Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 38-39 (23.10.1920)
- Date
- 1920-10-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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WWW» MB Gstte 4 Ns. 88 n. 8- Der JSraelil. 38. Geptembsr 1SSY! Eigentum, wem es immerhin auch gehörte, der Bolschewismus als Staatseigentum erklärte, so gehören nun alle Beihäuser, seien es Synagogen oder Kirchen mit ihrem Inventar dem Staate, welche auf Verantwortung von 35 Mitgliedern der betreffenden Synagogen- oder Kirchengemeinde freigestellt werden, und darf in denselben nicht die geringste Veränderung oder Reparatur ohne die Einwilligung der zuständigen Behörden vorgenommen werden. Letztere kann aber nur auf Kosten -er beständigen Synagogen- oder Kirchenbesucher geschehen. Die Ausscheidung der Religion oder Kirche vom Staate ist bis zu den äußersten Grenzen durchgeführt. Der Klerus, wie das Rabbinat, die Synagogenwie Kirchen dtener werden ausschließlich von den freiwilligen Gaben der betreffenden Synagogen- oder Kirchen besucher besoldet. Für die Iudenheit war dies, da sie von jeher daran gewöhnt ist, durchaus nicht überraschend und nicht schlimm, wenn die Bolschewisten die synagogalen Gemeindeverwaltungen nicht geschlossen hätten. Nun sind letztere völlig aufgelöst mit all in ihrem Refforte sich befindenden Institutionen, sei es phylanthroptscher, sei es erzieherischer Natur. Die bisherige Licht- und Fleichsteuer, welche zur Erhaltung jener Institutionen diente, ist desgleichen aufgehoben worden. Bet der gegenwärtigen äußersten Verarmung der russischen Iudenheit ist die Lage des Rabbinats und der Bestand der Synagogen eine höchst kritische geworden. Dies ganz besonders in Anbetracht der fabelhaften Teurung der Nahrungsmittel, Beheizung, Wäsche, Kleidungsstücke und Schuhwerk. Die enormen Preise der Gegenstände wachsen mit jedem Tage. Als Schreiber dieser Zeilen Moskau verließ, waren die Preise folgende: 1 Pfd. Brot 600 Rbl. (das russische Pfd. ist 400 gr.), 1 Pfd. Kartoffel 250 Rbl., 1 Pfd. Zuckcr (Rasinad) 5000 Rbl., Streuzucker 3000 Rbl., 1 Pfd. Salz IM Rbl., 1 Pfd. Butter 3000 Rbl., 1 Glas Milch 150 Rbl., 1 Pfd. Fleisch 1000-1500 Rbl., Herrenschuhe 5000 Rbl. und noch mehr, Damenschuhe womöglich noch teuerer. Das Alles natürlich ist nur auf Schleichwegen zu erstehen, was nicht ungefährkich ist, da jeder Privathandel streng verboten ist. Kleider sind aber auch auf dem Schleichwege äußerst schwierig, selbst gegen die denkbar höchsten Preise, zu bekommen. Unter solchen Umständen darf uns nicht Wunder nehmen, wenn wir einen achtbaren Rabbiner oder Kantor sehen, der unter seinem breiten Mantel oder Pelzüberzieher heimlich verschiedene Ware trägt und dieselben guten Bekannten feilbietet, mit anderen Worten: mit Schleichhandel oder „Spekulation" was aufs strengste verfolgt und geahndet wird, sich befaßt. Denn sonst müßte er unvermeidlich Hungers sterben, weil die komurunalen Rationen so minimal und so unsicher sind, daß man auf dieselben unmöglich rechnen kann. Denn in der Tat, was soll Man mit 150 gr Brot anfangen, wenn man dasselbe auch täglich zu festgesetzten niedrigen Preisen bekommen würde, während andere Produkte, wie Kartoffel, Gries, Salz, Fett re. äußerst selten dem Publikum als Komunalration erlaffen werden. Wenn auch mit' dem größten Widerwillen, ja sogar mit gewisser Gefahr muß sich der Rabbiner, Synagogendtener, Kantor dazu verstehen, mit Schleichhandel sich zu befassen, womit übrigens jeder andere, der nichts was zu veräußern hat, um sein Leben halbwegs zu fristen, sich abgeben muß. Ich kenne bekannte Professoren, Aerzte, Juristen, ja Generäle, gewesene Minister, hohe titulierte Persönlichkeiten, Fürsten und Grafen, welche durch Kommissionen oder sonstigen Schleichhandel ihr Unterkommen sich verschaffen, obgleich sie fast ausnahmslos gewisse Negierungsämter bekleiden, weil auch die größten Gehälter bet der herrschenden unglaublichen Teuerung auch für das tägliche Brot im buchstäblichen Sinne des Worts nicht ausreichen. Die äußerste Not zwingt mit eiserner Notwendigkeit den Menschen,; nicht wählerisch in seiner Erwerbstätigkeit zu sein, zwingt ihn auch, die drohende Gefahr zu vergessen. Die häufigen Verhaftungen und unerhört harten Strafen, Todesstrafe sogar, welche die bolschewistische Regierung in ihrem unablässigen Kampfe gegen die Spekulation verhängt, schreckt Niemand ab. Man darf mit Sicherheit behaupten, daß nirgends und nie so allgemein und hasardmäßig jede Art von Schleichhandel betrieben wurde, wie gegenwärtig im Sowjet-Rußland, ungeachtet,, daß die bolschewistische Regierung sich alle Mühe gibt, den Schleichhandel zu vernichten, und keine Strafen zu hart findet zu seiner Vertilgung, aber sie richtet dabei absolut nichts aus, weil nichts stärker ist als der Hunger. Jedoch trotz dieser Mißstände werden nach wie vor die Synagogen und alle anderen Bethäuser fleißig besucht und in ihnen, trotz der öffentlichen Vorträge des Komissars der Volks- Aufklärung, Luwozorsky über das Thema: „Warum darf man nicht an Gott glauben", viel und andächtig gebetet und eifrig gelehrt und gelernet. Dem übrigens stellt der Bolschewismus kein Hindernis in den Weg, das sei Privatsache. Viel schlimmer ist es mit der Jugenderziehung, auf welche der Bolschewismus ausschließlich reflektiert. Der Religionsunterricht ist in allen Schulen streng verboten. Sämtliche jüdische Gemeinde- und Privat-Schulen, wie: Chedorim, Talmudthora, Jeschtbots und alle Schulen des weitverzweigten zionistischen Vereins iTD-in sind offiziell geschlossen, nicht blos weil in ihnen Religionsgegenstände, sondern auch weil die hebräische Sprache unterrichtet wird, welche vom jüdischen Komissartat als Sprache der Bourgeoisie proklamiert und verpönt wurde. Allerdings öffnet die jüdische Sektion des Kommissariats der Volksaufklärung viel sogenannte jüdisch - nationale Schulen, wo der Unterricht gratis erteilt wird und die Schuljugend unentgeltlich warme Speisen täglich bekommt, aber in diesen Schulen darf Hebräisch nicht unterrichtet werden, und das „Jüdischnationale" dieser Schulen besteht nur darin, daß die Unterrichtssprache „Jüdisch", d. h., der verkrüppelte deutsche Jargon ist, welchen die „Jüdischesten", richtiger die Bundtften, die sich gegenwärtig als Bolschewisten ausgeben, als die Sprache des jüdischen Proletariats, und daher als die jüdische Nationalsprache ausrufen. Der gesunde Ginn der jüdischen Bevölkerung läßt sich aber nicht von diesen als Bolksführer sich aufspielenden Volksverführern täuschen und sie zieht es vor, ihre Kinder die allgemeine Schule besuchen zu lassen, während die sogenannten jüdischnationalen Schulen so ziemlich leer stehen. Dies um so mehr, als gegenwärtig in den allgemeinen Schulen gegen Juden gemeiniglich Toleranz geübt wird und man jüdischen Schülern gestattet, an Sonnabend den Schulbesuch oder das Schreiben zu unterlassen. Nun muß ich den Bolschewisten Gerechtigkeit widerfahren lassen und hervorheben, daß dieser Feldzug gegen das Hebräische nicht Sache der bolschewistischen Regierung, auch nicht zumal des Komissariats für Bolksaufktärung ist, sondern ausschließlich die des jüdischen Komissariats, das aus ungebildeten früheren Bundtften sich rekrutiert, welche vermeinen, durch ihre rücksichtslose Verfolgung alles wahrhaft Jüdischnationalen, wie der hebräischen Sprache und Literatur, ihre bolschewistische Rechtgläubigkeit zu dokumentieren . Als der jüdische Komissar Diamantstein in den jüdischen Schulen das Hebräische zu verbieten sich alle Mühe gab, verwendete sich der Moskauer Rabbiner H. I. Maase beim Komissar der Volksaufklärung, Lunozarsky, welcher sich offen und ehrlich ganz entschieden für den hebräischen Unterricht erklärte. Aber das jüdische Komtffariat setzte mit dem Eifer, welcher wohl einer besseren Sache würdig wäre, alles darauf und daran, bis er im Kollegium durchsetzte, daß der Unterricht im Hebräischen als nicht obligatorischer Gegenstand, gleich der kirchlich slavischen Sprache, außerhalb der festgesetzten Unterrichtsstunden und nur auf Wunsch und auf Kosten der Eltern zugelaffen werden soll, und somit wurde dieser Unterricht in der jüdisch-nationalen Schule beseitigt. (Schluß folgt.) Von der jübWen Heimstätte. flusfpracfte zwischen einem öioniffen unö einem fisudiffen- Bon Jakob Letzter in Schwabach. Zionist: Warum seid Ihr Agudisten Gegner dem Zionismus? — Agudist: Well das ganze zionistische Projekt an daS Verhalten jener erinnert, von denen uns im 4. B. Moses Kap. 14 erzählt wird, daß sie sich des Morgens früh aufmachten und sprachen: „hier sind wir, wir wollen an den Ort hinaufztehen", die mit den Worten „ziehet nicht hinauf,^ denn der Ewige ist nicht in eurer Mitte", gewarnt wurden, sich aber dennoch „erdretsten, die Höhr des Berges zu ersteigen", das Ende davon wissen Sie doch? — und „Die Geschichte der Väter wiederholt sich bei dm Kindern"; wenn auch nicht bei allen. — Zionist: Ist das Ihr einziges Argument, das Sie vom Zionismus abstößt? Glauben Sie ernstlich, auf Grund solchem leeren biblischen Schlagworte, homiletischer Künste und Phrasen ein Programm verwerfen zu dürfen, das von hervorragendsten Koryphäen, von den besten und edelsten Männern unseres Volkes, durch ihre glühende Liebe zu ihrem Judentum beseelt, hervorging, bet tausenden und abertausende» unserer Glaubensbrüder stürmischen Wiederhall gefunden, dessen Verwirklichung nach fast 25 jähriger mühevoller Arbeit, laut den uns in San Remo gemachten Zugeständnissen nah bevorsteht. — Glaubt Ihr Agudisten, an einem solchen Programm de fakto noch rütteln zu können? — A g u d i st: Euer Programm betreffs „Schaffung einer öffentlich gesicherten Heimstätte in Palästina" ist im Grunde genommen gar nicht neu, es ist viel älter als all Euere „Koryphäen" und ist schon in der Bibel festgelegt, nur mit dem Unterschiede, daß während das biblische von „Allerhöchster" Seite mit dem Vorbehalt, „wenn Ihr nach meinen Gesetzen handelt und meine Gebote beobachtet, ist Euch eine öffentliche Heimstätte gesichert", längst sanktioniert ist, — Eures noch der Sanktion bedarf, die Euch aber keine Macht der Welt erteilen wird und erteilen kann . . . Also erst zur Thora zurück, dann in das Land der Väter. . . Sie wissen doch, mein Herr, wie es Jenen erging, die troy der Warnung, bei Zurücklassung der heiligen Lade just ins gelobteLand kommen wollten? . . . Thoralose Juden, die nur wegen ihrer palästinensischen Nationalität auf Erez-Jisroel Anspruch machen, wtrd das heilige Land auf die Dauer nie und nimmer beherbergen! ... Zionist: Was berechtigt Sie zu dieser horriblen Behauptung? Und wer bürgt Euch glaubensseligen Gesetzestreuen dafür, daß die angebliche Conditio \npri3 QK auch von Gott herrührt? — Habt Ihr selbe etwa mit dem Siegel Gottes versehen, zugesandt erhalten? — Agudist: Ich will Ihnen einen untrüglichen Beweis erbringen. Zionist: Wahrscheinlich wieder durch irgend einen Bibel-, Talmud-, Midrasch- oder sonstigen Weisheitsspruch? . . . Sadvat-Anfang und Ausgang. iiWKfi rot? Oft Ti Frankfurt a. M. Berlin . . München . Gtratzbnrs Stuttgart. Pose« . . Nürnberg * Hamburg . Anfang Datum Uhr iMin. isrroi 8681 AuSgang Uhr,Min. 50 35. 18. Tischri Eept. 7 45! II 7 05 45