Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 37 (16.9.1920)
- Date
- 1920-09-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette S fit. 37 Der Israelit. 10. September 1930 Diesem Umstande ist es hauptsächlich zuzuschreiben, daß während der Prozentsatz der Juden in Sowjet-Rußland 3—4% ausmacht, sie unter den Beamten der Sowjet-Regierung 22—23°/» bilden. Aber das erklärt sich auch durch die oben erwähnte Tatsache, daß 94°/0 der Gesamtbevölkerung Rußlands dem Bauernstände gehörten, welcher noch meist in seiner früheren Stellung geblieben und von den Umgestaltungen des Bolschewismus noch wenig berührt worden ist, ganz davon abgesehen, daß diese so zahlreiche Bevölkerrmgsklaffe mit sehr geringen Ausnahmen aus Analphabeten besteht, die zum Staatsdienste nicht zu verwenden sind. Es wäre daher wett gefehlt, wenn man, wie es von antisemitischer Seite geschieht, glauben wollte, daß die Zentralgewalt dec bolschewistischen Regierung vorzüglich irr jüdischen Händen läge. Das ist durchaus nicht der Fall. Die höchsten Würdenträger, Lenin und Kaltnin, sind Stockrussen. Die Kommissariate der Zentralgewo.lt in den innern wie in den äußern Angelegenheiten, in der Volksaufklärung, den Finanzen, dem Post- und Telegraphenwesen, sind nicht in Händen der Juden. An der Spitze der allgewaltigen und überausgefürchteten „Höchsten außerordentlichen Kommission", der sogen. „Herezwizaika", stehen der Pole Dzierzynski und die Letten Pete rs und Lacis. Der Vorsitzende des Sowjets der Komissare der Ukraine ist der Bulgare Rakowsky. Es würde zu wett führen, wollte ich alle Nichtjuden in den hervorragendsten Siellungen aufzählen. Viel leichter ist es jedenfalls auf die wenigen Juden hinzuweisen, welche als alte Revolutionäre sich früher schon hervorgetan haben, denen daher gegenwärtig höhere Aemter anvertraut sind, nämlich: Trotzky, Sinowien, Kamenew, Jaffe, K. Radek, Litwinow, Lar,in und vielleicht noch einige wenige, deren Namen mir entfallen sind. Es ist mithin eine grobe, böswillige Lüge, wenn so häufig kolportiert wird, die ganze Macht der Bolschewisten- Regierung läge in Händen der Juden. Die Macht liegt im Sowjetstaat überhaupt nicht in den Händen der einzelnen, mächtigen Persönlichkeiten, sondern in den aus zahlreichen Mitgliedern bestehenden Sowjeten (Räten), wo Juden faktisch eine winzige Minorität bilden. Soweit zur Widerlegung der niederträchtigen Verleumdung, als ob Juden und Bolschewisten sich decken. (Fortsetzung folgt.) Wochenrundschau. vor dem Wandersturm In der bet L. Sängers Frankfurt a. M. jetzt in zweiter Auflage erschienenen Schrift „Vor C.B-«,- w/w/A ffnfee Gleichnisse für die hohen f Feiertage. Bon Dr. Felix Kanter in Zwittarr (Mähren).; ' II. .•;> ' - - Lin Feldherr, der bet seinem König in hohem Ansehen, stand und dessen Vertrauen er genoß, wurde einst wegen eines großen Vergehens gegen seinen königlichen Herrn und Gebieter angeklagt. In seiner Angst und in voller Erkenntnis der Größe seiner Schuld wandte er sich an einen berühmten Verteidiger, der ihm am Tage des Gerichtes ratend und helfend beistehen sollte. Dieser erteilte ihm folgenden Rat: Gleich bei Beginn der Gerichtsverhandlung soll er um Gnade und Erbarmung bitten. Gleichzeitig aber soll er es rächt unterlassen, seine Kinder, namentlich die kleinsten und jüngsten, in den GerlchtSsaal mitzubrtngen und die Richter, um sie milde zu stimme», auf fie, die Kinderschar, hinzuwetsen. Dieser Rai war auch vom besten Erfolge gekrönt. Die Richter, obgleich von s dem Wandersturm" von Dr. Nathan Birnbaum heißt es zum Schluffe: „Nun sollte es doch endlich einmal aus sein mit diesem traurigen Berstecktspiel vor dem eigenen Gewissen, mit diesem Justament-Standpunkt der Partei, der Doktrin und der Bequemlichkeit auf Kosten des unglücklichen Volkes. Und vielleicht kann das Bewußtsein gemeinsamer'Schuld die verschiedenen Lager in und zu dem einen Werke, das nötig ist, einen helfen. Keine Partei, keine Gruppe, keine Notabeln-Körperschuft darf das Werk für sich monopolisieren. Auf einer Konferenz zur Besprechung der Emigrationsfrage und aus jüdischen Menschen aller Richtungen müßte ein Volks amt geschaffen werden, das die Sache des auswandernden Volkes vor den Regierungen vertritt, das ihr Widerstreben gegen die ostjüdische Einwanderung widerlegt, ihr Vertrauen weckt und alle jene Tätigkeiten entfaltet, die zusammen die Regulierung der Emigration ausmachen. Aber bald, .sehr bald muß es geschehen. Denn der Sturm naht! Im nächsten Augenblick schon kann er losbrechen und wehe uns, wenn wir bis dahin unseren unglücklichen Brüdern keine Rettungswege gebahnt, un ere Glaubens- und Volksgemeinschaft nicht vor schwerster Erschütterung bewahrt haben." Der Sturm ist inzwischen losgebrochen. Die im Korrespondcnzenteil der letzten Nummern enthaltenen Schreckenskunden aus Polen, Galtten, Ukraine und Südrußland rücken die Birrraumschen Mahnungen in ein Stadium der Aktualität, das weiteren Aufschub nicht gestattet, wenn wir überhaupt noch ehrlichen Willens sind, unseren unglücklichen Brüdern Rettungswege zu bahnen und unsere Gemeinschaft vor weiteren schweren Erschütterungen zu bewahren. Amerikanische Gelder. Es ist bedrückend, daß zu einer Zeit, da das polnische Judentum eine Krisis erlebt, wie sie kaum je ein Bevölkerungstetl in irgend einem Lande zu irgend einer Zeit erlitten hat, auch noch von einem inneren Druck, ausgeübt von Juden gegen Juden, andauernd gemeldet werden muß. Die traurige wirtschaftliche Lage, besonders der Rabbiner und Thoragelehrten in Polen, veranlaßte den „Gerrer Rebbe" sich mit einem Hilferuf an Amerika zu wenden, der seine Wirkung nicht verfehlte. Am 7. März d. I. erhielt der genannte Rabbi eine Depesche vom „Central' Relief Comittee“ in New Kork, daß in Berücksichtigung seines Wunsches 160000 Dollar für die notleidenden Rabbiner und Thoragelehrten in Warschau angewiesen seien und daß er, der „Gerrer Rebbe", sich an die Spitze der Berteilungskommission stellen möchte. Seitdem sind sieben Monate in die Lande gegangen, in denen die Not infolge der Teuerung und der neuen politischen Lage ins Unermeßliche gestiegen ist. Die Rabbiner haben aber bis dahin von den ihnen zugedachten amerikantschenUnterstützungsgeldern ke in enPfenntg erhalten. Wer ist Schuld an dieser skandalösen Verzögerung? Der „Gerrer Robbet läßt im „Jud" erklären, daß er, obwohl von Amerika aus an die Spitze deri Verteitungskommission gestellt, weder das Geld erhalten noch sonstwas von der-Sache gehört hat. Das Geld ist aber da und liegt in „guten zionistischen Händen", so guten, daß sich die Rabbiner wohl noch eine Zeitlang werdengedulden — und hungern — müssen. ^jDen „Gerrer Rebbe" hielt man offenbar für befangen und voreingenommen in Sachen von Rabbinern und Talmide Chachomim und man schaltete ihn trotz der amerikanischen ausdrücklichen Anordnung, bei der Kommiteebildung von vornherein aus. Die anderen Herren^laffen sich aber Zeit. Der Brodkorb läßt sich übrigens — umso besser, wenn man ihn nicht aus eigener Lasche füllen muß —auch als politisches Erziehungsmittel auf mancherlei Art gut verwenden . . . Also sollen die Hungerleider warten! ... Es ist ein wahres Glück für die polnische Orthodoxie, daß sie im Warschauer „Jud" etnOrgan hat, das sich in solchen Fällen aufs Lärmschlagen mehr und besser versteht, als den Herren auf der Gegenseite lteb ist. Ein direkter Erfolg seiner Veröffentlichungen ist es, wenn nun bas Komitee so weit nachgegeben hat, daß sich die Rabbiner wenigstens mit ihrem.Bittgesuch nicht mehr vor ihnen wenig wohlwollenden Kreisen zu demütigen haben, sondern dieses an einen Mann ihres Vertrauens, den Rabbiner Salomo Dawtd Kahana, richten können und bei ihm die Auszahlung der Unterstützung beantragen. Ob damit die unerquickliche Angelegenheit ihren Abschluß findet, wissen wir nicht. Nötig wird es aber auf alle Fälle sein, aus dem Wege der amerikanischen Presse den Wohltätern drüben ans Herz zu legen, fortan bei der Adressierung ihrer so brüderlich gedachten Gaben vorsichtiger zu sein. Gin offenes Wort an den Risrachi*). nriK .Tu* dV>2 ltttön d'w 22^2 “pin nw? . . . . UrN'lv 122 Neues Jahr beginnt und mit ihm ein neues Hoffen auf Erfüllung alter, uralter Hoffnung, daß die Menschhettsagudoh, von uns schon längst *) Der nachfolgende Aufsatz geht uns von einem in Deutschland wirkenden ostjüoischen Rabbiner zu. der Schuld des Angeklagten überzeugt, wurden aber beim Anblick der jungen, zarten Kinder von Mitleid ergriffen und machten von dem Rechte der Begnadigung Gebrauch uud sprachen den Angeklagten frei. — Kurze Zeit darauf verging er sich abermals gegen seinen König. Diesmal, davon war er überzeugt, war eine viel größere und härtere Strafe zu gewärtigen für ihn. In seiner Not und Verzweiflung wandte er sich abermals an seinen Verteidiger, der ihm aber diesmal folgenden Rat erteilte: „Gleich nach Verlesung der Anklage, bevor noch der öffentliche Ankläger Zeit findet, das Wort zu ergreifen, reiße deine Kleider vom Leibe und zeige hin auf die Wunden, die du in den verschiedenen Schlachten und auf den verschiedenen Schlachtfeldern für deinen König erlitten hast. Zeige hin auf die Brandwunden, die von den feindlichen Geschossen herrühren, zeige hin auf die Glieder, die dir gebrochen wurden, auf die Wunden, die teils vernarbt find und teilnoch frisch bluten." Der Angeklagte befolgte auch diesen Rat und erzielte -atnit, was er wollte und was er sich wünschte, einen vollständigen Freispruch. Als er aber bald daraus sich abermals gegen seinen König verging und deshalb unter Anklage neuerdings gestellt wurde, meinte 8er Verteidiger: „Jetzt weiß ich keinen anderen Rat für, dich, als an die Gnade und Barmherzigkeit des Königs zu appellieren, seine Güte und Großmut anzurufen. Ein Fußsall vor dem König — dies allein kann dich retten und dir helfen." In unserem Wjö Gebete bitten wir um Gnade und Barmherzigkeit. „Erhöre unsere Stimme und erbarme dich unser." Nimm an in Barmherzig kelt und mit Wohlgefallen unsere Gebete . ." Oeffi die Pforten des Himmels unserem Gebete usw. tun es unter- Hinweis und Berufung auf unMe jungen, zarten Kinder, Dem i:VViy yJw Vien. Md abermals treten wir vor Gottes erhabenen Richterthron hin und — weisen auf unsere Wunden hin, die uns geschlagen wurden nur deshalb, weil wir „Gotteskämpfer" waren. . . . c>'ni2v a»ann jvob na>v . . . v'v2i #40 spvV. „Tue es um derentwillen, die da erschlagen, ermordet, verbrannt oder ertränkt wurden, um deinen Namen zu heiligen." O, wir können mit Schmerz, aber auch mit Stolz auf Wunden Hinweisen, die uns wie keinem anderen Volke geschlagen wurden und — leider noch geschlagen werden, auf die Wunden, die uns geschlagen wurden, weil wir unser Glaubenspanier allzeit rein und hoch hielten, weil wir unsere Treue nicht brechen, unserem Gott und unserem Glauben nicht untreu werden wollten. Und sollte auch dies ohne Ausdruck und Wirkung bleiben, dann rufen wir, o Herr, deine Gnade und Barmherzigkeit an. D’3*n -j'vni }j?oV . . . ‘pyö?. „%m es deinetwegen, tue es um deiner großen Barmherzigkeit willen. Erweise uns Gnade und Barmherzigkeit und 41ehr uns helfend bei". ‘ it mTiru- Ae'llo. Von Karl Dar m st ä dter (Ladonburg). UZitternd schwingen bläuliche Schatten. f Siehe, schon legt sich unhörbares Dämmern Auf die Ruhe ver weißen Gewänder. Leises Pochen der Nacht an den Toren Jlustert. Es neigt sich in 'Ehrfurcht der Tag, -)enn er den Schlag mildrauschender Flüaeh ÖtAa hüv. SfritriYf hAvnttttmf