Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1920)
- Date
- 1920-09-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 8 fl*. 37 »Der Israelit.* 16. Sevlember 1920 Das Wiedersehen mit der -reßburger Zeschidah. Von Arnold Singer. Schnell dahinflleoend an grünenden Ufern und waldigen Auen vorbei führt mich das Schiff talabwärts meinem Heimatsorte Preßburg zu. Freundlich grüßen mich die mir wohlbekannten Ortschaften, die wir passieren und deren jeder Winkel mich an wonnige Seligkeit meiner Jugend- und Bachurzeit erinnert. Wie oft machten wir am Lag-Baumer als junge Knaben mit unserem „Rebbe" Ausflüge hierher; wie glücklich fühlten wir uns damals bei einem Stückchen Brot, mitgebrachtem Käse und einem Glas Bier, das wir bei den sich tausendmal verbeugenden Wirten, der damals mehr Respekt vor einer Judengruppe hatte, nach langem Marsche mit gutem Appetit verzehrten. Und wie erst spater als erwachsene Bachurim, da wir uns schon den Luxus erlauben durften, zu unserem Ausfluge das Schiff zu benützen. Nach dem großen Verhören (Schlußprüfung), nach anstrengender geistiger Arbeit, nach fleißigem Studium, genoflen wir mit Wonne und Selbstbewuhtsein die paar Stunden der Zerstreuung und Erholung, um bald nachher wieder in das Joch der Thora e'ingesp.annt zu werden. Denn für einen Preßburger Bachur gab cs keine Ferien; da war ~ gleich nach dem großen Verhören die u'-A für den kommenden mn? ausgcgeben, in die wir uns vertieften, bei der wir uns genau mit allen Verzweigungen vertraut machten, damit wir am N2i'p N2r? den scharfsinnigen Ausführungen in der niPvr des Rabbiners folgen konnten. Wenn auch kein offizieller Unterricht um diese Zeit staltfand, so sah der alle langjährige Jeschiba-Lerter Ravdi Löst Groos sehr darauf, durch öftere Prüfungen und durch eventuelle Entziehung der zu bekommenden Brot-Ration die Talmudjünger zum Lernen anzuspornen. — Nach kurzer dreistündiger Fahrt bin ich in Preßburg angelang». Nachdem ich meine Ettern ausgesucht, sah ich mir die Stadt an, deren Anblick ich seit vielen Jahren entbehren mußte. — Aber ach! welche Veränderung mußte ich woyrnehmen. Die Stätte, wo einst viele Hunderte Bachurim den Tßorawortcn des jeweiligen Rabbi lauschten, war leer.'In dicht gedrängten Massen verließen sonst um diese Zeit — es ist Miltagszeit — hie Bachurim den Lehrsaal (Schiurstube), in jedem Winkel der Judengasse sah man disputierende Talrnudisten, die das sorben Gehörte wiederholten oder gegen dasselbe Einwendungen chatten. Dann gings in die Gasthäuser zun: Mittagsmahl, oder cht Stückchen Brot genügte vielen Ür-Vemitieltm zur Stillung ihres Hungers in dieser Zeit der N.ppigkeit und des Uebe.flusses. In der Oeffentlichkeit Gegenstand gehässiger, über den Rahmen sachlicher Beurteilung hinausgehender Angriffe gewesen und daß selbst Ihre wlffenschastliche Persönlichkeit von Verunglimpfungen und Verleumdungen nicht verschont geblieben ist. Eine besondere Genugtuung ist es mir, daß diesem Vorgehen gegenüber Gelehrte von anerkanntem Rufe, unter anderem auch hervorragende Vertreter der Berliner Universität, sich zu Ihnen bekennen, die nichtswürdigen Angriffe gegen Ihre Person zurückweisen und daran erinnern, wie Ihre wissenschaftliche Arbeit Ihnen einen unvergänglichen Platz in der Geschichte unserer Wissenschaft sichert. Wo sich die Besten für Sie einsetzen, wird es Ihnen um so leichter fallen, solch häßlichem Treiben keine weitere Beachtung zu schenken. Ich darf deshalb wohl auch der bestimmten Hoffnung Ausdruck geben, daß die Gerüchte nicht der Wahrheit entsprechen, Sie wollten jener häßlichen Angriffe wegen Berlin verlassen, das stolz darauf war und stets stolz darauf bleiben wird, Sie, hochverehrter Herr Professor, zu den, ersten Zierden seiner Wissenschaft zu zählen. Mit dem Ausdruck meiner ganz besonderen Wertschätzung Ihr aufrichtig, ergebener Haenisch". -inderecke. Sohn SgWs. D Sakkai talmud zur xufale: damit hat. /Erz öa d Mgen e en m i m maBi ganze LaEe und Hoffnm» Wie herrliche Zdi war.es. damals für uns! Trotz der 8 genaWDl *)i Armut, die durchwegs bei uns heimisch war, fühlten f ftÄ .JItnW' wir uns doch glücklich in dem Bewußtsein und dem * Gefühl der Freude, daß wir den zu eriernenden Stcff nach fleißigem Studieren gründlich erfaßt. Nun hat das Alles aufgehört! Die Wucht des Krieges hat auch hier ihre Spuren zrnückgelassen. Und unter den vielen Hoffnungen, die wir für die Zukunft hegen, sei auch die, daß einst wieder diese ehrwürdige Gdmeinde eine Pflanzstätte für Thora werde wie ehedem. ...! trafen mrs in der Trambahn, in später »stunde. IM kam von einer jüdischen Versammsie war Mn Theater und . hatte rotgeweinte » Jammer, was ein entsetzlicher sie, „ergreifend, geradezu erdie französischen Delesagte:, ruer"1 Ja"! sMjz'te ternd Jdj: „Und Europa sch HJa", das freie tionen Ich: „U_ . . . skeptisch das Haupt: „Ja, was die so ließe sich doch noch manches sagen ..."! feinen ^üuaern über freit fc&dtt. w ,,-^ber ich bitte Sie, meine Gnädigste, wer ist »orr verr i, w völlig frei von Schuld . . fragte ich. Sie: „Das schon. Aber bedenken Sie, mein Herr, ein G a t 1 e n m o r d . . ." Ich: „Ja, meine Dame, wovon sprechen Sie denn eigentlich"'? „Und wovon sprechen Sie denn"'?, gab Sie zurück. Ich: „Na, von was anderem als von den neuesten Vorgängen in Polen'? Denken Sie, unschuldige Menschen in Schedlez, in Plozk haben sie den Rabbiner erschossen"'? Sie (enttäuscht und gekränkt): „Das meinen Sie, und ich dachte, sie sprächen von der Maria Stuart, die heute in der Adschledsszene geradezu erschütternd war . . .! Leben Sie wohl, mein Herr, ich muß hier nusstelgen ..." sHaeuisch an Einstein). Anläßlich der jüngsten Vorgänge hat der preußische Unterrichtsminister folgenden Brief an Prof. Albert Einstein gerichtet: „Hochverehrter Herr Professor! Mit Empfindungen des Schmerzes und der Beschämung habe ich aus der Presse ersehen, daß die von Ihnen vertretene Lehre S - Jochanan, Sohn lle und wisset auch üAZ der ie d^ser große Rabbi um Wie Mauepn Je- Whaus zu Jabne und SHreUür alle^Mten gerettet ÄinrichLurr^l^DUakko nau s" getroffen bat, zeigt t Gott, zum heiligen Volke, aber gzzch die ige Wiedervereinigung Israels mit Gotte aus dem heiligen Boden., Eine dieser Einrichtungenbestimmte, daß man von nun an auch in Jabne oder ^Mstwo, sofern das große Sanhedertn dort seinen Sitz hat, an Rosch - Heschonoh, wenn es. auf Sabbat fällt, Schofar blasen sollte, im? bis dahin nur in Jerusalem geschehen durfte^Eine andere Einrichtung ordnet an, daß man das Lulow, das man bis dahin in der Provigr und in der Synagoge des Auslandes nur am ersten Tage des Sukkohfestes schüttelte, nunmehr, wie früher im heiligen Tempel zu Jerusalem, alle acht Tage beim Gottesdienste gebrauche. Andere Einrichtungen betreffen die „Heiligung des Monats", die Gerichtsbarkeit und ordnen^guch sonst das religiöse Leben für die Zeit, da das jüdische Volk keinen Staat und keinen Tempel hat. Als eines Tages Rabbi Jochanan ^mit - . ' . Mgcm die Ruinen des Altars sah, brach Josua Sohn Chananjas in bitteres Weinen aus. „Warum weinst Du?" fragte der Rabbi. „Wie soll ich nicht weinen", sagte Josua^da rauchende Trümmer die Stelle anzeigen, wo früher Israel mir seinen Opsergaben Sühne fand? " „Beruhige Dich, mein Sohn", antwortete der Rabbi, „unser Altar bleibt unzerstÜLt^ er sitzt in uns. Bewahren wir ein gutes, jüdisches Herz^ üben wir Guttaten und Werke der Wohltätigkeit, dann haben wir die Opfer, die Mstre Sühne bewirken." Mehrere Jahre nach der .Zerstörung des Tempels begegnete dem Rabbi in der Rahe von Jerusalem eine sehr ärmliche Frau, die aus^den Feldern Gerstekörner auftas. Wie die Frau den Rabbi mit seinen Jüngern erblickte, wollte sie ihm beschämt aus dem Wege gehen. Der Rabbi faßte sie aLerins Äuge und fragte sie, wer sie sei. „Ich bin die Tochter von Nakdtmon, dem Sohne GorjonsL^sagte die Frau. „Wo blieb das ungeheure Vermögen Deiner Vaters, daß Di^in so ärmlicher Lage bist?" staunte Rabbi Jochanan. „Wer Geld ^vjll sich erhalten, muß es gut einsalzen, das heißt, er muß von seinen Gütern viel für die Armem spenden. Mein Vater tat es nicht in dem Maße, wie er es nach seinem Vermögen hätte^tun müssen, darum ging alles verloren." „Und Dein reicher Schwiegervater?" fragte der Rabbi weiterL^, „Sein Vermögen wurde mit dem meines Vaters zusammengelegt und alles ging verioren". „Auf ihrer HochM", wandte sich der Rabbi zu seinen Jüngern, »nahm ich als Gast teil und sah mit eigenen AuM*die Fülle von Gold und Silber, die von Heiden Elternhäusern dem jungen Paar ins Hem» gebracht wurde. Und nun dieses traurige Kxmutsschicksal! Begreifen wir nicht jetzt, warum in der Thora Israel einmal mit den Sterne^am Himmel und ein anderes Mal mit Sano und Erde verglichen wird? Hoch steigt Israel, wenn es den göttlichen Willen erfüllt, oK zur Sternenhöhe und sinkt, wenn es faon Gott läßt, tief hinab bis zur Erde." Rabbi Jochanan nahm sich dann der armen Witwe an, daß sie fortan keine Not mehr zu leiden hatte. Als Rabbi Jochanan, hochbetagt, auf dem Sterbebette lag, bemerkten die umstehenden Jünger, wie sich die""Augen des Rabbi mit Tränen füllten. ■ ' „Großer, edler Rabbi, Du nimmst so viel von dannen mit in "Eft Ewigkeit, und Du weinest?" fragten sie. „Mir ist es", antwortete der Rabbi, „wie einem, der vor den KönH^eladen wird, daß er ihm Rechenschaft ablege über seine Handlungen/ dabei ist der König, auch Mlln er der mächtigste ist, ja nur Mensch aus Fleisch und Blut, dessen Zorn und dessen Güte ja nur eng begrenzt und machtlos find. Ich aber werde nun vor den König aller Könige gerufer^ deffen Macht unendlich und ewiglich ist, deWr Auge bis in die tiefsten Tiefen der Seele schäm und deffen Urteil unbestechlich und unerschütterlich ist. Sollte ich da nicht Furcht vor dtesem^ange empfinden?" „Ich sehe", sagte der Rabbi weiter, „zwei Wege vor mir. Hellstrahlend im ewigen himmlischen Lichte — ist der eim und führt zu den Gotteshöhen des Paradieses. 'Dunkel führt der andere hinab in die Tiefen» des Unterganges. Wüßte ich nur, welcher Weg mir beschieden sein wird.' . . ." Da die Schüler wohl wußten, welcher von " diesen beiden Wegen dem großen Rabbi beschieden sein werde, so baten sie nur noch um seinen letzten Segen. „Möge Eure Gottesfurcht nicht hinter der Furcht vor Menschen Zurückbleiben", segnete der Rabbi. —' „Nicht mehr als das?" fragten die Schüler erstaunt und enttäuscht. „Ihr wißt", fügte der RabU. hinzu, „wenn jemand aus dem Wege zur bösen Tat ist, so schaut er ängstlich aus, ob ihn auch keiner steht und dabet ertappt. Wären '""Eft Menschen stets deffen eingedenk, daß Gottes Auge alles und alle überschaut und überallhin reicht, es gäbe keine Bösen mehr." v Daß wir heute bald 2000 Jahre nach det Zerstörung unseres Heiligtums nach als Volk um die Thora geeint sind, das danken wir Rabbi Jochanan dem Sohne Sakkais, dm Gott, wie immer in Zeiten der Not, als Retter seines Volkes der Welt geschenkt hat.