Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1920)
- Date
- 1920-10-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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I Ver JSrarlit. 11 Oktober 1920 »Etwas wild/ In Weimar hat der „Deutschvölktsche Schutz; und Trutzbund" seine Tagung abgehatten. Wenn selbst der Berichterstatter Ver „Deutschen Zeitung" den in Weimar gärenden Most mit der Etikette „etwas wild" versieht, so kann man sich von dem Geist und dem Charakter der ganzen Tagung einen zureichenden Begriff machen. Die ganze_Offenbarung des deutschvölkischen Gedankens bestand in der wüstesten und abgedroschensten Mederkäuung eines platten Antisemitismus, dem ein Redner vergeblich das Mäntelchen der Wiffenschast umzuhängen suchte. Sr hat die epochale. Entdeckung gemacht, daß die Juden in der Zeit des Exils „das Persertum mit allen seinen Lastern" ausgenommen hätten. Dies immer wieder festzustellen, bezetchnete der Redner, ein Herr Dr. Hoffmann-Kutschke als „dankbare Aufgabe". Derselbe Herr meinte, daß der Kampf für die arische Rasse wissenschaftlich glänzend stehe. Sicher denkt er dabei an die Delitzschs „Große Täuschung". Nun scheint er allerdings übersehen zu haben, daß die Perser — arische Rasse sind. Während sonst die Antisemiten lehren, daß die Juden die arische Rasse mit semitischen Lastern erfüllen, sollen jetzt plötzlich die sittenreinen Juden durch ein arisches Volk korrumpiert worden sein?! Seltsam, seltsam... Der frühere Retchstagsabgeordnete Werner erklärte, daß die bestehenden Parteien alle zu schlapp seien, das gelte auch von der „Deutschnationalen Völkspartei", die in ihren Rethen „viele Leisetreter" aufweise. Auch sie reiche nicht als Führerin zu einer deutschen Zukunft. Die deutschvölkische Bewegung kämpfe mit dm Waffen des Geistes, Gewalttätigkeiten lehne sie ab. — Stehe München! Agudas Zisroel und Mrachi. Tie Resolution, die von der Preßburger Konferenz zur Frage der orthodoxen „Einheitsfront" angenommen wurde, geht offensichtliche von der Anschauung aus, daß die Zeit des fruchtlosen Verhandelns vorüber und es besser sei, wenn jede Gruppe ohne Polemik und Kampf, aber auch ohne Kompromisse ihre eigenen Wege gehe. Allein nichtsdestoweniger kann die orthodoxe. Presse ein Anliegen, das Tausende der besten und treuesten Gesinnungsgenossen auf beiden Seiten unablässig beschäftigt, unmöglich totschweigen. Es wird nun einmal als Widersinn empfunden, daß der Scheeriß Jßroel, der an den . gleichen Gedanken der göttlichen Lehre sich nährt und von der gleichen Mizwotat Tag und Nacht begleitet wird, nicht zur 'inneren Gemeinsamkeit zu kommen vermag, und daß zum Gaudium'der entfremdeten Bolksteile sich der ungeheure Chillul Haschem einer' sich gegenseitig befehdenden und herabsetzenden „Orthodoxie" tag- . täglich erneuert und steigert. Wir sehen uns darum genötigt, das leidige 'Thema „Aguda und Misrachi" immer wieder zur Diskussion zu stellen und bringen im folgenden einiges uuS zugegangene neuere Material. I. Herr Dr. Schönfeld aus London, der bekanntlich Leiter des sogenannten „orthodoxe,! Aufsichtsrats" der dein Waad Hnchinuch unterstellten religiösen Schulen in Erez .Jisroel werden soll, hat sich in einem in der Jüdischen Preßzentrale, Zürich, "veröffentlichten Interview u. a. wie folgt geäußert: „Nach d§n Beschlüssen der zionistischen Jahrekkonferenz inbezug auf die Regelung der Erziehungsfragen Erez Jisroels werden alle orthodoxen Schulen einem autonomen Aufstchtsrat (Waad Hamfakeach) unterstellt. Dieser Aussichtsrat hat volle Autorität über die Regelung aller internen Angelegenheiten der ihm unterstehenden Institute, wie Anstellung der Lehrer, Festsetzung der Lehrpläne, Kontrolle deS Lehrganges rc. Der Aufsichtsrat soll aus sieben Mitgliedern bestehen. Drei von ihnen sind gleichzeitig Mitglieder des Waad Hachinuch (allgemein palästinensisches ErziehungSamH. Dieses ErziehungSamt hat 'öfe Kontrolle der äußeren Angelegenheiten, wie Schulgebäude, Lehrmaterialien, Sani ätsdienst rc., in allen Schulen inne. (Die diesbezüglichen rein technischen Angelegenheiten der Lehrinstitute, insofern sie die religiösen Schulen betreffen, müssen durch den orthodoxen AufsichtSrat erledigt werden). Außerdem regelt dieses Erziehungsamt auch die innere Verwaltung der allgemeinen, d. h. derjenigen Schulen, die keinen definitiven religiösen Charakter tragen und darum dem orthodoxen Waad Hamfakeach nicht unterstehen, denn die Konferenz hat auch beschlossen, daß alle Lehrinstitute Erez Jisroels, die von der Zionistischen Organisation ganz oder teilweise erhalten werden und einen religiösen Charakter tragen, automatisch dem orthodoxen Waad Hamfakeach unterstehen müssen." „Sind demnach die beharrlichen Forderungen deS MiSrachi innerhalo der Zionistischen Organisation inbezug auf das Erziehungswesen nunmehr befriedigt worden"? „Insofern die Lösung sich auf diejenigen Schulen bezieht, die von vornherein einen religiösen Standpunkt etnnehmen, ist die Lösung allerdings befriedigend,' sie gewährt uns vollständige Autonomie und wenn wir nur die entsprechenden Lehrkräfte finden, werden wir in einigen Jahren das Schulwesen in Erez Jisroel im Sinne des traditionellen Judentums wesentlich umgestallen können. Gewiß möchten wir, daß alle Schulen im Heiligen Lande sich aus den wahrhaft nationalen, d. h. den traditionell jüdischen Standpunkt stellen. Wir sind auch fest überzeugt, daß dies in absehbarer Zeit geschehen wird, weil die innere Logik eines richtig begriffenen jüdischen Nationalismus unabweisltch darauf dräpgt. Als wirksamstes Mittel, dieses Ziel zu erreichen, betrachten wir das lebendige Beispiel eines Schulsystems, das unter dem Nr. 41. Seite 3 neuen orthodoxen Aufsichtsrat entfaltet, in jeder pädagogischen Beziehung den Anforderungen der Heranbildung einer hebräisch sprechenden Generation dienen soll, die tief in der jüdischen Tradition wurzelt und ein aufrichtig jüdisches Pflichtleben führt. All diejenigen Lehrinstitute, inbegriffen Chedorlm, Talmud, Thora und Jeschiboth, die das Hebräische als Unterrichtssprache emsühren, ihre Lehrhäuser den hygienischen Anforderungen entsprechend einrichten nnd ein Minimum von elementaren profanen Gegenständen, wie Schreiben und Rechnen etnführen wollen, können tn dieses orthodoxe Schulwesen etnbezozen werden. Selbstverständlich wird das ganze Budget all dieser Schulen von der Zionistischen Organisation gedeckt werden müssen, wie auch schon heute selbst die von der „Freien Vereinigung" in Deutschland begründeten Nezach JiSroel-Schulen von der Zionistischen Organisation erhalten werden. Die ausführenden Organe dieses Schulsystems sollen sein: ein Unterrichtsieiier und zwei Jnspekroren. Einer für die allgemeinen, ein zweiter für die orthodoxen Schulen. Die Misrachi-Organtfation hat mich nun beauftragt, die Jnspektorenflelle für das dem orthodoxen Waad Hamfakeach unterstellte Schulwesen zu übernehmen". „Welche Ausgaben haben Sje sich für die nahe Zukunft gestellt"? „Das erste ist die Heranziehung und Heranbildung eines fähigen und gesinnungstüchtigen Lehrermaterials. Düs wird teilweise von der bereits bestehenden MtSrachi-LehrerbildungSanstalt in Jerusalem geschehen, der sich demnächst eine misrachistische LehrerinnenbildungS- Anstalt anreihen wird. Außerdem werden hervorragende Kräfte aus Europa und Amerika herangezogen werden, die nach kurzer Einübung in der hebräischen Umgangssprache, Vorzügliches werden leisten können. Die außerordentlichen Verdienste der bereits in Erez Jisroel lebenden Pioniere des religiösen hebräischen Unlerrlchtswesens können nicht genügend gewürdigt werden. Die erste Stelle gebührt dem wackeren und sich aufopfernden Dr. Moses Auerbach von Petach Tikwah". „Könnte nicht die eben geschilderte Reorganisation deS religiösen Schulwesens in Palästina der erste Schritt zu einer Verständigung zwischen Misrachi und Agudas Jisroel werden"? „Ich kann es mir nicht vorstelleu, daß wir uns anf diesem Gebiet nicht endlich die Hände reichen sollen. Wir wollen beide dasselbe und' wir können uns die Schwächung der Orthodoxie in Palästina durch die Zersplitterung unserer Kräfte nicht erlauben. ES werden wohl manche Prestigefragen beseitigt werden müssen. Bom höheren Gesichtspunkte deS politisch Notwendigen betrachtet, muh jeder ehrlich Wollende den Weg zur gemeinsamen Arbeit finden. Der Segen, der sich daraus für die geistige Gestaltung des neuen Palästina ergeben wird, ist einfach nicht zu ermessen". Hierzu wird uns von gutunterrichteter Seite geschrieben: „Auch wir wünschen, daß es Herrn Dr. Schönfeld gelingen möchtedie orthodoxen Schulen, die durch: das Komproiniß des Misrachi mit der zionistischen Organisation der nnsrachistischen Leitung unterstellt sind, m Sinne des thorat reuen Judentums weiterzuführen. Wir verhehlen uns dabei nicht die großen Schwierigkeiten, vor allem die Tatsache, daß der Misrachi auf das Recht eines selbständigen Budgets verzichten mußte und daher bei jeder Neu- Barock wechselt mit Rokoko und Renaissance. Und damit bas Bild auch über die modernen Kasernenbauten der Regierungspaläste zur letzten Vollendung komme, fehlt nicht das schokoladefarbene Wohnhaus im Stil des Leipziger Völkerschlachtdenkmals. Ist es nicht immer schön, so ist es doch interessant. DaS alles ist dem langsamen Verfall anheimgegeben. Der Verkehr innerhalb der Stadt ist längst eingeschlafen. Außer Droschken gibt es kein Verkehrsmittel. Die Schienen der Straßenbahn sind bereits zum Teil zerstört. Tagelang durchquert kein Lastwagen als Zeichen wirtschaftlichen Verkehrs die Straßen. Es wird ein schweres Stück Arbeit für die Regierung sein, diese Stadt wieder zum Leben zu erwecken. Der Bahnverkehr bis zur deutschen Grenze war zwar schon völlig geregelt. Es verkehrten täglich zwei Züge von Eydtkuhnen bis Wilna und zurück. Aber sowohl der Bahnhof Wilna, als auch die Strecke von Kowno bis Wilna ist durch gesprengte und nur sehr unvollkommen wieder hergestellte Brücken stark behindert. Trotzdem wird, sobald Handelsverträge mit Rußland vorltegen und auch die Transitfragen geklärt sind, ein starker Verkehr über Wilna nach Rußland einsetzen, der der Stadt wohl einen neuen Aufschwung bringen könnte. » Die jüdische Bevölkerung Wilnas, die wohl mehr als die Hälfte der Einwohnerzahl ausmacht, dürste jeder Regierung in ihrer Aufbauarbeit unterstützen. Dagegen machte sich immer schon eine passive Resistenz der in großer Zahl in Wilna ansässigen Polen geltend. Demgegenüber hatte die litauische Regierung keinen leichten Stand. Vor allem die Bauern in der Umgebung Wilnas rechneten so stark auf die Wiederkehr der Polen, daß sie die Annahme des litauischen OberostgettzeS verweigerten. Die litauische Regierung hat bisher viel Geschick in der Behandlung frembstämmiger Bolksteile bewiesen, so bei der Gewährung der Autonomie an Juden und Weißruthenen. Aber in Wilna hat sie . keine Zeit mehr gefunden, Aufbauarbeiten zu leisten. (Antisemitische Geulahverkünduna). Die Abendausgabe der „Deutschen Zeitung" vom 3. Oktober 1920 berichtet: „Der neue Gouverneur von Palästina, der Jude Samuel, residiert im Kaiserin Augusta- Viktoria-Stift auf dem Oelberge. Er hat den Sabbat zum gesetzlichen Feiertag erklärt. ES besteht die Absicht, den Salomonischen Tempel wieder aufzurichten.". — Eines der Symptome der Messiaszeit und der Tempelerrichiurg ist nach Talmud die „zunehmende Frechheit". Ob wohl die „Deutsche Zeitung" danach urteilt? . . . (Die Vorfahren der edlen Paus). Salomon Maimon (1.754—1890) — Kantianer, Sprößling einer jüdischen Gelehrtenfamilie aus Litauen — hat eine Schilderung seines Lebens hinterlaffen, in der er von den Verfolgungen spricht, denen die Juden anögesetzt waren. Liest man sie, begreift man viel. Da war ein polnischer Fürst, der eines TageS betrunken in feine katholische Kirche kam und den Altar verunreinigte. Alle Anwesenden gerieten in Entsetzen. Und am anderen Morgen redete der Klerus dem nüchternen Fürsten ins Gewissen. „Ei, wir wollen dies wieder gut zu machen suchen.,. Er gab Befehl an die Judenschaft deS OrteS, auf ihre Kosten Wachs zum Brennen in die Kirche zu schaffen: So mutzten, die armen Juden für die Entheiligung einer christlichen Kirche durch einen rechtgläubigen katholischen Christen Süyneopfer bringen. An einem andern Tage begab er sich in die Synagoge und richtete ohne jede Veranlassung, dort die größte Verwüstung an, zerschlug Fenster und vefen, zerbrach alle Gesäße, rm-rs die in der Bundeslade befindlichen Rollen der heiligen Schrift zu Boden usw. Ein gelehrter, frommer Jude wollte eine Rollen aufheben und wurde vom Grasen angeschossen. Dann richtete sich die Wut deS tollen Fürsten gegen den jüdischen Friedhof, auf dem er die Gebäude zerstören und die Derkmäler ins Feuer werfen ließ. Er bestellte einen jüdischen Barbier. „Hast du deine Instrumente mltgebracht?" — „Ja, durchlauchtigster Fürst!" — „Gut, gib mir deine Lanzette, ich will dich zur Ader lassen." Der arme Barbier mußte sich dies gefallen lassen. Der Fürst wußte nicht mit dem Instrument umzugehen, feine Hand' zitterte vor Betrunkenheit und verwundete den Barbier, aber die Hofleute lächelten und rühmten die Geschicklichkeit des Chirurgen. Saddat-Anfang und Ausgang. rtt rav- Anfang Datu« 1 Frankfurt *. M. *! 05 16. Okt. 1 Marcheschwan Bern» .... » 10 Mönche» ... & 15 Strahönr» ... . — —" Stuttgart. — — Bose» . . . . — —> NSruhsr«, . . 6 — - _ * Ausgang m Äin. 6 20 I 03 6 04 6 04 o io