Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 38-39 (23.10.1920)
- Date
- 1920-10-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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33. September 1920. schirrst nichts anderes als d'aZ Urteil der Zeitgenossen über diesen hesttgen Mann Wiede rgeben. - ' / Nicht lange nachdem R. Chajim Nathan Tembitzer dem erfahrenen Führer durch,das Meer des Talmud die Dankesschuld abgetragen hatte, ging er am Neumond Kislew 5653, an demselben Kalendertage wie der Große, dem er seine letzte Kraft geweiht hatte, hei,m zu den erhabenen Männern, deren Jdeatge stallen er der Vergessenheit zu entreißen sich bemüht hatte. Der Autor von ’SV und auch dieses sein köstliches Buch, sind bei uns zu Lande nur wenig bekannt. Dse Hundertjahrfeier des Geburtstags dieses Takmudgelehrten und Historikers gibt willkommene Gelegenheit, au den Mann und sein Werk zu erinnern. Wir kennen aus neuerer Zeit wenig geschichtliche Darstellungen, die gleich dem •’av zum Thorastudium aneisern und uns dessen Träger verehren, bewundern und nachahmen lehren. Das Buch ist in einem leichten Hebräisch klar und fesselnd^ geschrieben. Es ist zu hoffen, daß bald eine Neuauflage nötig wird, und dann ein mit Liebe und Umsicht gearbeitetes-Register die Nutzung seines gewaltigen 'Lehrstoffes erleichtert. Ser Chassidismus. Von Tr. Felix Kanter in Zwittan (Mähren). Von der Thora behauptet der verstorbene Wiener Oberrabbiner Dr. Güdemann mit Recht: „Wer kennt sie nicht und wer wagt zu sagen, daß er sie kennt?•' Dasselbe gilt auch vom Chassidismus. Jeder, dem einmal ein polnischer Jude begegnet ist, glaubt auch den Chssidismus zu kennen und — .ihn verdammen und verurteilen zu dürfen. Was wird denn nicht alles den Chassidim und ihrer Lehre angedichtet und zugemutet, welche Witze werden denn nicht über sie und ihre .Rabbis selbst in. gut jüdischen Kreisen gerissen, 'wie wird dann nicht ihr Glaube häufig als Aberglaube gestempelt? Kurz vor Ausbruch des Krieges war in der „Neuen freien Kresse" ein Feuilleton, zu lesen, in dein allen Ernstes behauptet wurde, hie Chassidim und ihre Rabbis negieren den Talmud und. erklären ihn und seine Lehren als für sie nicht maßgebend und bindend. Das besagte Feuilleton trug auch — wenu sch nicht irre — die Überschrift: „Die Rabbiner gegen den Talmud!" Diese falschen Ansichten, Vorstellungen und Meinungen sind größtenteils darauf zurückznführen, daß seitens der Chassidim nichts oder so viel wie nichts unternommen wurde, um die falschen Ansichten über sie, ihre Lehre und ihre ,.Sekte" zu widerlegen, während vor: gegnerischer Seite nichts unterlassen wurde, den Chassidismus ins Lächerliche zu ziehen. Die Folge davon ist die einseitige Information und Orientierung selbst der weitesten Kreise des Judentums. Umso dankbarer muß die sehr fleißige und sorgfältige Arbeit des gegenwärtig in Men als flüchtig leben-, den Gelehrten aus Delatyn in Galizien, Chajim Bloch anerkannt werden, der es unternommen hat, die Entstehung, das Wiesen und die Lehre das Chassidismus in einem 352 Seiten starken Buche streng objektiv zu schildern und wissenschaftlich zu beweisen und zu begründen.*) Der Verfasser bekennt sich frei und offen zum Chassidismus und seiner Lehre, trotzdem ist er weit davon entfernt, seine Ansichten dem Leser aufvktroyieren zu wollen und für den ChassidiMms Propaganda zu machen. Ihm ist es hauptsächlich darum zu tun, vor allem die Entstehung und die Entwicklung der chassidischen Bewegung, den sittlichen und religiösen Einfluß des Chassidismus auf seine Anhänger und namentlich aus die Erhaltung und.Erstarrung des gefetzestreuen *) Tie Gemeinde der - Chasfioim. Ihr Werden und ihre Lehre, ihr Leben und ihr Treiben. Bon -Chajim Bloch. Benjamin Harz-Verlag. Berlin- Wien 1820; . j , | L i. _ , . , ., Der WksrUi. Judentums im Osten historisch nachzuweisen und wissenschaftlich zu begründen. Und dies ist dem ebenso fleißigen als äußerst tüchtigen und gelehrten Verfasser im vollsten Mäße gelungen. Ein ganzes Kapitel ist den Aufgaben des Chassidismus gewidmet. Zu diesen gehören nach dem Verfasser vor allem die eifrigste Pflege her Thora, des Talmud, und des Schulchan-Aruch — .„es ist eine tendenziöse Entstellung der Wahrheit ... wenn immer wieder behauptet wird, der Baalschem und seine Jünger hätten das Thora- und Talmudstudium als nicht erstrebenswert und die Befolgung der rituellen Vorschriften als Nebensache erklärt" —, ferner „die Begeisterung . . . für den tiefsten Gedanken der Gotteslehre und für die unerschöpfliche Bedeutung des Begriffes vom Einzigen, vom Unendlichen, der ihre Seele erfüllt. Wenn ein Chassid ermüdet, erschöpft seine Tagarbeit beendet, begibt er sich nicht ins Vergnügungshaus) um bei Getränken, Sana und Spiel, Weibern und müßigem Geschwätz Zerstreuung zu suchen, sondern in das Bethamidrasch, ins Lehrhaus. Er findet in den religiösen Büchern seine beste Unterhaltung und wo immer er eine freie Stunde erhäschen kann —. am frühen Morgen, am Sabbat und Festtag,.— da die Seele von dem Kampf ums Dasein befreit ist, versenkt er sich, in das Studimn des Talmuds. Und diese Arbeit erschöpft ihn nicht, reibt ihn nicht auf, sondern.sie kräftigt ihn. immer wieder neu und seine Seele bleibt ewig jung . . .In wahrhaft chassidischen Kreisen kennt man jene häßlichen Krankheiten nicht . . : hier weiß man nichts von Ehedramen und Tragödien der modernen Salons" (Seite 30 f.). „Man kann", schreibt der Verfasser (Seite 31) „die Chassidinl,' im Gegensatz zu vielen Modernen Juden. . . als Helden bezeichnen. Sie sind wahrhaft starke, selbstlose, von religiöser Kraft getragene Charaktere, deren Tun vielleicht nicht allgemein verständlich ist, jedenfalls aber in seiner Reinheit sympathisch berühren muß) da sie sich ... für Gott, seine Lehre und seine Gebote aufopfern." Der Verfasser zitiert bei dieser Gelegenheit einen Ausspruch Heines („Reisebilder"): „Trotz der barbarisch,eu Pelzmütze, die seinen Kops bedeckt und der noch barbarischeren Ideen, die denselben füllen, schätze ich den polnischen Juden höher als so manchen deutschen Juden, der seinen Bolivar auf dem Kopse und seinen Jean Paul im Kopfe trägt." ' Das vierte Kapitel ist der Kabbala und der chassidischen Denkrichtung gewidmet. Der Verfasser schildert sehr klar, anschaulich und gemeinverständlich das Wesen der Kabbala, ihre Entstehung, ihre. Ideen und Lehren, wie auch. ihren Einfluß auf den Chassidismus. Diese überaus schwierige und ebenso interessante wie lehrreiche Abhandlung ist dem Verfasser besonders gelungen, sodaß jeder dieses Buch mit Nutzen und — Vergnügen lesen wird. Die Sprache ist sehr korrekt, leicht und frei von'jedem falschen Pathos und jeder Phrase. Der Verfasser will, wie erwähnt, seine Ideen und seine Ueberzeuaung niemandem aufdrängen, sein Werk ist keine Propagandaschrift, sondern eine streng wissenschaftliche, ernste und fleißige Arbeit, die in Laienwie in Gelehrtenkreisen großen Anklang und Beifall finden wird. Die Einteilung des Buches ist sehr übersichtlich, der Druck und die Ausstattung lassen trotz der -enormen Herstellungskosten nichts zu wünschen übrig. Der zweite Teil des Machschen. Werke» erllhält Geschichten und Legenden der Wundermanner> wie sie sich in chassidischen Kreisen erhallen haben. Auch diese sind schön und flott geschrieben und entbehren nicht des poetischen Reizes. Sehr wertvoll ist die Literaturaugäbe der Werke, die über Kabbala und Chassidismus bis jetzt erschienen sind im Anhänge des Buches, die dem künftigen Historiker als Baumaterial einst dienen soll. Alles in allem: ein Werk,- das sich selbst empfiehlt und das sicherlich noch viele Auflagen erleben wird. __ Nr. 38 u. 39. Seite 9 Zum Atter des hedrUchen Akzentzeichen. Elias Levita, in hebräischen Schriften: Eliah Bachur, hat zuerst die Behauptung aufgestellt, daß die hebräischen Vokal- und Akzentzeichen in nachtalmndifcher Zeit entstanden find. Diese Behauptung ist bei den meisten modernen Forschern zum Dogma geworden. Die -jüngste These darüber lehrt, daß die hebräischen Akzentzeichen dem am Ende des 5. Jahrhunderts entstandenen syrischen Akzentuationsshstem entldynt und nachgebildet sind. Die Tradition lehrt aber, daß die- Akzentzeichen schon in frühtalmudischer Zeit bekannt waren. Es ist ihnen beiden aber.eilte für diese Frage ungemein wichtige Nachricht unbekannt geblieben. Znm Verständnis dieser Nachricht mH aber folgendes vorausgeschickt werden. I. Buch Moses, 4, 15 heißt es: „Deshalb, wer den Kain tötet, wird siebenfach, gestraft werden." So nach dem einfachsten Wortsinn und dem Zusammenhang viele mittelalterliche und die mod men Erklärer. In alter Zeit aber wurde die Stelle folgendermaßen verstanden: „Deshalb, ihr Mörder (rühret den Kain nicht an! oder eine ähnliche Ergänzung) — Kain aber wird nach sieben Geschlechtern gestraft werden." So Onkelos, Josephus, Philo, die Apokryphen und die — Septuaginta. So hat auch Symachus übersetzt. Jetzt kommen wir zu der allgedeuteten Nachricht. Tie Uebersetzung des Symachus wird von dem Krrchenschriststeller Procop, dem Sophisten aus Gaza, mitgeteilt, der dann bemerkt: „In oer Tat setzt der hebräische Text nach dem Ausdruck ,,tötend" choreg) einen Punkt. Verum Hebraeus post drctiorlem „intersiciens" punctluw locat." (Kommentar zum l. Buch Moses, lateinische Uebersetzung, S. 86.) Ta das Wort „horeg" hier nurnöglich den Schluß des ersten Halbverses bilden kann, so konnte der Punkt nur eine kleinere Trennung audeuten, das heißt, er hatte die Funkttion eines „kleinen Trenners", wie etwa unser „Rebia", das ebenfalls ein Punkt ist. Es hat, also zur Zeit Procops für kleine Trennungen Zeichen gegeben. Tann braucht es nicht erst gesagt zu werden, daß die großen Trennungen, Verstellung und Versschluß, ihre besonderen Zeichen hatten. Es folgt also aus der Nachricht Prvcops mit absoluter Sicherheit, daß zu seiner Zeit mindestens drei Akzentzeichen im Gebrauch waren: Sof Passuk, Elhnach und Rebia. Procop schrieb aber seinen Genefis-Kornnrerrtar am Ende des 5. Jahrhunderts. Die Zeichen sind also viel früher schon entstanden. Auch erfahren wir ans dieser Nachricht, daß in alter Zeit die Akzentzeichen zwischen den Wortelk gesetzt waren. V. R. VücherbelpreHung. Probleme -es Judentums. 166 S. R. Löwit- Verlag. Wien und Berlin 1919. Bon Raphael Seligmann. Das vorliegende Buch enthält philosophische Einzelbetrachtungen, die aber von mm einheitlichen Gesichtspunkte ansgehen und auf eine in ihrem Denken geschlossene Persönlichkeit Hinweisen. Ter Verfasser zieht Judentum und Christenrum, Monismus und Monotheismus, Prophetismus und Messianismus, die Lehren Spinozas, Schopenhauers und Bergsons in den Kreis seiner Betrachtungen, und man muß zugestchen, daß er nicht an der Oberfläche der Dinge haftet, sondern überall in die Tiefe zu bringen sucht. So versteht er es, den Problemen, neue Seiten abzugewinneir und die Systeme der Philosophen in eine besondere Beleuchtung zu rücken. Scharf und in geistvoller Weise wird der Nachweis geführt, daß Schopenhauer trotz seines Antisemitismus in seinem philosophischen System dem Judentum viel nähersteht als der Jude Spinoza. Denn Schopenharter erhebt die Person imö deren Urteil über die nackte Tatsache des Seins, der Erhaltung, des Bestehens,, des Lebens als solchem. „und in diesem Erheben des persönlichen Faktors über die Tatsache des Seins, des Lebens als solchem besteht das ganze Wesen der Moral." Dagegen sind für Spinoza „Gut und Böse nur menschliche Satzungen, die je nach Ort und Umständen mannigfach sich wandeln können," er ist der konsequenteste Amoralist Und steht dadurch im schärfsten Gegensatz zum Judentum, er ist „Hellene vom Scheitel bis zur Sohle" und stellt gewissermaßen eirlen Protest gegen den Geist des jüdischen Volkes dar. — Die Bedeutung des Prophetismus sieht Seligmann darin, daß die Propheten „mit einer Art genialen Intuition die Sonderstellung und den Sonderwert des Persönlichen erkannten und daß sie demgemäß wen Sitz der moralischen Idee irr dieses Persönliche verlegten." Er betrachtet den Begriff der wahrer: Genieinschaft als ein spezifisches Erzeugnis des jüdischer: Gedankens und einer Kultur, „die das innige Gefühl für die Seele des einzelnen mit dem lebendigen Interesse für das Leben der Gesamtheit hamwi lisch zu vereinigen verstarrd." Bemerkenswert ist die entschiedene Ablehnung von Hermann Cohen. „Die Eohen'sche Deutung des Judentums ist eine Absage an dieses, sir ist eine Theorie der Assimilation unter dem