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Der Israelit · 1920-12-16 · Heft 50 (16.12.1920) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 50 (16.12.1920)
Date
1920-12-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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V- Hi i’ s I •rite S «t. 00 »er Israelis. ständige Wahlrecht, das diese „LLeralen" nur als Staatsurd Kowmunalpolitiker bekämpften, erlaubte ihnen, die Wünsche zahlreicher Eltern ebenso zu mißachten, wie die Forderungen, die von der gesamten jüdischen Lehrerschaft ohne Unterschied der religiösen Anschauungen erhoben wurden. Man verschone uns mit der naheliegenden Einrede, für die Stellungnahme der gerade in der Schulfroge vorbildlichen Grotzgemeinden sei der D. I. G. B. nicht verantwortlich zu machen. Denn das ist doch höchstens formell zutreffend. In Wirkliches sind die maßgebenden Persönlichkeiten auf beiden Seiten entweder direkt identisch, oder aber in ihren allgemeinen wie religiös-politischen Ansichtenrund ihrer sozialen Stellung in der Hauptsache so vollkommen gleichdenkend, daß man die Schuld für diese unglückliche Schulpolitik vornehmlich dem D. I. G. B. (und den ihm verwandten Verbänden) aufbürden darf. ES klingt geradezu grotesk — wenn es nur nicht so traurig wäre — in der Bittschrift zu lesen, „daß dies (sc. die Unterbringung der 50 FlüchtltngSlehrer) an jüdischen Schulen nicht möglich ist, bedarf nach dem GesaKen keiner weiteren Darlegung". Mit Verlaub, ihr Herren Petenten! Das bedarf einer sehr eingehenden Darlegung. Denn immer und immer wieder muß man sagen, daß diese Unmöglichkeit einzig und allein eure Schuld ist, da ihr mit Zielbewußtsein die Gründung jüdischer Volksschulen verhindert habt. Wird doch nur ein paar Zeilen weiter unten vom Magistrat der Stadt Berlin berichtet, der inseinen Schulen Tausende von jüdischen Kindern beherberge und wohl mit Rücksicht darauf noch 15 weitere jüdische Lehrkräfte (wahrscheinlich meistens Lehrerinnen, die es unter den Vertriebenen nicht geben wird) an stellen wolle, für dielen Beschluß aber nicht die Erlaubnis der Schulaufsichtsbehörde erlangen könne. Verlangt der D. I. G. B. wirklich, daß diese Behörde das geltende Recht übertreten soll? Gabe es nicht baffer gangbare Wege zur Unterbringung der Vertriebenen? Diese Tausende von jüdischen Volksschülern —warum übrigens eine so ungenaue Zahlenangabe? nachdem im Jahre 1910 einer der wenigen jüdischen städtischen Volksschullehrerin Berlin, ein gründlicher Kenner der Verhältnisse, ihre Zahl mit über 4000 angab, die aus naheliegenden Gründen noch erheblich zugenowmen haben dürsten — wü' den sofort ermöglichen, sechs 16 klaffige Schulen zu errichten d. h. achtzig jüdische Lehrkräfte anzustellen. Und dies allein in Berlin, dessen ablehnende Haltung leider für die übrigen preußischen Groß- und Mtrtelgemeinden der alten preußischen Piovinzen (mit Ausnahme von Rheinland-Westfalen) maßgebend war. und auch die bayerischen Groß- und Mittelgemeinden angeftkckt hat, trotzdem dort die gesetzlichen Vorbedingungen für die Errichtung jüdischer Volksschulen noch ungleich günstiger liegen als in Preußen. Weitere 80—100 jüdische Volksschullehrer wären dann außerhalb Berlins sicher nötig, und statt des Lehrerüberschuffes hätten wir — auch noch heute — Lehrermangel. Es könnte fast als ein Glück für die armen Vertriebenen angesehen werden,denen derD.J.G.B. ein so warmes Herz zeigt, daß dem so ist. Die preußische Landesveisammlung kann die unter Schutze der Reichsverfufsüng — und damit auch des Reichsger chts stehenden einstweilen unabänderlichen Schulgesetze nicht ignorieren. Wie wä:s, wenn sich darum der D. I. G. B. zu einer zweiten Petition, diesmal an die richtige Stelle, den Vorstand der Synagogengemeinde Berlin entschließen würde.' Die bisherigen liberalen Vorsteher umzustimmen, dürfte ihm ein Leichtes sein, und die neuen Herren in der Berliner Gemetndestube sind keine Gegner jüdischer Volksschulen- und so entschließt man sich doch vielleicht in Berlin einige zu gründen. Anden Kosten würde dieser Vorschlag nicht scheitern. Die Hälfte der Personalkosten, wohl noch ein Teil mehr, trägt der Staat - für den Rest muß die Kommune Groß-Berlin nach dem Maß der ihr durch den Uebertritt in jüdische Vokksschulen entstehenden Erleichterung einen Zuschuß leisten. Was dann noch auszubringen ist — nun, man hat in gewiffen Kreisen immer noch Geld für den überflüssigen Luxus einer total unjüdischen Sonntagsgemetnde übrig, da wird man doch noch so viel Herz haben — nickt um jüdische Schulen um ihrer selbst willen zu gründen, Heileibe nicht! — wohl abelc um für 50 Vertriebene Beschäftigung zu schaffen. Auch sonst sind die Zeiten einer solchen Gründung n'cht ganz ungünstig. Die in ihrer sozialen Stellung hervorragenden Männer, die in den verschiedenen Vorständen und Verbänden ihren Einfluß ausüben, lernen in ihren Familien durch den in der Durchführung begriffenen Abbau der Vorschulen des Volksschulwesen von jetzt ab etwas genauer kennen und erhalten ein Jntereffe für die Leiden und Freuden jüd scker Volksfchüker, das ihnen bisher abging. Gewisse Vorgänge bet der Wahl des uns mehr als gleichgültigen Herrn Löwenstein zum Groß-Berliner Stadtschulrat oder der Ausfall der Wahlen zum Berliner Lrhrerrat gestatteten ihnen schon vorher einen wenig erfreulichen Schluß auf die Stimmung der größeren Hülste der Berliner Lehrerschaft. Nun haben auch ihre und ihrer Familien und Freunde Kinder ab und zu, Zum Andenken an prov.-Ravbiner Dr. Lahn yar in Irrlda. Kommenden DienStag, am Fasttage des IS. Tewet, jährt sich zum erstenmal der Tag, an dem uns, dem Thorajudentum, der unvergeßliche Fuldaer Rabbiner genommen wurde. Wie wir hören, wird in Fulda die erste Jahrzett in finniger Weise begangen werden. Am Borabend des Jahrzeitstages wird dort eine Siumfeier auf ganz abgehalten, an der viele Rabbiner und Thoragelehrte Deutschlands, die während des Oweljahres die verschiedenen Traktate imw *12^ ausgelerni haben, leilnehmen werden. Am Jahrzeitstoge selbst wird morgens auf dem Friedhof eine .-QSV.i-Feier und nachmittags in der Synagoge ein Hesped stattfinden Da am Bestattungstage voriges Jahr, infolge d>r Berkehrsschwierigketten am Sonntag, von den unzähligen^Freunden und Verehrern des verewigten Rabbiners nur eine Verhältnis, mäßig geringe Zahl nach Fulda gelangen konnte, ist zu erwarten, daß sich viele von ihnen die Gelegenheit nicht entgehen lasten, den ersten Jahrzetrstag mit der Familie und der Gemeinde des Verewigten, in treuem Gedenken vereinigt zu sein. Wie wir ferner erfahren, ist zum ehrenden Andenken des Provinzialrabbiner Dr. Cahn Wr, eine Stiftung am Fuldaer Beshamidrafch begründet worden, die dazu bestimmt ist, diese Lieblingsschöpfukg des Verstorbenen, auf die er soviel Mühe und Zeit verwendete, in seinem Sinne und Geiste so. auszubauen, daß darin beständig ein Thoragelehrier dem Talmudsiudium obliegen und Jünger für die Thora heranbiiden kann. ES darf keinem Zweifel unterliegen, daß sich weite Kreise an diesem schönen Denkmal für den Mann, besten ganzes Leben und ganze Kraft dem Judentum und der Thora gehörten, mit reichen Mitteln beteillgen werden. Vom Edelstein mit der Scharte. Ein „Beispiel" zum Wochenabschnitte. Noch der Aussöhnungsszene in der Jo-ephsgeschtchte wird Joseph nicht müde, seinen Brüdern beruhigend zuzurufen bx nnyi. Nun betrübt euch nicht und lastet es euch nicht grämen, daß ihr wich hierher verkauft habt, ynte '2, denn zur Lebeneerhaklung hat mich Gott vor euch geschickt... Und in diesem Tone geht es noch in drei, vier Sätzen weiter. Warum all diese Worte, nachdem Taten die wiederhergestellte Brüderlichkeit genugsam bekundet hatten.? R. Jakob aus Dubno („Dubner Maggtd"), sieht darin die scharfe Betonung der Tatsache, daß auf den geheimen Gängen der Geschichte sich .oft aus. dem vermeintlichen Böten das Gute, aus dem Unglücke das Glück herausentwickelt und erzählt folgendes Beispiel: 1«. Dt^ember iSSv vielleicht mehr als den Eltern lieb sein wird, Gelegenheit, die Richtigkeit der elterlichen schulpolitischen Anschauungen durch eigene Erfahrung nachzuprüfen. Ob mit dem rechten Erfolg? Wir sind immer noch skeptisch. Aber nur noch kurze Zeit. Die neuen Re ich Schulgesetze sollen noch in diesem Winter verabschv det werden, und gelangen voraussichtlich im Frühjahr 1922 zur praktischen Durchführung. Dann werden es nicht mehr die bisherigen Gemeindeherrscher sein, die bet der Errichtung der jüdischen Bekenntnisschulen mitzu- 'wirken haben, sondern die politischen Gemeinden nnd die Erziehungsberechtigen. Die größte So^ge aller Berufenen muß .es heute schon sein? darauf htnzuarbeiten, daß der Wllle der Erziehungsbkrechttgten in den Schulen zum unverfälschten Ausdruck kommen kann. Dann brauchen der D. I. G. B. und seine Affiitcrten sich nicht mehr um« die jüdischen Volks« chulen und ihre Lehrer sorgen. Ihre bange Frage ist dann beantwortet, was in Zukunft mit den jüdischen Lehrern geschehen soll. Wochenmndschail. Albert Einstein nnd der Zentralverein. Der Zentralverein hatte zu Bkg'nn dieses Jahres die jüdisches Dozenten der Berliner Universität zu einer Besprechung eingeladen, die sich mit den Möglichkeiten einer Bekämpfung des sich ständig mehrenden AntisemitismnS auf den deutschen Hochschulen befassen sollte. U. a. erhielt auch eine solche Einladung Professor. Einstein. Er hat die Teilnahme an der Konferenz in einem Schreiben an den Zentralverein abgelehnt, das folgendermaßen lautet: * _ . Ich erhalte heute Ihre Einladung zu einer Sitzung um 14. d. Mts., welche der Bekämpfung des Anttsewitismus in akademtschan Kreisen gewidmet sein soll. Ich wür^e gern kommen, wenn ich an einen möglichen Erfolg eines derartigen Unternehmens glaubte. Zuerst aber müßte der Antisemitismus und die knechtische Gesinnung unter den Juden selbst durch Aufk ärung r bekämpft werden. Mehr Würde und Selbständigkeit in unseren Reihen! Erst wenn wir es wagen, uns selber als Nation anzusehen, erst wenn wir uns selbst achren, können mir die Achtung anderer erwerben be w. sie kommt dann von selbst. Antisemitismus im Sinne eines psychologischen Phänomens wird eS geben, solange Juden mit Ntchrjuden in Berührung kommen — was schadet es? Vielleicht verdanken wir es ihm, daß wir uns als Rasse erhalten könnenich wenigstens glaube es. SSJcnn ich KU lesen kriege, „deutsche Staatsbürger Mischen Glaubens", so kann ich o ich eines schmerz, trchkn Lächelns nicht erwehren Was steckt in dieser schönen Bezeichnung? Was ist denn jüdischer Glaube? Gibt es eine Art Unglauben, kraft besten man aufhört, Jude zu sein? Nein, in jener.Bezeichnung stecken aber zwei Geständnisse schöner Seelen, nämlich: Ein König hatte einen korbaren Ring mit leuchten den Edelsteinen, der alle Welt entzückte und das größte Kleinod se-ner Schatzkammer dar stellte. Als er ihn eines Tages im Krei>e der Räte heruwzeigte, bemerkte einer in der Mille der äußeren Wölbung eine kleine Scharte. Die Sachverständigen, denen man den Ring zeigte, wußten kein Mittel, die Scharte auszuwetzen, eS sei denn, daß das Ganze unter starkem Goldoerlust äbgeschlisfen werden müßte. Der Ring war entwertet und der König war untröstlich, Da kam ein Künstler, der zugleich ein Weiser war und sp»ach: Der Ring ist schön und kostbar, doch um wieviel schöner und kostbarer wäre er, wenn er auch noch Namen und Wappen des Königs tragen würde. Ich will eS übernehmen, diese Arbeit auszuführen und zwar soll die Gravierung von dieser Scharte ausgehen, die wie geschaffen ist für diesen Zweck. Wie oft war schon eine Scharte im Leben der Menschen und Völker Ausgangspunkt neuen Glückes! Auch König David betet, nachdem ihm Gott die Sünde an Urias verziehen hatte: 'm nw. Das heißt: Zeige wir ein sichtbares Zeichen, daß diese.Verirrung sich zum Guten wandelt! Worauf ihm, nach Midrasch, bezeugt wird: *6« ntPjm mb 'Irri NN ".1 nawn rvnr6 „Das Gute an der Handlung Davids lag darin, daß er den Vielen den Weg der Rückkehr erschlossen hat". * Aehnlich verhält es sich mit Joseph. Deutlich will er seinen Brüdern vor Augen führen, wie der Lenker der Geschicke die Scharte in ihrer Vergangenheit durch 'weitere Striche so kunst- und gnadenvoll zu einem Lebensquell für sie und ganze Völker ausgestaltet hat. Darum die scheinbar überflüssigen Sätze von 6—S im Kap 4L.

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