungsprozeß gut verlaufen, nun dann schreite mutia zur schwierigsten Operation, entsage allen Gedanken, Ideen und Prinzipien, die du in dem Hanse deiner Ellern gleichsam mit der Muttermilch in dich ausgenommen und einen Teil deines Wesens bilden. (Fortsetzung folgt.) (Bon einem Bater, aber nicht von einer Mutter.) Als ein bedeutender Zionist einem berühmten Chassidirnrnbbi gegenüber seinem Befremden Ausdruck gab, daß die Chafsidtm den Zionismus bekämpfen und an ihn die Frage richtete: „Rabbi, sind wir denn nicht die Kinder eines Vaters"?, erwiderte der Rabbi: „Leider, aber nicht von einer Mutter (irnv), denn was Euch erlaubt ist, ist uns verboten". („Jsra-Oel".) Vor den bekannten Zionsfreund und Bonner Rabbiner Dr. Jsak Rülf kam, als er noch in Memel den Rabbinerposten bekleidete, ein russischer Jude und bat ihn um Rat, ob er sich taufen lassen könne, weil er dadurch eine sehr hohe Karriere zu erreichen Aussicht habe, wobei er betonte, daß er auch nach seiner Taufe noch immer ein treuer Sohn Israels bleiben würde. Der Rabbiner erwiderte: „Die Eigentümlichkeit dieses Jsra-Oel ist, daß es keinesfalls Wasser an sich nimmt, außer wenn es schon ohnehin trüb und verdorben ist". (Judenbegräbnis auf dem Indischen Ozean.) Ein mit der „Shunko-Maru" aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrter jüdischer Offizier beschreibt in „Mult es Jöpö" seine Erlebnisse während der Gefangelischast. Von den vierhundert ungarischen Kriegsgefangenen, welche mit dem genannten japanischen Kriegsschiff von Wladiwostok nach Triest gebracht und wie erinnerlich, bei ihrer Ankunft in Budapest vom Rcichsverweser und der ungarischen Gesamtregierung irr feierlicher Weise empfangen wurden, waren nicht weniger als 124 ungarische Juden. Zwei von den Heimkehrern haben die lange Seereise nicht überstanden und auch diese zwei waren galizische Juden. Ter jüdische Offizier schildert nun seine Eindrücke während des traurigen Begräbnisses aus dem Indischen Ozean: Gellend pfiff die Tampssirene über das Schiss hinweg. Tie Reisenden: gebrochene, jüdische, leidruve Kriegsgefangene schleppen sich hinaus aufs Mitteldeck. Eilt Kamerad soll begraben werden. Der abgernagrrte, förmlich znsammengeschrumpste Körper wird in einen Sack eingenäht. Das Gesicht ist gelb wie Wachs, das eine Auge noch halb geöffnet.. Ein typisches, galczisches, jüdisches Gesicht. Selbst im Tode spiegelt sich das jahrtausendalte jüdische Leid wider. Stumm sind wir Zeugen dieser düster-traurigen Szene. Die Oeffnung des Sackes schließt sich, das ganze ist jetzt eine formlose Masse. Wer möchte es glauben, daß in diesem rauhen Sackleinen ein Menschenleben, ein gequältes- bis ans Ende kämpfendes, hundertfach trauriges Judenleben schlummert? Gestern habe ich noch mit ihm gesprochen. Das Fieber hat ihm bereits die Lippen angefressen und trotzdem rief er unausgesetzt nach seinem Werbe. Auch fünf kleine Kinder warten auf ihn daheim. Fünf Jahre lang schmachtete er unter den schrecklichsten sibirischen Nr. 41 Gelte S ffifcr Misrachi ist unglücklicherweise mit der zionistischen Weltorganisation verbunden. Dies ist der wunde Punkt. Warum sollte diese Ver- Lindnna fortdauern? Die Poale Zion haben sich neuerdings zurückgezogen, um ihr Programm besser durchführen zu können. Steht für den Misrachi nicht ebenso viel auf dem Spiele? Sollte er nicht mindestens ebenso viel Rücksicht auf die nehmen, die ihm am nächsten stehen, als auf die Outsiders? Warum also reicht er nicht der Agudas Zisroel die Hand, anstatt seine verdächtige Allianz mit den Zionisten aufrecht zu erhalten? Wenn, wie Berlin und Weizmann versichern, der politische Zionismus durch die Friedenskonferenz erfüllt ist, hat er dann noch eine Existenzberechtigung? Was gesichert werden konnte, ist gesichert. .Kann jemand behaupten, daß es nun wesentlich ist, gerade unter dem zionistischen Banner zu arbeiten? Die Frage ist die: Soll Erez Zisroel das Eigentum der Zionisten oder des jüdischen Volkes fein? — Die politische Aktion muß den am meisten Interessierten überlassen werden, den Einwohnern von Erez Zisroel. Es bedarf keines Vermittlers zwischen diesen und dem Mutterlande Groß-Britannien. Aber es gibt ein Feld von überragender Wichtigkeit, wo es vollkommen legitim ist, daß die Juden der Welt ihren palästinensischen Brüdern beistehen: das ist in ihrem inneren religiösen Leben, insbesondere bei her Erziehung. Gerade hier sind die Zionisten unmöglich. Für diese Aufgabe, Palästina wahrhaft und gesund jüdisch ßu machen und zu erhalten, ist AguhaS Zisroel besonders geeignet. Nach allem was gesagt uird geschehen ist, bleibt die kühle Tatsache bestehen, kaß die großen orthodoxen Massen mit dem Misrachi nichts zu tun haben wollen. Das ist keine Theorie, sondern eine Grundbedingung. Die Massen glauben, daß der Misrachi soweit ganz schön und gut ist, aber er scheitert kurz vor dem er> sehnten Ziel. Das Misrachi-Programm ist ein Minimal-Programm. Agudas Zisroel stellt größere Forderungen, für die Anerkennung veS Judentums; sie will etwas Ganzes, sie vereinigt Vergangenheit und Gegenwart, verknüpft beide mit der Zukunft und hat heute den lebendigen Teil des jüdischen Volkes: die Gelehrsamkeit, die Frömmigkeit, die Tradition für sich. Die Anstrengung, die orthodoxe Judenheit in der Welt zu vereinigen und ans diese Weise das Judentum zu erhalten, ist äußerst bedeutungsvoll. Dieser Versuch bedeutet praktisch unsere letzte Hoffnung, und er darf nicht scheitern. Wenn die Agudah angegriffen wird, werden Qualen, ein Jahr hat er aus 'dem Kriegsschauplatz» verbracht, sechs schwere, furchtbar endlose Jahre sind schon dahingerollt, seitdem er seine Familie zum letzten Male gesehen hat. Wie viel mußte er hungern und frieren, bis es ihm gelang, die Reisespesen zusainmenzuknausern. Nun, die Hoffnung aus daö Wiedersehen hat ungeachtet aller Leiden die Seele in ihm erhalten und nun ist er schon auf dem Weg» heimwärts! Heimwärts! Der arme Jude röchelte unter Schmer^:-!: „O, daß ich nur jetzt nicht sterbe! Zwei Monate nur gib mcr noch, Du guter Gott, nur so viel Zeit schenke mir noch, daß ich sie alle »roch einmal umarmen kann!" Was bedeuten diese zwei Monate, au ter Uniermeßlichkeit der Zeit gemessen, und auch riese wurde« dem armen Juden nicht gegeben. Sein kleiner, verdorrter Körper kauert jetzt dort in dem rohen Sackleinen; daheim in Galizien warten nunmehr vergebens eine gütige Frau und fünf kleine Waisen. Und er stand doch schon beinahe an der Schwelle. O, welche Tragik liegt in diesen versagten zwei Nivnatm! Ein kriegsgefangener Offizier hält eine Rede. Ernst, düsteren Blickes stehen die Kameraden im Kreise. Jedes Wort greift ans Herz; jeder von unS hat die Empfindung, daß ein Hauch der Unerwlichkeit seinen Körper durchschauert. Trommeln wirbeln, de» formlose Sack setzt sich aus dem glatten Brette langsam in Bewegung. Immer rascher gleitet er abwärts. Ein Augenblick noch und die Wellen de» Ozean» schlagen über ihm zusammen. Ein Gedicht von .Morris Rosenfeld kommt mär in den Sinn. Das große Gedicht von dem schwankenden Schiffe, welches die jüdische VKicksal-tragÄdk» auf setnmr Rücken trügt.