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Der Israelit · 1920-10-23 · Heft 38-39 (23.10.1920) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 38-39 (23.10.1920)
Date
1920-10-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Bette U m 88 u. SS Um diesen Ausfall an Glückseligkeit auszugleichen, gab er sich noch mehr den weltlichen Vergnügungen hin und ward Lald von deren Strudel so mitgerissen, daß er des Geschmeides gänzlich vergaß, und dieses nur hervorholte, wenn er Geld für immer neue Lustbarkeiten brauchte. Dann brach er immer einen Gtein nach dem anderen heraus und verkaufte ihn. Der Mahnung des Vaters gedachte er schon lange nicht mehr, und schließlich war daS ganze Medaillon veräußert, ohne daß ihm jemals die Neue über sein Tun gekommen wäre. Aber auch das für den Schmuck erlöste Geld war bald im Strudel der Vergnügungen zu Ende gegangen, er mußte wieder in seine ärmlichen Verhältnisse von ehedem zurückkehren, und do t erst erwachte in ihm die Reue über das, was er getan, denn auch die einzige Freude, die ihm sonst seine ärmliche Stube zum schönsten und herrlichsten Palaste umgewandelt hatte, — sein Geschmeide — war dahin, und des Glückes und der Freude leer, mußte er von nun an sein Leben kümmerlich fristen. Ainderecke. Sie Hütte des Ariedens. Won Heinrich Einstädter. i. In einer großen Stadt stand auf dem Balkon eines hohen Hauses eine Sukkoh. Von der Straße aus bemerkte man sie kaum. Ihre Wände waren so grau wie die Hausmauern, und die aus gestreiftem Segeltuch bestehende Decke, die vor dem Regen schützen sollte, brauchte während des ganzen Festes nicht benützt werdendenn der Himmel blieb hell, und gegen die Sonne schützte das Laub. Als man aber am Schemini Azeres in der Synagoge gerade gebetet hatte: Maschiw horuach, da kam plötzlich ein heftiger Windstoß, und er führte aus der Hütte das Laub und einen Teil ihres Schmuckes fort. Der Vater sah die Zerstörung und murmelte den Psalmvers: „Gott macht Wind zu seinen Boten." Sein fleißiger Leo übersetzte und erklärte rasch diesen Satz dem kleinen Gustav. Dieser aber lief schnurstracks zur Mutter, um zu hören, was denn der liebe Gott mit den hübschen Sachen machen würde, die Mutter war in der Küche beschäftigt und konnte wohl auch damals noch gar nicht die Frage des kleinen Jungen beantworten. Jetzt aber ist seitdem schon ein Jahr verflossen, und inzwischen hat uns ein Lüftchen erzählt, was aus den Dingen geworden ist. Das soll nun auch der wißbegierige Gustav erfahren, und wenn andere Kinder zuhören wollen, so sind sie hiermit eingeladen. II. In einem Hause war der Unfriede eingekehr und seitdem hatte das Glück seine Bewohner verlassen. Der Vater hatte wegen einer Kleinigkeit seinen Bruder tief gekränkt und sich mit ihm verfeindet, und vergebens waren bisher alle Versuche gewesen, die Brüder wieder zu versöhnen. Am „Feste der Freude^ stand der Mann am Fenster und schaute zu einem Baum empor, der in diesem Jahre besonders bald seine Blätter verloren hatte, und recht trübe Gedanken kamen ihm. Das ahnte seine gute Frau. Sie schlang zärtlich den Arm um seinen Nacken und bat so herzlich: „Komm, Lieber, laß uns zum Scbwager gehen und ihn um Verzeihung bitten." Doch da stieg der Trotz Der JSraelit. empor in des Mannes Gemüt, und er sprach hart: „Wenn her Baum dort noch einmal in diesem Jahre Laub bekommt, dann werde ich das tun." Und sieh! In derselben Minute kam der-Wind, und Laub und Früchte hingen hoch oben in des Baumes Wipfel. Da nahm der Mann schweigend sein treues Weib beim Arm und ging mit ihr hinüber zum Bruder. Und zur gleichen Stunde kehrte mit dem Frieden auch das Glück in sein Haus zurück. m. In finsterer Nacht irrt ein junger Mensch auf der Landstraße. Er fühlt sich tief unglücklich. Im Zorn hat er sein Vaterhaus verlassen, verführt von bösen Gesellen,- die ihn umschmeichelten und gegen die Eltern aufhetzten. Jetzt sieht er sein Unrecht ein, und gern möchte er wieder alles Böse ungeschehen machen.. An der Rückkehr hindert ihn jedoch ein falscher Stolzdenn beim Weggehen hatte er gesprochen: „Eher fällt ein Stern vom Himmel, als ich ungerufen wieder zurückkehre." An diesen törichten Ausspruch denkt er, als er jetzt an den Himmel schaut, an dem einzelne Sternlein funkeln. Sein Herz ist weich geworden, und süße Erinnerungen aus der Kindheit kehren in sein Gedächtnis zurück. Da weckt ihn etwas, ans seinen Sinnen. Der Wind hatte einen hölzernen, mit Goldlack bestrichenen Stern an seine Brust geweht, einen Mögen Dowtd, mit. dem man auch zu Hause die Sukkoh geziert hatte. Tränenden AugeS betrachtete ihn der Jüngling, führt ihn dann an die Lippen und wendet sich dann mit einem dankbaren Blick gen oben. In derselben Stunde schon befindet er sich auf dem Heimwege. « IV. Der Beherrscher des NissimreicheS hatte die obersten Räte des Landes um sich versammelt. Er war im Zweifel, ob er die Juden, die auS dem Nachbarjtaate vertrieben worden waren, in seinem Lande wohnen lassen oder an der Grenze zurückweisen solle. Seine Großen äußerten feierlich ihre Ansichtenaber schließlich stellte es sich heraus, daß genau die Hälfte für die Aufnahme und die andere Hälfte für die Ablehnung stimmte. Nun wußte der König erst recht nicht, wie er sich entscheiden sollte, und er wollte schon die armen Vertriebenen abweisen lassen. Da war aber im Schlosse eine alte, fromme Beschließerin, die hatte durch ihren Sohn, der dem König diente, von dem gehört, was im Rate vorlag, und sie betete inbrünstig: „O, Allmächtiger, lenke durch ein Wunder des Königs Sinn zur Milde I" Da kam die Windsbraut. Die riß die Fenster des Beratungssaales wett auf und ließ ein Bild an die Wand wehen, unter dem ein hebräischer Vers stand. Alle Anwesenden waren verblüfft. Der König ließ einen weisen Gelehrten rufen, daß er die Schrift deute, und dieser las laut: „Barmherziger, richte wieder die Hütte Davids auf, die verfallen ist." Da bückte sich der König vor Gott, und die Juden fanden in seinem Lande eine friedliche Wohnstätte. DS20 Der jüdische Fürst. Von Hermann Seckbach. „Lieber, lieber Onkel, erzähle uns doch heute wieder etwas von früherer Zeit". Und der blondlockige Leo, der rotbackige Samuel und das allerliebste Köpfchen der kleinen Ruth neigten sich bsttend dem Onkel zu, der dann zwischen den gespannt aufhorchenden jungen Menschen seinen Platz nahm. „Nun, liebe Kinder, Ihr wißt, daß wir uns jetzt im Monat Elul befinden. Das ist für unS eine wichtige Zeit, da müssen wir unsere Handlungen prüfen, doppelt prüfen, und uns vornehmen, gottesfürchtige. brave Menschen zu werden. Nach außen hin bescheiden, anspruchslos, innerlich desto größer, erfüllt von jüdischem Pflichienleden. Gerade in diesen Togen ist aus meiner Jugendzeit daS Bild eines Mannes mir vor Augen, der mit un- SS.September 1920 ermeßlichem Reichtum gesegnet und der, mitten in all«.. Pracht, die ihn umgab, ein selbstloses, von wabrs ' jüdischem Geiste erMteS Leben führte. Von ihm will ich Euch heute erzählen. Draußen vor der Giadt — — jetzt ist bis alles bebaut — — lag ein herrliches Schloß,! breit angelegter Parkweg mit dichtbelaubten Kastanien, bäumen führte zum Eingang in dieses Paradies. Kein Unberechtigter hätte es je wagen dürfen, etnzutreten denn schon hat dich von Weitem der Torwächter erblickt. Ich sehe ihn noch vor mir, den großen, dicken Mann mit seiner goldstrotzenden Uniform, wie er rnit rollenden Augen auf unS Kinder herabsah. Na, und da wir „freien Eintritt" hatten, ließ er uns nack * kräftigen EinschüchterungSverfuchen „ja hübsch brav, zn bleiben" und nicht den Hauptweg, sondern den Nebenweg einzuschlagen, schließlich durch. . Hübsch folgsam, benutzten wir statt des Pracht, vollen mit schönen Blumen bepflanzten Hauptweges, den Nebenweg. Verraten will ich Euch jedoch, daß wir gerne abseits gingen, denn nicht ungerupft von unS blieben die hier stehenden herrlichen Obstbäume. Feine Birnchen und vollfaftige Pflaumen fanden wir da vor. Hei, wie die mundeten! Und hinter uns schüttelte, mit dem Finger drohend, aber heimlich lachend, der Torwächter sein graues Haupt ... Noch eine Strecke den schmalen Weg entlang, eine Drehung nach links und plötzlich entflog uns ein lauter „Ah"! Märchenhaft schön lag daS Schloß vor uns, ein Giebelbau in gothsschem Stil. Bor dem Rittelschloß war ein großer Weiher angelegt mit einem hochgehenden Sprudel, dessen Strahlen sich in der Sonnevielfettig.wiederspiegelten. Prachtvolle Beete mit seltenen in- und ausländischen Pflanzen umrahmten bas Ganze. Man konnte in der Tat sich kein schöneres Bild denken. Mit welchem Hochgefühl gingen wir dann um dar Schloß herum, vor dem auf der anderen Sette sich der nahe Taunus mit seinen Höhen und Bergen in seiner ganzen Schönheit zeigte. Wo man hinsah, überall Gotres herrliche Natur und wir Kinder empfanden sicher weit inniger als Erwachsene all das Schöne wie im Märchen. Der Besitzer dieses Reichtums war ein Fürst, ein jüdischer Fürst." Voller Spannung unterbrachen da die Kinder den Onkel in seiner Schilderung. „Ja, kanntest du denn den jüdischen Fürsten"? „Gewiß, Kinder, kannte ich ihn und ich muß sagen, eS ist schade, sehr schade, daß unsere und die kommende Generation nicht genügend Kenntnis hat von der in jüdischem Sinne vorbildlichen Lebensweise, die dieser große Mann geführt hat. Stellt Euch, liebe Kinder, einen Menschen vor, der^über Millionen an GeldeSwert verfügt, der von seinem Besitztum aus, wohin er seine Blicke wendet, meilenweit alles sein Eigen nennen kann und der, unberührt von alldem, ein einfaches, bescheidenes, allem Luxus abholdes Leben sich «um Ziel gesetzt hat. Ein solcher Mensch war der Fürst. Sein Adel und seine Größe lagen darin, daß er in Demut alles dem Schöpfer 'unterstellte. Und so unterhielt er eine eigene Synagoge. Während dar Jahr über der Fürst in feinen in der Stadt gelegenen Besitzungen Gottesdienst abhielt, wurde für Roschhaschono und Jom Kippur der schönste Saaldes Schlosses dafür hergerichtet. Mein seliger Vater fungierte als Borbeter und Hütte für die würdevolle Herrichtung deS Raumes .zu sorgen. Unsere „Mithilfe" war daher nötig und.deshalb durften wir bereits an den Selichoth-Tagen ins Schloß, um bei den Vorbereitungen kleine Handreichungen zu übernehmen. Kam dann Roschhaschono heran, welch wunderbarer Anblick bot sich bereits am Vorabend uns dar. Der herrliche Marmorsaal — — alles ganz in Weiß gehalten-löste mit dem in der Mitte des SaaleS herunterhängenden monumentalen Krystall- Lüster, an dem etwa 60 Kerzcn entzündet wurden, eine weihevolle Stimmung aus. Links vom Almrmör saß der HauSrabbiner, rechts war der Platz des Fürsten. Und auf die versammelte Kehillo wirkte eS übermächtig, wenn dann der Fürst in tiefer Andacht gebeugt stehend, in gemeinsamem Flehen die TefillauS zum Allgütigen richtete . . ." „Na, Onkel, habt Ihr auch die Fürstin gesehen"?, unterbrach da die kleine Ruth. „Ja", mein Kind, „beim Gottesdienst waren kehre Frauen dabei, aber während des GchofarblasenS war die Fürstin in einem Nebenraum, um so dem heiligen Gebote zu entsprechen ....! Aber, Ktein-Ruthchen, die Fürstin übernahm eine besonders für uns Kinder sehr wichtige Aufgabe. Räch Schul gab sie der ganzen Kehillo ein Frühstück im Schloß. Und all die schönen Obstarten, die wir einige Tage vorher schon „abseits" bewundert hatten, wurden uns nun rechtmäßig verabreicht. Das war dann der richtige Jomtow für uns. Heute, liebe Kinder, wo so viele Jahre verflossen sind, heute können wir nur den Wunsch in uns tragen, daß das wunderbare Vorbild öiefes jüdischen Fürsten andere aneifern möge, in seinem Sinne zu leben. Dann wird Reichtum und Besitz segenspendend wirken."

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