Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 41 (14.10.1920)
- Date
- 1920-10-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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14. Oktober 1930 «ette 1 ft*. 41 _ ' Gesinnung und Ueberzeugung dem Bolschewismus, der alles zentralisiert und kommuntsiert, dienen, wenn er nicht anders Hungers sterben will. Das tut notgedrungen der frühere General, der Tschinownik ebenso wie der jüdische Kaufmann. Die Bolschewisten aus Ueberzeugung und Lebensanschauung bilden ein kleines Häuflein nur, und an exponierteste Stelle sind von ihnen — vielleicht nicht ohne Absicht — die einigen wenigen jüdischen Namen gesetzt, die bereits in Europa — -gerade wegen ihrer geringen Zahl — in aller Munde sind. Das ist eine Wahrheit, der sich leider auch in Deutschland wette Kreise nicht zugänglich gezeigt haben. Man vergleiche die treffenden Worte Sigmund Fränkels in seinem „Offenen Briefe" (veröffentlicht in Nr. 38—39 -es „Israelit"). Die Suche nach dem Sündenbock ist eben zu sehr in der Natur des notgebeugten Menschen verankert. In Rußland bereitet sich aber, wenn nicht noch im letzen Augenblicke ein Wunder geschieht, eine Katastrophe vor, die uns jetzt schon in der Vorahnung erzittern machen muß. Wie bereits von langer Hand die für den Umschwung nötige „Stimmung" gemacht wird, zeigt am drastischsten die Preßekampagne der Londoner „Times" gegen die Juden. Hierbei wird — natürlich von russischer Seite — der Nachweis „erbracht", daß die Mörder der Zarenfamilie Juden waren. Der Zweck ist offensichtlich) mit Hilfe der großen europäischen Presse, deren Stimme auch in Rußland große Wirkung ausübt, wird der Russe, der unter des roten Schreckens Geißel, sich nach der alten Zarenknute zurücksehnt, auf den Juden als den Mörder, den Räuber seines Glückes und seines Friedens verwiesen, und so wird der Weg gezeigt, den die Volksrache und Volksjustiz bei dem erwarteten Umschwung der Dinge einzuschlagen haben. Wie wirksam man auch von jüdischer Seite—beson- -ers von Lucien Wolf — dieser gefährlichen Märchenbildung entgegengetreten ist, die Bombe ist gefallen und übt ihre Wirkung automatisch weiter. Die judenfeindltchen Blätter, an denen es heute in Europa nicht fehlt, geben nur die Anklagen, die „Beweise" wieder, nicht aber die Widerlegungen und das in Bereitschaft stehende Heer der russischen Reaktion ist um eine sichertreffende Waffe reicher: Gegen die Zarenmörder!- Vielleicht sehen wir dennoch zu trübe in die Zukunft. Die kommenden Tage werden es zeigen, ob wir Grund hatten, uns dieses Friedens zu freuen. Selbst verschuldet! Zum Wochenabschnitt. Der D'nurr hvo. führt in einer sogen. „Messora" drei Sätze aus verschiedenen Teilen des Pentateuch an, die das Wort tjiy enthalten und zwar: 21' ppyrn pX2 in M. 1, Kap. 1 (Das Geflügel vermehre sich auf Erden), ^>v.n |ö orx ^2ix pjw« M. 1, Kap. 40 (Und der Vogel ißt es ans dem Korbe) und nvn2.n min nx: M. 3, (Dies die Lehre vom Vieh und vom Vogel.) Was will B'inon mit dieser sonderbaren Zusammenstellung? Schicken wir eine Taldmudstelle in 82 voraus: R. Schimon, Sohn Elafars sagt: „Nie habe ich einen Hirsch als Feldhüter gesehen, nie einen Löwen als Lastträger oder einen Fuchs als Händler, sie, die Tiere und Vögel, sind beruflos und dennoch ernähren sie sich auf die leichteste, angenehmste Art, obwohl sie nur mir dienen sollen, ich aber, derMensch, - die Krone der Schöpfung, geschaffen, um Gott zu Der Israelit. Wocheimmdfchaii. Sie Einwanderung nach Srrz Mroel. Die Blätter veröffentlichen den Entwurf einer Einwandernngsrerordnung, die irr Kürze offiziell iit Kraft gesetzt werden soll. Danach ist der Eintritt in das Land sowohl in den Häfen als an der Landesgrenze streng zu kontrollieren, wie die Bedingungen und Bedürfnisse des Landes'es erforderlich machen. Ein Immigrations- Direktor ist ernannt worden, der Immigrations- Beamte arr den hauptsächlichsten Eingangsplätzen des Landes 'unter sich haben wird. Nieinaudem — mit Ausnahme gewisser Beamtenklassen — wird cs möglich sein, in Palästina Einlaß zu finden, wenn er nicht im Besitze eines Passes oder eines ähnlichen Erlaubnisscheines ist, der durch das britische Kons u lat a m A b r e i s e p l a tz e visiert sein muß. Außer einem Paß, muß jeder Eiulaß-begehrende sich darüber ausweisen, daß er die nötigen Existenzm i t t e l b e s i tz t o d e r i m st a n d' e s e i n w i r d, sie zu erlangen, sowohl für sich als auch für seine eventuell mit ihm einwandernden Angehörigen. Er wird sich auch einer ärztlichen u n t e r s u ch u n g unterziehen müssen. Es wsxd ein Grund sein, ihn zurückzuweisen,. wenn er an einer Krankheit leidet, die, von den medizinischen Autoritäten nachgewiesen, ihn als unerwünschten Einwanderer erscheinen läßt oder wenn er geistig als minderwertig befunden wird. Es werden Anordnungen getroffen werden/ daß alle Personen im Hafen oder au der Grenze untersucht und in zweifelhaften Fällen zurückgehalten werden. Bei endgültiger Verweigerung der Eintrittserlaubnis wird der Immigrant durch Order des Immigrations-Direktors in jenes! Land zurückgeschickt, aus dem er gekommen ist. Jede Person, die die Erlaubnis zum Eintritt erlangt hat und die sich in Palästina aufhalten will, muß aus dem Polizeibüro desjenigen Distrikts, in dem Aufenthalt genommen wird, Einzelheiten über Nationalität, Familie, Zweck des Aufenthaltes inr Lande usw. angeben. Die Registrierung muß innerhalb zwei. Wochen nach der Ankunft im Lande gemacht werden. Die Unterlassung der Registrierung innerhalb der angegebenen Zeit ist ein Vergehen gegen die Verordnung, die die Person der Ausweisung oder anderen Strafen aussetzt. Personen, die durch das konsularische Visum als Touristen oder in Transit nach einen: anderen Lande, zum Beispiel Damaskus, bezeichnet worden sind, ftitb von dem Registrierungs-Obligo entbunden, insofern ihr Aufenthalt in Palästina drei Monate nicht übersteigt. Wenn sie diese Periode überschreiten. müssen sie registriert werden und von dem Immigrations-Direktor die Aufenthaltserlaubnis' erlangen. Der Oberkommissär hat die Befugnis,, einen Ausweisungsbefehl gegen jede Person zu erlassen, die innerhalb fünf Jahren nach dem Eintritt in das Land nicht palästinensischer Bürger geworden ist, wem: sie zu einer einen Monat übersteigendem-" Gefängnisstrafe infolge Vergehens gegen die Cinwandernngs-Verordnung J oder für irgend ein anderes Vergehen verurteilt f worden ist, oder wenn es im öffentlichen Interesse gelegen ist, daß sie das Land verlasse. Der Oberkommissär hat ferner die Befugnis, irgendein Individuum oder eine Klasse von Personen entweder gänzlich oder teilweise von den Be- -stimmungen dieser Verordnung' zu befreien. Diplomatische -Personen und Konsuln, Mitglieder des britischen Militärs, der britischen Marine und Aviatik oder' des palästinensischen Zivildienstes, die zur Ausübung ihrer Pflichtei», in das Land kommen sowie jeder .Seemann, der iE Laufe einer Reise in Palästina landet, sind von den Bestimmungen befreit. Ebenso können spezielle Abmachungen für Wällfahrtsteilnehmer getroffen weroen. Alle Verfügungen — mit Ausnahme eines Passes — beziehen s i ch nicht auf jene Personen, di e seit der britischen Okkupation ständig in Palästina g e l e b t h a b e n und die jetzt in oas Land zurückkehren, nachdem sie es aus geschäftlichen oder privaten Gründen verlassen hätten, ebenso nicht auf jene Personen, die ein Jahr lang vor Ausbruch des Krieges st ä n d i g i n P a l ä st i n a gelebt a b c u. Was die Ausstellung der Paß-Visa betrifft, so ist, nach unseren Informationen, entscheidend die politische Zuverlässigkeit des Einwandernden und die Sicherheit seiner wirtschaftlichen Existenz in Palästina. Ueber beides müssen-die Einwanderungslnstigen den britischen Konsulaten die nötigen Nachweise erbringen; das gilt auch für die aus religiösen Gründen Einwandernden. Eine besondere Abmachung hat die englische Negierung mit der zionistischen Organisation Wege:: der Einwanderung von 16 500 Landarbeitern und Bauhandwerkern getroffen, für deren Beschäftigung die zionistische Organisation zu sorgen hat und die von dieser aus die verschiedenen Lander verteilt werden. Inzwischen scheint die Lage des Arbeitsmarktes in Erez Jisroel noch immer trostlos zu sein, sodaß die Auswanderung bei weitem stärker ist als die Immigration. Wir berichten darüber an anderer Stelle. dienen, sollte nicht ebenso leicht und mühelos meine Nahrung finden? Allein, der Mensch hat gefehlt und sich selbst das Leben erschwert". Soweit Talmud. Viele sind es aber heute, die des Lebens Not mit der allzu großen Menschenfülle begründen, die die Erde beenge, daß ste nicht mehr Raum und Nahrung hätte fük alle. Und es gibt sogar Nationalökonomen, die, mehr ökonomisch als ethisch, einen Aderlaß an der Menschheit durch Krieg, Epidemie usw. für vorteilhaft und nützlich, ja unentbehrlich halten. Dem tritt 2j>2 2'iirs.i durch seine „Messora" finnig entgegen: 1. pX2 21' S|iyni. Wie ungeheuer ist doch die Menge der Vögel, die die Lust füllen! 2. Und dennoch, hon sü anx faw syiprn, erhält der Vogel leicht und schmerzlos seine Nahrung aus dem Korb, findet auf Feld nnd Flur einen reichgedeckten Tisch. 3. S]WJ1 nv.12.1 min m. Bon Tier und Vogel lerne Ser Mensch, daß es nicht die Fülle macht. Raum hat die Erde für alle. Aber eS ist so wie der Talmublehrer sagt: der Mensch selbst hat das Leben kompliziert und was wir Daseinskampf nennen, ist selbstgewollt und selbstverschuldet. npys> rx Win 'ddjib nx 'nnD'pi. Kleines Zenilleton. 3m heutigen Wilna. In Wilna find wieder die Polen etngezogen, nachdem die Stadt vorübergehend in Händen der Litauer war. Wie steht es im heutigen Wilna aus? Wilna ist öde und tot. Das ist aber nicht die Folge der Bolschewistenherrschaft, sondern das Resultat der Leiden, die diese Stadt unter den dauernden Wechsel» fällen des Krieges zu tragen gehabt hat. Erst drei Jahre deutsche Okkupation, dann die Polen und nach ihnen die Bolschewisten, dann wieder die Polen und nach Jahresfrist schon wieder Bolschewisten, dann die Litauer, jetzt wieder die Polen, und noch immer keine Gewißheit, ob damit das Spiel beendet ist. Das hat die prächtige alle Stadt nicht ertragen können. Das gesellschaftliche-Leben ist tot, der Puls des wirtschaftlichen Lebens schlägt matt und matter. Aus Hunderten von palastähnlichen Bauten gähnen schwarze Fensterhöhlen) die reichen Polen haben vor den Bolschewisten zumeist das Feld geräumt. Jetzt stehen lausende von Wohnungen und hunderte von Häusern leer. Ganze Strahenzüge sind unbewohnt. Man kann die Häuser, deren Türen weit offen stehen, vom Keller bis zum Dach durchsuchen. Nur scheu lugt hie und da der Kopf eines Pförtners, der im ver« steckten Winkel haust, um die Ecke. Es ist schade um die Stadt. Ein Stück alter Kultur beginnt hier zu Grunde zu gehen. Ein Blick von den steilen Höhen harr am Ufer der Bileika, noch im Weichbilde der Stadt, zeigt weit mehr als zwanzig Kirchen und Kathedralen. Die Goldzwiebel der russischen Kirchen gleißen in der Herbstsonne, gelb, scharf und stechend. Breit wölben sich die Kuppeln der Kathedralen in häßlichem Schwarz und aus dem Grau und Gelb der Kirchtürnie und Häusermassen hebt sich der rote romanische Bau der St? Annen-Kirche. Auf dem engen Raum des Talkesselsin den die Stadt hineingedrängt ist und der bereits von ihr erfüllt ist, haben sich die Kulturperioden dicht nebeneinander Denkmäler gesetzt. Dicht neben dem romanischen prangt gothischer Stil,