Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1920)
- Date
- 1920-12-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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10. Dezember 1930 von 1912 -er Vorstand und die Mitglieder der Dberktrchenbehörde, ja im Gegensatz zu den evangelischen und katholischen Geistlichen sogar noch unsere Rabbiner vor. der Regierung ernannt werden müssen, obgleich wir finanziell schon seit 1912 vom Staat getrennt sind. Eine Eingabe gleichen Inhalts ist dem Landtag zugegangen. Wie«, 10. Dezember. Die erste Mitgliederversammlung, die die Agudas Jisroel-Gruppe Wien in diesem Winter veranstaltete, wurde durch ein eindrucksvolles Referat des Herrn Dr. Pollak über die Idee der Agudas Jisroel eingeleitet. Für die Unterrichts-Sektion, die einen reichen und vielseitigen Lehrplan durchgearbeitet hat, erstattet Herr Simon Schreiber Bericht, worauf Herr Alfred Stroh ein fesselndes Bild der eifrigen Tätigkeit der sozialen Fürstrrge entrollt. Der Stellenvermittlung ist' es gelungen, 200 Arbeitsuchende unterzubringen. Der Kassenbericht weist seit April einen Umsatz von rund Kr. 700.000 auf. Lebhaften Beifall löste die von Emanuel Felfenburg namens der Palästina-Sektion erstatteten Nachricht ^aus, daß Agudas Jisroel-Jugendgruppen auch in Jerusalem, Saffet und Liberias gebildet wurden. Samuel Stern berichtet über die Jeschiwo- Aktion, die eines der Ruhmesblätter der Agudas Jisroel und des Vereins „Tiferets Bachurim" bildete. Der als Gast anwesende Herr Schönfeld aus Warschau besprach die gegenwärtigen Parteiverhältnifse im Judentum unter besonderer Berücksichtigung Polens. Brotenfeiehung- Wien, 4. Dezember. Eine recht anfechtbare Ersparungsmaßnahme die angeblich auch der Bekämpfung des Schiebertums dienen s oll, wurde jetzt beschlossen rAuslä adern soll der Bezug des durch Staatszuschuß wesentlich Verbilligten Brotes und Mehles entzogen werden. Das ist die ständige Forderung jener Parteien, die nicht von Ausländern, sondern von„Fremdftämmtgen" oder von Ostjuden sprechen. Für die vielen reichen Leute ist es ohne Belang, ob sie den Laib Brot mit 6 Kr. oder mit 30 Kr. bezahlen, soviel beträgt nämlich der Staatszuschuß, und gegenüber den unbegüterten Nichtösterreichern wirkt die Maßnahme nur als Härte, ohne dem Staat einen finanziellen Erfolg zu bringen. Bon allen Mitteln, die Ausländer zu bekämpfen, ist das der Brotentztehung das allerverwerslichste Segen Deutsche und Zügen. Wie«, 30. November. Man schreibt uns aus Wien: Bezugnehmend auf den Artikel in der Wochenrundschau Ihrer gesch. Zeitung bom 25. Nov. Rr. 47, möchte ich zur Ergänzung der darin erwähnten Tatsachen bemerken, daß, während in Prag die gegen die Deutschen inszenierten Demonstrationen sich gegen die Juden ausließen, umgekehrt in Oestereich die Demonstrat ton -er Großdeutschen gegen die Tschechen sich gegen die Juden als angebliche Vertreter der Tschechen richteten. In Anerkennung der bisherigen Vertretung -es Deutschtums durch die Juden in. Prag, welche die gegen sie gerichteten Demonstrationen dokumentieren, weiden die Juden in Prag als Deutsche und die hiesigen Juden als Tschechen deklariert. Ungarn. Aus Ungarn- Budapest, 12. Dez. W«igrattonsj«bilSnm. — Groste Unterstühnugsaktion. — Jüdische Prozentnorm. ' Am 2. November waren es 25 Jahre her, -aß die ungarische Legislative die Rezeption des Judentums gesetzlich genehmigt hat. Vor 25 Jahren hat das ungarische Volk den letzten Schritt zur vollen Gleichberechtigung der unga- Drr JSrnettr.__ rischen Staatsbürger jüdischer Konfession gemacht. Seither hat Ungarn so manchen Sturm über standen und die Juden Ungarns haben sich stets als treue begeisterte Söhne dieses Vaterlandes erwiesen, haben als uyeutwegte Ungarn Freud und Leid dlests Landes geteilt. Aber kein Gewittersturm war so verhängnisvoll, so verheerend, wie der im Gefolge des Krieges über die ganze Welt dahinfegende Sturm, Per alle Begriffe über Recht und Gesetz, über Menschenwürde und Menschenrechte zu entwurzeln schien. In diesem Gewitter schien auch die Gleichberechtigung entwurzelt zu werden und das ungarische Judentum mußte mit unendlichem Schmerz sehen, unter wie düsteren Auspizien die Jubelfeier -er Emanzipation nahte. „Und doch", jo schreibt in gut jüdischem Optimismus die „Jüdische Korrespondenz aus Ungarn", „wir verzagen nicht. Wir vertrauen dem ünausrottbaren Rechtsgefühle der ungarischen Nation,, deren Blick durch die unermeßlichen Leiden und Qualen der letzten Jahre wohl vorübergehend getrübt werden konnte, deren Einsicht und Erkenntnis aber durch nichts auf die Dauer vernichtet werden kann. Schon tauchen die ersten Lichtstrahlen auf, die die Rückkehr der Einsicht verkünden." Die Pester Israelitische Religionsgemetnde hat angesichts des so stütz eingetretenen Winters eine Wohltätigkeitsaktion ein geleitet, die den jüdischen Armen Budapests über die bittere Z it des Winters hinweghtlfen soll. Mit Unterstützung der Chevra-Kadischah und des Jüdischen Frauenvereins läßt die Gemeinde seit dem 1. November an zweitausend Arme täglich Suppe und Brot verteilen. An der Spitze der Aktion, die für sechs Monate projektiert ist, stehen u. A. auch der Budapester Großhändler Joses Mikklos, der schon anläßlich der jüdischen Feiertage 300.000 Kronen für Wohli ättgkeitszwecke spendete. Er hat der Wohltätigkeitsaktion der Pester Religionsgemeinde zum Beginn des Winters 500 Meterzentner Kartoff tn für die jüdischen Armen zur Verfügung gestellt. Gegenüber dem nurnsrus oiauons der ungarischen Hochschulen, der es glücklich dahin gebracht hat, daß kaum fünf Perzent der Hochschüler jüdischer Konfession sein können — jener Hochschulen, die ebenso von den Steuerbeiträgen der ungarischen Juden erhalten weiden wie von jenen der Nichtjuden — hat die jüdische Gemeinde eilten eigenartigen nuumrus olansns an ihren Wohltätigkettsinstitutionen eingeführt. So entnehmen wir einem Berichte des „Eygenlöseg" über eine Unterredung mit Professor Dr. Heinrich Benedict, dem Leiter des jüdischen Spitales, daß von 75.000 ambulatorischen Kranken dieser jüdischen Anstalt 80—907» Nichtjuden sind. Von den 3500 internen Patienten hinwieder sind 25—307» Nichtjuden. Das Spital wird ausschließlich von jüdischen Geldern aufrecht erhalten. Noten. Die Hinrichtung in piofefc- Warschau, 12. Dez. Wie der „Moment" berichtet, ist die Einleitung der Revision im Prozesse des Hingerichteten Rabbi Schaptro aus Plotzk vom polnischen Kriegsministerium, aus Ersuchen der jüdischen Ratsmänuer, angeordnet worden. Es gehen sogar Gerüchte, daß die Revision bereits zum Abschluß gelangt sei und das Resultat nur aus politischen G-ünden der O< ffentlichkeit noch vorenthalten werde. Mo blieben Sie amerikanischen ßilfsgetöer? Warschau, 30. November. Die Sache mit den amerikanischen Hilfsgeldern wird immer rätselhafter. Im „Moment" wird eine Notiz des „New-Marker Tageblattes" vom 8. Oktober wiedergegeben, wonach die in Amerika lebenden Warschauer Juden zu Sonnenanfang 25000 Dollar nach Warschau gesch ckt hätten, mit der Bestimmung, eine Leihkaffe für kleine smSm No. 80 Seite 8 Handwerker zu gründen. Der Vorsitzende deS Kleinhändler-Verbandes fragt nun tn eine» „Offenen Brief" Herrn Farbstein, der behauptet, nur 17000 Dollar erhalten zu haben, wo die restlichen 8000 Dollar geblieben sind? Sodann, wo die Lrihkaffe existiere, über deren Gründung und Wirkung die Herren Farbstein und Klumel nach Amerika berichtet haben? Warum wurde ferner das für die Handwerker und Kleinhändler bestimmte Geld gehetmgehalten, ohne daß die zuständigen Komitees davon Kenntnis erhielten? Diesen Fragen der nächsten Interessenten werden im „Jud" noch ein paar andere Frage» angefügt, und man darf auf die Antwort gespannt sein. Die kre? 3isroel-ITliI[ion 9er Agudas Jisroel. Warschau, 3. Nov. Großes Aufsehen erregt in ganz Polen der soeben brkanntgegebene Beschluß, daß demnächst auf Grund der von der Preßburger Konferenz angenommene Resolution eine große Delegation der polnischen Aguda, an ihrer Spitze die Rab¬ bis von Gerr und Ostrowszi nach Erez Jisroel gehen werden. An her Delegation werben nahezu 100 begüterte orthodoxe Persönlichkeiten aus den Kreisen der Geschästsweltleilnehmen, von denen man sich eine wesentliche Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung des heiligen Landes, aber auch einen günstigen Einfluß auf die religiösen Verhältnisse im Lande versprechen darf. Line große flhtion der Orthodoxie- Lodz, 3. Dezember. Infolge des Schulzwanges und der Teuerungsmisere haben die Lodzer Chederschulen eine schwere Krisis hinter sich. Hinter sich, denn nun hat der „Waad hachtnuch" der Aguda die Sache tn die Hand genommen und es durchgesetzt, daß durch freiwillige Be't'äge wohlhabender Mitglieder die Chedarim erhalten bletven können. Die erste monatttche Subvention von 93000 Mk. verteilt sich ans fü f Ch derschulen. Ebenso wurde das Writerbestehen der Jeschtwah „Machosike Hadath", die monatlich 40000 erfordert, sichergestellt. ' --^3 . Der Pogrom jenseits der Drücke. Lemberg, 2. Dez. Aus Podwolotschisk, einem galizische« Städtchen an der ukrainischen Grenze, wird de« „Lemberger Tageblatt" über die aufregenden Erlebnisse am 21. November beachtet: Heute wurden wir durch entsetzliche Schreie und Hilferufe von drüben aus dem Schlafe geschreckt. An der Brücke bot sich uns ein fürchterlicher Anblick. Drüben auf der ukrainischen Sette i« Städtchen Wolotschisk wütete ein Pogrom und wir waren Augen- und Ohrenzeugen der Schreckt,iffe und konnten nicht helfen. Hunderte standen fast nackt jenseits und flehten die Grenzwächter kniefällig an, sie über die Grenze z« lassen, -a in der Stadt alles von den Soldaten geplündert und niedergemacht werde. Der Bürgermeister und der Geistliche von Podwolotschisk setzten sich für die Flüchtlinge ein, doch hielt sich der Stadtkommandant nicht für kompetent in dieser Sache und holte erst den Bescheid -eS Oberkommandierenden ein.-' Inzwischen gelang es einigen, besonders Kindern,, von der Verzweiflung getrieben, über die Grenze zu kommen. Ihre Berichte über die Vorgänge in der Stadt sind haarsträubend. Sie nannten zehn Namen, die schon tn den ersten Pogromstunden ums Leben gekommen sind. Gegen Abend kündete eine Kanonade das Anrücken der „Roten Armee" an, worauf die plündernden und mordernden Soldaten sofort die Flucht ergriffen. Ukraine. Reue Pogrome In Ser Ukraine- Berlin, 28. November. Eine Drahtmeldung des Sonderberichterstatters der „Voffifchen Zeitung" meldet unter Warschau, dem 23. November: