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Der Israelit · 1920-10-23 · Heft 38-39 (23.10.1920) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 38-39 (23.10.1920)
Date
1920-10-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Sette 8 Nr. 88 u. BÖ Wer Mraettt A September 1YL0 . Ich wende mich an Sie nicht als Wirtschafts Politiker, nicht als Vertreter von Handel und Industrie nicht als verängstigier, um Eigentum und Besitz besorgter Kapitalist, sondern, weil ich mich mit Stolz und aus innerster religiöser Ueberzeugung zu jener Glaubensgemeinschaft bekenne, der einstens Sie selbst oder -och Ihre Eltern angehört haben. Wir Münchener Juden, haben in all den schweren, leidersüllten Wochen der Vergangenheit geschwiegen, da S.te und andere landfremde, des bayerischen Volkscharakters unkundige Phantasten und Träumer die bittere Not und die seelische Depression unseres Volkes ausnützten, um Gläubige für Ihre vielleicht wohl gemeinten, aier verhängnisvollen und der menschlichen Natur zuwiderlaufenden Pläne einer zukünftigen Wird schafts- und Gesellschaftsordnung zu werben. Wir schwiegen, weil wir fürchteten, unsere Glaubens gemeinschaft zu schädigen, .wenn wir Sie in der Oeffentltchkeit abschünelren und weil wir von Tag zu Tag hofften, daß das Verantwortungsgefühl für die religiöse Gemeinschaft, der Sie oder Ihre Eltern ent stammen, früher oder später in Ihnen erwachen und thnen zum Bewutztsein bringen werde, in welches haos von Zerstörung und Verwüstung der von Ihnen eingeschlagene Weg münden müsse. Der heutige Tag, an dem Tausende und Aber tausende von aufreizenden antisemischen Flugblättern in Münchens Straßen verteilt wurden, zeigt mir mit aller Deutllchkeit die Größe der Gefahr, die nicht die Bekenner unserer Glaubensgemeinschaft, sondern das Judentum selbst bedroht, wenn die große Masse von Münchens werktätiger Bevölkerung die erhabenen Lehren und Dogmen der jüdischen Religion in ideellen Zusammenhang mit den bolschewistischen und kommunistischen Irrlehren bringt, die Sie seit Wochen den durch die 41/* jährige Kriegsdauer zermürbten und verwirrten Votksmassen predigen. Auch das Judentum kündet und lehrt einen hehren, den Realitäten der Gegenwart wie den Idealen einer messianischen ZukunflSpertode in gleicher Weise Rechnung tragenden Sozialismus. Die Religion, die vor tausenden von Jahren in der Bibel die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetze, die Gleichstellung des Fremden mit dem Einheimischen, die Sabbatruhe, das Erlaßjahr, das Zehngebot und zahlreiche andere, erst durch das Morgenrot, des IS. und 20. Jahrhunderts beleuchtete Menschheitsideale in strengen, gesetzlichen Normen verankerte — dieses Judentum Ijat nicht Sie und Ihre verworrenen und krausen Phantasien gebraucht, um uns zu Gemüte zu führen, wie viel an unserer heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung noch zu bessern ist und welch heilige, sittliche Verpflichtung uns allen obliegt, bis jene unerläßliche Revolution der Geister durchgeführt ist, die die vom Schicksal Enterbten erlösen und befreien und jedem Tüchtigen den Weg zum wirtschaftlichen Aufstieg sichern soll. Aber dasselbe Judentum, das diese Segnungen durch seine Propheten der ganzen Menschheit verheißt, eS kündet gleichzeitig: «»Fördert den Frieden und das Wohlergehen der Völker, in deren Mtlte Ihr weilet". Es lehrt weiter, daß die Gegensätze zwischen Arm und Reich niemals aus der Welt schwinden werden, und daß alles revolutionäre Werden und Geschehen sich nur im Rahmen der Achtung vor den Rechten unserer Mit- und Nebenmenschen, niemals aber im Zeichen des Terrors und der Gewalt vollziehen dürfe. Gerade, weil Sie sämtlich von jüdischen Müttern abstammen, müssen Sie wissen, daß das Judentum in den Jahrtausenden seiner leiderfüllten Geschichte gleich allen arideren Völkern des Altertums längst untergegangeu wäre, wenn es nicht ein konservatives, Ordnung schaffendes und gewährleistendes Ferment unter den Nationen der Erde gebildet hätte. Sie aber, meine Herren, predigen dem armen gequälten bayerischen Volke nur, wie unser Wirtschaftsleben noch weiter zerstört und niedergerissen werden soll, Sie propagieren soziale und wirtschaftliche Theorien, deren Verwirklichung die sofortige Absplitterung NordbayernS und der Rheinpfalz von unserem engeren Vaterlande und weiterhin die Lostrennung Bayerns vom großen Deutschen Reiche, ohne dessen Kohlen und Eisen wir keinen Monat mehr unsere Arbeiter beschäftigen können, im Gefolge haben müßte. Sie verhindern durch ihren Terror den neuerlichen Zusammentritt des bayerischen Parlaments, obwohl Vie wissen, daß eine Verwirklichung Ihrer verhängnisvollen Pläne die Gefahr des Hungertodes für das südliche Bayern heraufbeschwören muß, weil unsere Feinde einem Lande, duS der verfassungsmäßigen Regierung entbehrt, die Zufuhr aller Lebensmittel unterbinden. Mein jüdisches Solidaritätsbewußtsein mahnt mich, Ihnen all dies in Ihrem eigensten Interesse vor Augen zu führendenn die gleichen Massen, die heute Ihren Reden und Versammlungen zujubeln, werden Ihnen an dem Tage fluchen, an dem sie erkennen, daß Sie ihnen leere Versprechungen statt Brot, und gegenseitigen Haß, statt deS ersehnten .inneren Friedens gebracht haben. DeS weiteren mahnt mich eine innere Stimme, meine Glaubensgemeinschaft vor dem Odium zu schützen, daß das überlieferte Judentum irgend etwas mit den destruktiven Tendenzen ehrgeiziger Revolutionspolitiker gemeinsam habe. Und nicht zuletzt ist es die warme und rege Anteilnahme an Bayerns Wirtschaftsleben, in dessen Förderung ich ergraut bin, die mich bestimmt, an Sie die Bitte zu richten: Lassen Sie ab von Ihrem unheilvollen, den Untergang Bayerns besiegelnden Gehabenstellen Sie ihre reichen Geistesgaben mit allen anderen Schichten unserer Bevölkerung fsrtab nicht in den Dienst der Zerstörung und der Verschüttung, sondern in jenen eines segensreichen Wiederaufbaues unserer Volkswirtschaft. Sollte mein Mahnruf wirkungslos verhallen, dann bleibt mir nur ein Allerletztes im Interesse meiner Glaubensgemeinschaft festzustellen übrig: Das jüdische Religionsgesetz lehrt, daß, wenn ein Erschlagener auf dem Felde gefunden wird, die Aeltesten der Nation an die Bahre des Gemordeten hinzuireten und feierlich zu bekräftigen haben: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen". In ähnlichem Sinne ruft das bodenständige bayerische Judentum durch mich heute Bayerns Beoöl.erung zu: Unsere Hände sind rein von den Gräueln des Chaos und von dem Jammer und Leid, das Ihre Politik über Bayerns zukünftige Entwicklung herausbeschwören muß. Sie allein, und nur Sie tragen hierfür die volle Berantworrung. München, 6. April 19 lS, abends 11 Uhr, am Vorabend des Passahfestes 5879. Sigmund Frankel. Was die jüdische Gemeinschaft seit mehr als einem Jahre in Ungarn und anderwärts erlebt hat, bildet einen erschütternden Kommentar zu der inneren Bedeutung des Fränkei'fchen Schreibens, das der Voraussicht und dem Mute - des Verfasser- Ehre macht. Mfemifismus in Oberfchlefien. Kattowitz, 17. September. Der schnöde Neutralitätsbruch, der während der Unruhen in Oberschlesien durch die brutale Zusammentreibung ostjüdtscher militärflüchtiger Arbeiter und ihre Abschiebung nach Polen begangen worden ist, steht noch in Aller Erinnerung. Wir hatten gehofft, daß nunmehr endlich dre Interalliierte Kommission in Oppeln den ostjüdischen Arbeitern gegenüber endlich ihre Pflicht erfüllen und sie vor dem Terror der verhetzten polnischen Arbeiter schützen würde. Das G.gentetl ist eingetreten. In Oberschlesien wird heute, unter Vorangehen der Interalliierten Kommission, eine ausgesprochen antisemitische Politik getrieben. Hunderte nattonalpolntfcher Milttärfiüchtlinge und Deserteure dürfen sich unbehindert im Lande aufhalten. Niemand stört sie bei ihrer Arbeit in den Gruben, in der Landwirtschaft usw., keine Razzia wird veranstaltet, um sie dem polnischen Militarismus wieder in die Arme zu führen. Anders ist es mit den Ostjuden. Während der Unruhen sind sie aus einer ganzen Anzahl von Gruben mit Gewalt, unter körperlicher Bedrohung von den Polnischen Arbeitern herausgetrteben worden. Eine Panik entstand. Biele Arbeiter mußten Hals über Kops in die Städte Beuthen und Kattowitz fliehen, unter Zurücklassung ihres Arbeitslohnes. Die Selbsthilfe der oberschlestschen jüdischen Gemeinden, die durch die leibliche Fürsorge für diese Flüchtlinge besonders in Anspruch genommen war, war wie immer, vorbildlich. Auch die Organe des Arbeiterfursorgeamtes in Oberschlesien haben mit Nachdruck die Verhältnisse wieder zu regulieren versucht. In dem Augenblick aber, als sich die ostjüotschen Arbeiter wieder anschtckten, in die Betriebe zu gehen oder sich neue Arbeitsplätze zu suchen, kam ein neuer Schlag. Die Interalliierte Kommission in Oppeln hatte angeordnet, daß innerhalb von fünf Tagen, und zwar ausgerechnet zum zweiten Rosch haschonorag, die jüdischen Flüchtlinge nach Polen abzuschteben seien. Man muß sich einmal vorstellen, wie brutal ein solcher Befehl wirken mußte. 'Die jüdischen Arbeiter, die durch die letzten Unruhen brotlos geworden sind, befinden sich zu einem großen Teil bereits mehrere Jahre in den oberschlestschen Betrieben und bet den verschiedensten Handwerksmeistern. Es sind zurückhaltende und nüchterne Leute, die froh sind, wenn man sie ungestört bet ihrer Arbeit beläßt. Sie mußten es mit ansehen, wie beispielsweise in Nicolai einzelne ihrer Kollegen von Polen so brutal geschlagen worden sind, daß sie mehr tot als lebend in das Krankenjaus eingeliefert werden mußten. Die Baracke, n der ein Teil von ihnen sich flüchten konnte, befindet sich etwa zehn Minuten vom Dienstgebäude des französischen Kretskontrolleurs in Beuthen. Keiner ist da, der sie schützen will. Den Rosch h «schon o verlebten in Kattowitz und Beuthen etwa 900 geflüchtete Arbeiter in der schlimmsten Panikstimmung. Mit Mühe und Not ist es dem Arbeiterfürsorgeamt und einigen hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten gelungen, bei der Interalliierten Kommission zunächst eine Fristverlängerung zu erreichen und eS durchzusetzen, daß vor jedem Abschub Verhandlungen mit den Vertretern des Arbetterfürsorgearmes stattfinden. Diese Verhandlungen find augenblicklich noch in der Schwebe und dawenige, das zunächst erreicht worden ist, besteht darin, daß wenigstens die drohende religiöse Bedrückung, die den flüchtigen Arbeitern angedroht war, zunächst abgewehrt wurde. Wir wollen hoffen, daß die entscheidenden Stellen bet der Interalliierten Kommission, die offentsichtlich in dieser Frage durch untere Organe völlig irregeführt sind, sich dazu verstehen werden, in Oberschlesien ein Ausnahmerecht gegen Oftjuden nicht zuzulassen, sondern im Einvernehmen mit den jüdischen Organen dafür zu sorgen, daß die Bedrohung der ostjüdischen Arbeiter ein für allemal aufhört. Die Jüdifcfte RusroanSeruna- ' Danzig, 14. September. Die Schwierigkeit des Durchgangsverkehrs durch Deutschland hat dazu geführt/ daß Danzig .zum Auswanderungshafen geworden ist, mit einer anfangs niedrigen, dann erstaunlich gewachsenen, durch die Ereignisse der letzten Z^it in Polen besonders geförderten Frequenz. Die politische Lage in Polen hat die. ohnehin auch in normalen Zetten schon starke Auswanderung zu einem gewaltigen Strom anwachsen lassen. Es sind nicht eigentlich Flüchtlinge, sondern eben nur in größerer Anzahl Auswanderer nach Amerika. Der Mehrzahl Nachfolgen die Emigranten dem Ruf ihrer Verwandten in Amerika, die ihnen die Mittel zur Uebersahrt schicken. Üeberwiegend sind es Frauen und Kinder, die ihren Männern und Vätern nachreisen. Fast ausschließlich handelt eS sich um Juden, für die zwei Gesellschaften eine ausgezeichnet organisierte Hilfe leisten: Die. „Htas" (Hebrew Immigration Aid Society) und das „Joint Distribution Komittee". Es ist für alles Notwendige und wett darüber hinaus Vorsorge getroffen. Da gibt es Paßabfertigung durch das amerikanische Konsulat, Niederlassungen zahlreicher Dampferfirmen, Verkaufshallen usw. Die Hallen sind licht und geräumig und alles ist dazu angetan, dem Auswanderer die Wartezeit so bequem wie möglich zu machen. Oesterreich. Dis orlhoDoxe JuoenBberoeounfl. Mim, 15. September. In der Wiener Jugendgruppe der AgudaS Jisroel hielten die zur Nachkonferenz dort weilenden Delegierten auS England, Polen und Litauen Vorträge über die Jugendbewegung. Als erster Redner ergriff Herr Tobias Ho roWitz (Warschau) das Wort. Er schilderte die Entwicklung der „Schlume Emune Jisroel" und ihrer Jugendorganisationen, wie diese trotz der in Polen herrschenden traurigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, sich innerhalb ganz kurzer Zeit zu einer der mächtigsten jüdischen Parteien entwickeln konnte. Wenn auch die Jugendorganisation, welche durch die kriegerischen Verhältnisse am meisten gelitten hat, nicht so stark ist, so zeigt doch der Jagendtag in Lublin, daß die gesetzestreue Jugend gewillt ist zu arbeiten' - für" die-' heilige Tradition ihrer Väter, welche Bürgschaft nur trt einer strammen und mächtigen Organisation - gegeben ist. ' v Als zweiter Redner ergriff der Präsident der „Stnat"-Jugendorgantsation in England Herr Aktba Moses Adler (London) das Wort. In gegeisterten Worten forderte er die Jugend auf, getreu dem Beispiele unserer heiligen Väter erst das „Naaffe" zu verwirklichen, jede und auch die kleinste Mizwo zu erfüllen und dann durch Einrichtung zahlreicher Gchtürtm und durch fleißige-

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