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Der Israelit · 1920-10-23 · Heft 38-39 (23.10.1920) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 38-39 (23.10.1920)
Date
1920-10-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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I S3. Geptsmbsr 1920 Matten die Kunde-- vom Vorfall durch das'ganze » Dorf getragen. Nur meimPersoyalieninteressierten »ihn noch. Und er war sichtlich befriedigt, als er »Frankfurt und fönst näheres hörte. » Ich sah mir den Retter in der Not etwas »an: Ein Fünfziger, groß, etwas gebeugt, mit »graumeliertem Rundbärtchen und einer gemessenen Wund gemächlichen Ruhe in den Zügen, wie man »sie nur noch bei Leuten auf dem Lande findet, »die Rühe und Sicherheit der Scholle, die, von »Oind und Wetter unbeirrt, ihren Platz bewahrt. »Der Mann hatte den in der Last der Jahre I grünlich gewordenen grauumborteten Schwarzrock' »an, dito Hose mit seidengrauer Borte, und schöne »helle Weste, mit der wohl der Hochzeitsanzug von »vor dreißig Jahren in späterer Zeit ergänzt wurde. »Weiß und sauber waren auch Brust und Kragen »und alles an dem Manne. Nur auf dem Kopfe »saß noch als letzte Spur grauer Werktätigkeit »die plattgestreifte Mütze, als wollte sie sagen: »„Noch ist der Jomtow nicht ganz angegangen". » Aber in der Stimme des so Gerüsteten lag schon »die Weihe und Milde des jüdischen Festes. » „Wo kann man hier koscher essen, natürlich » gegen volle BHahlung?" ging ich gleich aufs Ziel »los. » „Sie essen mit Ihren Kindern ganz Jomtow »bei uns", verfügte er in einem Tone, der jeden I Widerspruch ausschloß. „Aber wo wollen Sie I wohnen?" I Ich erzählte von der üblen Aufnahme bei der I Kronenwirtin. I „Was, die Annemarie? Mit der wolle mir I schon rede ..." I Unser Annehmer als Motor voran und wir | als Anhänger htntennach. Unser Geschick lag I nun völlig in seinen Händen.! Und es lag gut darin. Die Verhandlungen mit der Annemarie waren kurz nnd nicht ganz in den parlamentarischen Formen, aber sie führten zum Ziele. Er fragte sie u. a. ob sie wohl ver-! rückt sei, und ob sie nicht bald ihren Hexenkoch-! löffel für eine Weile beiseite legen wollte, um uns das gute Zimmer öbm zu zeigen? . . . Als sie etwas vom Bürgermeister stammelte, meinte er, das mit Schuttes Heinrich solle sie nur ihm überlassen . . . Auf der Treppe zum zweiten Stocke, wohin sie uns hinaufführte, schloß er noch mtt der „Kronenwirtin" ein kleines Kälbergeschäft ab. Und nun waren wir in einem leidlich geräumigen, sauberen Zimmer mit zwei guten, breiten Betten, das wir als unser Domizil für die nächsten Nächte ansehen durften. „Nix danken", wehrte unser Führer all meine Worte ab, „mir gehen heim und trinke Kaffee". Vor dem Hause hielt ich eine Weile Umschau. „Sie suchen die Sukkoh?" fragte mein Mentor, „hier . , ." Ich sah mir die Hütte genau an. Eine bautechnische Improvisation, aus Stangen und Brettern rasch zusammengezimmert, die auf der Barackenausstellung bei der Frankfurter Messe vermutlich nicht den ersten Preis erhalten hätte, im übrigen aber ordnungsmäßig zusammengestellt und nach Vorschrift gedeckt. Viel Bilder und buntes Flitterzeug darin. „Selbst gemacht in aller Eil", sagte der Hausherr mit Stolz, „gleich am Ausgang von Jom Kippur, obgleich ich alles von Anfang bis End vorgeort habe und sehr müde war. Leider sinds nur zwei Suckaus im Orte, diese und beim Salme." „Und der Lehrer?" „Wir haben seit dem Krieg keinem Die drei schulpflichtigen Kinder gehen zweimal die Woch nach A. zum Religionsunterricht und den Chafen mach ich." Die letzten Worte sagte er mit dem Stolze eines auf verlaffenem Posten noch ganz allein standhaltenden Feldherrn. In der Wohnung, einer länglichen, einfachen, frischgefcheuerten Bauernstube,^ fanden wir die Frauen, Mutter samt zwei Töchtern, noch in der tiefsten Arbeit, zu Ehren des Jomtow und des Besuches. Bei all der Vorbereitungsarbeit fanden sie aber noch Zeit, einen sauberen Kaffeetisch zu Drr ASraeltt. t_ decken, bestellt und bestückt mit Kuchenkostproben, die das Beste für die kommenden Tage erhoffen ließen. Der Hausherr zeigte mir noWein Esrog und Lulow. „Ist aus Frankfurt und kostet 60 Mark". Der Gemeinde war es zu teuer, da zahlte er den größten Teil auS seiner Tasche,, was ihm auch das Recht verleiht, das kostbare Stück in seinem Hause zu beherbergen. Wer Lulow benschen will, der komme eben zu ihm. Und nun zur Hauptsache, ob wir über die Feiertage bet ihnen essen könnten, fragte ich nocheinmal, Kostenpunkt kann in diesem Falle keine Rolle spielen. Bevor noch die Frau waS sagen konnte, griff der Hausherr ein: „Ja, billig könne mir eS heut gerade nicht machen. Aber Sie essen bet uns." (Fortsetzung folgt.) Das Geschmeide. Ein Beispiel für Groß und'Klein von P. A. Vor langen Jahren lebte ein Mann, der ein Geschmeide von unschätzbarem Wert besaß. Es war ein Medaillon, welches mit 39 der kostbarsten Edelsteinen besetzt war, die in einem geradezu feenhaften Feuer schillerten und eines jeden Auge entzückten. Auch besaß es die Wunderkraft, seinen Träger über die Sorgen und Mühen des Alltags für gewisse Zeit hinwegzusetzen. Es wird daher nicht Wunder nehmen, daß der Mann das Medaillon hoch in Ehren hielt und es auch nicht für den höchsten ihm gebotenen Preis hergab. Vielmehr versprach er, es dem von seinen Söhnen zum Geschenk, der ihm in Liebe und Gehorsam am meisten zugetan sei. Sein Erstgeborener;, ein herrlicher Jüngling, mit allen Gaben des Geistes und Gemütes ausgestattet, war natürlich vor allen Anderen bestrebt, des Vaters Gunst und Liebe zu erlangen, und durch seinen unentwegten Gehorsam gelang es ihm schließlich, von seinem Vater das Medaillon als Geschenk zu erhalten. Der Vater empfahl es in der eindringlichsten Weise seiner besonderen Hut, warnte ihn davor, es jemals zu verschenken oder zu veräußern, ja nicht einmal dürste er es anders fassen, oder Steine daraus herausnehmen, kurzum er sollte es stets in seiner ursprünglichen Vollkommenheit bewahren und in Ehren halten, da es. sonst seine Wunderkraft einbüßen werde, was die schlimmsten Folgen für ihn nach sich ziehen könnten. Nach einer Reihe von Jahren — der Sohn hatte das Kleinod bewahrt und geehrt, hatte es allwöchentlich einmal angelegt und diesen Tag als einen besonderen Festtag begangen, — sandte der Vater den. Sohn hinaus in die Fremde, damit er lerne, auf eigenen Füßen zu stehen und sich erproben, auch" draußen, ohne die unmittelbare Aufsicht des Vaters, dessen Gebote treulich zu erfüllen. Nochmals band er ihm die stete Obhut des Geschmeides auf die Seele. In welche Lage er je kommen möge, fei es der größte Ueberfluß, sei es die ärgste Not, niemals solle er der väterlichen Anordnung bezüglich des Medaillons zuwiderhandeln. Allen Versuchungen, die ihm gewiß nicht erspart bleiben würden, solle er standhaft und mutig widerstehen. Die Zauberkraft; des Wundergeschmeides werde ihm dann-sicherlich'stets-zur'Seite stehen. Der Sohn zog-hinaus in die Wett, besuchte viele Länder und Städte und ließ sich endlich in einer großen Stadt nieder, wo er, wie man ihm sagte, Gelegenheit habe, sich in allen Künsten und Wissenschaften auszubilden. Er mietete ein Stübchen in einem entlegenen Teil der Stadt. Die ihm vom Vater ausgesetzte Summe reichte gerade aus, um seine Lebensbedürfnisse zu bestreiten. Großen Aufwand konnte und sollte er sich nicht leisten, so hatte es derBater in weiser Vorsicht bestimmt. Der Sohn lebte also in den bescheidensten Verhältnissen, nur seinem Studium, nur mit wenigen Freunden verkehrend, und seine einzige und größte Freude war es, wie Seite 13 Nr. 38 u. 39. gewöhnt, allwöchentlich einmal sein Geschmeide anzulegen und sich an seinem Wunderglanze zu erfreuen. In solchen Stunden fühlte er sich wirklich glücklicher und reicher als alle Könige der Wett. Seine Bekannten lachten Z. manchmal höhnisch, ja verspotteten ihn, daß er,H der Sohn eines so reichen Mannes und selbst-im Besitze eines i.: so kostbaren Geschmeides, in fast ärmlichen Verhältnissen lebte und sich gar-keine Vergnügungen gönnte, aber er ließ sich nicht beirren und lebte ruhig in der gewohnten.Meise weiter. Da geschah etwas, was in seinen Folgen einen großen Wandel im Leben und auch im Schicksal des Jünglings hervorbrachte. — Ein großer Juwelier hatte Kunde von dem kostbaren Geschmeide des Jünglings erhalten und lud denselben ein, ihn einmal zu besuchen. Er bat ihn, ihm das Geschmeide einmal zur Ansicht mitzubringen. Der Jüngling ließ sich entschuldigen, sein Studium erlaube ihm nicht, Besuche zu machen, übrigens sei ihm sein Geschmeide nicht feil und so sei sein Besuch wohl zwecklos. Diese Absage machte den Juwelier nur um so neugieriger. Er wiederholte seine Einladung einmal, zweimal, dreimal, bis der Jüngling endlich, wenn auch ungern, derselben Folge leistete. Der Juwelier empfing ihn aufs Herzlichste. Da er gerade bei Tische saß, lud er ihn ein, an der Tafel teilzunehmen, bewirtete ihn mit den köstlichsten Speisen und den besten Weinen, sodaß der Jüngling sich bald heimisch fühlte. Nachdem die Ta'el beendet war, bat der Hausherr den Jüngling, ihm das Medaillon zu zeigen, damit er urteilen könne, ob dasselbe wirklich so kostbar sei. Der ungewohnte Genuß der guten Speisen und Getränke war nicht ohne Einfluß auf den jungen Mann, er war schon viel zugänglicher als zuvor und öffnete das Kästchen, in welchem er das Medaillon verwahrt hielt. Der Juwelier war geradezu geblendet von dem herrlichen Glanz der Steine und der ^wunderbaren Form der Faffung und gab seinem > Entzücken lauren Ausdruck. Es sei doch schade, Haß eine solche Herrlichkeit so wenig benutzt;werde. Er habe einen Freund, der sich glücklich schätzen würde, einen solchen Schmuck zu be- Ptzen, und der jeden gewünschten Preis dafür zahlen würde. Der Jüngling möge ihm das Medaillon doch für eine noch so hohe Summe überlassen, er lebe doch in so ärmlichen Verhältnissen und könne sich dann sein Leben doch viel behaglicher und bequemer gestatten. Der Jüngling setzte diesen Versuchungen zuerst den härtsten Widerstand entgegen/ erinnerte er sich doch an des Vaters Anordnung, den -Schatz unter gar keinen Umständen zu veräußern. Aber der schlaue Händler ließ nicht j locker, und es gelang ihm schließlich, den Sohn dazu zu bewegen, ihm gegen hohes Entgelt .einige Steine aus dem Medaillon zu über-? taffen. Der Juwelier versprach, die Faffung so lzu verändern, daß man das Fehlen der Steine 'gar nicht bemerken könne. Er zahlte ihm gleich .die sehr hohe Summe aus und der Jüngling, Iber sich jetzt in dem ungewohnten Besitz so vielen 'Geldes sah überlegte sich, ob er sich-nicht wirklich bequemer als bisher einrichten solle. Er faßte schließlich den Entschluß, sich eine schönere Wohnung zu mieten und machte diesen Entschluß auch bald zur Tat. Dadurch kam er in andere Umgebung, ließ sich auch dazu, bewegen, — was er früher nie getan — an einigen Vergnügungen und Lustbarkeiten teil zu nehmener hatte ja jetzt die nötigen Mittel dazu und war bald ein ganz anderer Mensch. Als er aber in der nächsten Woche wie gewohnt ein Geschmeide wieder anlegte — merkwürdig, )a war der alte Glanz davon gewichen, es trahlte längst nicht mehr wie zuvor und auch irie innere Befriedigung und Glückseligkeit wollte sich nicht mehr einstellen. Und es fehlten doch nur wenige Steine, deren Mangel man durch das neue Arrangement nicht einmal bemerkte.

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