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Der Israelit · 1920-10-23 · Heft 38-39 (23.10.1920) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 38-39 (23.10.1920)
Date
1920-10-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
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38 U. 39 Land. Von Jzchaki. Wahre Geschichten, selbsterlebte, möchte ich hier, so einfach und naturgetreu wiedererzählen, daß all diejenigen, die heute das Land „entdeckt" und nicht aufhören, von den Schönheiten und Reinheiten des Landlebens zu sprechen, erfahren, daß sie schon etwas tiefer in die von ihnen entdeckte „neue Welt" dringen muffen, um hinter das Geheimnis dessen, was hier lebt und webt, zu kommen. Licht und Schatten sollen so verteilt werden, wie es recht und billig und der absoluten Wahrheit angemessen ist. Es war am Rüstetage zum Suckausseste 1918, an einem Freitag. Es war noch Krieg im Lande, gegen Schluß, im Stadium höchster Not. Eine der um diese Zeit so wert und lieb gewordenen Landtanten yatte die geniale Idee, uns über die Feste zu sich etnzuladen. Von Butter und Eiern und Milch für die Kinder, stand etwas im Briefe, Lulaw am Platze, Suckoh extra für uns hergertchtet. Wenn wir ganz früh uns auf den Weg machten, wären wir gegen zwei Uhr mittag auf der Station, wo das Fuhrwerk unserer 'wartet, um uns gegen drei Uhr ins Dorf zu bringen. Natürlich machten wir uns früh, sehr früh auf, ich und meine zwei Kleinen, und fuhren mit dem Gießener Zug mit vollen schwellenden Segeln in die üpplge Ebene der Wetterau hinein, wo die noch nicht ganz eingebrachte Frucht in goldgelben Hügeln in der Vorherbstsonne leuchtete und die Aepfelbäume unter ihrer Last ächzten. Das gestel auch unserem Zug, und er ließ sich Zeit. „Eile mit Weile", schnaufte die Maschine, ohne zu berücksichtigen, daß in Gießen um zwölfe der Fuldaer Zug auf uns wartete, der uns in zwei Stunden über A. nach R. bringen sollte, wo wiederum der Postillon zu unserer Weiterbeförderung bereits die Plätze belegt batte. Gegen drei Uhr hätte der programmäßige Einzug ins gelobte Land, des mit Milch und Eiern gesegnet ist, vor sich gehen müssen. Ja „hätte" und „sollte" . . . Aber es war 1918 und -der Krieg ging seinem Ende entgegen ... Konnten wir es ahnen, daß der Zugführer von den grünen Fluren so gefesselt fern würde, um jede halbe Stunde ohne sichtlichen Grund, wie gebannt auf freiem Felde zu halten? . . . Auch der „Fuldaer Zug" konnte es nicht ahnen. Ueberhaupt stand es schlecht in der Welt um die Zuganschlüsse, damals. . . Man fuhr bereits seit vollen vier Jahren nach Parts, ohne es zu erreichen. Einfahrt nicht frei . . . Auch war drr Anschluß über Sofia nach Konstantinopel unterbrochen, nach Oesterreich schlecht und nach Rumänien verpaßt. ,. Gewiß dachte der brave „Fuldaer" nicht an die hohe Politik, in die die Eisenbahner damals noch nicht gewaltsam eingegriffen. . . Aber er dachte: „wenn, mein Kollege in der Wetterau schläft, so will ich umso eher wachen. . ." Dachte es und dampfte davon, und wir hatten, als wir mit halbstündiger Verspätung in Gießen ankamen — nicht einmal mehr das Nachsehen . . . Was tun? Zurück? In Gießen bleiben? Der nächste Zug nach Frankfurt ging erst gegen Abend und in der fremden Stadt die Festtage zu verleben, fehlte uns die Lust, der Mut — und die Brotkarte. Ein Beamter, der einige Dutzend rostige Milchkannen in einen kuhstallartigen Güterwagen mit vielem Geräusch htneinpraktizierte, wurde gegen eine Zigarre gesprächig und erzählte eine umständliche Geschichte von einem Güterzug, der um drei Uhr auf dieser Strecke mit Vieh, Kohlen und Milchkannen abgelaffen wird. Wir — H waren noch mehr „Schiffbrüchige" — horchten auf, wie auf selige Verkündung. Wie wäre es — schlich sich Hoffnung in unsere Seele — wie, wenn uns hier das „Sechus" des lieben unschuldigen Rindviehs Beistände! . . . Der Beamte fand es mit sicherem Kennerblick wirklich bald heraus, daß wir etwa bet den sechs Dutzend Milchkannen zur Füllung des Waggons noch ganz gut brauchbar wären . . . Um halb vier Uhr mußten die Milchkannen in abgeltefert, um fünf die Ochsen und Kühe in R. ausgeladen werden. Mit diesen konnten auch wir dort an Land gehen. Sabbat- und Festanfang nach dem mitgenommenen neuesten „Israelit" sechs Uhr. Also ging es . . . Mit pochendem Herzen kletterten wir die Alpen höhe des Wagens hinaus, indes die Kühe muhren, die Ochsen brüllten, die Kannen schrill aneinanderschellten und die Rangiermeister schrien und Pfiffen, als kündeten sie den Weltuntergang. Mit nur diversen, nichtssagenden Gliederverrenkungen kamen wir davon, als nach allen vergeblichen Versuchen unser Wagen endlich ins rechte Geleise kam. Auch die „Lösung vom Feinde", von den Milchkannen, mit denen wir uns beim Rangieren völlig verschlungen und verkracht hatten, glückte schließlich, aiö der Zug jetzt in geordnete Fahrt kam und jeder wie es in der Bibel heißt „unter seinem Weinstock und seinem Feigenbaum", das heißt auf seinem Rucksack und Koffer saß oder mit dem Rücken an die Wagenwand gelehnt, allen Schwankungen zum Trotze seinen Standpunkt bewahrte . . . Was machte das? Wir fuhren ja dem „Eiland" entgegen, der Butterinsel, wo es frohes Wiedersehen mit lieben, ach so ungeheuer lieben Menschen und Dingen gab ... Pf! paff! - und Prrr! . . . Was konnte ich dafür, daß mich der wildgewordene Wagen auf die Seite der dicken Vogelsberger Bauersfrau warf und ich plötzlich ganz weich und behaglich ln ihrem Korbe zu sitzen kam, wo sie unter einem rotgetüppelten Tuch zwei Schock Eier vor dem Gendarm von A. versteckt hatte?... Der Himmel weiß, ich tat es im Drange der Lage, keinem zu Liebe und keinem zu Leide . . . Aber gleich Lot wagte ich nicht nach dem Orte der Katastrophe zurückzuschauen. Nach dem Wehegeschrei der Betroffenen zu schließen, muß es fürchterlich gewesen sein ... Ein Kind bekam beim Gerüttel und Geschüttel mitten im „Fuldaer Ländchen" echte, rechte Seekrankheit und eine alte Frau gelobte, ein gutes Werk zu üben', für den Fall, daß sie ihre alten Knochen ganz in die Stätte, wo ihre Väter begraben liegen, bringen sollte . . . Was machte das? Es war halt ein dorniger Weg, der zu guten Tanten, zu Milch und Butter führte. . . War das bei all dem nicht wundernett und rührend schön von unserem Züglein, daß es je nach zwanzig Minuten .Schaukelfahrt den Gemarterten eine ebensolange Ruhepause bot? Auf der ersten Station hielt es so lange, bis es mit einem Ruck, als ginge die Welt aus den Fugen und der alle Ochsen zum Brummen brachte, Menschen und Milchkannen durcheinander warf, den zweiten Teil der Tortur einleitete, die wiederum auf genau zwanzig Minuten bemessen war. Es wurde uns nachgerade klar, daß es so Prinzip ist bet unserem Zuge, diese weise Abwechselung/ zwanzig Minuten Fahrt, zwanzig Minuten Ruhe und so weiter bis ans Ende aller Stationen. Ein Beamter, bei dem wir uns darüber zü befragen wagten, fragte uns seinerseits wieder, ob wir denn eigentlich glaubten, der Zug wäre unsertwegen da? .. . Natürlich der Ochsen und Milchkannen wegen . . . Heiliger Himmel, wenn das so weiter ginge . . . Vor neun Uhr kämen wir in R. nicht an. Und sechs Uhr war Sabblrtanfang! ... Was tun? Ich hielt KriegSrat mit den Kindern. » Wie wäre es, wenn wir auf der nächsten Station ausstiegen? Aufs Geratewohl!. . . „Ja, mir machens!" DjeAussicht auf eine abenteuerlicheRobinsoniade auf freiem Felde leuchtete den Kindern auS den AugGi. Wenn man aber über die Vierzig ist, ist man bereits ein wenig aus dem Märchenland draußen ... Ich überlegte, musterte sachlich nüchtern unseren Futtersack. Die üppigste Kinderphantasie hätte sich aus dem Inhalte keine Festmahlzeiten für zwei Tage zusammenzureimen vermögen. Ich suchte mich also im Gelände zn rekognoszieren. Hier in B. kein einziger Jude, Ln der nächsten Station G. ein paar Familien, die „nichts halten", in-dem übernächsten N. O. aber einige fromme Familien . . . Nach dem Maßstab von „zwanzig" und „zwanzig" be. rechnet, mußten die nach N. O. bestimmten Kühe und Milchkannen spätestens halb sechs Uhr ausgeladen werden. Also steigen wir mit diesen dort aus Land, wie es auch kommen mag! . . . Im Wagen entstand ein kleiner Aufruhr. Man hielt ganze Vorträge, gab Beifall und Mißfallen kund. Und das Thema waren wir, ich, der „Rabenvater", der seine Kinder auf freiem Felde „aussetzte" und sich selbst, wegen eines ... Ein junger Viehhändler, im Etappenrock tat sich dabei besonders hervor und flüsterte sogar, beschämt und verstohlen nach einem gegenüber sitzenden Feldwetzelleutnant schielend, „so was mache Rischus" . . . Der „hohe Militär" zog aber an -den Ecken des buschigen Schnauzbartes und sagte auch etwas / ich hörte nicht was, meine Kinder behaupten aber mit aller Sicherheit gehört zu haben: „Respekt davor!" ... Das war mir alles so glerchgiltig, wie der Widerstreit der Säcke und Kannen/die jetzt wieder einmal hart aneinandergerieten, weil der Zug mit einem und noch einem Stoß, als wollte er dem kleinen Bahnhofe alle Rippen Anschlägen, in N. O. hielt. Als erstes Fahrgut sprangen wir aufs Trittbrett und kletterten von dorr in die Tiefe dcs Perron. Und es war uns so wohl, froh und leicht zu Mut, wie etwa den Colurnbusleuten, als sie nach stürmischer zielloser Seefahrt endlich rufen konnten: Land! Land! . . . Die Uhr am kleinen Bahnhof zeigte zwanzig Minuten nach fünfe. Mit uns ausgestiegene Bauersfrauen wiesen uns in die „Krone". Die Kronenwirtin, die Ln der Küche am Herde in einem gewaltigen eingemauerten Maschkeffel Latwerg einkochte und mit dem riesigen Kochlöffel so hantierte, daß die Kinder an das bekannte Märchen erinnert wurden, empfing uns reichlich ungnädig. Erstens, sagte sie, sei bei ihr alles besetzt, von Hamsteren nämlich, und zweitens könne sie uns nicht brauchen, weil es ihr vom Bürgermeister strengstens verboten sei, Hamsterern Unterkunft zu gewähren . . . Aus das Unlogische dieser Satzformulierung in ihrer Note hinzuweisen, hätte weiter keinen Zweck gehabt, da sie sich gleich von uns ab und ihrem Latwerg zuwendete. So stapften wir, Schiffbrüchigen gleich, weiter zum „roten Krug". Da kommt jemand die Dorfstraße hinunter, kommt direktomang auf uns zu. Eine Hand streckt sich mir zum Gruße entgegen. „Sind Sie der Mann, wo hier mit den, Kindern ausgestiegen ist?" I „Ja, ich selbst, wie Sie sehen." Ich wollte, in mitleiderweckenden Worten meine Wandergeschichte erzählen. Aber er wußte bereits alles. Die Frauen, die mit uns' ausgestiegen waren,

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