Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 40 (7.10.1920)
- Date
- 1920-10-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 8 Nr. 40____ heit; all diese Ideale im Dienste# eines Fetischismus der Sinne mit Füßen tritt, der Bolschewismus bedeutet endlich einen frechen Kampf gegen Gott selbst, den er in öffentlichen Reden und populären Schriften, die in Mllionen Ausgaben an allen Straßenecken verbreitet werden, mit dem größten Zynismus verleugnet und verhöhnt, während er nichts weiter als eine Zuchtrute Gottes für das so sündhafte Rußland ist. In einem solchen Kampf muß der Bolschewtsmus, wie mächtig er sich durch seine rote Armee gebärden möge, unvermeidlich unterliegen. Er muß sich auflösen im wachsenden Hunger der Volksmassen, oder die rote Armee selbst wird, des zwecklosen Blutvergießens müde und vom Eckel davor ergriffen, tief -empört über diesen fanatischen Betrug, gegen den Bolschewismus selbst seine Waffe kehren und ihn im Nu über den Haufen werfen. Das muß und wird eintreffen, so fern es eine Gerechtigkeit und eine Vernunft giebt, welche die Schicksale der Geschichte leitet, sofern es einen allweisen und einen allgerechten Gott giebt. WochenmnWa«. Sie Auflösung des ^Sundes". Wie aus Warschau gemeldet, wird, beschloß die polnische Regierung die Arbeiterorganisation Bund, die stärkste jüdisch-sozialistische Partei, aufzulösen, da sie im Einvernehmen mit Rußland gegen Polen feindselig aufgetreten sei. Wir haben nie Anlaß zu der Annahme gegeben, als hätten wir besondere Sympathie für den '„Bund". Das hindert uns aber nicht festzustellen, daß die ihm nachgesagte Stellung im polnisch-russischen Krieg eine der vielen verleumderischen Unwahrheiten ist, ^mit denen heute im chauvinistischen Polen gegen die Juden gekämpft wird. Der Bund führt selbstverständlich als radikal-sozialistische Arbeiterpartei einen Kampf gegen die RegierungsPolitik, die er für imperialistisch hält. Aber die Opposition blieb im Rahmen der inneren Partetkämpfe. Nicht nach russischen sondern polnischen „Sowjets" steht der Sinn der polnischen Radikalsozialisten wie ihrer leider auf fremden Feldern blutenden jüdischen Genossen. Will die polnische Regierung den polnischen Bolschewismus bekämpfen, so mag es ihr gutes Recht sein, sie tue es aber nicht dadurch, daß sie den jüdischen Teil ihrer Gegner verleumdet und verdächtigt und des Hochverrates bezichtigt. Der JSraeltt. I Die jüdisch-polnischen Auswanderer in Danzig. In der letzten Nummer unseres Blattes veröffentlichten wir die Mitteilungen eines Danziger Korrespondenten, der sich lobend über die von den amerikanischen Hilfsgesellschaften in Danzig getroffenen Maßnahmen für dieUn terbring ung und Abfertigung der Flüchtlinge aussprach. Aus unserem Leserkreise gehen uns daraufhin entrüstete Protestkundgebungen zu, welche d:e erwähnte Mitteilung als subjektiv gefärbt bezeichnen und im.Gegensatz zu ihr die Behauptung aufstellen, daß die Lage der Auswanderer in Danzig nach jeder Richtung bejammernswert sei. Neberraschenderweise Habe die „Hias" in ihrem Lager ein geradezu barbarisches Regiment eingeführt und auch die Unterbringung der Leute sei äußerst primitiv. Sie schlafen auf dem blanken Fußboden und müssen trotzdem pro Nacht 17.— Mk. bezahlen. Sogar eine nichtjüdische Angestellte im Büro des Lagers habe über die Verköstigung der Emigranten haarsträubende Mitteilungen gemacht. Ein Mittagessen, für das 11.— Mk. verlangt werde, sei ekelhaft und vollkommen ungenießbar ewesen. Zusammenfaffend wird bemerkt, daß ie Emigranten gegen eine Gebühr von 47.— Mk. täglich unter Hunger, Schmutz und Bedrückung litten. Wir halten uns für verpflichtet, diese Mitteilung der Oeffentlichkett nicht vorzuenthalten und erwarten eine schleunige strenge Untersuchung von seiten der maßgebenden amerikanischen Instanzen, die von dtesen Dingen bisher gewiß keine Kenntnis erlangt haben. Zakov H. Schiff. Zwei Tage nach Jomkippur verstarb in New-Aork Jakob H. Schiff, dessen Bedeutung als Philantrop, Politiker und Vertreter der Großfinanz in allen Erdteilen bekannt war. Wir stellten den Philantropen an erste Stelle — weil in der jüdischen Welt zunächst und zumeist der unermüdliche, großzügige Wohltäter Jakob Schiff genannt wurde, und weil hier auch der Ftnanzmann und Politiker in erster Reihe vom Menschenfreund beraten war. Seine den Weltmarkt entscheidend beeinflussende Finanzpolitik war, im Gegensätze zu der vieler anderer amerikanischer Geldfürsten, von hohen ethischen Gedanken geleitet, vom Gedanken des Weltfriedens und nicht zuletzt von der Liebe zu seinem Stamme, als dessen Sohn er sich mit stolzem Bewußtsein bekannte. Das zeigte sich besonders in seinem ablehnenden Verhalten Rüßland und Rumänien gegenüber, solange diese Staaten im 7. Oktober 1930 Banne des Antisemitismus standen. So wenigwie im Kriege mit Japan, konnte das Zarenreich während des Weltkrieges im Jahre 1915 auf seine Hilfe rechnen. Was aber Schiff zur Verbesserung der wirtschaftlichen und politischen Lage oer Juden in den Ländern der Not, in Rußland, Galkzjen, Rumänien und Palästina getan hat, dieses auch nur andeutungsweise zu schildern, würde den Rahmen eines Artikels weit überschreiten. Schiffs philantropische Lebenswerke — man kann bei der Vielfältigkeit seines Wirkens nicht von einem Lebenswerke sprechen - - gehören der Geschichte und werden jedenfalls ein trostreiches Kapitel in einem Geschichtsabschnitte bittersten Leides bilden. Jakob H. Schiff war wie seine hier noch lebenden Brüder, ein Frankfurter Kind und, wenn man will, ein Kind d er Hirsch' scheu Schule. 1847 hier in Frankfurt als zweiter Sohn der Eheleute MosiS Schiff, in der damaligen Rattengaffe, einer Seitengasse der Schnurgasse, geboren und in den bescheidensten Verhältnissen erzogen, besuchte er die von Rabbiner Hirsch gegründete und geleitete Realschule, wo seine Fähigkeiten zur ersten Entfaltung gelangten, und das große jüdische Herz vielleicht die erste Prädestination für die Großtaten der Zukunft erhielt. Die Familie Schiff führt ihren Stammbaum zurück bis auf das 15. Jahrhundert, .und Moses Schiff hielt sich für einen Nachkommen des „Maharam Schiff", was freilich nicht ganz stimmen kann, da bekannt ist, daß der genannte Lehrer keine männliche Nachkommenschaft hinterlaffen hat. Mit 18 Jahren ging Jakob Schiff nach Amerika, wo ihn die Vorsehung schon verhältnismäßig früh an exponierte Stelle als Großmeister der Weltfinanz und der Menschenliebe stellte. Es wurde ihm im Kriege das Leben und Wirken nicht gerade leicht gemacht. Als Deutscher und Jude oft auf beiden kriegführenden Seiten verdächtigt und angegriffen, steuerte er voller Liebe und Versöhnung durch alle hochgehenden Wellen des Völkerhasses, und die Leiden des Krieges gaben ihm reichen Anlaß zu noch intensiverem, .großzügigerem Wohltun im Interesse der Welt und seiner doppelt betroffenen Brüder allüberall. Die Zionisten nahmen ihn in den letzten Jahren als einen der ihrigen in Anspruch. Zu Unrecht! Schiff hat sich nie zur zionistischen Weltanschauung bekannt, als Rahmen für große jüdische Phtlantropie nützte er den Zionismus gern, und bei der Sprach- und Kulturgemeinschaft mit England hat die Balfournote erklärlicherweise in Amerika einige Hoffnungen geweckt. Wenn auch Schiff im Leben leider den Traditionen der Frankfurter Schule nicht ganz treu mm Von der Gottesfurcht. Aus dem „Sefer Chassidim". (Fortsetzung.) 45. Wer Schulden zu zahlen hat, der verwende * seine Gelder nicht für Wohltätigkeit und fromme Werke, bevor er seine Schulden getilgt hat. . . 46. Man schwöre nie bei dem Leben seiner Kinder.' Man gewöhne sich überhaupt möglichst das Schwören ab, auch wenn es der Wahrheit entspricht. Wer in seinem Handel und Wandel den Beweis der Ehrlichkeit erbrachte, dem glaubt man aufs Wort mehr als dem Lügner alle Schwüre. 47.. Hast du auf sumpfiger Landstraße einen ga'ng. baren Pfad gefunden und begegnest einem, der schwer beladen ist, so gehe ihm aus dem Wege und lasse ihn an dir vorüberschretten. Ob Jude oder Nichtjude, kommt dabei nicht in Betracht. 48. Wer den Nebenmenschen kränkt und beleidigt, wundere sich nicht, daß sein Gebet bei Gott unerhört bleibt, denn das gekränkte Gemüt steht zwischen ihm und seinem Gotte. 49. Wer immer Gutes vom Andern weiß und spricht, dessen Lob singen die Engel. Wer aber vom Nächsten nur Unrechtes weiß, der findet vor Gott und Engeln keine Rechtfertigung. 50. Man beschäme und kränke auch keine Untergebenen und Bedienten, auch nicht sein eigenes Kind, wenn es nicht aus erzieherischen Gründen unabweisiich nötig erscheint. 51. Für jede Kränknäg, die matt entern Menschen direkt oder indirekt znsugt, iuirb man von Gott zur Rechenschaft gezogen. Das gilt auch jede m Gottesgeschöpf gegenüber. Lade dem Tiere nicht mehr ans, als es traget! kann, da Mitleid mit dem Tiere ein Thora gebot ist. 52. Wer mit ansteckender Krankheit behaftet ist, vermeide die Berührung mit anderen, denn es ist nicht nötig, daß auch Andere durch dich gefährdet, werden. _ : 53. Wie man Anderen keinen L-chaden znsngen darf, so ist es auch Sünde, in Erregung oder Aufwallung des Zorns am eigenen Körper oder Eigentum Schaden anzurichten. 54. Denke Zeitig daran, Di,in Haus zu bestellen und deine letzten Wünsche schriftlich vor Zeugen sestzulegen. Verlaß Dich nicht auf mündliche Anordnung ct’tir Deinem Sterbebette. Erfahrung lehrt, daß die letzten Worte Sterbenoer leicht vergessen werden. 55. Denke stets daran, daß selbst an Gabbath und Feiertagen nicht die leckeren Speisen das Mahl würzen, sondern die .Liebe und der Friede, darum! sorge - für Liebe und Frieden in deinem festlichen Hause noch mehr als für- Speise und Trank. i 66. Man tut oft mit einem Darlehen eilte weit größere Wohltat als mit einer Gabe, da crsteres weniger beschämend uttd demütigend ist. Noch besser ist es aber, wenn man dem Armen Verdienstmöglichkeiten bietet. 57. Wirst 'Dü von Deinem Freunde gefragt, ob er sein Geld zu einer Hülle für eine Thorarolle verwenden soll, oder dem Armen damit ein Kleid kaufe, verwerfe ihn aus Jesajas: „Wenn Du einen Nackten siehst und ihn bedeckest usw. . . 58. Altes an Dir sei wahrhaftig. Weiche keiner. unbequemen Frage mit den Worten.aus: „Ich weiß cs nicht", sondern sage ehrlich und mutig: „Ich weiß es wohl, kann oder mag es Dir aber nicht sagen." 59. Sichst Du, >vie Deine Freunde sich etwas zngeflüstert'haben, so frage sie nicht nach ihrent Geheimnis. Sie könnten sich leicht gezwungen sehen, Dir etwas vorzntänschen und Du hättest' sie daun §n einer Unwahrheit veranlaßt. 60. Man mißbrauche die Arbeitskraft von Angestellten oder Dienstboten nicht UM die AMlächüna und Verpflichtung hinaus./ Matt' lege' 'Keitteni Arbeiten ans, die über seine Leistüngskräst Hinäüsgsh-en, auch' wenn ' dieser, sich zü der Arbeiksleiftiutg 'bereit erklärt. Kleines Feuilleton. (Prof D. Karl Marti über die „Große Täuschung".) Der durch seine „Geschichte der Israelitischen Religion" und feinett „Händkommentar zum Alten Testament" bekannte (von uns wegen seiner bibelkritischen Spekulationen oft - bekämpfte) Professor