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Der Israelit · 1920-10-14 · Heft 41 (14.10.1920) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 41 (14.10.1920)
Date
1920-10-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Der JSraettr. No. 41 Gelte » 14. Oktober ISS« Her Sürflprimas Ünoarns an lie 3ulen. Ar dopest, 1. Oft. flau zun g hielt. Antisemiten warfen in er Versammlung Stinkbomben und schlugen zuletzt Hirschfeld nieder. Hirschfeld wurde bewuß.los und schwer verletzt in die Klinik gebracht. Keiner der Gewalttäter ist verhaftet. Der „Geist", der zu derartigen Exzessen treibt, ist derselbe, der seit Jahr und Tag vom „Deutschen Schutz- und Trutzbund" planmäßig und. geflissentlich in Deutschland verbreitet wird. Mit dem Worte Nationalsozialisten will man die Arbeiter Ädern und gegen die Juden ins Feld schicken. D«S Echo, das dieseTaten der Münchener Schandbuben in Deutschland Hervorrufen, wird für die antisemitischen Pöbelhelden nicht gerade günstig klingen. Gesteweiitz. Die öreuel 9er Pefljura-Sotöafesfta in Offöalijien. Wien. 5. Oft. Der hiesigen „Morgrnzeitung" gehen aus Lemberg grauenvolle Einzelheiten über die entsetzlicheBlutarbett der aus zusammengelaufenen Räubern und Mördern bestehenden sogenannten „Armee" PetljrrraS in Oftgaltzien zu.. Die Feder sträubt sich, diese Dokumente menschlicher Bertierung niederzuschreiben. Hunderte von Krauen und Mädchen wurden vergewaltigt, hunderte von Juden hingeschlachtet, die gesamte jüdische Bevölkerung ausgeplündert! Kinffifuieruno 9es neuen Kulfüsn«rlfan9es- Me«, 6. Okt. Zum Präsidenten des neuen Kultusvorstandes wurde Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Pick, zu Vizepräsidenten Baurat Kempler und Siegm. Kanders gewählt. In das Vertreterkollegium wurde von orthodoxer Seite Herr Wolf-Pappenheim gewählt. Die Jüdisch- Nationalen demonstrierten mit leeren Stimmzetteln, weil man ihnen den ersten Vizepräsidenten nicht zubilligen wollte. Chalujim unterm egs. Me«, e. Okt. Wien ist überfüllt von jüdischen jungen Heuten aus Polen und Rußland, die im Vertrauen auf die leichtsinnigen Verkündungen der zionistischen Presse sich unter den größten Opfern auf den Weg gemacht haben, um nach Palästina etnzuwandern. Nunmehr hat die zionistische Leitung sich gezwungen gesehen, zuzugeöen, daß Palästina mit Rücksicht auf die herrschende Arbeitslosigkeit für die nächste Zeit überhaupt nicht aufnahmefähig für eine neue Einwanderung ist. Für Bisa nach Palästina kommen fortan nur solche Personen in Betracht, welche nachweisbar über die Mittel verfügen, sich ein Jahr lang selbst zu ernähren, oder die Nachweisen, daß sie gleich bei der Ankunft' auskömmlichen Erwerb finden. Außerdem sollen bis zu höchstens 250 Personen monatlich zugelassen werden, die längere Zeit in der Landwirtschaft tätig waren und zur schwersten Arbeit befähigt und entschlossen sind. Infolge dieser Bestimmungen herrscht unter den hier zusammengedrängten Chaluztm Helle Verzweiflung. Äehnlich dürfte es in den andern Zentren der Durchwanderungsländer aussehen. Man bemüht sich Notstands-Arbeiten für die jungen Leute zu beschaffen, auch wird dersucht ein besonderes Lager zur Unterbringung der obdachlosen Chaluzim einzurichten. ' ’ Ungarn. Der numerus clausus. gSniapefc SO. September. In Durchführung des Gesetzes über den nwnsrus clausus wurde verordnet, daß in der philosophischen Fakultät S00,in der pharmazeutischen 100 Hörer ausgenommen werden dürfen. Hiervon können G Prozent Juden sein. Das Oberhaupt der katholischen Christenheit Ungarns, Fürstprimas Kardinal Dr. Johann Csernoch hielt am ersten Rosch-Haschono Tage in Szob an die Begrüßungsdeputation der dortigen jüdischen Gemeinde folgende Ansprache: „Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Begrüßung. Ich bitte, nehmen Sie und das gesamte Judentum zur Kenntnis, daß Sie, in welch schwieriger Lage immer, auf meinen Schutz und auf den Schutz der katholischen Serlsorgerschaft rechnen können. Meine Herren! Ich habe stets und bei jeder Gelegenheit die Notwendigkeit deS konfessionellen Friedens betont. Ich habe nur eine Bitte an Sie: Seien Sie gute Juden! Leben Sie nach den Gesetzen Moses. Wir wollen nicht, daß die Juden Christen werden. Ich bitte Sie, erziehen Sie Ihre Kinder so, daß sie religiös seien und wer Jude ist, sei Jude und schäme sich nicht Jude zu sein, denn wenn die Kinder in religiösem Geiste erzogen werden, werden sich nicht mehr Leuth finden, die — wie auch in der Vergangenheit — dem Judentum Schande gebracht haben, obgleich sich solche auch unter den Glaubenslosen anderer Konfessionen gefunden haben. Und jetzt^gestatten Sie mir Ihnen, allen Mitgliedern Ihrer Gemeinde und dem gesamten Judentum ein glückliches Neujahr zu wünschen." Voten. Aus 9er salbildien Hölle. Irag, 6. Sept. Ein Stanislauer, der sich hier aushält, erhielt von seinen Angehörigen aus Stanislau folgenden Brief, der durch die Art der Sendung dem Auge des Zensors entging: „Wir bleiben von Dir ohne Nachricht, jedoch eS wundert uns nicht, da wir von der ganzen Welt abgeschnttten und eingeklammert sind. Niemand hört unser Stöhnen und Schreien um Hilfe. Kannst Dir kaum vorstellen, was wir mitmachen und mttgemacht haben. Tagtäglich kommen Flüchtlinge aus verschiedenen Städten und Dörfern gelaufen, welche kaum mit dem Leben barfüßig davon sind. Die Spitäler in den größeren Städten sind überfüllt von Juden, welche in brutalster Weife von den Hajdamaken („Schwarze Hundert" genannt) massakriert wurden. Hände und üße vom Körper geschnitten, Ohren und Nasen vom estchte entfernt, Greueltalen, die, seit die.Weltfiamme lodert, nicht vorgekommen sind. Ueberall sieht man wahnsinnige Gesichter der geschändeten Frauen, welche in der Stadt herumirren„ und dies alles geschieht in der Umgegend von Stanislau. Wir leben in einer solchen Todesangst, daß sich die Eltern täglich schwächer fühlen aus Furcht, es erwarte uns dasselbe Schicksal. Die Banden der ukrainischen „Wilden Division", welche in General Petljuras Armee eingereiht sind, lassen, wo sie durchziehen, Bilder der Verwüstung und Verödung. Wir fürchten mehr von unseren „Freunden" als von dem Feinde. Alle Organe sind machtlos. Eine Rettnng für das ostgalizische Judentum, welches vogelfrei dastehtwäre vielleicht die Veröffentlichung iu allen ausländischen Zeitungen, das Appellieren an England und Amerika um Hilfe, sonst gehen wir alle dem Verderben entgegen, ohne daß wir irgendwohin fliehen können." Diese Schilderungen werden von den mündlichen Berichten der Flüchtlinge noch übertroffen. Warschau. 30. September. Der Handel mit Gegenständen des christlichen Reltgionsku.ltus ist den jüdischen Kaufleuten in Polen verboten worden. Selbstverständlich ist es nie einem Juden in Polen eingefallen, mit christlichen Kultusgegenständen zu handeln, aber es tut den Korfanti- und Dnwwski-Leuten wohl, ein neues Judengesetz, wenn auch nur auf dem Papier, zu erlassen. Die Lage in polen. Warschau, 4. Oktober. Im Präsidium des Ministerratos in Warschau fand unter Vorsitz des Ministerpräfidenten-Stell- Vertreters Daßinskst eine Konferenz der Vertreter aller jüdischen Parteien statt, die sich mit den jüdisch-polnischen Beziehungen befaßte. Me Konferenz war eine Fortsetzung der Verhandlungen, die im Juni und Juli zwischen den Vertretern der Regierung und den jüdischen Parteien unter Teilnahme von Sejm-Abgeordneten begonnen wurden. Daßynski bemerkte, daß der Leitgedanke der Regierung die Herbeischaffung des Verständnisses auf beiden Setten für die' Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens fei, das sich auf bürgerliche Gleichberechtigung stützen soll. Schritte, um diesen Zweck zu erreichen, werden von der Regierung unternommen werden. Von seiten der jüdischen Vertreter wurde einstimmig darüber Kiage geführt, daß trotz deS unzweifelhaft loyalen Verhaltens der Juden im Kriege, gegen sie der ungeheure Vorwurf eines den Staatstntereffen feindlichen Verhaltens, beinahe eines Hochverrates erhoben worden sei, der die traurigsten Folgen hatte. Nachdem Vizepräsident Daßynski mitgeteilt hatte, daß für die nächste Zelt weitere' Verhandlungen in dieser Sache in Aussicht genommen seien, wurde die Versammlung geschlossen. Die polnlichen Seföoerfciife. Warschau, 9. Okt. Durch das rasche Arbeiten der Feldgerichte sind im Verfolge des letzten polnischen Krieges soviel unschuldige Menschen, zumeist Juden, ums Leben gekommen, daß sich nun, freilich etwas spät, die öffentliche Meinung dagegen auflehnt. In einer Interpellation der Deputierten Grünbaum, Farbstetn, Hartglas und Genossen wird der Landtag dringend ersucht, eine Revision aller Urteile des Feldgerichtes, die nach dem 9. August 1920 gefällt wurden, anzuordnenhauptsächlich soll eine Revision in Sachen deS Rabbiner Gchaptro und allerer bekannter jüdischer Persönlichkeiten eingeleitet werden. Die Resultate der Revision, bei deren Durchführung die jüdischen Abgeordneten mitheranzuztehen sind, sollen der Oeffentlichkeit übergeben werden und als Unterlage für ein Verfahren gegen die schuldigen Offiziere dienen. Jüdifdie Beginnen. «Leruverg, 4. Oft. Flüchtlinge aus der Gegend von Herubisch o w berichten haarsträubende Einzelheiten über die Mordtaten der Petlura-Kosaken. In Latsch ow, einem kleinen Städtchen mit einer Bevölkerung von 3000 Seelen, würben am 5. und 6. September fast alle jüdischen Häuser ausgeraubt und mehrere in Brand gesetzt. 50 Juden wurden schwer verwundet und der größte Teil der Frauen und Mädchen geschändet. Mehrere Mädchen wurden in dem von ihnen geführten verzweifelten Kampf um ihre Ehre erschlagen oder erschoffen. Die Tochter des Rabbiners, ein junges Mädchen mit Namen Perle, stürzte sich, um den Händen der Kosaken zu entgehen, vom oberen Stock und blieb mit zerbrochenen Gliedern auf der Straße liegen. Andere folgten ihrem Beispiel. Hinterher kamen Offiziere und verlangten von den Gemeindevorständen eine schriftliche Bestätigung, daß nicht die ukrainischen Kosaken, sondern die Bolschewisten den Pogrom veranstaltet hätten. Der Berichterstatter des „Lem- Serger Tageblattes", der zugegen war, kann nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die jüdische Gemeinde sich durch Drohungen diese Erklärung abpreffen ließ, da er vorher abgereist ist. Auf alle Fälle ist die Not der dortigen Juden, die bis aufs letzte Hemd ausgeplündert sind, unbeschreiblich. Im nahen Städtchen Üdnow wurden Kinder vor den Augen der Mütter auf bestialische Weise ermordet. In Ostgalizien gingen Dinge vor sich, die niederzuschreiben, sich die Feder in einer menschlichen Hand geradezu sträubt. Man hat weder Kinder noch Greise verschont und Martern nnd Qualen erfunden, von denen die Inquisition des Mittelalters keine Vorstellung hatte. In der traurigen Liste aus den Protokollen des Jüdischen Rettungskomilees in StantSlau sind zwölf StädÄ

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