Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1920)
- Date
- 1920-09-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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16. September 1626 Der Israelit. No. 87 Seite I in großer Not, öenn Ae gezählten Gehälter und die ersparten Groschen sind durch die niedrige Valuta Leinahe wertlos. So ist ein Lehrer, der nach Hannover verzogen ist und seine polnischen Wertpapiere verkaufen mußte, um *L seines Vermögens gekommen. Die Kultusbeamten der Gemeinde sind noch schlimmer daran, ihnen bietet sich in seltenen Fällen einStellenwrchseldar,und isteinerso glücklich, in außerpolnischem Gebiet eine Anstellung zu erhaschen, wird er von den Heimgebliebenen beneidet. Die Posener Synagogen.Gemeinde verlassen in nächster Zeit die Kantoren der israelitischenBrüdergemeinde. Herr Rabbiner Profeffor Bloch von der Synagoge B, trat in den Ruhestand und verabschiedete sich in feierlichster Weise von der Gemeinde, um nach Berlin überzusiedeln. Zu öen Vorgängen in Scke9li? un9 PIo?h- Warschau, 8. September. Die Zeitungen bringen eine amtliche Bekannt' machung, die 14 Juden aus Schedliz n am ent' lich ausführt, an denen am 23. August nach Urteil des Feldgerichts die Hinrichtung vollzogen wurds. Ein einziger, namens Abraham Eppelbaum, -entging im letzten Momente der Todesstrafe durch die Begnadigung zu zehn Jahren Zuchthaus. Außerdem enthält die amtliche Liste zehn jüdische Namen, deren Träger als Minderjährige von 20 bis 8 Jahre Gefängnis erhielten. Auch die jüdischen Zeitungen bringen diese traurige Liste ohne ein Wort des Kommentars. Es wird nur mltgeteilt, daß Rabbiner Holpern aus Warschau als Mitglied des Landtages und im Aufträge der Agudas Jisroel sich nach Schedliz begeben hat, wo noch weiteres Unheil droht. Auch bas am 27. August 3 Uhr nachmittags vollstreckte Todesurteil am Rabbiner Chaim Schapiro in Plozk bringt das Amtsblatt in kurzen dürren Worten, unter Wiederholung der bekannten Anschuldigung, daß der genannte Rabbiner am 18. August mit Zeichen und Handbewegungen den Feind zu informieren gesucht hätte. (Von jüdischer Sette ist bereits : sestgestellt worden, daß diese Handbewegungen die andächtige Art des Rabbiners zu beten bez zeichneten.) Auch diesen amtlichen Bericht bringen die jüdischen Zeitungen nur mit Anfügung einiger kürzen biographischen Notizen über "den Hingerichteten. Rabbi Chaim Schapiro war Sohn und Enkel der in Chassidimkreisen hochberühmten Rabbis Jeschaja und^Jenkele Blendewer. Weitere Worte des Nachrufes wagen die Zeitungen mit Rücksicht aus die strenge Zensur nicht. Die Jliilifärpogrome in 6ali?ien* Wien, 8. September. Allmählich werden Einzelheiten über die Ausschreitungen der polnischen Truppen gegen die Juden bekannt. Entsetzlich haben sie in Ostgalizien gewütet. Am 18. August marschierten in die Stadt Stanislau Petljura-Banden ein, die jüdischen Geschäfte in der Sapiezniska- und Karpinskigogasse wurden geplündert, Frauen geschändet und gemordet. In der Nacht überfielen die Banditen die Familie Pollak in Tysmienica bei Stanislau, das angesehenste jüdische Haus dieses Städtchens, und metzelten die aus vier Personen bestehende Familie ln grausamster Weise nieder. Am 20. August richteten ukrainische Petljura-Banden in Wojnitow bei Kaluß ein Blutbad an: 10 Juden wurden ermordet und 45 .schwer verletzt Alle jüdischen Häuser wurden geplündert und die Gegenstände auf Militärautos fortgeschafft. Dasselbe geschah in Nahworna. Hier wurden sechs Juden ermordet und viele verletzt. Außer den Blutopfern sind Lausende Juden an den Bettelstab gebracht worden. In Horodenka, Wojnilow, Lysiec wurden von der wilden ostukrainischen Soldateska Juden ausgeplündert und hingemordert. Die Zahl der Opfer ist noch unbekannt. So beginnt in Ostgalizien, wo die Judenheit unter den zahlreichen Invasionen Unsägliches zu leiden hat, ritte neue Pogromwelle, diesmal veranstaltet von ' den unter polnischem Oberkommando stehenden Petljura-Truppen. Unerhörte Schandtaten werden aus Lazk und Glinenka gemeldet. Am 12. August befahl man den Juden, die Ortschaft zu .verlassen. Pena Upfel, ihr Gatte Chiel, sodann die Juden Karpmann und Lotmann begaben sich nach Gltnianka, wo sie bet dem Juden Meiermann Unterkunft fanden. Zu ihnen gesellte sich die Familie Gold färb und jüdische Flüchtlinge aus Otwock. Nach dem Einmarsch der polnischen Truppen kamen in die Wohnung des Metermenn sechs Soldaten und einige Offiziere und befahlen den Männern, die Wohnung zu verlaffen und draußen für sich Gräber zu schaufeln. Außer den Genannten wurden noch mehrere Juden von polnischen Soldaten erschossen. Eines von diesen Opfern befreiten die polnischen Soldaten gegen eine Bestechung von 200 Mark. Die Offiziere waren Zeugen dieser Mordtaten. 4! <S * London, 5. Sept. Der „Daily Telegraph" verzeichnet eine Reihe polnischer Gewalttätigkeiten gegen die Juden in den von den polnischen Truppen wiederqenommenen Gebieten. Das Blatt fordert die Entsendung einer alliierten Kommission, um weitere Verfolgungen zu verhüten. Warschau, 4. Sept. Das „Zentralkomitee der polnischen sozialistischen Partei" hat sich aus einer Spezialsitzuug mit den durch die Judenhetze der polnischen Presse hei vorgerufenen antisemitischen Ausbrüchen eingehend beschäftigt und über Gegenmaßnahmen beraten. k!n Tagesbefehl 9es polnifchen ösneralfisbscfoefs. Warschau, 10. September. Generalsstabchef General Rozwadowski erließ einen Tagesbefehl au die Armer betreffend die Haltung der Soldaten gegenüber der jüdischen Bevölkerung. Der Generalstabsches stellt fest, daß die Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung während der Lolschewlkischen Invasion eine loyale, ja sogar patriotische Haltung eingenommen habe. Er verurteilt alle Exzesse und kündigt eine strenge Untersuchung der Vorfälle ir Wyßkow und Sokolow an. (Der Tagesbefehl kam leider einige Wochen zu spät. Red.) Ungarn. Die Juben aus 9sn ungarischen Mittelschulen auLgeschlussen. Budapest, 8. September. Nach der Hetzjagd gegen die jüdischen Hochschüler kommt nun programmgemäß die Verdrängung der Juden aus den Mittelschulen. Minister für Kultus und Unterricht Stephan Haller erließ vor kurzem eine Verordnung, wonach die Aufnahme in eine ungarische Mittelschule — die bisher nach Absolvierung einer vierklassigen Volksschule automatisch erfolgen konnte — von nun an an eine Aufnahmeprüfung gebunden sei. Diese Woche haben denn auch die Aufnahmeprüfungen für die Gymnasien und Realschulen stattgefunden, und zwar mit dem Ergebnis, daß 90 Prozent der in Budapest sich meldenden jüdis chen Schüler und Schülerinnen zurückgewiesen und aus solche Weise aus der Mittelschule ausgeschlossen würden. GnSlrrnd. Der Man96rllurm. London, 10. September. Die zionistische Organisation läßt in den Blätter einen dringenden Hilferuf zur Leistung von Synagogenspenden an den hohen Feiertagen zu Gunsten der in Palästina ankommenden Chaluzim ergehen. Telegramme vom 8., 22. und 31. August aus Jerusalem melden die Ankunft von mehreren tausend Juden, für die keine Vorsorge getroffen ist, so daß, wie es in dem letzten Telegramm heißt, eine „Katastrophe droht". Die Hemmung der Einwanderung aber wäre in diesem Augenblicke unheilvoll (would prove disastrous). Natästincr. Inöuffrie in Paläftina- Jerusalem, 10. September. Die von Herrn Slutzkin vor dem Kriege in der Nähe von Givath Saul bei Jerusalem gegründete Werkstätte für schweizerische Stickereien, soll jetzt, nachdem sie währenddes Krieges geschlossen war, wieder eröffnet werden. Slutzkin hat mit den neu eingewanderren Branchefachleuten und Arbeitern Besprechungen in dieser Angelegenheit gehabt, und hofft, innerhalb zweier Monaten die Maschinen reparieren und wieder Herstellen zu können. Das Unternehmen.wird zumindest 10 Familien Arbeitsmöglichkeiten verschaffen. Die Neueinwandernden berichten, daß in Polen Handwerker mit 120 solchen Maschinen sich vorbereiten, nach Palästina zu übersiedeln. Erwähntes Unternehmen ist von um so größerer Wichtigkeit, als es als Musterexperiment für weitere ähnliche Unternehmungen dienen wird. Nach Ansicht von Fachleuten sind die Absatzmöglichkeiten günstig. * : > ij'wi Die Rabbiner bei Herbert Samuel. Jerusalem, 20. August. Dieser Tage war eine Rabbiner-Delegation der heiligen Stadt bei Herbert Samuel in Sachen der jüdischen Soldaten vorstellig. Besonders wünschten die Rabbiner, daß die jüdischen Soldaten im englischen Besatzungsheere am Sabbat vom Dienste befreit werden. Samuel versprach, dem Wunsche nachzukommen und Sorge zu tragen, daß die militärischen Hebungen auf Wochentage verlegt werden. Der Senior der jüdischen Bevölkerung, Rabbi Chaim Michael Halevi, ist dieser Tage in Jerusalem im Alter von über hundert Jahren gestorben. Vor genau 100 Jahren ist er mit seinen Eltern, einer vornehmen jüdischen Familie in Rußland, in Jerusalem eingezogeu und blieb seitdem ein volles Jahrhundert ununterbrochen in der heiligen Stadt ansässig. Personalien. Berlin, 8. Sept. Verlagsbttchhändler und Herausgeber des „Berliner Tageblatt", Rudolf Masse, ist heute gestorben. Mir Rudolf Moste ist eine der markantesten Persönlichkeiten der deutschen Zeitungswelt dahingegaugen. Man kann in ihm den Begründer des modernen Reklamewesens sehen und er hat viel zur Ausdehnung des deutschen Exports und damit zur Hebung der deutschen Industrie beigetragen. Das „Berliner Tageblatt" hat er aus anfänglicher Unbedeutenheit zu einem über die lokale Bedeutung herausrngenden Organ emporgehoben. In der Berliner jüdischen Gemeinde nahrn der Verstorbene zahlreiche Ehrenstellen ein. Seine Anschauung auf jüdischem Gebiet vertrat die in seinem Verlag erscheinende, zuletzt von Pros. Dr. Ludwig Geiger redigierte „Allgemeine Zeitung des Judentums", deren assimilitorksche Richtung genugsam bekannt ist. Posen, 6. Sept. In diesen Tagen starb hier die verwitwete Frau Minna Scherl, gcb. Brandt. Die Dahtngeschiedene hat bis zu ihrem Greiseualrer sich als eine wahrhaft jüdisch-religiöse Frau in allem bewährt. Solange ihre Kräfte es zuließen, leistete sie viel Gutes auf jeglichem Gebiete der Wohltätigkeit. Herr Rabbiner Dr. Silberberg, in Vertretung des Herrn Gemeinderabbiners Dr. Freimann, würdigte die Verdienste der Verstorbenen in einer zu Herzen gehenden Trauerrede. Die Beteiligung an der Beerdigungsfeier war eine zahlreiche. heo Dr. Goidschmidtn&o. Taunus-Sanatorium Bad Moxabarg v. d. H. für Nervosa, Innerlich Kranke, Erholungsbedürftige.