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Der Israelit · 1920-09-16 · Heft 37 (16.9.1920) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 37 (16.9.1920)
Date
1920-09-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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. -^7 v- ’ £»-Vf V.* Line Sabbaifeier des Baal-Schem. Wie bekannt, hatte der Baal-Schem stets eine große Sehnsucht nach Erez Israel, dem gelobten Lande seiner Väter/ nach langem Zögern enischloß er sich endlich, dahin zu wallfahrten und trat die Reise an. Ueöer seine Reife erzählt man sich in Chassidimkretsen folgendes: Er machte sich an einem Freitag frühmorgens, auf den Weg und hoffte, noch lange vor Anbruch des Sabbats in der nahen, großen Gemeinde anzukommen, wo er am Samstag vormittag über Erez Jsroel predigen wollte. Der Baal-Schem saß im Wagen und sprach sein Morgengebet, während das kleine Pferd den leichten Wagen munter fortführte und der Kutscher die Peitsche lustig knallen ließ. Solange das'Morgengebet wahrte, war das Wetter klar und freundlich. Kaum w.ar es aber zu Ende, da trübte sich der Himmel, sinstere Wolken zogen heraus, es begann zu blitzen und zu donnern und eln wolkenbruchartiger Regen ging hernieder und erschwerte die Weiterfahrt. Der Baal-Schem hielt das für ein Zeichen des Himmels, er solle seine Reise aufgeben. „Warum sollte aber der Ewige eine Wallfahrt nach dem gelobten Lande nicht guthelßen?" dachte er und in seinem Zweifel bat er, der Herr möge zu ihm ganz deutlich sprechen. Gleich darauf, es war um die zehnte Stunde, erscholl von oben eine Stimme, die verkündete: „Wenn der Baal- Schem nach Palästina kommt, müßte auch der Messias kommen, für dessen Ankunft ist aber die Zeit noch nicht reif." Infolge differ göttlichen Stimme gab er die Weiterreise auf. Da es ihn aber sehr schmerzte, Trez Israel nicht sehen, zu können, so bat er den Himmel, er möge ihn zum Tröste bald etwas sehr Merkwürdiges und sehr Schönes erleben lassen,-etwas, was sein Herz hinaufzieht/ der Ewige wisse ja, daß der Bral-Schern nicht gerne lange trauere und Gott für jede Freude danke, jede Freude komme ja vom Herrn, gesegnet sei sein Name!, Er hieß hierauf den Kutscher umkehren und nach Hanse fahren. An diesem Tage war der Baal-Schem zwar schon sechzig Jahre alt, aber seine Natur war noch immer so frohgemut wie bei einem Zwanzigjährigen, und so erwartete er mit Sicherheit und in heiterster Stimmung, daß sein Gebet erhört würde. Während der ganzen Rückfahrt dachte er nun an das Besondere und sehr Schöne, das ihm der Himmel zukommen laffen werde. Er hieß nun den Kutscher etwas schneller fahren, damit sie gewiß noch vor Sabbatanbruch nach Hause kämen/ zur rechten Zeit kamen sie an. Der Wagen hielt vor einem Borgarten, der zum Hause des Baal-Schem gehörte, und dieser, etwas mißmutig, weil ihm nichts Schönes auf der Reife begegnet war, stieg vom Wagen, bezahlte den Kutscher, empfahl sich freundlichst von ihm, öffnete die Gartentüre und schritt seiner Wohnung zu. Bevor er aber noch elngetreten war, hörte er Pferdegetrappel hinter sich und immer näher kommen, und wie er sich umdrehte, sah er zu seinem Erstaunen dar kleine Pferd herantrippeln. Der Baal-Schem rührte sich nicht von der Stelle, das brave Tier aber stand da, sah mit klugen Augen den Baal-Schem an, als wollte eS sagen: „Sieh doch, von dem Kutscher hast du dich so freundlich verabschiedet, obwohl er nichts anderes getan hat, als öfters mit der Peitsche zu knallen und mich mit ihr aufzumuntern, obwohl das gar nicht nötig gewesen wäre. Sonst aber saß er bequem im Wagen und ließ sich zugleich mit dir von mir ruhig sorrführen. An mich aber hast du ganz vergessen. Und ich habe doch die ganze Arbeit gehabt! Ohne mich und ohne meine ordentliche Aufführung wärst du nicht nach Hause gekommen und wenn ich nicht so fleißig gelaufen wäre, hättest du nicht vor Anbruch des heiligen Sabbat deine Wohnung erreicht. Warum hast du dich nicht bei mir bedankt? Und nicht einmal mir ein freundliches Wort zum Abschied gegeben?" \ Nach diesen Worten, die der Baal-Schem ganz deutlich gehört hat, streichelte er das -Pferdchen und rief: „Ja, du hast wacker gearbeitet und verdienst meinen Dank! Gelobt sei der Ewige, der jede Arbeit anerkennt und belohnt und uns zu ermahnen weiß, den Arbeiter nicht zu vergessen! Gepriesen sei der Herr, der auch im Tier seine Herrlichkeit offenbart und der mich würdigte, das Sonderbarste und Schönste zu sehen!" Darauf wieherte das Pferdchen vergnügt, wandte sich um und lief zum Wagen, vor den es sich stellte und etnspannen ließ. Der Baal- Schem aber trat in seine Wohnung, begrüßte sein Weib und stimmte dann das Lecho-Daudt, um den Sabbat zu begrüßen, mit so viel Freude und mit so heller Stimme an wie noch nie. (Nach einer Skizze von Josef Popper-Lynkeus in der „Wiener Morgenzeitung.") Wo wohnt das Glück? Von Heinrich Einstädter. Heute Mittag war es. Da lag die Jultsonne sengend über dem Talgrund. Im Dorfe wer es still geworden. Die Frauen hatten schon ihre Arbeit in der Küche vollendet und beschäftigten sich still tn der kühlen Stube. Die Männer waren wohl meist im „Holz", die Kinder in den Beeren. Nur das Gackern der Hühner unterbrach ein wenig die Mittagsruhe. Da sah ich einen Fremden den Weg nach dem Mühlenbach nehmen. Trotz der brennenden Sonne blieb er auf der Mitte der Straße stehen und betrachtete die Häuser. Mit der Hand beschirmte er die durch das grelle Licht geblendeten Augen. Lange und aufmerksam musterte er die kleinen, unscheinbaren Gebäude, an denen kein Historiker, kein Techniker und kein Künstler etwas Besonderes hätte entdecken können. Er tritt hier für eine Minute in einen Hof, dort blickt er oben nach den Fenstern, und langsam setzt er dann seinen Weg fort. . Der Mann erweckt mein Interesse: Losgelöst von! der Ställe meines Berufs, für Wochen zur Erholung mich auf dem Lande aufhaltend, habe ich hinlänglich Zeit, mich dem Nachdenken über das Auftauchen des Fremden hknzugeben. Ganz unbekannt kann er hier wohl nicht sein, sonst würde er nicht den Pfad nach den Mühlen genommen haben. Ich habe nicht gesehen, daß er jemand um Bescheid gefragt hätte. Ich warte lange auf sein Zurückkommen aber vergebens. Erst am späten Nachmittag sehe ich ihn wieder. In der höher gelegenen Gegend verliert sich bald die brütende Hitze des Mittags. Schon gegen fünf Uhr streicht eine angenehme Kühle von Norden herüber und ermöglicht auch dem verwöhnten und verweichlichten Städter den Aufenthalt im Freien. Ich gehe durch die untere Dorfgaffe. Nicht eben führt sie dahin, sondern abschüssig, nach dem Mühlengrunde abfallend. Eine beträchtliche Breite besitzt sie. In dieser Hinsicht könnte sie sich mit mancher großstädtischen Hauptstraße messen. Man h tte früher hier nicht so mit dem Platze sparen müssen. Bunte Lichter läßt die sich neigende Sonne aufblitzen. Das Helle Weiß der Hausmauern, und das rotbraune Gebälk der Giebel tritt hervor aus dem reinen Blau . der Luft. Das satte Grün der den WeF umsäumenden Rasenstreifen wird durchbrochen von den helleren Farben grauer und gelber Steine. Je nachdem die Hausgärten im Schatten liegen oder vom Sonnenlichte gestreift werden, erscheinen die mannigfaltigsten Spielarten der verschiedensten Farbentöne. An einer Stelle, wo ein Bächlein den Weg kreuzt, grenzen zwei niedere Steinmäuerchen die hölzerne Brücke, und auf einer von ihnen sitzt der Fremde. Gr hat das Haupt mit der Hand gestützt und schaut bald hinüber nach den Häusern, bald hinab nach den Wiesen. Ich trete grüßend auf ihn zu: „Ich vermute in Ihnen einen Sommergast gleich mir. Gestatten Sie mir, neben Ihnen Platz zu nehmen?" Höflich rückt er zur Seite; aber t-vtz seiner weltmännischen Sicherheit vermag er nicht eine leichte Enttäuschung über die Störung seines Alleinseins gänzlich zu verbergen. Nachdem wir die ersten Worte miteinander gewechselt haben, sagte ich darum zu ihm: „Ich hatte nicht die Absicht, Sie zu stören, sondern glaubte, Ihnen vielleicht irgendwie dienen zu können. Nachdem ich aber zu bemerken glaube, daß Sie die Einsamkeit suchen, möchte ich mich empfehlet,." Doch mein neuer Bekannter bitter »sich freundlich zu bleiben. Wir kämmen bald in ein lebhaftes Gespräch, und allmählich scheint es mir, daß mein Gesägte Zutrauen zu mir gewinnt und in feinen Ausführungen persönlicher wäre. Mein Name ist ihm nicht ganz unbekannt, und Beziehungen sind Laiö entdeckt. „Schauen Sie sich einmal das Häuschen dort drüben an", spricht er. „DaS Erdgeschoß hat nach vorn drei, nach dem Hofe zu zwei Fenster und die Tür. Ein Stockwerk fehlt, aber vom Dachgiebel heraus springt nach der Straße zu ein Vorbau, ein Zimmer mit je einem Fenster nach vorn und nach beiden Seiten cnihaltend. Genau den gleichen eigentümlichen Erker, besten Größe in keinem natürlichen Verhältnis zu der Kleinheit des HüttchenS steht, können Sie an jenem Häuschen, das von der nächten Straße dort durch einen Winkel hervorlugt, beobachten. Wissen Sie, was er zu bedeuten hat?" Ich verneine. Bis jetzt war mir nichts an den Häusern ausgefallen. Erst der Fremde halte mir den Blick für das tatsächlich bestehende auffallende Mißverhältnis geöffnet. „Der Vorbau ist zur Sukkoh bestimmt". „An dem Bauernhäuschen?" fragte ich zweifelnd. „Wenn Sie genauer Hinschauen, können Sie noch jetzt an der HauSwand unterhalt» des Erkers eine Firma lesen: Josef Wolf. Längst übertüncht, hat sie nicht die Sonne, aber der Regen wieder an den Tag gebracht. Sie haben also ein ursprünglich jüdisches Hauö vor sich-- Eine lange Pause tritt ein. Ich wage nicht, sie zu unterbrechen. Der Mann neben mir, er nähert sich wohl dem Greisenalter, hat wieder das Haupt in die Hand gestützt, wippt leise mit dem rechten Fuße und schaut sinnend zu Boden. Langsam beginnt er wieder. „In jenem Häuschen dort und besonders oben in der Sukkoh, da habe ich die glücklichsten Stunden meines Lebens verbracht, eine gesegnete,^ eine unvergeßliche Jugendzeit. Ich war später tn der Stadt und habe all ihre. Freuden gcnoffen; ich war in ftenrden Ländern, und habe ihre Herrlichkeiten geschaut; ich bin durch alle Verhältnisse des Familienlebens hindurchgegangen. Aber keine Zeit möchte ich lieber mir ins Gedächtnis zurückrvecfen als die Tage, da ich dort oben in der Sukkoh gelebt habe. Damals waren meine Eltern noch anr Leben und bet guter Gesundheit. Wir waren nicht reich, aber zufrieden. Die Arbeit war ja selbstverständlich, der Vater war Seifensieder. Die Süiutler schaffte ruhig tut Haus, im Garten und auf dem Felde, die Geschwister desgleichen. Die Hauptfreuden boten die religiösen Feiern. Der Schabbos In jenem Stübchen, ich wüßte ihm nichts Gleichartiges in meinem GegenwarlSleben zur Sette zu stellen. Wie gemütlich saßen wir da abends unter der Lampe oder vor Ausgang deS Sabbat im Halbdunkel um die alte Großtante. Aus deur großen Kachelofen -rangen uoch die Düfte der Mehlspeisen, durch den Dämmer leuchtete das Weiß der Farbe, die zum tzestputz der alten Frau gehörte. Sie erzählte uns aus dem Zeeno ureno und vom „ewigen Frieden", und wenn sie besonders gut aufgelegt war, sang sie einen BerS, der dem Sechsjährigen als besonderes Kunstwerk und Sechzigjährigen als eine teure Erinnerung im Gedächtnis blieb. Und oben kn der Sokkoh! Da erfüllte sich, was unsere unverwöhnte Phantasie unS vorzuzaubern vermochte: Licht und Freude und Wonne und Herrlichkeit." Wieder tritt eine Pause ein. Leise wage ich die Frage: „Und nachher?" Der Greis schaut ins Weite. ' „Nachher kam der Onkel, und mit ihm die Sucht nach dem Reichtum, dein Höherstetgen, die Verführung. Ich kam in dio^Stadt, legte Wertvolles ab, das ich damals noch nicht zu schätzen vermochte, und tauschte Glitzerndes dafür ein. Und das Glas zerbrach". —— „Nehmen Sie es nicht als Neugierde, sondern als Anteilnahme: der Rest?" „Der Rest? — Ich hatte zwei Söhne. Der eine wurde Bankdtrektor, der andere Künster. Jener überarbeitete sich, dieser machte etne Mißhetrar. Schauen Sie, dort im Tak liegt der Friedhof, und oben am Berge ist eine Nervenheilanstalt. Das ist der Rest."

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